Was ist das Geheimnis des guten Stils, wie wird aus Sprache Literatur? Dieser Frage geht Michael Maar in seinem Haupt- und Lebenswerk nach, für das er vierzig Jahre lang gelesen hat. Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Wie müssen die Elementarteilchen zusammenspielen für den perfekten Prosasatz? Maar zeigt, wer Dialoge kann und wer nicht, warum Hölderlin über- und Rahel Varnhagen unterschätzt wird, warum ohne die österreichischen Juden ein Kontinent des Stils wegbräche, warum Kafka ein Alien ist und warum nur Heimito von Doderer an Thomas Mann heranreicht. In fünfzig Porträts, von Goethe bis Gernhardt, von Kleist bis Kronauer, entfaltet er en passant eine Geschichte der deutschen Literatur.
Michael Maar is a literary scholar and Germanist, the son of children's author Paul Maar. A member of the German Academy, he is the author of a dozen books, of which The Two Lolitas; Speak, Nabokov; and Bluebeard’s Chamber: Guilt and Confession in Thomas Mann have been translated into English.
Für ein Literatur-Fan wie mich war es sehr unterhaltsam dieses Buch zu lesen. Es ist ein sehr umfangreiches Buch über die Tricks und Geheimnisse der großen Literatur und es geht dabei mit großer Liebe in die Details von großen Erzählungen und Geschichten. Auch wenn das Buch umfangreich ist, fand ich es nicht langweilig und der Erzählstil war für ein Sachbuch sehr locker und mit Witz gefüllt. Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, aber ich könnte mir auch vorstellen, dass Leute mit sehr guten Literaturkenntnissen sich hier etwas langweilen könnten, da es sich mehr wie eine große Sammlung von Analysen angefühlt hat, die nach und nach abgezählt wurden. Trotzdem würde ich es allen empfehlen, die große Freude beim Lesen von Literatur empfinden, da man einiges lernen kann.
** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
Ich will dem Buch zugute halten, dass es Literaturinteressierten, die - aus welchen Gründen auch immer - keine germanistische Literaturwissenschaft à la "Neuere deutsche Literatur" studiert haben, einen Kanon bietet, nach dem sie ein bisschen bürgerliches Bildungsgut systematisch erlesen können. Wer's braucht... Allerdings handelt es sich dabei wirklich um "gesunkenes" oder "sinkendes" bürgerliches (!) Bildungsgut, da der übergroße Anteil der besprochenen "Muster- Literatur" irgendwie auf den Höhepunkt Thomas Mann zuläuft und dann im Dunstkreis um Arno Schmidt als Gegenentwurf (?) aufhört. Nicht einmal Daniel Kehlmann, der wohl an der Entstehung des Buches beteiligt war, wird wirklich stilistisch gewürdigt. Überhaupt geht es eigentlich nur am Anfang ein bisschen um Adjektive oder Verben, lange Satzformen und andere Dinge, an denen man einen "Personalstil" erkennen oder analysieren könnte. Zunehmend verliert sich das Buch einfach in Besprechungen bestimmter Autoren, wobei besonders im letzten Teil "Pikantes" bald mehr zitiert als darüber gesprochen wird. Im Ganzen habe ich das Buch nicht gebraucht, obwohl es Gelegenheit gibt, sich an den einen oder anderen Text zu erinnern, der einem sonst schon aus dem Sinn gekommen war. Andere können das als Anregung empfinden, aber - wie gesagt - die Auswahl der Texte ist subjektiv und wird dem Anspruch beispielsweise einer Orientierung in der zeitgenössischen Literatur nicht gerecht. Positiv wäre zu sagen, dass ich nicht über "Fehler" oder gar Fehlinterpretationen reden muss. Allenfalls der "Schimmelreiter" ist doch arg einseitig gedeutet. Negativ wäre anzumerken, dass es mich am Schluss gelangweilt hat und dass ich annehme, dass die geneigten Leser/innen auch eher dort folgen, wo ihnen Bekanntes präsentiert wird, als dass sie mit Gewinn von Autor/innen lesen, die sie nicht kennen. Als Leseempfehlung kamen die Text jedenfalls (für mich) nicht rüber. Was tun? Ganz subjektiv halte ich Maars Buch für vollständig überflüssig; mit Blick auf Bildungsinteressierte mag ich ihm die eine oder andere Anregung nicht absprechen. Auf jeden Fall kann man mitlesen, wie ein Literaturbegeisterter über literarische Stil und einzelne Werke denkt und spricht. Leider ganz ohne gesellschaftlichen Kontext oder die Berücksichtigung von Entwicklungen im Feld der Literatur; nicht einmal innerliterarische Beziehungen spielen wirklich eine Rolle. Das Ganze wird also präsentiert als "Literatur ganz rein für sich" (etwa Stand der Literaturwissenschaft in den 50er Jahren). Mithin eigentlich doch nicht empfehlenswert. Das sollte lesen, wer Opas Bücherschrank in seinem Zustandekommen besser verstehen will.
3,5* Der Untertitel „Das Geheimnis guter Literatur“ weckte einige Erwartungen in mir. Lassen sich Regeln aufstellen? Gibt es womöglich allgemeingültige Rezepte?
Nein, diese Erwartungen werden nicht erfüllt. Das Geheimnis ist nach Maar der Stil, nur um diesen geht es im Buch, Inhalte werden anscheinend überschätzt. In den ersten Kapiteln bemüht sich der Autor, Merkmale guten Stils zu erläutern. Als Laie interessierte mich dieser Abschnitt sehr, viele Beispiele waren amüsant zu lesen und hatten mitunter Aha-Effekte. Aber schon hier hatte ich das Gefühl, dass alles auch ganz anders betrachtet werden könnte, dass Maars subjektive Sicht eine allzu konservative ist. In den weiteren Kapiteln werden Beispiele guten Stils von ca. 50 Autorinnen und Autoren gebracht und erläutert. Maar gibt schon zu Beginn seine eigenen Präferenzen zu verstehen, seine sehr persönliche Auswahl. So kann man dann heute kaum beachtete Schriftsteller*innen und Dichter*innen entdecken, die wunderbare Verben oder Alliterationen gefunden haben, die Landschaft, Klang, Erotik oder Sex in außergewöhnliche Worte fassten. Ich kann nicht behaupten, mir hätten die Beispiele nicht gefallen, manche Wortschöpfungen waren einfach grandios. Trotzdem erschienen mir die Bücher, aus denen die Beispiele stammten, oft nicht lesenswert. Es hätte auch nicht unbedingt mehrerer Auszüge eines Autors bedurft, um den Stil zu erkennen. Er hatte sich manchmal bei zweiten Beispiel schon verbraucht, so bieder und altbacken erschien er mir. Dafür hätte ich gerne eine Betrachtung moderner Gestaltungsmittel, z. B. der Gewinner des Deutschen Buchpreises, gelesen. Kontroverse Diskussionen darüber, was Stil heute bedeutet, in welche Richtung er sich entwickelt, sucht man leider vergebens, Maar bleibt ausgesprochen konservativ.
Das Buch folgt für mich keiner wissenschaftlichen Betrachtungsweise, zwar gibt es viele Quellenangaben, aber alles bleibt auf einer sehr persönlichen Ebene, es wird nicht versucht, Allgemeingültiges aufzustellen. Maar möchte seinen Text dabei nicht wissenschaftlich nüchtern, sondern von gutem Stil präsentieren, dabei ahmt er den Stil des jeweiligen Beispiels nach, was ich nicht immer gelungen fand. Ist guter Stil auch, wenn man von sich in der Wir-Form spricht oder stehen Identitätsprobleme dahinter? Für mich hatten viele dieser Sätze etwas Überhebliches an sich. Solche Sätze wie: „Aber wir stehen hier und können nicht anders: Für Knefs Memoiren gäben wir die ganze Kassandra“ (Gemeint ist das Buch von Christa Wolf) sind mir schon durch die Verwendung des Lutherzitats in einem banalen Zusammenhang und erst recht durch die begründungslose Verurteilung Christa Wolfs sauer aufgestoßen.
Fazit: Unterhaltsames Buch, das mir bisher unbekannte Autor*innen näher brachte, das aber den Erwartungen nicht ganz gerecht wurde und das Geheimnis guter Literatur nur teilweise enthüllte.
Michael Maar, selbst ein großer Stilist, schreibt einen Sprach- und Stilverführer. Das ist kein Sachbuch sondern ein großes Lesevergnügenpanoptikum. Wer wie schreibt und warum das gut ist und warum Autoren unterschiedliche Textarten unterschiedlich gut können. Michael Maar zeigt das besonders Gelungene in Romanen, Erzählungen und sogar in der Lyrik. Das ist so ansteckend,so verführerisch, dass ich entweder gleich Wiederlesen will oder die mir unbekannten Bücher (auch Autoren) sofort auf die Leseliste kommen. Es zählt für mich zum Besten was ich über Literatur, Bücher, Schreiben und Lesen bis dato in die Hand bekommen habe. Ein großartiges Buch.
Man schlage dieses Buch an beliebiger Stelle auf und wird nicht nur augenblicklich reich belohnt, sondern wird sich auch nicht wieder losreißen können. Und das bei einem Sachbuch! Wie gelingt Maar der Spagat zwischen "unterhaltsam" und "lehrreich"? Die Antwort: Ein intellektuell anspruchsvoller und zugleich süffiger Ton, Humor & Sprachwitz und viel Sachkenntnis.
Auch Autoren sei dieses Buch dringend angeraten. Sie werden künftig achtsamer und stilsicherer schreiben.
Ich war an diesem Buch interessiert, aber schon etwas geschockt, als ich die Länge sah. Leider erwies sich auch der Inhalt als einerseits langweilig im Stil(!), andererseits eher für Germanist_innen geeignet, die mit all den genannten Autor_innen vertraut sind. Habe das Buch daher bei etwa 20% beendet.
Ich war an diesem Buch interessiert, aber schon etwas geschockt, als ich die Länge sah. Leider erwies sich auch der Inhalt als einerseits langweilig im Stil(!), andererseits eher für Germanist_innen geeignet, die mit all den genannten Autor_innen vertraut sind. Habe das Buch daher bei etwa 20% beendet.
Michael Maar, Germanist, Schriftsteller, Literaturkritiker, hat mich vor einigen Jahren mit seinem Buch "Heute bedeckt und kühl" über große Tagebücher restlos begeistert – und das ist ihm auch mit seinem neuen Kompendium über die Geheimnisse großer Literatur gelungen.
Doch was ist große Literatur? Gleich zu Beginn zitiert er den Stilpapst Ludwig Reiners:" Nur gut geschriebene Bücher werden älter als 50 Jahre". Ja, aber was heißt nun 'gut geschrieben'? Die dazu gehörigen Bücher sollten natürlich stilistisch und sprachlich herausragend sein, doch insbesondere bei Romanen spielt der Inhalt, der brillante Einfall, die große Fiktion eine ganz wesentliche Rolle. Bei der Definition "guter Stil" legt Michael Maar sich nicht wirklich fest, denn "hier gibt es keine Regeln ……Aber man muss es können." Wohl wahr.
Sein eigenes Buch jedenfalls ist mit viel Können, Wissen, Geist und Witz geschrieben und hilft mir bei der Überprüfung: was habe ich in letzter Zeit gelesen, taugt es, hat es Bestand?. Niemals verfällt Maar in wabernd-langweiliges Dozieren, alles ist gut, leicht verständlich und auf den Punkt gebracht für uns aufbereitet und lässt sich daher ganz wunderbar lesen. Es finden sich Kapitel zum Beispiel zu Stil (natürlich), Grammatik, Sprachgefühl, Einsatz von Parodie und Metaphern - und ähnlich wie bei Ludwig Reiners sind wir aufgefordert mitzutun: es gibt ein Literaturquiz, mit dem man Wissen, aber auch das eigene Stilgefühl überprüfen kann.
Eine umfangreiche Bibliothek hat uns der Autor zusammengestellt, da geht es von der Klassik zur Moderne. Und dann wähle man "ein Thema und verfolge, wie unsere Autoren es angehen". Dies soll nun, der Titel des Buches deutet es bereits an, zum Thema Erotik geschehen, Wie deutlich, versteckt, geschickt, plump wird damit von ganz unterschiedlichen Autoren wie zum Beispiel Kleist, Musil, Hesse, Brecht, Walser und vielen mehr umgegangen?
Man muss das Buch keineswegs in einem Rutsch durchlesen, man kann, ja soll das Buch immer wieder mal zur Hand nehmen, die besprochenen Romane dazu – falls noch nicht geschehen – nach und nach lesen, eine schöne Liste habe ich damit an die Hand bekommen. Lesen und Lernen mit Michael Maar macht Spaß und wird mich lange begleiten. Bleibend eben.
Ich liebe schon seit langem Bücher über Literatur, ab und an denke ich, ich liebe die Bücher über Bücher fast mehr als die Bücher selber, da ich es immer wieder spannend finde, was andere Menschen in Büchern entdecken, worauf sie achten, was sie finden und wie sie es dann übermitteln. Ein neues solches Buch ist Michael Maars „Die Schlange im Wolfspelz“. Es wurde verdient für den Deutschen Sachbuchpreis 2021 nominiert und hat ihn unverdient nicht gewonnen (wobei der Sieger, Jürgen Kaube mit „Hegels Welt“ durchaus verdient gewonnen hat).
Michal Maar geht in diesem Buch auf die ihm eigene Art wieder einmal ins Detail. Schon im Klappentext steht, dass in diesem Buch vierzig Lesejahre verarbeitet worden sind, was sich dann auch so zeigt: Eine Fülle an Literaturverweisen pflastern den Weg hin zur Antwort auf die Frage, was denn nun grosse Literatur ausmache, was man unter gutem Stil verstehe und wieso dieser relevant ist um aus Geschichten gute Literatur zu machen.
Was mir natürlich persönlich gefällt, ist, dass Michael Maar meine Sicht teilt, dass man Bücher nie von ihrem Autor und dessen Biographie trennen kann. Zu der Zeit, in welcher ich studierte, kam die Tendenz auf, gerade dies zu tun und ich habe es nie verstanden. Zwar denke ich durchaus, dass ein Text auch etwas über das bewusst hineingefügte enthalten kann, das ihm erst der Leser mit seiner Biographie und daraus resultierenden Lesart zufügt, und doch ist in meinen Augen - um es mit Goethe zu sagen - alles Schreiben autobiographisch. Das heisst nicht, dass jeder Roman eine Wiedergabe der Lebenseckdaten des Autors ist, aber er entsteht schlicht aus einem Menschen heraus und trägt diesen dann auch in sich.
Etwas bitter ist natürlich, dass der Lyrik nur ein Kürzestausflug gewidmet ist, aber auch dieser zeugt, wie der Rest des Buches, von viel Wissen, Belesenheit und Tiefgang. Es sei also verziehen. Es ist eine wahre Freude, mit Michael Maar auf der Suche nach dem guten Stil durch die Literatur zu streifen. Ich kann das Buch nur empfehlen!
Die Idee hinter Michael Maars “Die Schlange im Wolfspelz” hat mich sofort angesprochen. Er versucht in diesem fast 700 Seiten starken Buch zu ergründen, was guten literarischen Stil ausmacht. Dabei macht er relativ schnell klar: Ein schlechtes Buch lässt sich recht einfach bestimmen, doch herauszufinden, warum ein Buch gut ist, ist ungleich schwerer. Letztlich ist guter Stil immer vor allem eines: Geschmackssache.
Trotzdem macht sich Maar auf die Suche. Dabei arbeitet er sich logisch vor: Er schreibt über die Verwendung von Adjektiven (eher mehr oder eher weniger) und Verben (eher das naheliegende oder das abwegigere), ergründet parataktischen und hypotaktischen Stil und schreibt natürlich über die Metapher.
Den Hauptteil des Buches nimmt aber seine “Bibliothek” ein. In jedem Artikel stellt er einen Autor oder eine Autorin aus dem deutschsprachigen Raum vor und warum er ihn oder sie für stilistisch herausragend hält. Viele kennt man, manche sind wirkliche Fundstücke. In jedem Fall kann man diese Kurzvorstellungen als Fahrplan für spätere weiterführende Lektüren heranziehen. Ich habe jedenfalls viele neue Namen notiert, habe aber gleich wieder verworfen, weil mir die angefügten Zitate nicht zusagten. Geschmackssache eben.
Im dritten, recht kurz gehaltenen, Teil geht e dann um die stilsichere Beschreibung von Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Ein Themenfeld, das für Autoren ja viele Fallstricke bereithält.
Es empfiehlt sich eine dosierte Lektüre. Es macht kaum Sinn, dieses Buch in einem Rutsch zu lesen. Viel zielführender ist es, sich von Zeit zu Zeit ein Kapitel über einen bestimmten Autor vorzunehmen und wirken zu lassen.
Die Schlange im Wolfspelz von Michael Maar ist ein grandioses Sachbuch über verschiedene Aspekte der Literatur. Betrachtet wird klassische Literatur, aber manchmal auch moderne. Es ist ein aufregendes Werk, auch eins über das man sich manchmal aufregen kann. Nicht allen provokanten Thesen von Michael Maar stimme ich ohne weiteres zu. Aber viel ist wirklich originell und Michael Maar ist alles andere als dogmatisch. Michael Maar steigert sich ganz schön rein und zieht den Leser mit in einem Taumel literarischer Fragestellungen über Stil, Metaphern, Bildsprache, Dialoge
Es werden beeindruckend viele, überwiegend deutschsprachige Autoren behandelt: Fontane, Thomas Mann, Canetti, Hemingway, Franz Werfel, Goethe, Grimm, Hebel, Hölderlin, Valery, Heidegger, Heine, Stifter, Storm, Rudolf Borchardt, Anna Seghers, Robert Walser, Kafka, Leo Perutz, Thomas Bernhard, W,G,Sebald, Brigitte Kronauer, Herta Müller, Walter Kappacher, Wolfgang Herrndorf, Botho Strauß, Martin Mosebach, Clemens J.Setz, uva. Es gibt auch einen Ausflug in die Lyrik.
Ob Maar wirklich dem Geheimnis großer Literatur auf die Spur kommt, kann ich nicht sagen. Aber ich habe viel neues erfahren.
In diesem Buch unternimmt es der Autor, uns zu erklären, was Stil ist. Gleich zu Anfang erklärt er zu meiner Überraschung, dass Balzac zum Beispiel, kein Stilist war, so wenig wie Conrad. Oder Böll. Oder Grass. Und so beschränkt er sich darauf, die Autoren, denen er einen Stil zugesteht zu besprechen. So weit, so gut.
Mir gefällt, dass zwei meiner Lieblingsautoren, Neumann und Perutz sehr gut wegkommen, auch, dass der Mann durchaus nicht davor zurückschreckt, negative Meinungen auszudrücken. Er mag Hans Henny Jahnn nicht und Thomas Bernhardt und Wohlschläger. Dass Stefan Zweig verachtenswert ist, glaubt er als allgemein anerkannte Tatsache voraussetzen zu dürfen. Er überrascht vermutlich sich selbst mehr als den Leser mit dem Geständnis, dass er lieber Harry Potter als Finnegans Wake mit auf die einsame Insel nähme. Und er mag Hildegard Knef. (Er stellt sie, ungeheuerlich, über Christa Wolf.)
Die eine oder andere Besprechung fand ich witzig oder erhellend, z.B. die über Seghers Transit oder die Beschreibung von Goethes berühmtesten Gedicht von Humboldt via Kehlmann. Den einen oder anderen Fachbegriff habe ich gelernt und neugierig geworden bin ich außer auf Frau Knef zum Beispiel auf Ann Cotton.
Das Problem, das ich mit dem Buch habe, ist, dass der Verfassen leider sich selbst für einen begnadeteten Stilisten hält. Dabei ist er vor allem, was er dem einen oder anderen der Autoren vorwirft: manieriert.
Das beginnt damit, dass er im Pluralis Majestatis schreibt. Es sei denn, er spricht von sich in der dritten Person. Das hört sich dann so an: „Dies alles gesagt habend, muß der Verfasser bekennen, daß er den Menschen hinter der persona Hans Wollschläger geliebt hat und sehr vermißt.“
Selbstverständlich ignoriert Maar die („verstümperte” - S. 54) Rechtschreibreform, vermutlich um näher den Helden des Stils zu sein.
Ein äußerst uninspiriertes Kapitel über die Metapher („Ein Blitz schlägt ein, oder er schlägt nicht ein. Eine Metapher überzeugt sofort oder gar nicht.” - S. 107) fasst er so zusammen:
„Die Metapher ist das Überraschende, das Unerwartete, das aus dem Vorherigen nicht Ableitbare. Ihr Gegenteil ist die bloße Aufzählung.“
Das Gegenteil der Metapher ist die Aufzählung? Wirklich? So wie das Gegenteil von Primzahl die Addition ist? Oder das Gegenteil von Feierabend die Alkoholsucht?
In einem völlig willkürlichen Exkurs (es ging gerade um Hölderlin) kommt er auf Carl Schmitt zu sprechen (gut, der sei ein erklärter Feind der Romantik gewesen):
„Carl Schmitt beginnt die Schleimspur zu Hitler zu legen, die bald so dick ist, daß man selbst in Springerstiefeln darin ausglitte.“ (S. 204)
Stimmt die Metapher? Und selbst wenn, was soll das bedeuten? Begeben sich heutige Bewunderer Schmitts auf der Schleimspur zu Hitler? Schlägt der Blitz ein? – Eher nicht.
Noch viel besser dies:
„Die Prosa Wolfgang Hilbigs ist im Gegenteil tellurisch-vegetativ. Sie hat, um es im Bild zu sagen, etwas hochprozentig Dünstendes und Dampfendes, sie ist eher liquid als luzid, eher assoziativ als cartesianisch – eher Kröte als Kranich.“ (S. 382f.)
Das ist schön gesagt. Die Frage ist, steckt ein Iota Gehalt darin? Ich schlage folgenden Test vor: Hundert Leser sollen aufgrund dieser Beschreibung aus 20 beliebigen modernen literarischen Texten den von Hilbig bestimmen. Wenn mehr als fünf richtig raten, bin ich überzeugt.
Wie steht es hiermit?
„Doderer ist ein kakanischer Proust, überschäumend von schwarzem Witz. Ganz wie Proust – und anders als Mann – hat er ein meditatives Verhältnis zu Weißdorn, Flieder, Kastanie; anders als beide war er nicht nur in Filzpatschen im Salon unterwegs.“ (S. 364)
Und hier mein Lieblingssatz, ein Beispiel für deutsche Hochkomik:
„Der Stil der Marie von Ebner-Eschenbach, eine Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur nicht nur darum, weil sie im Jahr 1900 als erste Frau die Ehrendoktorwürde der Universität Wien erhält, sondern vor allem darum, weil sie als eine der wenigen das Wort »scheinbar« korrekt verwendet – dieser Stil zeichnet sich zunächst aus durch beständig leise mitvibrierende Ironie.” (S. 241)
Gleich hinterher:
„Nabakov sprach, auf Austen gemünzt, von »Grübchenstil«, und tatsächlich zeigt auch die Freifrau auf Gemälden solche leicht mokanten, verschmitzten und hochsympathischen Grübchen.“
Aber nicht nur sprachlich finde ich vieles sonderbar, ich verstehe auch die Struktur des Buches nicht. In einem Kapitel (im Lyrik-Teil) geht es um den Loriot-Test (man kennt sich ja auch mit den Niederungen der Kultur aus), in dem sich Loriot und Frau Hamann über Rilke unterhalten. Ja, sagt Maar, Rilke sei schon einzigartig gewesen. Und dann sagt er, dass Robert Neumann auch Rilke parodiert habe. Es folgt, nicht etwa die Rilke-Parodie, sondern eine Hoffmansthal-Parodie. Darauf eine Parodie von Robert Gernhardt. Ich fragte mich, wie schlägt er den Bogen zurück zu Loriot (oder wenigstens Rilke)? Antwort: Gar nicht. Es folgt ein neues Kapitel, in dem es um – Robert Gernhardt geht.
„Was will uns Kraus eigentlich sagen? Und ging es ihm wirklich um Sprache und Stil?“ (S. 211)
Guter Stil unterscheidet großer von niederer Literatur. Was aber ist guter Stil? Dieser Frage geht Michael Maar in diesem spannenden, unterhaltsamen und lehrreichen Buch nach. Manchmal gelingt es dem Autor, objektiv nachzuweisen, was ein gutes Werk auszeichnet. Und manchmal bleibt der Nachweis bloße Behauptung. Egal, unbedingt lesen und dem Autor zustimmen oder widersprechen.
Ich musste - zugegeben - ein paar Seiten überblatten und dennoch hat mir der Rest so gut gefallen - amüsant, lehrreich und spannend - eine Reise durch die Literatur mit „Stil“ :-)
Ich bin mit recht hohen Erwartungen an dieses vielgepriesene Buch gegangen, war dann aber im Ergebnis doch eher unterwältigt.
Michael Maar schreibt über den Stil, den er als Geheimnis großer Literatur ausmacht. Was ist guter Stil? Welche Kriterien gibt es, was machen große Autoren richtig und schlechte Autoren falsch? Als Antwort dient ihm letztlich ein Zettelkasten, aus dem er alles Möglicher herausklaubt. Er bietet unzählige Zitate und zeigt an ihnen, warum dieses oder jenes Stilmittel funktioniert. Wobei - ein Kniff kann bei Rilke grandios sein, bei einem anderen Autoren ist er es möglicherweise nicht. Denn am Ende wirken doch viele Elemente zusammen, um ein Werk zu einem großen Werk zu machen. Dostojewski, so wissen mitterweile alle, war kein großer Stilist, trotzdem sind seine Werke hoch bedeutsam.
Im zweiten Teil schreibt Maar sich dann am Bildungkanon entlang und betrachtet einzelne Schriftsteller und ihre Werke. Kennt man die Bücher bereits, sind seine Einlassungen wenig beeindruckend. Wiederholt liest man dann nach den Zitaten Ausrufe wie "das ist zum Niederknien". Naja.
Und Autoren, die man nicht kennt, kommt man so auch nicht wirklich viel näher, denn dazu sind die Abschnitte zu kurz.
Für mich war es also insgesamt kein besonderes Leseerlebnis. Die Lesezeit sollte ist wohl doch mit der Lektüre der Originalwerke besser investiert.
Eine wunderbare Anleitung zur Frage, was ist Stil, was ist gutes Deutsch. Michael Maar bringt zahllose Beispiele, die überzeugen. Besonders gelungen ist es, wenn er ein Stilwerkzeug selbst anwendet in seinen Erläuterungen und damit zeigt, dass es nicht so schwer sein muss, klar und ausdrucksstark zu schreiben.
Was mir weniger gefallen hat, ist die Konzentration auf zahlreiche Autor*innen der sogenannten Hochkultur. Will ich wirklich Arno Schmidt lesen oder Hölderlin? Ja , sie gehören zum Kanon. Mir hätte es gefallen, wenn Maar noch mehr Erfolgsautor*innen wie Hildegard Knef und Johannes Mario Simmel erwähnt hätte, von den aktuellsten nennt er vor allem Wolfgang Herrndorf.
Als Vielleserin, die dies vor allem nach der Arbeit und damit in einem eher ermatteten Zustand tut, hätte ich mich über Empfehlungen guter Gebrauchliteratur gefreut. Aber vielleicht schließt sich das ja tatsächlich aus, zumindest, wenn man wie Maar als Literaturhistoriker unterwegs ist.
Ein Bad in Weisheit! 34 Euro gut investiert, in einer der letzten noch nicht zugrundegegangenen Buchhandlungen Heidelbergs. 534 Seiten Genuss, ebenso die 74 Seiten Noten des Fußes. Einziger Makel: Zwar behandelt Maar neben den vielen bekannten auch allerlei m.o.w. unbekannte Autoren, dafür lässt er aber mehr als ein Dutzend berühmte einfach weg (z. B. Droste-Hülshoff, Johnson, Dürrenmatt). Im Anhang entschuldigt er sich dafür, aber, lieber Herr Maar, so billig kommen Sie damit nicht weg! Die Dame auf dem Buchumschlag sollte symbolisch eine Schnittwunde im Gesicht haben. Zur Zeit lese ich Nabokov und habe gerade gemerkt, dass Maar über ihn zwei Bücher geschrieben hat. Die weiteren rund fünfzig der von Maar empfohlenen Autoren, die ich mir notiert habe, werden mir das Jahr 2022 versüßen...
Für mich eine Herausforderung diesem Werk in einer Bewertung wirklich gerecht zu werden. Stellenweise hochinteressant und zugleich aus meiner Sicht insgesamt ganz anders, als erwartet durch die vielen Analysen verschiedener Autoren und deren Schreibstils. Insbesondere das erste Drittel über die sprachlichen Instrumente und der "kürzest Ausflug" in die Lyrik waren bereichernd für mich. Die Ausgabe der Büchergilde ist optisch ein Hingucker für das Bücherregal und jeden Literaturliebhaber, für mich jedoch kein Highlight, das bleibt, leider. ❤️
Ein delektabler Naschmarkt der Literatur-Kostproben, auch wenn Maars Geschmack nicht immer der meine ist. Das erkläre ich ausführlich auf Deutsch hier:
Nicht viel Neues gegenüber den bisherigen Büchern dieser Art. Da hat jemand den Zettelkasten aus 50 Jahren Gelesenem in die Buchform gebracht. Schade, vom diesem Autor hätte ich mehr erwartet.