Der von mir gelesene Geschichtenband war ein Mitte der neunziger Jahre von dem damaligen Berner Scherz Verlag, dem Verlag der Agatha-Christie-Übersetzungen, aus dem Inhalt von zwei früheren Diogenes-Taschenbüchern zusammengesetztes Buch. Aus dem hier angezeigten, älteren deutschen Buch sind folgende Storys enthalten: „Stern des Nordens“, „Herr Montag“, „Fräulein Berthe und ihr Geliebter“, „Die Wachstropfen“, „Der Kahn mit den beiden Erhängten“, „Der Gasthof zu den Ertrunkenen“. Außerdem auch noch die Texte: „Der hartnäckigste Gast der Welt“ und „Der zweifelhafte Monsieur Owen“.
Die meisten dieser Geschichten sind kurz vor dem Zweiten Weltkrieg erschienen, ungefähr zehn Jahre nach der Einführung der Marke Maigret in die Kriminalliteratur. Die Pariser Straßen sind noch von Gaslampen gesäumt, Maigret trägt Melone, es gibt Dörfer in Frankreich, die weder Strom noch Telefon haben. Und es ist erstaunlich, dass bereits damals der Autor seinen Erfolgsgaranten hinter sich lassen wollte. In mehr als einer Geschichte ist Maigret entweder Rentner und wohnt an der Loire oder er ist knapp davor. Wie die Dinge dann lagen, schrieb Simenon seinen letzten Maigret aber erst gute 30 Jahre hinterher, zu Beginn der siebziger Jahre. Der dann entstandene kurze Roman „Maigret und die verrückte Witwe“ war in dem Scherz-Band auch enthalten; ihn bespreche ich gesondert.
Was mir in Jahrzehnten der Maigret-Lektüre nie so deutlich vor Augen stand wie ab dem Moment, als ich mir Gedanken über Tags machte, mit denen ich meine Lektüren versehen konnte: Es reichen nur drei Tags, „women“, „money“ und „work“, für den gesamten Maigret-Kosmos. Auch hier ist es mal wieder so. Aber nein, Sie haben nicht Recht, dass diese Schilder an fast jeden Roman gehängt werden könnten und dass es nur wenige andere Themen gibt. In vielen Büchern der Weltliteratur kommen zum Beispiel Erzeugnisse der Hochkultur oder Religiöses vor, bei Maigret so gut wie nie. Keine griechischen Statuen und keine Mutter Maria. Oft geht es um Gewalt, Krieg, Tod und Sterben. Bei Maigret doch auch, rufen Sie. Aber nein, Krieg ist nirgends, körperliche Gewalt wird so selten beschrieben wie in kaum einem anderen Krimi. Tote liegen zwar allenthalben herum, aber langfristig zu Herzen gehen sie kaum jemand, unersetzbar ist keiner von ihnen gewesen. Maigret und Simenon nutzen die Rätsel ihres Ablebens in erster Linie dafür, die Umstände ihres mehr oder weniger traurigen Lebens, also nicht Tod und Vergehen, sondern Lebensarten (von Kleinbürgerm) zu erforschen.
Dann wäre Simenon noch für eine gewisse Pikanterie, seinen Sex berühmt. Doch auch hier Fehlanzeige. Das allenthalben wirksame Element „die Frau“ mag man zwar als Chiffre für „Macht des Sexus“ lesen; Simenons arme Männer sind nicht zuletzt darum arm dran, weil sie es nicht schaffen, auf Dauer ohne Frauen zu leben. Aber erotische Szenen sind in Kommissar-Maigret-Büchern arg dünn gesät. Das muss so sein, denn eine eventuell in Paris schon vorhanden gewesene homosexuelle Welt wird von Simenon beharrlich ignoriert bzw. negiert. Bei der Beschreibung seiner Frauengestalten triumphiert allerdings durchweg Simenons Misogynie, sodass wahre Erotik dann kaum noch möglich ist. Man kennt auch nicht die großen Freundinnen des Privatmannes Simenon, wie man die von Goethe, Picasso oder Chaplin kennt, sondern man liest immer nur, dass er viel Sex hatte, mit 1000 verschiedenen Prostituerten.
Meine Begeisterung für Maigret-Stoffe, die in der Jugend groß gewesen ist, ist mir in den Jahrzehnten abhanden gekommen. Simenon ist irgendwie Existenzialist. Was er gut beherrscht und worin man ihm fasziniert folgt, sind seine Beschreibungen der Arbeitstage „einfacher Männer“. Auch hier im Band wieder, von Schiffern, Kellnern und Hotelangestellten. Man erfährt etwas von der Einsamkeit des Menschen, dem Stumpfsinn sich täglich wiederholender Abläufe. Beim „Hartnäckigsten Gast der Welt“ verfolgen wir den 16-Stunden-Tag eines Kellners, der zweimal täglich alle Stühle rauf oder wieder runter stellt. Fast wie der Sisyphus bei Camus stellen wortkarge Männer dieser Ausweglosigkeit ihren festen Willen entgegen, wirklich gut zu arbeiten. Nicht zuletzt Maigret selbst geht so vor, er hat keine Kinder und lässt seine Frau ständig allein.
Es warten irgendwo aber noch mehr Frauen als nur die Kundinnen und die Eherfrauen. Mit den Frauen kommt die Konkurrenz unter den Männern ins Spiel. Männer bei Simenon wären mit regelmäßigem Sex, gutem, selbst gekochten Essen, einem warmen, bequemen Wohnzimmer, ihrem Garten, einem Hund, dem Umtrunk an der Theke der Vorortkneipe zufrieden. Nur die Frauen verlangt es nach Abenteuer, gesellschaftlicher Bedeutung und nach immer mehr Geld.
Man muss schon auch dem von den Maigrets ausgehenden Suchtcharakter hin und wieder noch Rechnung tragen. Diese Bücher sind knapp und effizient erarbeitet, lebensnah und farbig erzählt. Sie strengen niemals an und unterhalten uns mit Leuten, die man, vorübergehend, näher kennen lernen will. Sie haben Rätselspannung, wer war's. Sie haben vor allem einen Autor, der ein Meister des Hinhaltens ist. In Wahrheit erzählt er kaum einmal echte Polizeiarbeit, erarbeitet sich sein Protagonist nahezu nie Schlüsse aus systematischer Teilchenakkumulation - wie andere Meister dieses Genres.
Genau hier kommt die nicht zu Unrecht gelobte Simenon-Atmosphäre ins Spiel. In fast jedem Maigret sieht man irgendwann mal dem Wetter zu, dem Licht am Himmel, fühlt den Wind, schmeckt ein anderes alkoholisches Getränk als im vorherigen Buch, greift beim Essen beherzt zu, mustert die übertriebene oder geschmacklose Aufmachung diverser Damen, liest an der Zerschlissenheit bürgerlicher Salons den Zustand der sie bewohnenden Familien ab. Man sieht Schiffern zu, die von einem Kahn zum nächsten springen, Taue knoten, Netze flicken, Glasern, die Scheiben einsetzen, Putzfrauen wischen unter Tischen auf, Taxifahrer legen größte Rücksichtslosigkeit an den Tag, damit der Kommissar oder die Gangster es noch rechtzeitig schaffen. Das alles zögert die Aufdröselung des Rätsles, zu der Maigret alsbald übergehen wird, noch ein bisschen hinaus, auf dass es spannender werde, als es in Wahrheit ist. Denn die meisten Bücher - und vor allem natürlich diese Geschichten, für die Simenon den Gedankten, in zwei Wochen Sklavenarbeit ganze Romane aus ihnen zu machen, verworfen hatte, sind von unglaublicher Schlichtheit.
Alles bisher Gesagte könnte in Ordung gehen für mich, wäre nicht diese ewige Neigung zu Plots, die niemals funktionierten, wären da nicht die grandiosen Zufälle, die übersinnliche Gedankenleserei Maigrets, abstrus unglaubliche Begleitumstände, die die Fälle spicken wie spitze Mandeln einen Scholodenigel.
In „Stern des Nordens“ kommt eine Mordtat nur dadurch zustande, dass ein Mann, der sich gern in der Rolle eines besseren Herrn an Teenagermädchen vom Lande heranmacht, nach seiner Rückkehr nach Paris von einer Ex-Geliebten bedrängt wird. Sie ist ihm aus dem Südwesten nachgefahren und lauert ihm vor einem Lokal auf, das er ewähnt hatte, seine eigene Adresse hatte er ihr verschwiegen. Jetzt will der Mann zwar das Mädchen noch mal haben, aber weiterhin unauffindbar bleiben, also fordert er sie auf, vor ihm in ein billiges Hotel einzuchecken. (Dessen Angestellte also überhaupt nur durch den Zufall aller Zufälle in die Verlegenheit kommen.) Nämlich arbeitet in diesem Hotel mittlerweile, nein, nicht eine weitere seiner Geliebten, vielmehr die Mutter eines minderjährigen Mädchens aus Südwestrankreich. Die aber war schwanger von ihm und ist bei der Abtreibung gestorben. Später ist diese Mutter umgezogen und gewiss nicht dafür, sich am Handlungsreisenden zu rächen. Sie sieht ihn erst einmal auch nicht, denn es ist mitten in der Nacht. Aber ihr Bruder ist der Portier des Hotels und erkennt in dem neu angekommenen Mädchen die Tochter eines Richters, von der man sich in der Heimat erzählt hat, dass ihr dieselbe Sache mit diesem Hochstapler passiert ist. Ich weiß nicht, wie viel Zufall Sie in Krimis hinnehmen, aber mir geht das über die Hutschnur! Und selbstverständlichndlich offenbart sich keiner von den Leuten der Polizei, aber Maigret riecht seinen Braten halt und also lässt er nachforschen, wo sie geboren sind (was er sonst eher nicht macht) und für den Toten, wohin er am meisten gereist ist.
„Fräulein Berthe und ihr Geliebter“ steht und fällt mit der Frage, ob wir es für möglich halten, dass vier junge Räuber, die einen Juwelierladen überfallen haben, die gesamte Beute in die Seine werfen, nachdem es einen Toten gegeben hat. Wenn man schon glaubt, trotz erschossenem Mann heil davon zu kommen, warum dann nicht mit dem Geld?
Auch bei „Mr. Owen“ liegt ein toter Mann im Hotel, dieses Mal an der Cote d'Azur, Maigret ist jetzt Rentner und im Urlaub. Der Erwürgte in einer Badewanne ist allerdings viel jünger als der Fremde, Mr. Owen, der das Zimmer bewohnt hat. Mr. Owen trug immer graue Handschuhe, ruhte sich tagsüber aus und ging abends früh schlafen. Keiner sah ihn das Hotel verlassen, aber seit dem Mord ist er verschwunden. Dann verschwindet auch noch seine Assistentin, die in einem Raum mit Verbindungstüre zum Zimmer des Vermissten untergebracht war, wird festgenommen und hat einen frankierten Briefumschlag mit einem weißen Blatt Papier bei sich. Ich weiß jetzt nicht, wie viel Kriminalistik Sie studiert haben, aber ich würde nach so einer Expositon darauf tippen, dass Mr. Owen eine Makerade war, der Tote und der Gast im Zimmer ein und dieselbe Person sind und dass „die Assistentin“ ihn ermordet hat. Wie schön, dass Maigert es ähnlich sieht.
Bei „Der Kahn mit den beiden Erhängten“ haben wir die exemplarische Verbindung der Komplexe (böse) Frau, Geld, ehrliche Arbeit (von Männern). Ein älterer Flussschiffer hat sich eine junge, schöne und lebenshungrige Frau genommen. Ihr Motiv war, dass er auf einem Haufen Geld sitzen soll, von dem niemand weiß, wo er es versteckt hat, das sie allerdings mal zu erben gedenkt. Das Schiff wird an einer Seine-Schleuse über Nacht aufgehalten; da kocht die Sache über. Der Matrose hatte was laufen mit der Frau seines Chefs, ging einen saufen, lässt sie anschließend hängen, als er merkt, dass sie den Alten umgebracht, aber sein Geld nicht gefunden hat. Er flüchtet und alle glauben, er war's. Maigret ist Kriminalist und weiß, dass Arbeit und Geld, so für sich allein, nicht zu Morden führen, da muss eine toxische Weiblichkeit hinzu. Und die gibt es in diesem Fall mal wieder.
Auch wenn's zu gestehen schwerfällt, sind das keine guten Kriminalstorys, nicht eine von ihnen, sondern kleinkarierter Mief, zur Routine erstarrte Mache! Wenn ich's auch nicht mehr mitzukriegen erwarte, gehe ich davon doch aus, dass der Tag kommen wird, wenn man diesen Autor nicht mehr kauft. Man kauft Gerstäcker oder Sue auch nicht mehr, die Marlitt eher selten, Edgar Wallace auch nicht mehr so, wie es in meiner Jugend noch war. Nicht mal die frühen Bücher von S. S. van Dine oder Ellery Queen, die jedenfals viel solider durchkonstruiert wären als das hier.