Seine große Liebe hat das Land verlassen, den verhassten Job ist er los, die früheren Freunde überhäufen ihn mit Schimpfworten. Francesco aber nennt ihn »Boy« und nimmt ihn im maulbeerfarbenen Cayenne seiner Mutter mit nach Frankreich. Sie sind Anfang zwanzig und auf Koks. Ihre Reise hat ein surreales Ziel.
Von Neukölln über Amiens in die Normandie. Sommertage, von Hitze betäubt, klebrig und schwer. In einer halbrenovierten Villa einer französischen Kleinstadt beziehen Francesco und der Erzähler Quartier. Sie gehört Gédéon, der von allen guten Geistern verlassen scheint und mal Hund, mal Katze, mal Märtyrer spielt. Francesco arbeitet in einer kleinen Kirche an seiner Kunstinstallation, während der Erzähler sich nur mit Mühe auf den Beinen hält.
Was nur ist geschehen an jenem Tag, da er verstoßen wurde? Warum ist Chaim nach Israel zurückgekehrt? Und weshalb nimmt der Erzähler nicht ab, wenn Hatice anruft? Ihm, der sich selbst nicht vertraut, ist längst alles entglitten. Das Suchen hat er aufgegeben, ans Finden glaubt er nicht. Er fährt allein an die Küste, wirft das summende Handy ins Meer und weiß dann doch, was zu tun ist.
Finn Job zieht in seinem rauschhaften Debütroman viele Sprachregister – vom hohen Ton bis zum delirierenden Trash: verspielt, facettenreich und eigensinnig. Er erfindet unvergessliche Szenen und überzeichnet phantasie- und lustvoll seine Figuren.
Finn Job wurde am 8. Mai 1995 in Hannover geboren. Nach seinem Abitur zog er nach Berlin und brach allerlei Studiengänge ab, um in Ruhe lesen zu können. Er arbeitet als Kellner und Lektor. Hinterher ist sein erster Roman.
Finn Job's debut is a late Millennial Faserland mixed with Michel Houellebecq and Marcel Proust, and unsurprisingly, I'm here for it. The nameless protagonist/narrator is a college drop-out who works as a barkeeper (much like the author), and even after two years, he suffers greatly that his Jewish boyfriend Chaim left him and now lives in Tel Aviv. Tired of Berlin and its stale hipster culture, he joins his buddy Francesco on a road trip to Normandy, where the artist plans to work on an installation in an abandoned church (which is of course devoted to Saint Michel!): Francesco aims to cover the interior with aluminum foil, so that instead of God, visitors can meet themselves. When they arrive, the protagonist discovers that they will stay with Gédéon, an eccentric who lives in a decrepit building that he still tries to turn into a hotel. Constantly infused with copious amounts of alcohol, cocaine and speed, the journey into the depth of the protagonist's despair becomes... alarmingly comical? As the story progresses, it becomes more and more surreal.
So yes, we have an unreliable narrator who takes a trip and looks for transcendence, who finds Francesco's artistic idea ridiculous and undercomplex. Also, he is haunted by German history and affected by homophobia, and sees his love Chaim being threatened by antisemitism: The dark core of the text is an incident that happened two years ago, when the protagonist and Chaim kissed on the street in Berlin-Neukölln, and where subsequently threatened and chased. Coming back to the apartment-share where Chaim lives, their friends criticize the terrified protagonist for calling the pursuers (who obviously had migration background) "dirty pack", and ponder whether two gay guys, one of them Jewish, kissing in the street, was unsettling to the aggressors due to cultural reasons and thus insensitive. Here, real violence is argumentatively countered with verbal violence and emotional distress - and the protagonist pukes (hello, protagonist in Faserland).
So while this novel clearly criticizes the forms of identity politics that are about reducing complexity and providing easy answers, narcissism, and ideology, it does not fall into the trap of becoming undercomplex itself: The protagonist is a rather terrible person, lost in his sadness and self-pity, numbed out on drugs, ultimately hurting Chaim and ignoring his friend Hatice when she needs him most.
For Christian Kracht fans like me, it's a pleasure to read this in the context of his work - actually, I picked up the book because in the author picture, Job is styled like the young Christian Kracht, giving off Tristesse Royale: Das popkulturelle Quintett vibes. This guy clearly attended the Kracht/Michel Houellebecq/Ottessa Moshfegh school for literary marketing, so we need read the whole presentation of the book and of himself as the theatrical production. And while my description of "Hinterher" already oozes parallels to Kracht, there are also super-fun details, like the mulberry-colored Porsche Francesco drives (hard Kracht stans know about the enigmatic turquoise Porsche in Faserland, that in the first audiobook version suddenly turns into a mallow-colored Porsche (apparently a reference to Proust!), and in the second audiobook version into a mulberry-colored Porsche - and is now a mulberry-colored Porsche in all current editions; then, Job writes about the smell of poverty, while Kracht writes about the look of poverty on the human body; and there are many other references). There is music, mise en abyme, literature, art - pop lit in general, from art historian Eckhart Nickel to the real son of a pastor (the protagonist describes himself as such), Benjamin von Stuckrad-Barre.
Topics like Islamism, religion, terror, and morality feature in a very Houellebecquian manner (at one point, the author is even mentioned), and in search of the lost time with Chaim, the protagonist makes a trip to Cabourg, which is the real Balbec in À la recherche du temps perdu. Job's language is very particular, current and often presented as secondary orality, but then, especially in parts that start with synonyms to "although", it jumps into high language - very interesting.
A highly interesting debut that requires a lot of tolerance for ambiguity - this is the kind of stuff literary prize lists should highlight, to give young authors like Job some well-deserved attention.
QUOTES: „Chaim hatte immer gesagt, das Leben nach der Shoah fühle sich an, als sei es eine einzige Farce, ein einziges Danach, ein Hinterher. Und ich verstand, dass er das nicht als Jude zu mir gesagt hatte – nicht, oder nicht nur. Ja, mehr noch: Ich sah überall das Ende nahen, das Ende der Scham.“
"Diese dämlichen Linguisticturnwicher, die dich steinigen, wenn Du falsch genderst, die aber realexistierende Gewalt nicht einmal erkennen, wenn sie direkt vor ihnen steht - solange sie sich nur eine nette Bezeichnung dafür aus dem Ärmel schütteln können."
Ich habe dieses Buch Anfang des Jahres wirklich gern gelesen, es als kurzweilig und originell empfunden und die einem Fiebertraum gleichende Atmosphäre regelrecht aufgesogen. Gleichzeitig bin ich etwas ermüdet von der Allgegenwärtigkeit des Autofiktionalen im zeitgenössischen Literaturbetrieb. Verschwimmende Grenzen zwischen Autor und lyrischem Ich sind kein neues literarisches Phänomen und ich habe prinzipiell auch nichts dagegen einzuwenden.
Was mich allerdings stört, ist die damit einhergehende (in Ermangelung eines besseren Begriffs) Unangreifbarkeit: In einigen Passagen gewann ich den Eindruck, dass der Autor krampfhaft versuchte, seinen sicherlich beeindruckenden Bildungsstand zu kommunizieren - so konnte ich kaum nachvollziehen, welche Relevanz ein ellenlanger Absatz über die Anordnung verschiedener Romane im Bücherregal hat, außer dem Leser zu versichern, dass all diese vom Autor erfolgreich rezipiert wurden. Nur: Spricht hier der Autor oder der „Boy“? Es erschiene mir billig, eine solche Eitelkeit als vorauseilende Verteidigung seinem Protagonisten überzustülpen. Die Selbstinszenierung wirkt jedenfalls nicht sonderlich sympathisch, was der Qualität seines Textes natürlich keinen Abbruch tut.
Finn Job kann nämlich wirklich toll schreiben. Wenn er sich jetzt nur noch die exzessive Nutzung abgedroschener Formulierungen abgewöhnen würde! Jedes anfangs interessante rhetorische Mittel avanciert zum Klischee, wenn es auf beinahe jeder Seite genutzt wird: „Besser, ich ging zurück, besser, ich lief davon…“, „20x behände und flink“, besonders unschön und prätentiös: „obschon/obzwar/wiewohl etc.“ - mir ist bewusst, dass der repetitive Charakter dieses Schreibstils eine Wirkung entfalten sollte, mich hat sie leider gar nicht abgeholt.
Ich habe diesem Buch angemerkt, dass es sich um einen Debütroman handelt. Gern hätte ich es mit 3,5 Sternen bewertet, da mir dies leider nicht möglich war, musste ich mich auf 3 beschränken. Dennoch gebe ich hiermit eine Leseempfehlung ab. Wer Faserland mochte, wird sich mit Hinterher wohl nicht langweilen, wen der Gen Z-Zeitgeist nervt, wird sich hier verstanden fühlen und wer sich nach homosexuellem Begehren abseits queertheoretischer Diskurse sehnt, wird bedient.
Ich würde gern noch mehr dazu sagen, leider ist die Lektüre mittlerweile so lange her, dass ich nicht mehr viel hinzufügen kann, ohne allzu vage zu werden.
Wieder einer dieser Romane, der streng genommen keine Erzählung ist... Eine endlose Aneinanderreihung von Nullsummen-Beschreibungen... Immerhin nicht so schlimm wie bei Christian Kracht!
Vielleicht bin ich mit etwas falschen Erwartungen hineingestolpert und fühlte mich daher von der Dauerpräsenz des Drogenkonsums überrollt. Dieser hat auch etwas übertriebenes/überzogenes an sich, aber nicht nur der auch vieles anderes in dem und an dem Buch ist überkonstruiert. Es ist sehr klar erkennbar, dass es sich um einen Debütroman handelt. Die Sätze wollen beeindrucken, Metaphern geschaffen werden, usw. Der Schreibstil ist nicht schlecht, gefiel mir sogar recht gut. Die Geschichte bzw. die Situation eher weniger. Es weckte in mir kein großes Interesse. Auch die Figuren nicht unbedingt. Da hilft das abrupte Ende auch eher wenig. Es wird kaum ein Geheimnis um die Anlehnung/Anbiederung an Kracht, Houellebecq gemacht. An mancher Stelle will das Buch oder die Hauptfigur anecken, welcher der beiden es ist, ist nicht ganz klar ersichtlich. Ob der Autor sich ein wenig über seinen Protagonisten lustig macht oder ihn doch als Sprachrohr benutzt. Jedenfalls, will sich von den Anderen abgenabelt werden. Ein wenig auf der dünnen Eisoberfläche gehüpft werden. Manchmal schießt er in die richtige Richtung, manchmal wirkt es ermüdend redundant. Die Figur, die mit der Gegenwart wenig anfangen kann, hauptsächlich auf Altes referiert.
Das Erhöhte/Überspitzte hätte besser in eine Kurzgeschichte gepasst. Auch so eher wenig radikales oder aufregend neues zu bieten. Das Gebotene ist allerdings nicht schlecht, es hat was zu bieten. Promising, eine typische Debüt-Eigenschaft. Weniger das Vorliegende und mehr das was vielleicht noch kommen könnte.
Also das Buch liest sich echt flüssig, aber diese Umgangssprache von Francesco war so dermaßen nervtötend, dass es tatsächlich ein Grund gewesen wäre nicht weiterzulesen hahaha. War aber echt nichts besonderes, hab auch irgendwie nicht verstanden was der Sinn dieser Geschichte jetzt war aber kann man sich mal geben.
Der Mann kann schreiben. Finn Job schafft es, dass Sprache & Handlung Hand in Hand gehen, aber genau deswegen ist es gewollt drüber und trifft bei mir keinen Nerv. Klassischer Fall von „Geschmackssache“
I loved the portrait of the young heart-broken protagonist, his bleak wit, and his way of using those around him to feel superior though he clearly is falling apart.
My biggest problem, however, was the islamophobia that seems to run through the entire book.
At first, when the protagonist is afraid of going to Neukölln, I explained it as poking fun at his less redeeming sides. As queer person living in Neukölln for over 11 years now, I could definitely see the humour in his exaggerated fear. Also, his aversions are fed by trauma and heartbreak, so it's mostly just the kind of islamophobia that's mostly supposed to say something about the protagonist, right?
But then the author starts arranging the plot (stretching it sometimes beyond credibility) to show that the fear of setting foot in Neukölln is indeed very well founded. For example when the protagonist ALMOST gives his boyfriend a rare public kiss, the first EVER in Neukölln, and within seconds there's a whole gang of kids on bikes surrounding and threading them. And that's just one example.
I have no problem with an unsympathetic protagonist, however, it does annoy me how the plot often seems inelegantly arranged to confirm his Islamophobic views, and as I read along this increasingly tainted an otherwise quite wonderful book.
Sprachlich macht die sehr rasante Erzählung immer wieder sehr Spaß. Leider verliert sich der Autor allerdings immer wieder in absurde, bisweilen paranoide, politische Anklagen oder die Selbstdarstellung der eigenen Bildung. So wird eine halbe Seite Bücher aufgezählt, die der Autor wohl gelesen hat. Ansonsten ist der Einblick in das völlig verkommene Seelenleben der Hauptfigur lange Zeit sehr interessant, bis es aus meiner Sicht sehr in die Wehleidigkeit abgleitet. Ich hoffe allerdings meine Antipathie der Figur gegenüber war beabsichtigt.