Auf einem Kontinent, wo Politiker massenhaft versagen, werden Gründer zu Helden Das ist kein Buch über Afrika. Sondern ein Buch über Menschen von dort. Über die, die es besser machen, innovativer – erfolgreicher. Dafür haben Sophia Bogner und Paul Hertzberg in Goldminen und Co-Working-Spaces recherchiert, in Fabrikhallen und Fashion-Ateliers, an Bord von Tanklastern und im Busch. Nahbar und persönlich porträtieren sie außergewöhnliche Unternehmerinnen und Unternehmer. Es geht um junge Gründer und altes Öl, um Innovation und Korruption, darum, wie man im Krisengebiet Geld verdient, mit Tourismus die Natur rettet und mit Hautcremes gegen Rassismus kämpft. Gleichzeitig stellt das Autorenpaar die ganz großen Fragen: Was geschieht mit dem letzten noch fast unberührten Markt der Welt? Was hat mehr Einfluss, chinesisches Investment oder westliche Entwicklungshilfe? Verpasst Europa Afrikas Boom? Und: Was machen afrikanische Unternehmer besser? »Sophia Bogner und Paul Hertzberg sind ein großartiges Duo, das für die Porträts afrikanischer Unternehmerinnen und Unternehmer einen ganz eigenen Ton gefunden hat. Berührend und erhellend.« Gabriele Fischer, brand eins »Dieses Buch füllt eine Lücke. Mit vielen persönlichen Beobachtungen geschrieben, zeigt es den Lesern bisher kaum bekannte Eindrücke über kreatives Unternehmertum in Afrika. Sehr lesenswert!« Herbert Henzler
Mit 24 Jahren hatte die Informatikerin Samrawit Fikru alles satt. Jeden Abend wartete sie nach der Arbeit auf ein Taxi; denn sichere und erschwingliche Verkehrsmittel gab es 2014 in Äthiopien nicht. Entweder fand sie erst gar kein Taxi oder wurde von unzuverlässigen Fahrern abgezockt. Mit ineffektiven Staatskonzernen und erstarrten Strukturen, die keine Veränderungen zuließen, war es in ihrer Heimat „schon immer so“ gewesen. Wie die Wirtschaft eines Landes wachsen kann, in dem nichts funktioniert, fragt man sich besser nicht. Schon als Informatikstudentin war die junge Frau mit der Idee eines effektiven Warenwirtschafts-Programms gescheitert, weil Unternehmen es zwar nutzen, aber nicht bezahlen wollten. Die Idee, dass regelmäßige Inventuren dem täglichen Schlendrian ein Ende bereitet hätten, Firmeneigentum auf eigene Rechnung zu verscherbeln, liegt nahe. Doch dieses Mal trifft Samrawit Fikru mit ihrer Ride-Sharing-App mitten ins Schwarze. Schließlich ist der gesamte Kontinent Afrika notgedrungen Geburtsort von Ride-Sharing. Samrawits App bietet ihren Usern sicheren Transport, faire Preise auf vorgeschriebenen Strecken und den Fahrern planbare Arbeitstage bei sicherem Einkommen. Die junge Nation, die von alten Männern regiert wird, ist allerdings noch nicht bereit, eine kluge junge Frau im Geschäftsleben zu ertragen. Vor der Nutzung der App liegt der Kampf gegen verkrustete Strukturen und einen einflussreichen Männerbund, genannt Taxifahrer-Lobby.
Sophia Bogner und Paul Hertzberg beklagen in der Einleitung ihres hochinteressanten Buches ein Desinteresse deutscher Medien an Afrika-Themen, das sie feststellen mussten, wenn sie als freie Journalisten ihre Reportagen verkaufen wollten. Allein, dass meist undifferenziert von „Afrika“ gesprochen wird, wenn nur einer oder wenige der 55 Staaten gemeint sind, zeigt bereits, wie fern afrikanische Angelegenheiten uns Europäern sind. Die Kartenausschnitte vor den 15 Kapiteln in „Jenseits von Europa“ zeigen einen Cluster weniger Staaten, aus denen sie berichten und der sich in Zentralafrika vom Senegal bis Äthiopien zieht, ergänzt von 3 Staaten im südlichen Afrika. 40 weitere Staaten bleiben jedoch weiß.
15 Biografien von Start-Up-Talenten stellen jeweils Persönlichkeiten vor, die mit ihrer Geschäftsidee ein Problem anpackten, das zuvor unlösbar erschien. Wie sollen Unternehmen Waren und Dienstleistungen liefern, wenn die Treibstoff- und Stromversorgung unzuverlässig ist, wie überhaupt arbeiten, wenn zunächst die Straße zum Firmengelände selbst angelegt werden muss? Vom Mangel an zuverlässigem Personal noch nicht zu sprechen. Die Branchen reichen vom Warentransport, Sicherheitsgewerbe, über Solarenergie, Mode, Naturschutz, lokale Fernsehprogramme, diverse Software bis zum Mineralölhandel in einheimischer Hand. Auch wenn die Auswahl herausragend talentierte Frauen zeigt (Frauen sind seltener kriminell, weil sie Kinder zu versorgen haben), sind die Hälfte der Start-Up-Talente Männer. Nicht alle Personen sind Schwarz; denn zur Kultur afrikanischer Staaten gehören als Erbe der ehemaligen Kolonialherren auch im Land geborene Weiße …
Es geht bei den vorgestellten Geschäftsideen häufig um Vertrauen, Zuverlässigkeit und die Fähigkeit das eigene Geschäft im großen (sozialen) Zusammenhang zu sehen. Gerade die Unternehmerinnen pochen auf Zero Toleranz gegenüber Schlamperei und Korruption. Ihre Angestellten jedenfalls sind mit Zuverlässigkeit und Korrektheit wirtschaftlich erfolgreicher als im alten Schlendrian, der zuvor ganze Volkswirtschaften lähmte. Bogners und Herzbergs Interviewpartner*innen haben gelernt, dass sie selbst von der Pieke auf ausbilden und sich in ihren Unternehmen wirklich um alles selbst kümmern müssen. Ihre Arbeit wird oft nur geschätzt, wenn sie etwas kostet – und ganz besonders beharrlich müssen offenbar Schwarze Frauen sein, die etwas auf die Beine stellen wollen.
Die Reportagen haben einen hohen Wiedererkennungswert für Leser*innen, die auf dem afrikanischen Kontinent Erfahrungen mit Bürokratie und Schlendrian aller Art machen konnten. Bogner/Hertzberg wecken das Bewusstsein für allzu bequeme Afrika-Klischees aus europäischer Sicht und verdeutlichen, dass Lösungen lokaler Probleme „von unten“ kommen müssen, von der Generation Samrawit Fikrus. In Europa verwöhnt davon, uns bisher nicht um die Straße zu unserem Arbeitsplatz und die Energieversorgung selbst kümmern zu müssen, können die Unternehmer*innen-Porträts Anreiz sein, selbst agiler zu denken und sich verkrusteter Strukturen bewusst zu werden. Mitreißende, flott lesbare Reportagen hinter einem leider nichtssagenden Buchcover.
Die europäischen Narrative von Afrika sind sehr häufig ziemlich eindimensional: Entweder ist da das Herz der Dunkelheit - Hunger, Krisen, Konflikte, Armut und Aids, die geballte Häufung von Negativschlagzeilen und Verzweiflung. Ein hoffnungsloser Fall, buchstäblich. Oder aber das Traumparadie der Strände und Safariurlauber. Beeindruckende Landschaften, große Weite, wilde Tiere, out of Africa Idylle. Die Menschen der bereisten Länder sind entweder dienstbares Personal, folkloristisches Beiwerk (Massai, hüpfend in roten Shukas) oder Empfänger milder Gaben - manche Urlauber bringen gerne einen Koffer Altkleider sowie Sammlungen von Bonbons und Kugelschreibern unter die Leute, stets überzeugt, dass sie damit Leben verbessern.
Insofern ist es ausgesprochen positiv zu sehen, dass das Journalistenduo Sophia Bogner und Paul Hertzberg mit dem Buch "Jenseits von Europa" solchen Klischeevorstellungen den Kampf ansagt. Das Buch ist eine Sammlung von Reportagen, die sie im Laufe von etwa vier Jahren bei wiederholten Reisen nach Afrika recherchiert haben. Es geht darum, die Stereotype gegen den Strich zu bürsten. Hier werden nicht rote Erde und Dornakazien oder Elefanten vor dem Hintergrund des Kilimanjaro besungen, es geht um Innovation, um Aufschwung, um die rasant zunehmende Mittelschicht. Es geht um ehrgeizige und gut gebildete Afrikaner*innen mit ihren Vorstellungen, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen.
Im Mittelpunkt stehen meist Unternehmerinnen und Unternehmer, die digitale Wirtschaft, aber auch Konzepte, die sich etwa den Herausforderungen zur Verbesserung der Infrastrukur auf dem riesigen Kontinent stellen. Dabei sind die beiden nah dran an ihren Protagonisten, gelegentlich zu nah, als das zu genau nachgefragt wird. Hier ist denn auch ein Schwachpunkt des Buches: Junge vermutlich hippe deutsche Journalisten befragen junge hippe afrikanische Unternehmer. Die gibt es natürlich - aber so bleibt sehr viel ausgeklammert. Man bewegt sich überwiegend in urbanem Umfeld. Die Herausforderungen des ländlichen Raumes, die Tatsache, dass die Gesellschaften eher konservativ geprägt sind und längst nicht alles in dem Tempo läuft, das junge ambitionierte Träger des Wandels anstreben - davon ist kaum die Rede. Auch Korruption und überbordende staatliche Bürokratie werden nur angerissen.
Ich denke, viele dieser Lücken haben auch damit zu tun, dass die Autoren immer nur für Geschichten nach Afrika gereist sind und dort nicht durchgehend für längere Zeit gelebt haben. Da taucht man dann doch anders in das Leben ein, Zwar stammt Bogners Mutter aus Äthiopien, aber die Unternehmertochter war immer nur besuchsweise in dem Land.
Fazit: Ein anderer, positiver Blick auf das Afrika der Chancen und Möglichkeiten. Es bleiben Lücken, aber ohne Schwarzseherei und rosarote Brille eine interessante Darstellung von afrikanischen Macher*innen und Unternehmerinitiativen.