Als ich meiner Schwäche nachgab, wohl ahnend, was mich erwartete, hätte ich von meinem Bekannten, der mir dieses Buch lieh und mich zwang es zu lesen, am liebsten Geld als Entschädigung im Vorraus verlangt. Dieser war, da er mich kaum kennt, davon überzeugt dass dieses Buch mir gefallen würde, da es ihm, der wenig ließt und noch weniger nachdenkt viel zum nachdenken gab. "Ließ doch einmal nur etwas zeitgenössisches, du wirst sehen, da steckt mehr drin als du glaubst." Wohlan also ich Unzeitgemäßer.
Nach endloser Diskussion über den aktuellen Zustand der modernen Literatur in der er zwar Charakter genug hatte zuzugeben dass er unterlag, aber stur auf gerade dieses Werk pochte, willigte ich ein, dieses kleine Büchlein in 24 Stunden zu lesen und heute wiederzugeben, da er meinte man dürfe zwischen den Erzählungen nicht viel Zeit verstreichen lassen, weil sonst das Gesamtgefühl "futsch" sei.
Ich begab mich also tapfer und frohen Mutes, ohne Erwartungen, in die Welt dieses Herrn Schirach. Wen zum Henker interessiert denn diese kleine Erzählung, wird sich jedes vernunftbegabte Wesen mit Recht fragen. Sie sagt doch gar nichts über dieses Buch und seinen Inhalt aus. Stimmt, tut sie nicht, zumindest auf den ersten Blick.
Und genau so, fragte ich mich, während ich mich gestern durch dieses Buch bis zum Schluss quälte, wen und vorallem weswegen denn diese simplen, alltäglichen, trivialen, sterbenslangweiligen Erzählungen vom Herrn Schirach eigentlich irgendjemanden interessieren dürften? Will dieser Geschäftsmann und Jurist aus wohlhabender Familie mir etwa zeigen, wie allein oder einsam man doch eigentlich in dieser Welt ist? Sag bloß Sherlock!
Oder will er viel mehr seine moralischen Vorurteile mit, für einen weltreisenden Geschäftsmann alltäglichen, Geschichten unterstreichen, die er erlebt oder erfunden hat? Warum auch nicht, warum soll man denn nicht das tun, was alle anderen auch tun und zur Nächstenliebe, gar Menschenliebe, mahnen!?
Oder will er mit seinen netten, wenig schmeichelnden Anekdoten über Thomas Mann oder Fitzgerald sein Wissen kund tun?
Der liebe Herr Schirach leidet doch auch. So ist er gleich ziemlich zu Anfang schon seit 24 Stunden auf den Beinen, weil der große Schriftsteller ach so viele Interviews und Auftritte hinter sich hatte. Er war sogar in Taiwan und wurde über die dortigen Sitten und diversen Träumereien, durch die man eine gute Moral zur menschlichen Verbundenheit erzählen kann, aufgeklärt. Er ist gezwungen in ein Restaurant Kaffee und Wasser zu bestellen, trifft auf eine sehr nette, reiche Amerikanerin, die ihn über die schlimmen Arbeitsbedingungen in Japan aufklärt. Nein! Doof nur, dass ich all das worüber sie redeten schon vorher gewusst habe. Allmächtiger Herr, worauf will dieser Mitläufer hinaus? Will etwa er mir das wahre Leben zeigen, er, dessen offenbar schlimmste Erfahrung die war, sich als ein Enkel eines Nazis wissen zu müssen? Er, der aus einer gutbürgerlichen Familie kommt, im Leben wahrscheinlich nie materielle Sorgen hatte, die Welt als neues Literaturwunder bereist, nie die schlimmsten Abgründe der Menschen erlebt hat, wie etwa die als Jugendlicher von einem Mitschüler mit einem Messer angegriffen zu werden? Aber nicht doch, wir wollen nicht boshaft sein.
Ungefähr so geht es in einer Tour das ganze Büchlein hindurch, eine Erzählung nach der anderen, so schlicht, so alltäglich geschrieben, dass es perfekt zur heutigen Zeit passt: es liest sich schnell und flüßig, so wie es eben Spass machen soll, denn wehe wenn man die Konzentrationsfähigkeiten der heutigen Durchschnittsmenschen, die laut einigen Wissenschaftlern mittlerweile der einer Fliege gleichen, überstrapaziert.
Ich versuchte krampfhaft gerecht zu sein, aus diesen Geschichten etwas Inhalt, etwas lehrreiches abzuleiten und versagte größtenteils. Das sich so etwas aber so gut verkauft ist soziologisch und psychologisch gesehen sehr lehrreich. Ich habe jetzt auch kein tiefgründiges, philosophisches, psychologisch-genaues Werk erwartet, aber so viel Banalität und Langeweile auch wieder nicht. Vielleicht bin ich zu kopflastig, aber ich erwarte vom Lesen schon etwas mehr, als simple Unterhaltung. Wenn ich meinen Geist abstumpfen will, schalte ich den Fernseher oder Netflix ein. Herr Schirach weiß nichts zu erzählen, was man nicht schon vorher wusste und seine Begegnungen weisen lediglich auf seine Herdentiermentalität, seine lächerlichen Moralvorstellungen und den zeitgenössischen, erbärmlichen Verkehr unter den Durchschnittsmenschen.
"Allerwelts-Bücher sind immer übelriechende Bücher: der Kleine-Leute-Geruch klebt daran" hätte wohl Nietzsche gesagt.
Ich werde dieses Buch meinem Bekannten mit den schlimmsten Empfehlungen zurück geben, mir danach einen Kaffee bestellen, eine Zigarre rauchen, mich von meinen Mitmenschen deswegen anglotzen lassen und über den Zweck des Lebens nachdenken. Wie? Eine lächerliche Vorstellung? Ihr habt Recht. Denn es gibt keinen Zweck des Lebens, wir waren dumm genug überall einen Zweck zu sehen.