»Plötzlich Randlage.« Bei Tim und Thea verdient sie das Geld, er macht den Haushalt. Kein Problem eigentlich, bis ihr günstiger Mietvertrag gekündigt wird und sie an den Stadtrand ziehen müssen. Das neue Haus ist voller Kippenstummel und prekärer Existenzen. Zuerst läuft es ganz gut. Tim kehrt das Treppenhaus, freundet sich mit Maxim, dem jungen Mann aus der Ostukraine an, und richtet der 80-jährigen Frau Birkenberg das Internet ein. Doch dann klingelt es an der Tür. Als Tim öffnet, schlägt ein fremder Mann ihm unvermittelt ins Gesicht. Was, zur Hölle, ist da schiefgelaufen? »Der Hausmann« ist ein unkonventioneller Roman. Er kombiniert traditionelle und außergewöhnliche Erzählweisen und zeichnet so eine Geschichte über Gentrifizierung und Liebe, über Armut und schiefe Bahnen, exzessive Start-up- Kultur, Klimaerwärmung, veganes Hundefutter, Doktorwurst und Darknet. Es ist das Portrait eines Hauses, einer Stadt, einer Gesellschaft – einer Zeit, die sich noch wie das Jetzt anfühlt, aber schon bald verschwunden sein könnte. Das ist virtuose, lustvolle Gegenwartsliteratur.
Wow! Ich bin ganz hingerissen von diesem ungewöhnlichen Roman, der eine echte Überraschung für mich darstellte. Ab und an greife ich ja zu Büchern, die augenscheinlich sehr außerhalb meiner Komfortzone liegen, nur um mich lesetechnisch auf Entdeckungsreise zu begeben und nicht einzurosten. Auch bei Wlada Kolosowas und Raúl Sorias Werk war eigentlich alles jenseits meines bisherigen Erfahrungshorizonts. Zuerst bin ich eine blutige Anfängerin in Graphic Novel, die einen Teil des Buchkonzeptes ausmacht, dann stehe ich nicht auf grellbunte schreiende Cover, und Gespräche in elektronischer Form wie Chatverläufe habe ich schon zu eMail-Zeiten von Daniel Glattauers „Gut gegen Nordwind“ nicht ausstehen können. Dennoch hat mich der Inhalt der Geschichte irgendwie getriggert, ich wollte dem kleinen, mir bisher nicht so bekannten österreichischen Verlag und dieser Autorin mit osteuropäischem Namen einfach eine Chance geben. Eine derart bunte Mischung klingt eigentlich so, als würden hier die ganzen gegensätzlichen Stilmittel und Komponenten überhaupt nicht zusammenpassen, aber das Gegenteil war der Fall, ich freue mich noch immer wie eine Schneekönigin über meine Entscheidung.
In einem Haus, beziehungsweise Kiez in Berlin werden einige BewohnerInnen von der Autorin vorgestellt, beziehungsweise sehr tief skizziert und dies zuerst einmal ziemlich klischee- und schablonenhaft.
Tim und Thea mussten ins Glasscherbenviertel vier Stationen außerhalb des S-Bahn-Rings ziehen, weil der reiche Papi seinem höheren Töchterchen die feine Wohnung in der Innenstadt und das Herumgammeln als nichtbezahlte Praktikantin bei einer NGO nicht mehr finanzieren wollte und Tim als Zeichner einer Graphic Novel auch nicht in die Puschen kommt, ergo auch Null Geld für den Unterhalt beisteuert. So ist das kapitalismuskritische BOBO-Pärchen in der kniffeligen Situation, erstmals auf sich selbst gestellt den Lebensunterhalt zu verdienen. Thea beginnt bei einer veganen Hundefutterfirma (vegan und Hund – brüll – 😀 ) als Social-Media- und Community-Managerin zu arbeiten. Obwohl in der Firma New Work-Konzepte propagiert werden und alle sich so liebhaben, ist der Druck auf die Mitarbeiter enorm, das neue Organisationskonzept wird nicht dafür eingesetzt, dass die Angestellten keinen Burnout bekommen, im Gegenteil, in der Freizeit wird bei Firmen-Saufgelagen auch noch gearbeitet und gebrainstormt. Theas frühere Schulkollegin Anna ist auch noch ihre Chefin und nutzt die Protagonistin auf der persönlichen Ebene so derart perfide aus, dass diese die Reibungswärme, die entsteht, während Thea über den Tisch gezogen wird, auch noch als menschliche Regung fehlinterpretiert. Denn eigentlich zählen nur Followerzahlen, Klicks und ständige Arbeitsbereitschaft auch in der Freizeit, selbstverständlich unbezahlt und ohne Aufzeichnung, aber wehe, man ist nach einem Saufgelage einmal nicht fit genug, in der Früh in der Firma anzutreten. Wundervoll wird hier die neue Arbeitswelt auf die Schippe genommen, was in Romanform und auch in den Chatverläufen zwischen Anna und Thea dargestellt wird.
Tim zeichnet schon seit ewiger Zeit nicht gerade mit Hingabe an seiner Graphic Novel über die Auswirkungen der Klimakatastrophe auf ein sibirisches Mädchen, deren verstorbene, eingefrorene Großmutter aus dem auftauenden Eisgrab gerettet werden muss, damit sie in der Schmelze des Permafrostbodens nicht vergammelt. Die Fortschritte werden sehr genial von Raúl Sorias Comic illustriert. Ansonsten versucht Tim Hausmann, Thea bei ihrem zermürbenden Job mit Kochen und Putzen zu unterstützen, die neue Wohngegend zu erkunden und Zeit totzuschlagen, bis seine Freundin aus der Arbeit, beziehungsweise von den Firmenfesten heimkommt. Dass so eine Konstellation sehr viel Sprengstoff für die Beziehung bedeutet, ist klar, Thea total überfordert, ausgebrannt und genervt versus Tim vorwurfsvoll, gelangweilt und dozierend.
Thea: kein Geld zu verdienen ist die eine Sache
Thea: aber wie er daraus eine Tugend macht, pisst mich schon an
Thea: erinnerst du dich an all seine Ich-war-schon-so-pleite-Geschichten und wie er die wie so Heldensagen erzählt?
Thea: „Als ich an der Masterarbeit saß, hatte ich an einem Wochenende kein Geld für Essen, also habe ich Speed genommen, weil es billiger war.“
Thea: und morgens trinkt er anderthalb Stunden seinen Kaffee und doziert darüber, wie der Spätkapitalismus Millenials ausbeutet
Bei seinen Erkundungen im Haus trifft Tim den ukrainischen Flüchtling Maxim, der diametral entgegengesetzt zu ihm und Thea gestrickt ist und bietet ihm Hilfe beim Deutschunterricht an. Maxim kann nicht verstehen, dass man sich absichtlich ärmlich kleiden und ungepflegt aussehen will, um auf Understatement und Kapitalismuskritik zu machen.
"Ich habe sehr gesund Aussehen, viele Muskeln und wunderschön silberne Sneakers ich trage meistens weißes Unterhemd und Lederjacke wie James Dean. […] Meine Haare sehen super aus, weil Tatjana Efremowna schneidet sie jede Woche mit kleine Maschine. Gutes Aussehen ist wichtig, wenn alles um Dich herum ist hässlich."
Zudem lebt noch eine ganz liebe Omi im Haus und eine Großfamilie von gewalttätigen Moslems mit Bärten in der Nachbarschaft. Bald bekommt Tim große Probleme mit den Moslems, die ihn für einen Drogendealer halten und zusammenschlagen. Wer wirklich für dieses Missverständnis verantwortlich ist, wird von Tim auch gleich klar identifiziert, denn Maxim hat für einen Flüchtling viel zu viel Geld, verschwindet oft ganze Nachmittage und schämt sich offenbar zu sagen, wie er es verdient hat.
Nach dem feinsinnigen, filgranen Aufbau aller Klischees, Schablonen und Schubladen zertrümmert die Autorin anschließend im Finale all diese so herrlich, dass sie mir nur noch diebische Freude verschafft hat. Die bösartigen Moslems mit den Bärten sind die liebevollen Rumänen Bogdi, Nicu und Vali, die tatsächlich ein Hühnchen mit dem unbekannten Internetdealer BraunBär zu rupfen hatten, weil er den Stoff an den minderjährigen Cousin verkauft hat, Maxim der Ukrainer ist nicht BraunBär, verdient sein Geld mit etwas ganz anderem und spricht gegen Ende der Geschichte durch den Unterricht mit Tim vortreffliches Deutsch. Der Job von Thea löst sich in Luft auf, als sie einen Fehler macht. Die Beziehung zu Tim zerbröselt ebenso, weil es irgendwie bei aller Unangepasstheit des Lebenskonzeptes doch um Geld geht, das Tim nicht verdient. Tims Graphic Novel wird fertig und er schafft es endlich, den Antrag auf Hartz4 zu stellen. Ja, und BraunBär entpuppt sich auch, das werde ich aber nicht verraten.
Fazit: Buchstoffhöhepunkt! Lesen! Ein großartiges Vergnügen! Mehr ist hier nicht mehr zu sagen.
"Der Hausmann" ist ein stilistisch vielfältiger und überaus unterhaltsamer Roman. Wir begleiten die Bewohner eines Hauses in Berlin-Neukölln. Tim und Thea ziehen in ihre neue Wohnung in dieses Haus. Thea hat einen neuen Job (Social Media für veganes Hundefutter). Tim ist Comiczeichner und Hausmann. Außerdem bringt er dem 19-jährigem ukrainischen Nachbarn Maxim Deutsch bei. Der 80-jährigen Nachbarin und Bloggerin Dagmar Birkenberg hilft er mit der IT.
Das Buch besteht aus tagebuchartigen erzählenden Abschnitten, Comic-Kapiteln, Chats und Blogeinträgen. Der Roman beschreibt Bedeutung und Auswüchse der Arbeit, das Überleben in der "kapitalistischen Leistungsgesellschaft". Der Hausmann steht dabei außerhalb dieser klassischen Arbeitswelt. Er findet das im Gegensatz zu anderen aber gar nicht schlimm.
Trotz ernster Themen hat der Roman einen humorvollen Ton. Der Gefahr, in kabarettistische Alltagsgeschichten abzurutschen, entgeht er größtenteils. Einige Szenen wirken wie aus dem Boulevard-Theater in die Berliner Gegenwart überführt. Eigentlich müsste das ganz furchtbar sein. Aber aufgrund der Brechung durch das Ende funktioniert es überaus gut. Da der Roman vor allem wegen der Konstruktion äußerst rasant ist, habe ich ihn schnell und gerne gelesen.
Aus irgendeinem Grund gehe ich am liebsten zu Lesungsterminen, wenn ich noch gar nichts über die Autorin oder den Autoren und über das dazugehörige Buch weiß. Dann kann ich mich da ohne große Erwartungen reinsetzen. Im besten Fall nehme ich dann ein signiertes Buch mit nach Hause und habe einen tollen Abend und im schlimmsten Fall habe ich einen netten Abend, an dem ich Zeit mit Freund:innen verbringe, denn aus meiner Bücherbubble kommt eigentlich immer jemand mit zu solchen Events. Eine Lesung wie "Der Hausmann" habe ich aber wirklich noch nie erlebt. Ohne es zu wissen, sind wir hier in ein "Eat and Great" gestolpert. Es gab kleine Törtchen und Kuchen von einem Kaffeehaus in der Nachbarschaft, verschiedene Getränke, eine Lesung und die Möglichkeit, ein bisschen mit der Autorin zu plaudern. Ich habe diesen Abend sehr genossen und bin deswegen nicht nur mit ein paar übrig gebliebenen Kuchenstücken, die mir die Buchhändlerin zugesteckt hat, nach Hause gegangen, sondern auch mit einem signierten Exemplar und "Der Hausmann" und dem Wunsch, diesen Roman auch sofort zu lesen. Eines der wohl reizvollsten Elemente für mich hier ist die Vielfalt der Stile, die in diesem Buch zur Anwendung kommen. Da gibt es "normale" Romankapitel, einen Internetblog, einem auf einer Plattform namens Slack verfassten Chatverlauf, ein Deutsch-Lern-Tagebuch und einen Graphic Novel. Dieser ständige Wechsel sorgte für Spannung und machte auch einfach Spaß. Ich glaube nicht, dass ich schon mal ein Buch gelesen habe, in dem sich eine Autorin getraut hat, so mit den Stilen zu spielen. Und das Beste daran: Meiner Meinung nach hat diese Kombination auch funktioniert.
Ein paar Worte zur Handlung: Die Haupthandlung dreht sich um Tim und Thea. Thea hat gerade bei einem Start-up für veganes Hundefutter eine neue Stelle angenommen und Tim ist Hausmann und zeichnet an seinem Graphic Novel, der hoffentlich ihren Durchbruch bedeuten wird. Und diese Umkehrung der traditionellen Geschlechterrollen geschieht bei ihnen natürlich nicht konfliktlos, wie ihr euch sicher denken könnt. Und dann gibt es als Nebenhandlungen noch den Blog "Sparen mit Dagmar", in dem die liebe ältere Nachbarin ihren Leser:innen Spartipps gibt und das Tagebuch von Maxim, einem ukrainischen Flüchtling, der ebenfalls in diesem Haus wohnt und mit Tim Deutsch übt. Und wir bekommen Einblick in den Graphic Novel, an dem Tim aktuell arbeitet. Natürlich hatte ich meine Lieblingshandlungsstränge, auf die ich mich gefreut habe. Und zwar waren das wohl Dagmars Blog, der mich immer wieder aufs Neue überrascht hat und zum Lachen bringen konnte, und der Chatverlauf zwischen Thea und Anna, ihrer Vorgesetzten.
Ich habe lange überlegt, ob ich meinen einzigen Kritikpunkt ansprechen soll, da das halt doch sehr eindeutig ein humoristisch-satirisches Buch ist. Aber ich möchte mit euch, meinen Leser:innen, ehrlich sein und deswegen habe ich mich dazu entschieden, das anzusprechen. Ich persönlich halte die Darstellung der Figuren teilweise für fast zu überspitzt. Gerade im Bezug auf den Drogenkonsum von Thea und Tim ist mir das aufgefallen. Bitte lasst es mich wissen, falls ich hier gerade mit meinem Unwissen glänze. Als Mensch, der überhaupt nichts mit Drogen am Hut hat, wirkte das einfach sehr extrem. Es hat meine Freude am Buch nicht wirklich stark gedämpft, aber doch dafür gesorgt, dass ich über manche Szenen die Stirn gerunzelt habe.
Mein Fazit? Trotz eines kleinen Kritikpunktes habe ich diese Lektüre genossen und hatte meinen Spaß mit diesem Buch.
Anfangs anstrengende Geschichte um 4 anstrengende Charaktere, mit reichlich Stereotypen; aber zum Ende hin gab‘s dann einen einigermaßen spektakulären Höhepunkt plus Twist, und ein bisschen wholesomeness, daher wars doch nicht so ein frustrierendes Leseerlebnis wie anfangs erwartet. Schade nur, dass einige Fehler durchs Lektorat gerutscht sind und die Graphic-Novel-Elemente auf meinem E-Reader nicht so richtig rüber kamen.
Interessante und durch die verschiedenen Erzählperspektiven und -stile abwechslungsreiche Geschichte. Rührend, komisch und sehr aktuell.
Wir begleiten das Paar Tim und Thea und lernen gemeinsam mit ihnen (und sogar besser als sie selbst) ihre neue Nachbarschaft kennen. Da ist die 80-jährige Nachbarin Frau Birkenberg, deren Geschichte wir über ihre Blogbeiträge in ihrem "Sparblog" verfolgen, und hinter der definitiv mehr steckt, als die alte freundliche Dame auf den ersten Blick vermuten lässt. Den jungen Ostukrainer Maxim lernen wir durch seine Schilderungen in seinem "Heft für üben Deutsch" kennen und verfolgen seine Bemühungen, der deutschen Sprache Herr zu werden um die große Liebe zu finden. Einen Einblick in Theas Innenleben bekommen wir durch ihre Chats mit der Arbeitskollegin Anna. Und auch hier kann man als Leser*in schon früher als die Protagonistin selbst erahnen, dass im coolen Start-Up für veganes Hundefutter doch nicht alles Gold ist, was glänzt. Und dann gibt es noch Tim, den Titelgebenden "Hausmann" und Künstler, der erzählt und uns in Bildern Einblicke in seine dystopische Graphic Novel über den Klimawandel gibt. Wlada Kolosowa erzählt diese so unterschiedlichen Figuren auf ihre jeweils ganz eigene Weise, vereint die verschiedenen Schicksale und Perspektiven und zeichnet so ein scharfsinniges, tragisches und teilweise auch urkomisches Bild unserer Gesellschaft.
Für mich ist „Der Hausmann“ von Wlada Kolosowa nichts weniger als ein Meisterwerk. Das Buch vereint verschiedene Textformen, die zusammen den Roman ergeben.
Im Mittelpunkt steht Tim, Künstler und Illustrator, der mit seiner Freundin Thea aus dem gentrifizierten Teil von Neukölln an dessen südlichen Rand zieht. Er arbeitet zu Hause an seiner Graphic Novel, sie beginnt einen Job in einem Start-Up für veganes Hundefutter. Wie es da so zugeht, erfahren wir aus einem Slack-Chat, den Thea mit ihrer Freundin Schrägstrich Arbeitskollegin führt.
Mit Thea und Tim wohnt auch Dagmar in dem Mehrfamilienhaus, wo Kippenstummel und Müll im Treppenhaus liegen. Dagmar ist über 80 und schreibt einen Blog: „Sparen mit Dagmar“, dessen Einträge einen weiteren Teil des Romans bilden.
Ebenfalls Nachbar ist Maxim, ein junger Mann, der aus der Ostukraine nach Berlin geflohen ist, um dem Militäreinsatz zu entgehen. Sein „Sprachlern-Tagebuch“ ist für mich der absolut überragende Teil des Buchs.
Ergänzt wird das Ganze durch Tims Graphic Novel (illustriert von Raúl Soria und der Favorit von meiner Kollegin Ileana), die für sich genommen schon den Kauf des Buches wert ist.
„Der Hausmann“ ist lustig und tiefgründig, macht unfassbar viel Spaß und ist voller kluger Beobachtungen über Berlin, Start-Ups, Altersarmut, Rassismus, Krieg, Gentrifizierung, Geschlechterrollen und so viel mehr.
Auch für Menschen, die nicht so viel und gerne lesen, ist „Der Hausmann“ eine tiptop Empfehlung. Ich konnte es gar nicht aus der Hand legen.
Ich mochte die Abwechslung der verschiedenen Textformen: Roman, Blog, Tagebuch, Chat, Graphic Novel… Die Charaktere sind so konstruiert, dass sie heutige Spannungen junger Menschen gut auffangen und man häufig schmunzeln muss, weil man sich selbst vielleicht wiedererkennt. Schöner Coming of Age Roman!
Aus finanziellen Gründen müssen Tim, ein erfolgloser Graphic Novel-Autor, und seine Freundin Thea in eine Gegend außerhalb des Berliner Rings ziehen, in der Armut vorherrscht. Thea ist die Alleinverdienerin im Haushalt - erst hatte sie in Teilzeit für eine NGO gearbeitet, musste jetzt aber eine Vollzeitstelle in einem Hundefutter-Start-up annehmen, um die Kosten zu decken.
Während Tim sich in seiner Rolle als "Hausmann" mehr oder weniger gemütlich einrichtet, gerät Thea in einen toxischen Wirbel der Start-up-Mentalität, bei der ihr alles abverlangt wird - vor allem, bei etlichen unbezahlten Überstunden noch freudestrahlend zu performen und nebenher die Kolleg*innen zu ihrer neuen Familie zu machen.
Tim lernt derweil seine Nachbar*innen kennen. Er freundet sich mit Maxim, einem 19-Jährigen Geflüchteten aus der Ukraine, an und hilft diesem beim Deutschlernen und Frauen kennenlernen. Und schnell wird er zum Dreh- und Angelpunkt der einsamen 80-jährigen Nachbarin Dagmar, die heimlich einen Spar-Blog führt.
Das Buch macht aus, dass es die Geschichte aus vier Perspektiven in unterschiedlichen Stilen erzählt: Tim ist der übergreifende Rahmen, Maxim schreibt Tagebuch in sein Deutsch-Übungsheft, Dagmar ihre Blogeinträge mit überraschenden Enthüllungen und Thea schreibt im Slack-Chat mit ihrer Freundin und Arbeitskollegin Anna. Dazwischen finden sich immer wieder Szenen aus dem Graphic Novel, an den Tim grade arbeitet.
So ergibt sich insgesamt ein abwechslungsreiches, sehr unterhaltsames Bild, inklusive emotionaler Momente und Slapstick-reifer Missverständnisse. Hat mir überaus gut gefallen!
6 von 5!!!! Was für ein geniales Buch! Das beste um das Jahresziel schon Ende Juni zu erreichen.
Endlich mal ein zeitgenössischer deutscher Roman, der von Autofiktion absieht und es schafft Mulitperspektivität nicht ausgelutscht und konstruiert wirken zu lassen. Die verschiedenen Erzählformen wirken natürlich und ziehen die Lesenden ab Seite 1 in ihren Bann. Ich habe selten vier Stunden für knapp 300 Seiten gebraucht (I‘m the slowest reader in the world!)!
Ein unterhaltsames, leicht zu lesendes Buch das mich irgendwie an einen typischen deutschen Karoline Herfurth-Film über Berliner Sub-Kulturen erinnert hat. Klischees? Ja. Überspitzungen? Auch. Aber es war trotzdem anders und erfrischend, und hat mir daher echt gefallen.
Die erwähnenswerteste Sache an dieser Dramedy über eine Gruppe Hausbewohner in Berlin-Neukölln ist die Form in der sie präsentiert wird. Jede Person wird ihre eigene Art präsentiert. Die alte Dame schreibt an einem Blog, der Ukrainer schreibt Deutsch in ein Übungsheft, der Comiczeichner der an einer prätentiösen Graphic Novel arbeitet schreibt Tagebuch und seine Lebensgefährtin die sich von einem Arschloch-Start-up verheizen lässt wird mit App-Chatverlauf repräsentiert. Und zwischendurch taucht in Abständen die erwähnte Graphic Novel auf. Vom Konzept her eine spannende Sache, aber mit etwas Glück nimmt sich ein anderer Autor dieser Idee an. Die Jokes sind auf dem Level einer deutschen Beziehungskomödie aus den 90ern, es hagelt Klischees, die Plot Twists sind unglaubwürdig und die Figuren so unsympathisch dass man ihnen die Gentrifizierung an den Hals wünscht. Und die prätentiöse Graphic Novel ist, naja, prätentiös.
Kurzweilig, clever komponiert, nicht dumm. Und natürlich abwechslungsreich wegen der verschiedenen Perspektiven und Erzählmodi. Für meinen Geschmack aber zu plakativ, mit zu viel Message und zu wenig Tiefgang. Vielleicht bin ich auch einfach zu alt für sowas.
Thea und Tim mussten umziehen. Ihre alte Wohnung wurde nach der Sanierung zu teuer, jetzt wohnen sie vier Haltestellen hinter dem S-Bahnring und müssen sich neu sortieren. Während Thea einen neuen Job im Bereich Social-Media-Marketing annimmt und sich zunehmend tot arbeitet, versucht Tim daheim endlich seine Graphic Novel fertig zu stellen. Doch es gibt so viele Ablenkungen: Zunächst muss all der Dreck weggeputzt werden - denn Tim ist ziemlich ordendlich, während Thea eher im Chaos versinken würde. Und dann ist da Maxim, ein junger Mann, der vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet ist, ein bisschen in die Nachbarin mit dem hässlichen Hund verliebt ist und gerne mit Tim Deutsch üben möchte. Oder Dagmar Birkenberg, die 80jährige Nachbarin, die zunächst Probleme mit dem Internet hat, dann aber einen Blog mit Finanztipps für Rentner:innen schreibt. Wlada Kolosowa hat mit "Der Hausmann" einen sehr berührenden, teilweise beklemmenden und dann wieder sehr witzigen Roman geschrieben, der von Kriegstraumata, Altersarmut und Arbeitswahnsinn erzählt. Dabei wechselt sie je nach Perspektive das Erzählmedium: Tim berichtet aus der Ich-Perspektive, Maxim und Frau Birkenberg ebenfalls, allerdings lesen wir Maxims Gedanken aus seinem Sprachtagebuch und Frau Birkenbergs aus ihren Blogeinträgen. Besonders Maxims Bemerkungen zur deutschen Kultur und Sprache fand ich ganz wunderbar! Theas Arbeitsalltag verfolgen wir anhand von Slack-Chatverläufen mit ihrer Chefin und (eigentlich) Freundin Anna - bei denen mir regelmäßig schwindelig wurde, weil ich Theas Druck quasi gefühlt habe. Auch Tims Klimawandel-Graphic- Novel "Der kälteste Ort der Welt" (gezeichnet von Raúl Soria) können wir lesen. Das klingt vielleicht alles etwas überladen, ist es aber überhaupt nicht. Vielmehr fügt sich alles zu einer sehr warmherzigen, leichtfüßig erzählten Geschichte zusammen, die einen laut lachen und dann wieder hart schlucken lässt.
Weil ihnen die alte Wohnung gekündigt wurde, ziehen Tim und Thea an den Stadtrand von Berlin. Außerhalb des S-Bahn-Rings, Zweizimmerwohnung, kleiner Park mit Dealern gegenüber, abgelebte Zimmer, Hinterhof, hellhörig, im Sommer heizt sich die Wohnung sehr schnell auf. Während Thea in ihrem Beruf für eine junge Firma arbeitet, die veganes Hundefutter vertreibt und sich hauptsächlich darum kümmern muss, dass sie über die sozialen Netzwerke eine potenzielle Kundschaft erreicht, bleibt Tim, der "Hausmann" aus dem Titel und hauptsächlicher Erzähler des Romans, zuhause und arbeitet an seiner Graphic Novel zum Thema Klimawandel weiter. Sowohl die neue Wohn- als auch die unkonventionelle Arbeits- und Einkommenssituation stellen das Paar schon bald vor einige Herausforderungen.
Der Clou an diesem Buch ist, dass die an sich chronologische Handlung aus mehreren Erzählperspektiven erzählt wird, wodurch gewisse Vorfälle auch unterschiedliche Wertungen erhalten können. Während Tim uns aus der Ich-Perspektive erzählt, lesen wir Theas Chatverläufe mit ihrer Freundin und Arbeitskollegin Anna sowie die Tagebucheinträge des Ukrainers Maxim, einem Nachbarn von Thea und Tim, der seine Erlebnisse in einem Heft notiert, um besser Deutsch zu lernen. Und dann wäre da noch die Mieterin Dagmar, die einen Blog für Leute in ihrem Alter beginnt, um Senior*innen und Rentner*innen Tipps zu geben, wie man am besten Geld sparen kann. Durchbrochen wird der Prosatext des Weiteren von Tims Graphic Novel. Diese besondere Art des Erzählens ist herrlich erfrischend, vielseitig und unkonventionell, wie die Handlung des Romans.
Manchmal "berlinert" und hipstert es ein bisschen zu arg in der Geschichte, vor allem wenn wir Einblicke in das überdrehte Geschäftsmodell des veganen Hundefutter-Startups erhalten, aber das ist einerseits ja bewusst überspitzt und erzählt und andererseits sind wir hier glücklicherweise noch weit entfernt von einem "Allegro Pastell" eines Leif Randt.
Ehrlich gesagt war ich erstmal etwas skeptisch als ich dieses Buch geschenkt bekommen habe, aber es hat nicht lange gedauert bis es mich gepackt hat :) Dieses Buch ist ganz besonders, es ist aus vier verschiedenen Perspektiven geschrieben und jede erzählende Person hat ihren eigenen Stil. Da gibt es Tim, einen Künstler, der „ganz normal“ schreibt und von dem man Auszüge aus seiner Graphic Novel lesen kann. Von seiner Freundin Thea liest man nur die Chat-Nachrichten mit einer Freundin, die zugleich ihre Chefin bei einem Unternehmen für veganes Hundefutter ist. Eine der Nachbar:innen von Tim und Thea ist Dagmar, eine 80-jährige Rentnerin, die das Internet für sich entdeckt und über deren Blog man ihren Teil der Geschichte erfährt. Und nicht zuletzt Maxim, ein muskulöser, 19-jähriger Mann, der aufgrund des russischen Angriffskrieges aus der Ukraine nach Deutschland gekommen ist und jetzt auch mit Tim, Thea und Dagmar in Neukölln wohnt. Von ihm liest man Auszüge aus seinem Grammatik-Übe-Heft und man sieht nicht nur seiner Charakterentwicklung, sondern auch der Entwicklung seiner Deutsch-Fähigkeiten zu. Insgesamt zeichnen die Autor:innen in dem Roman ein Abbild eines Wohnblocks in Neukölln zwischen Armut und Gentrifizierung, reichen Eltern und Drogenhandel, Liebe und Rassismus. Und das mit ganz viel Einfühlsamkeit und Humor.
„Meine Seele schmerzt immer noch, also tranken wir viele Biere und klauten dann eine Ziege aus dem Kinder Zoo in Kreuzberg. Dann wussten wir nicht wohin mit ihr, und parkten sie vor dem netto.“
Selten so viel laut gelacht bei einem Buch, hab die Mischung aus Bildung, Vorurteilen, Realität und Traurigkeit sehr gemocht. Die ganze Aufmachung des Buchs, Chatverläufe, Blog-Einträge, Comics und Tagebucheinträge, waren einfach total abwechslungsreich, extrem witzig geschrieben und sehr unterhaltsam. Eigentlich mag ich sowas nicht so gerne, aber hab jede Seite dieses Buchs sehr gerne gelesen! Bitte lesen :)
Schöner Alltagsroman, der aus Sicht der Hausbewohner erzählt wird. Dabei lernen wir alle einzeln kennen, indem sie uns einen Einblick in ihr Leben geben und dieses anhand ihres charakteristischen Erzählstils (Blogeintrag, Chatverlauf, Lernheft,...) nahe bringen. Diese besondere Erzählform sowie die unterschiedlichen Lebensumstände der Charaktere, sorgen dafür, dass der Roman kurzweilig und unterhaltsam wird. Zudem musste ich am Ende über die ereigneten Missverständnisse und Auflösungen schmunzeln. Hat mich alles in allem zufrieden zurückgelassen und unterhalten.
Lustig und mit Sinn <3 It’s hard for me to decide on a favourite character in this book, all of them are special and quite Berlin-y, the comics about melting Zazimki and climate change deserves a special shout out, and toxic Slack conversations at the vegan dog food startup made me recall my last job
Das Buch hat mich sehr gut unterhalten. Ich habe geschmunzelt, war gerührt und überrascht. Viele aktuelle Themen wie die Klimakrise, der Krieg in der Ukraine, Gentrifizierung und Geschlechterrollen verwebt die Autorin aus der Perspektive mehrer Figuren zu einer runden Geschichte sowie einer illustrierten Geschichte innerhalb der Geschichte. Eines der besten Bücher des Jahres.
I read this book with a lot of help from Google Translate as my German is still not that good. It was heartbreaking but hopeful, especially for language learners. I loved seeing Maxim’s broken German peppered throughout.
Ich fand das Buch wirklich sehr unterhaltsam und abwechslungsreich. Bei den Geschichten von Maxim hab ich so gelacht. Das war wirklich wahnsinnig süß geschrieben! „Ganz genau“, ich sage. Er versteht! Ich will umarmen Tim, aber schwierig, weil wir Männer. Also ich boxe Tim in Schulter.. Dagmars Blogeinträge haben mir auch gut gefallen!