Diskriminierung im Zeitalter von #MeToo, Catcalling, Manspreading, Sexismus – nur wenige Themen finden gegenwärtig ein solches Maß an Aufmerksamkeit wie diese, wohl auch deswegen, weil vieles im Umbruch ist.
Speziell die westlichen Gesellschaften, aber auch ein großer Teil der nicht-westlichen Weltbevölkerung, befindet sich in einer Art Suchbewegung, stellt Althergebrachtes in Frage, ohne genau zu wissen, was an seine Stelle treten soll. Konfrontationen und Verunsicherungen sind die Folge.
Dieses Buch diskutiert ethische und philosophische Aspekte der Geschlechterbeziehungen. Es plädiert für einen Erotischen Humanismus, für ein humanes und kooperatives Verhältnis der Geschlechter und eine entspannte Erotik, für gleichen Respekt und gleiche Anerkennung, für das Recht auf Privatheit und Differenz, damit alle Menschen – unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer Lebensform – Autorinnen und Autoren ihres Lebens sein können.
Es ist ein bewährter Trick, wenn man nicht wirklich etwas zu einem Thema zu sagen hat, das mit einem zur abzumildern. Zur Philosophie der Geschlechterbeziehung heißt es darum im Untertitel. Man will ja nicht so anmaßend sein, wirklich eine Philosophie der G. vorzulegen, was immer das sein mag. Aber wenn schon Anekdoten und Belanglosigkeiten (und ein paar interessanten Statistiken) rund um die Geschlechterbeziehung, dann wenigstens mit einem Label: Erotischer Humanismus!
Dankenswerterweise endet jedes Kapitel mit einer pamphlethaften Zusammenfassung.
Der EH versucht, soweit es geht Rücksicht auf Sensibilitäten zu nehmen....
Der EH strebt nicht nach einer Gleichverteilung zwischen den Geschlechtern.
Der EH steht für eine Humanisierung der Arbeitswelt.
Der EH steht für Gedankenfreiheit und Selbstbestimmung.
Usw. Das ist alles sehr schön und gut. Im Großen und Ganzen ein Plädoyer für den Gesunden Menschenverstand. Gibt es Ungleichheit? Natürlich. Sind Männer in den Wissenschaften und der Wirtschaft überrepräsentiert? Natürlich, aber vielleicht haben Frauen keine Lust so viel durch die Gegend zu fliegen. Vielleicht ist es ein Faktum, dass, wenn Männer den Großteil der dummen Menschen stellen, sie bei den schlauen auch die Mehrheit haben?
Ich frage mich nur, an wen sich das richtet. Keine radikale Feministin, kein Transgenderist wird nach der Lektüre gelassener sein. Kein begeisterter CancelCulterer wird davon Abstand nehmen, Menschen die Lebensgrundlage zu nehmen, wenn diese Ansichten vertreten, die ungut zu finden, man sich anmaßt.
Alles wird sehr oberflächlich behandelt. Bei 15 Seiten pro Kapitel ist ein Tiefgang auch schlichtweg nicht möglich. Beim Lesen bekommt man zunehmend den Eindruck, die Autoren hätten nichts zu sagen. Ein kurzer Essay zum Thema hätte vermutlich vollkommen gereicht. Ein paar Einleitungen und fun facts sind allerdings durchaus interessant. Deswegen das Buch zu lesen, lohnt sich allerdings nicht.
Von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel habe ich mich mehr geärgert. Alles hat hier mit allem zu tun. Es wird kein Gedanke umfassend weitergesponnen oder keine Feststellung in einen Kontext eingeordnet, der Autor und die Autorin bleiben an allen Stellen oberflächlich. Meiner Meinung ist das gesamte Buch durchsetzt von unlogischen Schlussfolgerungen, es wirkt fast so, als wollte man mit den eigenen Thesen bewusst vor den Kopf stoßen, anstatt zu argumentieren und überzeugen. Viele Behauptungen sind durchzogen von Sexismus und werfen bei mir die Frage auf, ob man sich mit den Basisforderungen des (intersektionalen) Feminismus jemals auseinandergesetzt hat. Nicht einmal ansatzweise ist das eine gedankliche Leistung, die dem Jahr 2023 oder zwei klugen Köpfen angemessen scheint.