Was bleibt mir denn anderes übrig, als so einem offenherzigen, ehrlichen, ergreifenden und darüber hinaus hervorragend geschriebenen Buch die vollen Sternenzahl zu geben? Da kann ich mich über Judith Holofernes noch so aufregen über manchen Passagen ihres Lebens nach den Helden, über Widersprüche in ihrem Denken und Handeln, über ihr Selbstbild, am Ende muss ich mich selbst fragen: Wer bin ich, dass ich darüber werten kann? Wir sind alle so fehlerbehaftet wie die nach außen selbstbewusste und starke Frontfrau einer der coolsten Gruppen dieses Jahrtausends. Ich hatte die Frau, die reklamierte, dass sie ihr Leben zurück haben möchte und Dr. Best und seinem Sohn mit ihrer Konsumkritik in den Arsch getreten hatte, eigentlich als brave Superpunkheldin idealisiert. Und dann schreibt sie diese Biografie über die Zeit nach den Helden, die ihr zeigte, dass der Ruhm nicht konserviert werden kann. So wie es vielen Solokarrieren von Mitgliedern großer Bands ging. Wer kann hier aus dem Stegreif fünf Songs von Mick Jagger oder Paul McCartney nennen? Das ist halt der Laufe der Dinge in einer Branche, in der es schwer ist, den Erfolg zu halten. Doch letztlich geht es auch Holofernes nur um Verkaufszahlen. Sie braucht lange bis sie den Weg ändert, und ich denke, dass sie jetzt glücklich ist mit Tiergedichten, Patreon und Bücher schreiben. Ich würde es ihr wünschen, denn sie kann nicht nur gute Lieder texten, ihre Prosa weckt die Freude, dass sie dem Schreiben treu bleibt. Ich habe ihren Werdegang sehr gerne gelesen, aber eine Kritik muss am Ende doch sein: sie hat nicht den Traum anderer Leute geträumt, sie hat lange Jahre ihren Traum gelebt, der bestimmt am Anfang nicht der Auftritt auf dem Rock am Ring war. Aber da ist sie hereingewachsen und hat es auch geliebt. Sie ist widersprüchlich, ein eitler Punk. Die meisten von uns, deren Beruf nicht ihre Berufung ist, leben die viele Stunde des Tages den Traum anderer Leute zum Broterwerb. In diesem Punkt ist sie schon privilegiert und trotz aller Klagen während des Buchs, kommt es am Ende dann doch heraus, dass sie das Leben geschätzt hat, dass sie als Künstlerin bisher lebte. Das gab mir dann auch ein sehr warmes und wohliges Gefühl, nachdem die letzte Seite gelesen war. Alles Gute, Judith Holofernes, ich würde mich freuen, wieder von dir zu hören, irgendwann, nicht nur zu lesen.