Von der Prager Vorhölle, einer schicksalhaften Ohnmacht, einem Sprung und dem seltsamen Trost von Chicorée. Mit »Trottel« ist Jan Faktor ein wunderbar verspielter, funkelnder, immer wieder auch düsterer, anarchischer Schelmenroman gelungen.
Im Mittelpunkt: ein eigensinniger Erzähler, Schriftsteller, gebürtiger Tscheche und begnadeter Trottel, und die Erinnerung an ein Leben, in dem immer alles anders kam, als gedacht. Und so durchzieht diesen Rückblick von Beginn an auch eine dunkle Spur: die des »engelhaften« Sohnes, der mit dreiunddreißig Jahren den Suizid wählen und dessen früher Tod alles aus den Angeln heben wird.
Ihren Anfang nimmt die Geschichte des Trottels dabei in Prag, nach dem sowjetischen Einmarsch. Auf den Rat einer Tante hin studiert der Jungtrottel Informatik, hält aber nicht lange durch. Dafür macht er erste groteske Erfahrungen mit der Liebe, langweilt sich in einem Büro für Lügenstatistiken und fährt schließlich Armeebrötchen aus. Nach einer denkwürdigen Begegnung mit der »Teutonenhorde«, zu der auch seine spätere Frau gehört, »emigriert« er nach Ostberlin, taucht ein in die schräge, politische Undergroundszene vom Prenzlauer Berg, gründet eine Familie, stattet seine besetzte Wohnung gegen alle Regeln der Kunst mit einer Badewanne aus, wundert sich über die »ideologisch morphinisierte« DDR, die Wende und entdeckt schließlich seine Leidenschaft für Rammstein.
Now Winner of the Wilhelm Raabe Prize (head judge Hubert Winkels, so no further questions); Shortlisted for the German Book Prize 2022 Jan Faktor gives us an unruly psychological text about the (real) suicide of his son who suffered from schizophrenia. The author's alter ego in the text shares quite some characteristics with Faktor himself: He's a Czech author from a Jewish family who moved from Prague to East Berlin, got involved with the independent writing scene and married an East German woman (fun fact: the real Faktor married the daughter of Christa Wolf). Scattered in the long-winded, highly associative text, we get very touching and sad scenes about the life of the unnamed son, and how it spiraled out of control: The obsessive-compulsive behavior, the mania, the drugs, the hospitals, the shattered relationships.
The novel is an attempt to process the suicide and how it relates to the narrator's life, which in this case means we get a broken autofictional autobiography; it also means that the narrator knows he is bound to fail, that he ultimately cannot portray his grief - Jan Faktor has spent twelve years writing this failure of a text (his own words) that intentionally mostly centers on the life of the protagonist, the son is more of a background figure that is nevertheless constantly present. The narrator tries to counter the sadness with humor, often captured in unusual language, wordplay, absurd dialogue and scenes as well as David Foster Wallace-esque meta-commentary on the functioning of the text as well as what is important and what is not. The messy result relates to the messy process of mourning, and whether this is really funny or not is probably a question of personal taste (I found it endlessly annoying).
I have to admit that the main feeling I got from the novel - and this does not apply to the scenes involving the son, but they are overall few - is boredom. I found the experimental parts to be stale, I thought the narrative tool to constantly stress the low quality of the text to be pretentious, and I frequently wondered why I should be interested in what I was told here (hello, Phlox - and again the question: Why are there no novels about the baseball bat years on the list, in a year highly influenced by quality literature about the issue?).
The narrator refers to himself as the title-giving "fool", and he also refers to the dead son as a fool - a metaphor rooted in sadness that can be seen in the context of the overall absurdity of life and the degree of helplessness we all have to deal with when facing it. I'm rather torn about the book, because I admire the concept, but really didn't enjoy the result. A book that should be longlisted, let alone shortlisted for the German Book Prize this is not.
Das Buch ist wie ein SpongeBob Serienmarathon! Anarchisch, chaotisch, bricht mit allen Konventionen, sprunghaft... Zitat: "Ich werde immer bestrebt sein, meine Prosa mit so wenig Müll vollzustopfen wie nur möglich" Mit diesem Nicht-Vorsatz trotteln wir in peristaltischen Wellen, sekretbehaftet im Wortneuschöpfungssumpf durch DDR-Welten und Prager Sozialismus-Erinnerungen, in heruntergenudelten Sätzen, durch die Tragödie des autofiktionalen Hackepeterprosa-Werkes von Jan Faktor, der den Suizid seines Sohnes auf eine provankante, gewagte Art bearbeitet und nebenbei viele Szenen des Alltags Ostberlins vs. Prag einsprenkelt und versprenkelt. Dieses mäandernde, verfälschte Erzählen ist stellenweise ultra komisch und richtig gut geschrieben. Meine Lieblingsszenen: 1.Der Profipendler und allerlei stinkende Köstlichkeiten im Zugabteil, 2.die epischen Auslassen darüber wie Literatur zu sein hat, wie er sie wahrnimmt und worauf er mal gar keinen Bock hat, 3.die inbrünstigen Gesangseinlagen der Deutschen, 4. der Besuch der Hautärztin
Trotz all des humoristischen Zerrbildes bleibt das, was er uns über seinen Sohn zu erzählen hat tragisch. Diese Erlebnisse sind mir sehr nah gegangen- egal wie nüchtern, überspielend trottelig er es literarisch verarbeitet. Zitat: "...Qualität einer billigen Tütensuppe....viel echter will ich das, was den Sohn betraf nicht spüren, schmecken."
Die ersten 40% haben mich echt Nerven gekostet. Wer einen Auffrischungskurs für Sekrete benötigt, sei herzlich eingeladen. Die Rammstein Ausführungen konnten mich nicht wirklich locken. Insgesamt versprüht er zu viele Banalitäten. Die weiteren 60% sind etwas konsistenter, zwar sprunghaft, hatten für mich deutlich mehr Substanz. Die konnte ich dann schneller lesen. Zu Beginn war nach 30 Seiten Hirnschmelze angesagt. So einigen Wortneuschöpfungen und Ausführen kann ich auch im weiteren Verlauf nix abgewinnen. Mit 400 Seiten ist das Buch in dem Stil und der Sprache schon ne Zumutung.
"Kennt ihr das, wenn ihr feiern geht und ein euch unbekannter Betrunkener labert euch an der Bar über sein Leben voll, während ihr einfach nur schnell neue Biere für euch und eure Freund*innen holen wollt? So ist dieses Buch."
Und das blieb 400 Seiten lang so. Die Stellen über seinen Sohn sind allerdings meistens toll.
Der Sohn hat sich vom Dach gestürzt. Mit dem Rücken voran, das Gesicht blieb unzerstört - sein Leben hat er trotzdem verloren. Der Vater dieses Sohns ist ein selbst ernannter Trottel und gleichzeitig der Ich-Erzähler in Jan Faktors autofiktionalem Roman "Trottel". Wie Faktor selbst ist der Erzähler seines Buches in den 1950er Jahren in Prag geboren, Ende der 1970er Jahre nach Ostberlin übergesiedelt und lebt dort mit seiner Frau. Von diesem Leben erzählt Jan Faktor. Von den Unterschieden zwischen Prag und Ostberlin, den Eigenheiten der Tschechien und der Ostdeutschen, von Gerüchen und Plätzen und Begegnungen. Einer Chronologie, einem zielführenden Erzählstrang folgt er dabei nicht. Vielmehr versteckt er sich hinter vielen Ausschweifungen, Albernheiten, Kommentaren über das eigene Schreiben und zum Teil gehässigen Witzen über seine Frau vor dem großen Schmerz. Vor der Verarbeitung des Verlustes seines Sohnes. Es dauert lange bis Jan Faktor in die Tiefen der Vater-Sohn-Beziehung vordringt. Bis er es wagt, echte, berührende Gefühle niederzuschreiben. Worte voller Zuneigung für den Sohn, voller Sorge um ihn und voller unvorstellbarer Trauer. Diese Passagen haben mich tief berührt und arbeiten immer noch in mir. Zeigen sie doch sehr deutlich wie psychische Krankheiten - der Sohn hatte die Diagnose Schizophrenie - nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Familie belasten. Und, dass sie tödlich enden können. Der Rest des Textes jedoch hat mich ziemlich schnell verloren. Zu wirr waren mir die Ausführungen, zu ermüdend die ständige, ach so lustig gemeinte Selbstkritik in Bezug auf das Schreiben. Für mich war das irgendwann nur noch eine Zumutung, ich begann querzulesen und mich auf die Sohn-Passagen zu konzentrieren.
Eine Welt in Phrasen, Scherben und Quisquilien … lieblos zusammengekleistert. Ausführlicher, vielleicht begründeter unter: https://kommunikativeslesen.com/2022/...
Die Gattung der Schelmenromane erhält einen weiteren Exponenten. Solche Romane zeichnen sich durch eine Erzählposition aus, die sich selbst durch den Kakao zieht. Alles ist in solchen Texten erlaubt: Ironie, Schwadroniererei, Abschweifungen und Täuschungsmanöver, auch krasseste Widersprüche und inhaltliche Inkonsistenzen. Da die verbindliche Erzählposition von Anfang an aufgekündigt wird, lässt sich im Grunde auch seitens des Publikums keine berechtigte Kritik mehr üben. Der Autor hat doch schon bereitwillig zugegeben, dass er nichts tauge. Wer also zu einem Buch namens „Trottel“ greift, es kauft und zu lesen beginnt, riskiert selbiger selbst zu werden:
„Erzähle ich zu viel Überflüssiges – oder sogar den reinen, unsauber randomisierten Unsinn? Das könnte der eine oder andere Begappte, Begrabbelte oder Graubegraulte vielleicht meinen. Dabei bremse ich mich – bei diesem konkreten Lab-Project auf jeden Fall – relativ brav und schreibe nur einen Bruchteil dessen auf, was mir so durch den Kopf geht.“
Wohlgemerkt handelt es sich bei Jan Faktors Text um keinen kurzen. Er umfasst knapp 400 Seiten, auf denen er ganz und gar nicht mit Platz und Inhalt haushält. Dass er behauptet, sich dennoch zurückgehalten zu haben, mag als weiterer Schelmenstreich gelten, denn auf den Hunderten von Seiten wird über alles und jedes berichtet, über Chicorée, über Betonblöcke, vermoderte Rohre in Wiesen, über Pumpernickel und Rammstein, über Sackkarren und Theodor W. Adorno, über Eheprobleme, die DDR und andere Wanddurchbruchsphantasien, und ach ja, auch über den Selbstmord seines Sohnes:
„Mein Sohn wurde genauso wie ich als Trottel geboren, er kämpfte dagegen ehrenhaft und lange genug unter stark widrigen Vorzeichen – und er hat sich schließlich aus Scham über sein in eine Sackgasse geratenes Trotteltum umgebracht.“
Der Vater jedoch lobt sich sein eigenes Trotteltum und schwadroniert unchronologisch über alles, was ihm gerade in den Sinn kommt, insbesondere über die Zustände und Umstände im Ostblock der 70er und 80er Jahre. Hierbei lässt er sich weder vom direkt angesprochenen Lektor, noch von der Grammatik oder vom bestehenden Wortschatz beirren. Sprachlich lässt Faktor keinen Stein auf dem anderen, aber weniger wie Elfriede Jelinek, um Phrasen zu unterminieren, als aus Jux und Tollerei, aus dem puren Vergnügen sein Publikum zu irritieren und irrezuführen:
„Am Ende garantiert dieses Generalintegral [des wirkungsmächtigen Textes], dass der geschaffene Monolith trotz aller einerseits zentrifugalen oder aber zur Implosion neigenden Kräfte und andererseits trotz aller resonanzBerstgeilen oder interferenzDumpfnivellierenden Kräfte ein doch ansprechendes Gebilde bleibt.“
Wer keine Angst vor Fremdwörtern und Neologismen hat, den beeindrucken Faktors mühevolle Versuche nicht, die Sprache an der Nase herumzuführen. Es gelingt ihm nicht. An keiner Stelle im Text schließen sich die Wortformulierungen verbindlich zusammen. Vielmehr stellt sich der Eindruck ein, dass der Text wieder und wieder durchgegangen, gestört, unverbindlich verunklart worden ist, so dass die Wortschöpfungen in „Trottel“ nur einen einzigen Eindruck zu transportieren vermögen, nämlich dass der Autor stets bemüht gewesen ist.
Wer experimentelle Literatur zu schätzen mag, ist mit dem diesjährigen Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse Tomer Gardi „Eine runde Sache“ besser beraten, obgleich nur im ersten Drittel seines Buches. Die Anzüglichkeiten und Zelebrationen des freien Lebens bringen die von Faktor viel zitierten Henry Miller and Anaïs Nin besser zu Papier, und zwar in allen ihren Werken, und wer am DDR-Alltag interessiert ist, erhält mit Jenny Erpenbecks „Kairos“ eine verbindliche und intensive Beschreibung, die unter die Haut geht. Bei Jan Faktor bleibt am Ende nicht viel übrig als biederer Eklektizismus und versteckte, sprachtranszendentale, alles zermürbende Trauer um einen verstorbenen Sohn.
Leider abgebrochen nach Seite 101. DNF Autobiographischer Roman, der wirr hin und her springt, der mich leider nicht genug überzeugt um weiterlesen zu wollen. Der Autor schreibt mit vielen Fremdwörtern und in seiner Erzählweise so wirr, sprunghaft, dass ich leider nicht dranbleiben kann. Der Klappentext hatte mir mehr Lust auf einen absurden Komik-Roman gemacht, was hier absolut nicht der Fall ist. Leider nicht für mich
Tja. Zuerst dachte ich noch: "He! Das lässt sich ja echt nett lesen, was hat das denn beim Deutschen Buchpreis verloren??" Aber dann fing das Buchpreis-Syndrom doch noch an durchzubrechen.
Dass der Ich-Erzähler aus Prag stammt, nach Berlin geht und dort seine Frau trifft, war noch einigermaßen klar zu erkennen. Die besetzte Wohnung mit Badewanne und das langsame psychische Abstürzen des Sohnes auch. Aber der Rest? Ein Sammelsurium an Wortneuschöpfungen (das war toll!), Worthülsen (das weniger) und Ausschmückungen in ungeahnter Menge - irgendwann habe ich dann komplett den Faden verloren, was mir der Autor eigentlich sagen will. Auch vermute ich, dass viele Wortspielereien wieder mal einen tieferen Sinn haben, den man erst entschlüsseln muss (wozu ich weder Zeit noch Lust habe); die Fußnoten sind eine nette Spielerei, aber ein Mehrwert ergibt sich daraus nicht.
Fazit: als Kandidat für den Buchpreis geeignet, für eine breite Leserinnenschaft dann doch eher nicht.
Sowas habe ich noch nicht gelesen: Ein Sprachgewitter geht nieder auf den Leser. Das ist nicht erzählende Literatur im eigentlichen Sinne, ein roter Faden sollte nicht erwartet werden, wie einst bei Lawrence Sterne ist die skurrile Abschweifung Prinzip. Die originelle Sprachakrobatik balanciert die schweren Passagen aus, die sich mir psychischer Krankheit und Selbstmord des Sohnes befassen. Diese sind authentisch, ehrlich, anrührend. Man sollte sich Zeit nehmen für dieses Buch, damit es wirken kann, zu viel auf einmal wirkt ermüdend.
In meiner Eigenschaft als Rezensentin bin ich in gewisser Weise spießig. Der Aufbau meiner Besprechungen lässt sich leicht schematisch darstellen und an erster Stelle steht mit einer Zuverlässigkeit von 99 % eine Inhaltsangabe. Heute nicht. Aus dem einfachen Grund, dass ich keine Ahnung habe, worum es in diesem Buch zentral gehen sollte. Ein paar Fakten konnte ich allerdings herausfiltern, die da wären: 1. Der Erzähler wächst in Prag auf. 2. Der Erzähler zieht nach Ost-Berlin und heiratet anscheinend und bekommt einen Sohn. 3. Tragischerweise verliert der Erzähler seinen Sohn durch Suizid. Wer darüber hinaus Informationen der inhaltlichen Art wünscht, muss sich diese selbst besorgen. Ich bitte darum, diesen Umstand zu entschuldigen.
Es gibt Bücher, die polarisieren. Jan Faktors “Trottel” hat es geschafft, mich in mir selbst in mehrere Lager aufzuspalten. Am einen Ende der Gefühlsskala finden wir den Teil, der frenetisch einen Jan-Faktor-Fan-Wimpel schwingt und bei jeder originellen Satz- und/oder Wortschöpfung vor Begeisterung hyperventiliert. Am entgegengesetzten Ende verdreht der Gegenpol die Augen, gähnt herzhaft und verlangt zum wiederholten Male einen sofortigen Abbruch dieser Zumutung eines Romans. Und in der Mitte steht die ratlose und verwirrte Rezensentin, der sich fragt, wer eigentlich auf die wahnwitzige Idee gekommen ist, über Bücher schreiben zu wollen/können.
Chronologisch betrachtet lief mein Leseerlebnis wie folgt ab: 1. Aufblühendes Entzücken 2. Schnelleintretende Skepsis (jemand, der mir erklärt, ein ausgemachter Trottel zu sein, kommt mir ähnlich suspekt vor wie jemand, der behauptet, immens humorvoll oder unerwartet sensibel zu sein) 3. Übersättigung 4. Verwirrung 5. Langeweile 6. Abbruchgedanken 7. Umschwung auf (und hier kommen wir zu einem vorgezogenen Geständnis:) die Hörbuchversion als letzte Chance, eine Art entspannte Abarbeitung nebenbei. 8. Begeisterung. Basteln eines zweiten Fan-Wimpels mit dem Namen Stefan Kaminski darauf. Grandios, dieser Sprecher, einfach nur grandios! 9. Übersättigung 10. Abbruchgedanken 11. Nachdenklichkeit 12. Einsichten (begrenzte) 13. Versöhnung
Jan Faktors Umgang mit der Sprache ist einzigartig. Vielleicht sogar genial. Aber genial auf eine wohlgesinnte Art, oder darauf ausgelegt, seine unschuldigen Leser in den Wahnsinn zu treiben? Zu fordern, wenn man es positiver formulieren möchte? Leicht macht er es einem jedenfalls nicht. Der Erzähler selbst stellt das Geschriebene metaphorisch gerne einer Achterbahnfahrt gleich. Als betroffener Leser kann ich da nur müde lächeln. Es sei denn, wir reden von einer Achterbahn, die permanent entgleist. Faktor stürmt so häufig von der Hauptbühne, um sich in Seitengassen durchzuschlagen, dass selbst ein Marcel Proust die Augenbrauen skeptisch hochziehen würde. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: ich war dieser Tour de Force nicht gewachsen. Es muss ja nicht gleich gefällig sein, aber wenn jemand mir als Leser etwas mitteilen möchte, weiß ich es zu schätzen, wenn er ab und an nachschaut, ob ich noch dabei bin. Noch dabei sein kann. So ist mir von dem Werk einiges entgangen, weil ich gerade meine müden Füße wahlweise in die Moldau oder Spree halten und wieder zu Atem kommen musste.
Faktor schafft es, gleichzeitig zu hetzen und so gut wie nicht von der Stelle zu kommen. Das, was ich letztendlich aus dem Roman mitnehmen werde, die Auseinandersetzung des Protagonisten mit der Krankheit und dem Suizid seines Sohnes, entfaltet sich nur langsam. Und braucht noch länger, um beim Rezipienten anzukommen. Die Diskrepanz zwischen dem amüsant chaotischen Stil und dem Alptraum des Geschehens ist erstmal befremdlich. Aber wer, bitteschön, bestimmt, wie Trauer richtig ausgedrückt wird? Ich jedenfalls, die ich mir sicher war, dieses Buch entweder abzubrechen oder in der Luft zu verreißen, fühle mich am Ende auf besondere Weise berührt. Vielleicht sogar belohnt. Und am Rande bemerkt: Faktor ist der erste Autor, dem ich seine Fußnoten verzeihe.
Ob das hier geschriebene jetzt eine Leseempfehlung sein soll oder nicht? Ich weiß es einfach nicht. Das kommt darauf an. Vielleicht. Oder besser nicht. Womöglich aber doch. Letztendlich kann ich allen Unentschlossenen nur eines sagen: Die Lektüre dieses Romans kann alles sein, Vergnügen, Erhellung, Gleichgültigkeit, Arbeit, Frust, Langeweile… Aber auf jeden Fall ist sie ein Erlebnis.
Eigentlich wollte ich das Buch nicht lesen, aber weil es auf der Shortliste der 6 Bücher stand, die für den Frankfurter Buchpreis nominiert waren, habe ich mich durchgerungen. Es ist ein verwirrendes, skurriles Buch. Aber es war sehr aufschlussreich, wie uns (DDR-Bürger) ein Tscheche gesehen hat. Hier ein Beispiel: " Die DDR galt in meinem versunkenen Land als ein Gehege von ideologisch morphinisierten Quadratschädeln, die von den Staats-, Einheitspartei und Medienorganen ununterbrochen verblödet wurden. Dem ist nichts hinzuzufügen, einfach genial die Kurzbeschreibung! Aber was heißt "morphisiereten"? Im Duden gibt es das Wort so nicht, jedoch "morphin" also im übertragenen Sinne "beteubend". Trotzdem weiß man, was der Autor damit sagen will. Es gab noch viele solche Wörter z.B.: Ziehharmonikanisierung, Plastizitätslücke oder transgenerationell. Alle stehen so nicht im Duden und man weiß beim Lesen sofort, was der Autor damit sagen wollte. Schon aus diesem Grund lohnt es sich, das Buch zu lesen. Ab und zu schweift er etwas aus und fachsimpelt über wissenschaftliche Themen, die kein Mensch versteht, ich jedenfalls nicht. Diese Stellen erinnerten mich an den "Turm" von Tellkamp, der über Schmetterlinge fachsimpelte. Diese Stellen konnte man getrost überlesen. Tellkamp wurde von Jan Faktor nebenbei auch erwähnt und er kam nicht gut weg bei der Sache. Dem kann ich mich nur anschließen. Siehe auch meine Kritik bei "Der Schlaf in den Uhren". Einen schönen Satz möchte ich noch zitieren, um Ihnen(euch) das Buch schmackhaft zu machen: "Die Stasi war das einzige pragmatische Instrument in dieser an ihren eigenen Idealen verblödeten und mit Blindheit geschlagenen Gesellschaft." Dass in dem Buch zwei Geschichten parallel erzählt werden ist vollkommen üblich und erhöht die Spannung. Auf jeden Fall gibt es viele Stellen zum Schmunzeln und Lachen. Man muss sich nur in die außergewöhnlichen Formulierungen hineinlesen.
Das Buch fing charmant (?) an, aber wurde leider bis zum Ende nicht besser. Oder ich habe einfach nicht gesehen, wohin das Ganze führen sollte. Der Autor wirft mit drastischen, schwierigen und auch manchmal sinnlos gewählten Wörtern um sich, dass die Lektüre leider alles andere als erfreulich war. Nun bin ich zwar der Meinung, dass nicht jede Lektüre erfreulich sein muss, solange man am Ende etwas erkennt, aber hier habe ich mich am Ende gefragt, was ich eigentlich gelesen habe. An sich ein interessanter Anfang mit dem "Trottel", was aber leider am Ende zu nichts verpuffte.
** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **