Romantiker sind Menschen, die an eine höchste Wahrheit und ein Lebensziel glauben, beides aber noch nicht gefunden haben. Deshalb bleiben sie in Bewegung. So hat es Novalis formuliert: "Wir suchen überall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge." Aus dieser zentralen Idee wird die Romantik erklärt: als Epoche, die um 1800 beginnt und deren Impulse bis in die Gegenwart fortwirken; als Bewegung, die in der Literatur stattfindet, aber auch andere Künste und die Lebenspraxis ergreift; mit einem Schwerpunkt in der deutschen, aber Seitenblicken in die englische und amerikanische Kultur. Am Beginn dieser Einführung stehen Wohngemeinschaften in Berlin, Jena und Heidelberg, nach der Erklärung ihrer zündenden Idee folgen Kapitel zum „Romantisieren“ des eigenen Lebens, zu romantischen Bildern und zur Ironie, sodann geht es um politische Romantik, um Liebe und zuletzt auch um die Schattenseiten der Romantik, um Ziellosigkeit und Depression.
Eine sehr zugängliche, effiziente und erfrischend nicht-akademisch geschriebene Einführung zur Romantik in Literatur und bildender Kunst, zu ihren Kernthemen, Kontroversen und wichtigsten Akteuren. Von Petersdorff erfindet damit zwar nicht das Rad neu und erhebt keine bahnbrechenden analytischen oder komparativen Ansprüche, aber seine persönliche Faszination mit dem Thema ist klar spürbar, weshalb dieses Buch vor allem darin erfolgreich hat, den Leser von der nachhaltigen Relevanz romantischen Gedankenguts zu überzeugen. Selbst wenn man selbst nie Brentano oder Hoffmann gelesen hat, selbst wenn man sich wenig für die Kompositionstechniken zweihundertjähriger Landschaftsbilder interessiert und Ausdrücke wie „Transzendentalpoesie“ lieber nur mit langen Stöcken anfasst, so ist man doch zwangsläufig, tagtäglich und auf zutiefst einflussreiche Weise mit von den deutschen Romantikern in Berlin, Jena und Heidelberg entworfenen Ideen von Liebe als Lebensziel, von Nonkonformismus, den Ausdrucksformen jugendlichen Gefühlsüberschwangs und den dunkleren Spielarten von Halluzination, Depression und Wahnsinn konfrontiert. Überall, von modernen Hollywoodfilmen über die Tagebucheinträge von Teenagern, von Rockmusik über Dating-Apps bis hin zur Verherrlichung autoritärer Regimes und dem gleichzeitigen Widerstand gegen diese klingen die Kernideen und -motive der Romantik an, und dieses Büchlein ist hervorragend dazu geeignet, einem das vor Augen zu führen. In akademischer Hinsicht ließen sich gewisse Fragezeichen setzen: Von Petersdorffs Geschichte der Romantik ist oft eher episodisch als empirisch; er setzt auf einschlägige Zitate und intuitive Gegenwartsvergleiche, gibt sich dabei aber immer mal wieder damit zufrieden, Pauschalaussagen zur englischen Romantik aufgrund eines einzigen Gedichtbeispiels zu treffen oder die moderne Musik mit Verweisen auf Bob Dylan und eine obskure deutsche Punkband zusammenzufassen. Das ist in diesem Kontext durchaus akzeptabel, zumal Von Petersdorff, seines Zeichens Professor für Germanistik, definitiv mehr als ein englisches Romantikgedicht kennt, sich Jahrzehntelang mit den kulturhistorischen Hintergründen auseinandergesetzt hat, und das nötige differenzierte Wissen deshalb zweifellos besitzt und hier eher im Sinne der Überschaubarkeit darauf verzichtet hat, dieselbe Differenziertheit wiederzugeben. Dementsprechend: teils ein bisschen zu salopp oder erratisch, dafür aber äußerst leserlich, bildhaft und dazu noch richtig schön aufgemacht. Wer nach einer kurzen, aber doch schon facettenreichen Einführung zur (deutschen) Romantik sucht, macht mit diesem Buch auf jeden Fall nichts falsch.