Eine "lustvolle Grenzüberschreitung", die Clavadetscher lieber mal gelassen hätte.
Auf der Webseite von Martina Clavadetscher steht, sie gebe den abgebildeten Frauen in Vor Aller Augen „eine Stimme zurück“. Als eine Art Befreierin oder Erlöserin dieser „verstummten“ Frauen, wird Martina Clavadetscher gelobt, dieses „feministische Projekt“ angegangen zu sein. Im Nachwort scheint die Autorin dann aber einzusehen, dass es „durchaus dreist [sei], die Perspektive einer Frauenfigur einzunehmen, die [sie] aus persönlicher Erfahrung möglicherweise nicht haben kann“ (S. 230). Rechtfertigen tut sich die Autorin mit der „Anmaßung der Fiktion“ und der Definition der Literatur als „lustvolle Grenzüberschreitung“. Trotz dieser Bedenken entscheidet sich Clavadetscher „diese Leben trotzdem zu erzählen,“ denn das gehöre zur „wunderbaren Arbeit einer Autorin“. Obwohl die Autorin einen wichtigen Punkt anspricht, nämlich dass ihre persönlichen Erfahrungen begrenzt sind, überschreitet sie diese Grenze dennoch.
Vor allem bei den beiden Geschichten der „Madeleine“ (S. 70) und der „Tevahine“ (S. 154) überschreitet Clavadetscher eine zentrale Grenze: Die der Hautfarbe. In beiden Geschichten schreibt sie als weiße Frau in der Perspektive der beiden nicht-weißen Frauen. Was die Autorin als „lustvolle Grenzüberschreitung“ beschreibt ist eine Projizierung ihrer Erfahrungen als eine privilegierte Frau, in diesen beiden Fällen das Privileg ihrer Hautfarbe, auf Frauen, die dieses Privileg eben nicht genießen. Dabei „behauptet“ sie, wie sie es selbst im Nachwort nennt, diese Perspektive angemessen wiedergeben zu können . Die Diskriminierung gegen Frauen wird so auf das Geschlecht reduziert, die Art von Geschlechterdiskriminierung, die weiße Frauen eben kennen. Doch die Diskriminierung geht eben über diese westliche Definition der Frauendiskriminierung.
Während weiße Frauen wie Clavadetscher spezifisch mit der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts konfrontiert sind, kommen bei nicht-weißen, oder nicht-westlichen, Frauen Aspekte wie Rassismus noch obendrauf. Nicht-weiße Frauen erleben eine gewisse Doppel-Diskriminierung, die Clavadetscher eben nicht verstehen kann, möge sie so viel recherchieren oder hinzudichten, wie sie will. Aber trotzdem nimmt sich die Autorin das Recht, was von ihr durch die Anmaßung und dadurch, dass die Dichtkunst sowieso „immer Einbildung“ ist, begründet wird.
Für sie als Autorin möge die Perspektive einer nicht-weißen Frau reine Fiktion und Imagination sein, doch für viele Frauen ist es die Realität. Sie überschreitet eine Grenze, die sie als weiße Frau nicht zu überschreiten hat . Sie kann sich möglicherweise zusammenreimen, wie es sich anfühlen könnte, in der westlichen Welt eine nicht-weiße Frau zu sein, sie wird es aber schlichtweg nie verstehen und fühlen können . Den gewünschten Effekt des „Frauen eine Stimme zurückgeben“ hätte sie wahrscheinlich mit einem kunsthistorischen Buch besser erreicht, ohne die Grenze zu überschreiten und auch ihre Plattform hätte sie nutzen können, um nicht-weiße Frauen tatsächlich reden zu lassen, beispielsweise durch Co-Autorschaft, ohne ihnen Worte durch ihre eigene Perspektive in den Mund zu legen .