Djamila Ribeiro ist eine afrobrasilianische Schwarze Feministin, Journalistin und Philosophin. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wann und wo ich ihren Namen zum ersten Mal hörte, doch als ich sah, dass ihr kürzlich übersetztes Buch Wo wir sprechen. Schwarze Diskursräume zur Zeit in der Landeszentrale für Politische Bildung kostenlos erhältlich ist, wusste ich, dass ich mich schleunigst in die Hardenbergstraße aufmachen würde.
Schwarzer Feminismus und afrobrasilianische Perspektiven auf ebendiesen sind etwas, was mich schon seit einiger Zeit interessiert. Die Lektüre von Conceição Evaristos Roman Ponciá Vicêncio im letzten Jahr war ein erster Schritt in dieser Auseinandersetzung. Im Vorwort zu Ribeiros Buch schreiben die drei Schwarzen Frauen, die es gemeinsam ins Deutsche übersetzten, dass ihnen wichtig war, Ribeiros afrobrasilianische Perspektive authentisch zu übersetzen und den Text nicht zu europäisieren. Diesen Ansatz finde ich sehr spannend und die Übersetzung insgesamt gelungen. Besonders anregend fand ich die Wortwahl “versklavte Person”, da der Begriff “Sklave” das Verbrechen der Sklaverei auf sprachlichem Wege fortsetzt, indem es die Opfer zu einem nichtmenschlichen Sachwort (Ware, Handelsgut etc.) reduziert statt sie als Menschen in Erinnerung zu halten.
Trotzdem würde ich am Originaltext "kritisieren", dass Ribeiro sich von sich aus schon oft auf afroamerikanische und europäische Denker*innen bezieht, so bspw. auf Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Michel Focault, bell hooks und Sojourner Truth, und sich der Originaltext somit gut in einen US-amerikanischen und europäischen Feminismusdiskurs einreiht. Ich schätze die konkreten Bezüge zu der Situation Schwarzer Frauen in Brasilien und die (afro-)lateinamerikanischen Stimmen, die Ribeiro zitiert, trotzdem empfinde ich die Diskursräume, die der Text öffnet, als sehr europäisch.
Meine Haupt"kritik" am Buch ist auch tatsächlich, dass es mir wenig neues lieferte. Ich kenne mich mittlerweile recht gut mit (westlichen) Ideen zum Schwarzen Feminismus aus und bin recht vertraut mit afroamerikanischen Theoretiker*innen, die zu diesem Thema schreiben. Bis auf die afrobrasilianische Perspektive, die mMn zu kurz kommt, bietet Ribeiros Textes nicht viel neues, wenn man sich bereits mit dem Thema auseinandergesetzt hat.
Zudem finde ich die gewählte akademische Sprache und den Aufbau des Textes nicht unbedingt gelungen. Die Sprache ist nicht eingängig, oft schwer verständlich, und der Aufbau ist verwirrend. So startet Ribeiro mit einer kurzen Geschichtsabhandlung zum Schwarzen Feminismus, schreibt dann aber über Seiten nur über Sojourner Truth, so als ob diese den Ausgangspunkt zu Schwarzen feministischen Ideen bietet. Das Kapitel über Schwarze Diskursräume, über die es laut Titel des Buches gehen soll, ist nur 30 Seiten lang und nimmt so nicht mal 1/3 des Gesamttextes ein. Sehr schade.
Nun gut, lasst uns einige von Ribeiros Argumenten näher beleuchten.
“Das Beharren darauf, sich selbst nicht als “markiert” wahrzunehmen und der Diskurs darüber, wie Identitäten inmitten kolonialer Gesellschaften entstanden sind, führt dazu, dass weiße Menschen beispielsweise immer noch auf dem Argument bestehen, sie seien die einzigen, die sich um die Gemeinschaft Aller sorgen und dass Schwarze Menschen nur an sich selbst denken würden, indem sie ihre Existenz im und Teilhabe am politischen und intellektuellen Geschehen einfordern. Diese Menschen halten an der Idee fest, dass sie universell seien und für alle sprechen, sie beharren darauf, für andere zu sprechen, obwohl sie in Wirklichkeit mit ihrem Universalitätsanspruch von sich selbst sprechen.”
Im ersten Kapitel zur Geschichte des Schwarzen Feminismus geht Ribeiro verstärkt darauf ein, welches Machtgefüge und -gefälle durch den Kolonialismus und die Versklavung Schwarzer Menschen entstanden ist. Sie schreibt: “Der Anspruch auf Neutralität oder gar Universalismus zeigt eine Wiederholung eines alten, kolonialen Systems, das nicht wahrnimmt – oder zumindest nicht wahrnehmen will – dass es keinen neutralen Diskurs produziert, sondern aus einer Machtposition heraus spricht.”
Diese kolonialen Kontinuitäten ziehen sich bis in die Gegenwart. Wer darf sprechen? Wem glauben wir, wenn gesprochen wird? Welchen Diskursen schenken wir Glauben? Welche Diskurse kennen wir? Welche Diskurse kennen wir nicht? Und warum? All dies sind fragen, die sich moderne Feminist*innen stellen.
Schwarze Diskursräume zu schaffen ist eine der Hauptanliegen Schwarzer Feminist*innen. Schwarze Diskursräume sind Räume, in denen unseren Perspektive, Meinungen und Wissen Gehör geschenkt und Respekt gezollt wird. Es sind Räume, in denen wir unsere uns verweigerte Menschlichkeit wiederherstellen. Im hegemonialen Feminismusdiskurs fehlen, historisch gesehen, die Stimmen Schwarzer Frauen. Wenn im Mainstream von Frauen und Frauenrechten die Rede ist, sind meistens weiße Frauen und ihre Rechte gemeint.
Nach Sartre und Beauvoir ist die Frau das Andere, sie wird als "Objekt" vom "Subjekt", dem Mann, abgegrenzt. Die Schwarze Frau jedoch ist das "Andere der Anderen", in Abgrenzung zu weißen Frauen. Wegen dieser ideologischen Lücke, so argumentiert Heidi Sofia Mirza, bewohnen Schwarze Frauen einen leeren Raum, der Schnittpunkte mit den Grenzen von Ethnie (‘race’) und von Geschlecht (‘gender’) hat, dem sogenannten “dritten Raum”.
Diese Ab- und Ausgrenzung ermöglicht es, die Stimmen und somit auch die Realitäten Schwarzer Frauen auszublenden. Ribeiro erklärt: “Eine Realität nicht zu benennen, bedeutet, dass keine Verbesserung für diese Realität möglich ist, weil sie unsichtbar bleibt. Das Beharren auf der Idee, die Kategorie “Frau” sei universal und das Ignorieren existierender Unterschiede führen dazu, dass nur ein Teil dieses Frau-Seins sichtbar wird. Laut des Index der Gewalt gegen Frauen in Brasilien von 2015 ist die Anzahl an Morden an Schwarzen Frauen in den betrachteten zehn Jahren um 54,8% gestiegen, während dieselbe Zahl bei weißen Frauen um 9,6% gesunken ist. Dieser alarmierende Anstieg zeigt, dass ein ethnisch differenzierter Blick bei der Entwicklung politischer Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen fehlt, da Schwarze Frauen von den bisherigen Maßnahmen offensichtlich nicht profitieren.”
Ribeiro gibt noch weitere eindrückliche Beispiele, so wurden in den 1980er Jahren Schwarze Frauen in Brasilien zwangssterilisiert. Eine leidliche Erfahrung, die sie nicht mit weißen Frauen teilen. Schwarze Frauen prangerten diese Missstände an, was 1991 dazu führte, dass ein Untersuchungsausschuss ins Leben gerufen wurde, der bestätigte, dass diese unmenschlichen Praxen stattgefunden hatten. Wenn Schwarze Frauen nicht auf diese Realität aufmerksam gemacht hätten und nicht dafür gekämpft hätten, dass die Debatte über diese geschlechtsspezifische und rassifizierte Gewalt Gehör findet, hätten diese Praktiken ein noch gewaltigeres Ausmaß angenommen. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass Unsichtbarkeit tötet.
Nach dem Motto von Audre Lorde (“Your silence will not protect you.”) spricht sich Ribeiro dafür aus, dass Schwarze Frauen anfangen zu sprechen. Schwarze Diskursräume zu denken, bedeutet also für diejenigen, die subaltern sind, mit dem aufgezwungenen Schweigen zu brechen. Es ist eine Bewegung zum Bruch mit der gewaltsamen Hierarchie.
Sprechen, oder Diskurs, bringt oft Bestrafungen oder Repressalien mit sich. Daher fragt sich Ribeiro, ob deswegen oft als Überlebensstrategie lieber dem hegemonialen Diskurs zugestimmt wird. Hinzu kommt die von Grada Kilomba angesprochene weiße Angst davor, das zu hören, was das Schwarze Subjekt zu sagen hat (nach dem Freud’schen Konzept der Verdrängung).
Was ich durchaus spannend finde, ist, dass Ribeiro in ihrem Text den Fokus weniger auf die individuellen Erfahrungen innerhalb sozial konstruierter Gruppen als auf die sozialen Umstände, die solche Gruppen konstruieren legt. Ribeiro geht es um eine strukturelle Debatte. Es geht nicht darum, persönliche Erfahrungen hervorzuheben, sondern zu verstehen, wie die soziale Stellung bestimmter Gruppen Chancen begrenzt.
Im Großen und Ganzen ist Wo wir sprechen. Schwarze Diskursräume ein interessantes Buch, welches zum Nachdenken anregt. Uneingeschränkt empfehlen kann ich es aber leider nicht. Für jene, die sich mit dem Thema Schwarzer Diskursräume noch gar nicht beschäftigt haben, wird das Buch nur schwer verdaulich und wenig verständlich sein. Für jene, die sich auf diesem Themengebiet auskennen, liefert es leider zu wenig neues. Daher gibt es von mir nur 2,5 Sterne.