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Was Ist Wirklichkeit?: Neuer Realismus Und Hermeneutische Theologie

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Was ist Wirklichkeit? Welchen Zugang haben wir zu ihr in einer zunehmend medialen und digitalisierten Gesellschaft? Oder befinden wir uns mit diesen Fragen vielleicht selbst schon in einem illusionaren oder imaginaren Zusammenhang, weil die Realitat jedem Verstehen zuvorkommt? Und: Was heisst es, mit diesen Fragen philosophisch und theologisch im gegenwartigen Realismus-Streit angemessen umzugehen? Diesen Problemen wenden sich Markus Gabriel und Malte Dominik Kruger zu, die jeweils aus der Sicht des Neuen Realismus und der (Bild-) Hermeneutischen Theologie argumentieren und auch aufeinander Bezug nehmen. Dabei werden alte Grundfragen des philosophischen und theologischen Wirklichkeitsverstandnisses neu verhandelt und in aktuellen Konzepten greifbar. Dokumentiert werden damit - einschliesslich der Grussworte - die Vortrage der 1. Internationalen Bultmann-Lecture 2017 in Marburg.

124 pages, Paperback

Published September 1, 2018

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About the author

Markus Gabriel

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Markus Gabriel was born in 1980 and studied in Heidelberg, Lisbon and New York. Since 2009 he has held the chair for Epistemology at the University of Bonn; and with this appointment he became Germany's youngest philosophy professor. He is also the director of the International Center for Philosophy in Bonn.

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October 29, 2025
Interessant ist, wie hier implizit eine Diskussion darüber geführt wird, ob es einen Gott im Sinne einer "geoffenbarten Religion" geben kann, oder nicht, wobei der Theologe Krüger den hermeneutischen Aspekt der Gotteserkenntnis oder - Erfahrung betont und damit naive Glaubenssätze in Frage stellt. Ihm ist die innere Bildfähigkeit des Menschen wichtig, die man früher Einbildungskraft nannte, weil ohne eine solche weder ein Textverständnis (abstrakte Zeichen müssen zu inneren Bildern geformt werden, um einen Sinn zu ergeben) noch ein Verständnis des religiösen Symbolgehalts (Hostien, Kreuz etc.) möglich wäre. So wird ihm zumindest der spätmoderne Protestantismus zu einer "kritischen Bildreligion" (41), da er wesentlich ohne die Theatralik der katholischen oder orthodoxen Kirchentradition auskommen muss. Hermeneutik wäre hier methodisch notwendig, da die "Identität" des Bildes gerade darin bestünde, "genau dasjenige nicht zu sein, das es zeigt" (43). So sei das Leiden Christi zwar eine Leidensdarstellung, aber die Metapher führt über das Gezeigt hinaus zu dem triumphierenden Gott, der nur so in seiner Herrlichkeit erscheinen könne. Allgemeiner gesprochen hingen Religion und Bildvermögen dergestalt zusammen, dass immer dann, wenn die Einbildungskraft sich auf ein Absolutes richte, also "im Horizont des Unbedingten geschieht" (ebd.), Religiöses aufscheine. Das zu entschlüsseln und mitteilbar zu machen, sei die Aufgabe einer "hermeneutischen Theologie", die also interpretatorisch arbeite und akzeptiere, dass religiöse Deutungen zeitbedingt seien, da sie vom geistigen Verstehenshorizont jeweils bestimmter Epochen abhingen. Damit hat Krüger ein Problem mit dem metaphysischen Relativismus, da man so - streng genommen - kein allzeit oder interpersonell GÜLTIGES GottesBILD gewinnen kann. Die Gottesvorstellung wird so - ganz modern - extrem individualisiert und mit den Mitteln der Hermeneutik, also dem methodisch angeleiteten Verstehen, wäre dann zu zeigen, wie sich bei aller äußerlicher Gegensätzlichkeit der Gottesvorstellungen eben doch ein angemessenes Verständnis von willkürlichen oder unangemessenen Deutungen unterscheiden ließe. Wie er sich daran abarbeitet, das kommt dem Literaturwissenschaftler bekannt vor, wen theologische Details interessieren, der mag sie hier nachlesen.

Für mich war interessant zu sehen, wie sich Theologen der Moderne stellen und wie sie versuchen, sich in der modernen Wissensgesellschaft zu behaupten, in der Glaube vielleicht nur noch als Therapeutikum einen Platz hat.

Warum mich dieses Konzept so wenig überzeugt wie andere Herleitungen geoffenbarter Religionen oder deren Gottesbeweise, das hat Gabriel in seinem Beitrag in Auseinandersetzung mit Leibnitz auf den Punkt gebracht. An Leibnitz interessiert ihn die Pluralität möglicher Welten und das Problem, warum aus der prinzipiell unendlichen Menge der Möglichkeiten nur unsere Welt "wirklich" geworden ist. Leibnitz begründet das bekanntermaßen mit seiner Lösung des Theodizee- Problems, also der Entscheidung Gottes für die BESTE aller möglichen Welten. Dagegen wendet Gabriel ein, dass, selbst "wenn Gott so gedacht wird, dass er nur das Gute denken und wollen kann", sich die Frage stelle, "ob Gott selber vom Guten oder ob das Gute von Gott begründet wird." (68) Genau das ist der Zirkelschluss, dem wohl alle Gottesbeweise zum Opfer fallen. Bezogen auf das Problem der "Wirklichkeit" ist es nämlich genauso: Leibnitz löst das Problem nicht, weil "Gott selber bereits wirklich sein muss, ehe er aus den vielen möglichen Welten nach axiologischen Gesichtspunkten die beste auswählt, um diese zu verwirklichen." (71) Ohnehin träfe die Lösung nur für das zu, was man landläufig und was auch Leibnitz "die Welt" nennt. Die anderen möglichen Welten seien nun aber, logisch betrachtet, in ihrer Andersheit von der uns gegebenen Welt abhängig, da jede mögliche Welt, "die nicht unsere wirkliche Welt ist, [...] sich demnach in mindestens einer Hinsicht von der unsrigen [unterscheidet], da sie mindestens eine alternative Tatsache enthält, was heute sogar schon in der amerikanischen Propaganda angekommen ist". (80) ;-) Kurz, die ganze sich durch ontologische und existenzphilosophische Seins- Annahmen windende Argumentation, die nebenbei sprachphilosophisch- analytische Auffassungen ad absurdum führt (und damit das von Krüger artikulierte Hermeneutik- Problem beiseite schiebt), läuft darauf hinaus, dass es "die Welt" eben nicht gibt, weil der Bereich infiniter Möglichkeiten sich nie zu EINEM Ganzen und Absoluten fügen lässt. In der wirklichen Welt hängt nach Gabriel nicht alles mit allem zusammen, sondern "wirklich" sei nur, was in einem von ihm so genannten "Sinnfeld" erscheinen kann. Insofern kann "Gott" wirklich sein, indem er im Sinnfeld der Religion eine Rolle spielt, oder in der Bibel, wo er so wirklich ist wie Faust im "Faust I/ II" oder der Weihnachtsmann im Sinnfeld der Kinderfantasien. Aber da es kein Sinnfeld geben kann, indem ALLE anderen Sinnfelder erscheinen und von dem her sie ihren "Sinn" erhalten, gibt es auch keinen absoluten Gottesbegriff, der irgendwie als erste Ursache (Was war davor?) oder als Ursache von allem (Was ist ALLES im Horizont des prinzipiell unendlichen Möglichen?) gedacht werden könnte. So erklärt die philosophische Antwort das hermeneutische Problem mit Gott zum Scheinproblem.

Das alles ist von Gabriel logisch entwickelt und schlüssig dargestellt. Wer also die anderen dicken Bücher des Autors nicht lesen möchte, sich aber für die aktuellen Theorien des "neuen Realismus" interessiert, der bekommt hier eine gute Einführung, von der aus man weiter denken kann. Was das Realismus- und mithin das Wirklichkeitsproblem anbelangt, sind auch Krügers Ausführungen für Laien informativ, da er die großen Linien der philosophischen Diskussion aufzeigt und auf die korrespondierenden theologischen Ideen bezieht, so dass man "nebenbei" noch etwas über die Geschichte theologischen Denkens erfährt. Deren Konsequenzen muss man nicht teilen, um das Problemfeld und die Perspektive darauf interessant zu finden. Alles in allem ein empfehlenswertes schmales Bändchen, das der allgemeinen Bildung aufhilft.
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