Une puissante œuvre qui traite de la mémoire et de l’ oubli
Sur les berges d’une rivière, une femme est découverte, le corps brisé, amnésique, sans passé et sans nom. Le Dr Wu la nomme Ding Zitao, la soigne et finit par l’épouser. De cette union naîtra un fils, Qinglin. À la mort de son père, ce dernier, devenu homme d’affaires, offre à sa mère une retraite paisible dans une grande maison. Mais la vieille dame sombre dans une étrange apathie, et reviennent alors à son fils des détails auxquels il n’avait pas pris garde : son talent pour la broderie, sa connaissance des classiques... Folie ou réminiscences ? Pour répondre à ces questions, Qinglin décide d’aller au-devant de son passé, dans cette Chine rurale qui se souvient encore… Et, à mesure qu’il déroule le fil de son histoire, c’est celle de son pays, de la Réforme agraire à la Révolution culturelle, dans ce qu’elle a de plus sombre, qui s’ouvre à lui. Un roman puissant sur la transmission, la tentation de l’oubli et le devoir de mémoire. Traduit du chinois par Brigitte Duzan, assistée de Zhang Xiaoqiu.
À propos de l’autrice Écrivaine éminente dans le paysage littéraire chinois, Fang Fang est l’autrice d’une œuvre prolifique, dont Soleil du crépuscule (Stock, 1999), Début fatal (Stock, 2001) et Wuhan, ville close (2020), traduit dans 20 pays.
« Ce roman est une herbe vénéneuse qui envoûte le lecteur. » François Bougon, Le Monde
« Une œuvre délicate qui induit une réflexion sur la tentation de l’oubli et le devoir de mémoire. » Femme Actuelle
« Un grand roman pour comprendre un épisode mal connu de l’histoire de la Chine. » Libération
« Avec Funérailles molles , l’écrivaine Fang Fang signe un roman subjuguant sur les années qui ont suivi l’arrivée de Mao au pouvoir. » Le Monde des livres
Fang Fang graduated from the Department of Chinese Language and Literature, Wuhan University in 1982. She has published nearly seventy novels, novellas and essay collections. Many of her novels and novellas were published overseas in English, French, Japanese, Italian, Portuguese, Korean and other languages. Her representative works include the novels Chronicle of Wuni Lake and Water under the Time, and novellas The Scenery and Grandfather in the Heart of Father.
China ist mir weitgehend unbekannt. Ich habe das Land nie besucht, kennen die Sprache(n) nicht und habe auch keine näheren chinesischen Bekannten. Von der Geschichte des neuen China sind mir nur die Schlagwörter „Der lange Marsch“, „Der große Sprung nach vorn“ und „Kulturrevolution“ bekannt. Den Wandel unter Deng Xiaoping, die Niederschlagung der Proteste auf dem Tian’anmen-Platz, die Rückkehr bzw. Einverleibung Hongkongs und den Machtzuwachs von Xi Jinping habe ich in den Medien mitverfolgt.
Da ist nun dieses Buch, das tief im gegenwärtigen China und seiner revolutionären Geschichte wurzelt. Vieles war anfangs fremd, das lautes Lachen als Ausdruck von Macht, die vorsozialistische Gesellschafts- und Besitzstruktur in den bergigen (um nicht zu sagen hinterwälderischen) Regionen Zentralchinas und die unkritische Sicht auf die eigene Geschichte. Bei letzterem darf man nicht vergessen, dass dieses Buch unter den Bedingungen der Zensur geschrieben wurde. Bei all der Fremdheit hat mir dieses Buch viel gegeben. Einsicht in das Denken und Fühlen gebildeter Chinesen unserer Tage und vor allem Mitgefühl mit den Opfern der brutalen Enteignung, Ächtung und häufig physischen Liquidierung der Großgrundbesitzer, ihrer Familien und Bediensteten. Bei diesen Ereignissen wurden materielle und ideelle Kulturgüter vernichtet, deren Dokumentation und Rekonstruktion man heute mit Mühe versucht. Auch davon handelt der Roman.
Das zentrale Thema ist aber die Frage des Vergessens, insbesondere das Vergessen und Verdrängen von tragischen geschichtlichen Ereignissen. Dieser Prozess kann für den Einzelnen hilfreich, ja überlebenswichtig sein – wie für Ding Zitao, die Protagonistin des Romans. Zugleich aber ist es für eine Gesellschaft wichtig, den schwarzen Flecken ihrer Geschichte ins Auge zu sehen, um nicht erneut empfänglich zu sein für Hass und Gewalt gegenüber einzelnen Gruppen. Dies ist mit Schmerzen verbunden, denen sich die Beteiligten ungern stellen, insbesondere, wenn ihre Rolle zwiespältig war wie die des ehemaligen Armeekommissars Lin Jinyuan. Bei der Bekämpfung lokaler Banditen leistete er Heldenhaftes, verteidigt aber die Lynchmorde der Oberschicht im Rahmen der Bodenreform als historisch unvermeidlich. Das hinter dieser Haltung eine gezielte Politik der Kommunistischen Partei stand, erklärt der Übersetzer in einem Nachwort: Nur wenn es gelang, den ärmeren Teil der Bauernschaft dazu zu mobilisieren, gegen alle Regeln der traditionellen Gesellschafts- und Familienmoral auch gegen Mitglieder der eigenen Sippe und selbst der eigenen Familie mit Mord und Totschlag vorzugehen, konnte sie die Rückkehr zu vorrevolutionären Verhältnissen ein für alle Mal unterbinden- Man nannte das „Entfesselung des Volkszorns“. Ein belastenden aber wichtiges, vielleicht sogar notwendiges Buch. Leider darf es heute in China nicht mehr vertrieben werden.
Eine sehr tief gehende Geschichte über Familie, Vertrauen und Verrat, die trotz der leisen Töne große Gefühle erwecken kann. Es gibt Bücher und Geschichten, die einen einfach nicht loslassen, obwohl die Geschichte auf den ersten Blick nicht provokativ, actionreich oder aufregend war. Dieses Buch war eine dieser Geschichten, die mich langsam in ihre Geschichte Faden um Faden eingewebt hat, sodass ich mich am Ende nicht mehr losreissen konnte.
"Der Verzicht auf Erinnerung ist nicht unbedingt ein Verrat an sich selbst, man vergisst oft, um weiterleben zu können."
Die Geschichte dreht sich auf dem ersten Blick um eine Frau, die ohne Erinnerungsvermögen aus einem Fluss in China gerettet wird und ihr Leben während eines Wachkomas nochmals durchlebt. Sie wird parallel von ihrer Vergangenheit während der Landreform um 1948 und von Chinas Gegenwart erzählt. Es geht aber nicht nur um das einzelne Schicksal dieser Frau, sondern auch um Chinas Trauma durch die Landreform, dessen Vergessen in der Gegenwart und die verbliebenen Opfer. Die Erzählweise ist sehr trocken und betäubend, als wäre man als Leser ebenfalls unter weicher Erde. Blind folgt man den Erzählenden und durchlebt zusammen mit der Protagonistin immer wieder ihr Leben. Man arbeitet sich Stück für Stück voran bis man die Wahrheit erfährt und die Protagonistin schmerzlich im wachen Zustand ein "weiches Begräbnis" erlebt bis sie von ihrem Sohn davon erlöst wird.
Ich muss mich am Anfang an dem Erzählstil gewöhnen, weil es so anders war als andere Bücher, die ich kannte. Aber sobald ich mich eingefunden hatte, konnte ich nicht vom Buch loslassen bis ich auf der letzten Seite war. Das Buch spiegelt die chinesische Mentalität und seine Gesellschaft sehr gut wider, und schafft es Fragen und Kritik zu säen ohne diese deutlich auszusprechen. Ich war überrascht, dass dieses Buch in China überhaupt veröffentlicht wurde und bin dankbar für die zusätzlichen Nachworte am Ende des Buches, die mehr Hintergrundinformationen geliefert haben.
Ich finde das Buch sehr stark, auch wenn der Anfangsteil etwas zäh war, und es war interessant über die chinesische Geschichte und Kultur zu lesen. Mir hat das Buch sehr gefallen, aber ich frage mich, ob jemand ohne Kenntnisse (oder Interesse) an chinesische Kultur ebenfalls so viel Spaß gehabt hätte.
** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
Abbruch auf Seite 138. Eine Form des Realismus mit der ich nicht arbeiten kann. Das Buch widerspricht zudem jeglichen ästhetischen Ansprüchen, die ich an Literatur habe.
Mal abgesehen davon, dass ich es mechanisch, hölzern, teils affektiert und platt gestaltet finde, habe ich mit der sprachlichen und symbolischen Engführung das Hauptproblem. Engführung ist für mich das Fixieren auf bestimmte Bedeutungen und Debatten, ohne stilistische Mittel einzusetzen, die das umfließen. Wenn Sprache nicht mehr macht, als die Fixierung der Protagonisten zu bestätigen. Fang Fang arbeitet mit einem Realismus, der zwar ein Trauma bespielt und damit mit Lücken und der Weigerung der Erinnerung umgehen muss, dieses Trauma aber in der Deutung und Wertung bereits festlegt. Dh. sie umspielt es sprachlich nicht. Es bleibt in der Weigerung und das was erzählt wird sind dokumentarische Erinnerungen. Unsicherheiten werden weggelacht oder durch affektiertes Puppentheater in einer überzeichneten symbolischen Struktur verfestigt. Dh es werden zwar Widersprüche und Paradoxien benannt. Sie werden aber nicht sprachlich verarbeitet sondern in eine Bedeutung, eine Norm, eine vorhandene Verhaltensregel integriert.
Witze oder spezifische Aussagen müssen erklärt werden, da sie sonst nicht verständlich sind. Das nimmt Dynamik und Eigenleben weg.
Ich möchte mein Problem an einem Beispiel verdeutlichen: Die Zeiten haben sich weiß Gott verändert«, seufzte Liu Jin-yuan. »Früher gab es all diese Restaurants nicht, nichts hier erinnert mich an früher.« »Heute verändern sich die Städte innerhalb von zehn Jahren grundlegend, innerhalb von fünf Jahren spürbar. Wann sind Sie das letzte Mal hier gewesen?« »Vor vierzig Jahren.« »Das bedeutet eine viermalige grundlegende und achtmalige spürbare Veränderung.« »Das bedeutet viermaliges Kacken und achtmal Pissen, ist es nicht so? « Qinglin lachte: »Ihr Humor ist ziemlich schwarz.« Auch Liu Jinyuan musste lachen. Sein Leben lang war er auf Haltung und Seriosität bedacht gewesen, doch die lange Untätigkeit nach der Pensionierung war nicht ohne Einfluss auf seinen Charakter geblieben. War er so ausfallend geworden und so ohne Hoffnung, weil ihn die Welt nicht mehr brauchte?
Die Sprache wir hier funktional eingesetzt, um eine bestimmte historische und gesellschaftliche Realität zu benennen, jedoch ohne eine Offenheit zu schaffen. Im Grunde nutzt sie die Redundanz der Aussage, um eine Bearbeitung zu vermeiden. Was ergibt sich denn daraus? Nichts. Die Realität wird der aktuellen symbolischen Ordnung einverleibt, indem es Fokus auf das Verhalten des älteren Herrn verlagert, einer Wertenorm, wie er denn nun so ausfällig werden konnte. Ohne Hoffnung muss direkt eine Bedeutungszuschreibung bekommen, statt es offen und wirken zu lassen. Der Dialog wirkt durch diese Anlage einfach nur steif und transportiert lediglich die Information „schnelle Veränderung“ und „hoffnungslos weil nutzlos“.
Ich lese Bücher nun mal nicht auf Grund einer Information. Ich möchte mich verhalten müssen. Ich möchte mich bewegen. Ich möchte den Text falten können und auf Möglichkeitsräume stoßen. Das funktioniert mit solch einer Form aber nicht. Ich benötige Brüche, Verformungen des Textes. Ich möchte kein Empfänger einer Botschaft sein. Ich möchte aktiv mitgestalten, herausgefordert werden. Das tut dieser Text nicht. Da ist mir egal wie wichtig und heftig der Inhalt ist, der transportiert werden soll.
Erinnern und Vergessen sind die Themen des Buches, in dem es um Schicksale während der Bodenreform in China geht. Es ist ein mutiger Roman, der die offizielle Geschichtsschreibung in Frage stellt, indem die Ereignisse aus verschiedenen Sichten erzählt werden. Notwendige Veränderungen standen Hass, Neid und kleinlichen Rachegefühlen gegenüber. Niemand ist unschuldig, jedes Schicksal hat verschiedene Aspekte. Sollte man an Unrecht und Leid erinnern oder der Erinnerung ein „weiches Begräbnis“ bereiten, wie es in der chinesischen Gesellschaft geschieht? Jede Argumentation hat bedenkenswerte Aspekte, die Nachfahren der Betroffenen ziehen im Buch unterschiedliche Schlüsse. Erinnerung kann gefährlich sein. Ding Zitaos Zustand des Wachkomas ist ein zentrales Motiv im Roman und kann als Symbol für das Schweigen über die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit gelesen werden. Obwohl sie physisch noch am Leben ist, ist sie emotional und geistig in der Vergangenheit gefangen, unfähig, sich zu artikulieren oder den notwendigen Schritt zur Heilung zu machen. Dieser Zustand repräsentiert die Weigerung, sich mit den historischen Wunden auseinanderzusetzen, die weiterhin unbewältigt im Kollektivgedächtnis existieren. Es blieb der Eindruck, dass Fang Fang in einer objektiven, umfassenden Geschichtsschreibung, einer Aufarbeitung des Geschehens, ohne die Leistungen einzelner zu schmälern, aber mit der Benennung von Fehlern und der Beachtung von Notwendigkeiten, eine Lösung sieht, dem Wachkoma der Gesellschaft zu entkommen. Während der Roman in China zunächst ausgezeichnet wurde, verschwand er plötzlich aus den Buchläden, als wahrscheinlich klar wurde, welcher Zündstoff für die politische Ordnung im Thema steckt, auch das beweist die Brisanz.
Der Schreibstil ist einfach, manchmal war er mir zu simpel, die Dialoge mitunter hölzern und unnatürlich. Mich störte das unmotivierte Lachen anfangs besonders. Aber im Laufe des Buches wurde mir auch klar, dass einerseits landestypische Gepflogenheiten dabei eine Rolle spielen, aber andererseits Unsicherheiten durch übertriebene Höflichkeit kaschiert werden, die mit der Unkenntnis über das Leben engster Angehöriger und Freunde und der Angst vor Aufdeckung dunkler Flecken zusammenhängen könnten. Wieviel des Stils ist also gewollt? Gelungen das Verweben der Traditionen mit der modernen Gesellschaft, z. B. die Rolle des Patriarchats, mythischer Vorstellungen, heldenhaften Erinnerungen mit modernem Unternehmertum. Die narrative Struktur ist fragmentiert, was die Brüche in der Erinnerung und die Unvollständigkeit der Erzählungen der Vergangenheit betont. Der Roman wechselt zwischen verschiedenen Zeitebenen, wodurch der Leser Stück für Stück die Tragweite der historischen Verwerfungen erkennt und der Roman Spannung erhält.
Für mich war es ein interessanter Einblick in die chinesische Vergangenheit und Gegenwart und darüber hinaus eine Betonung der Bedeutung einer objektiven Geschichtsschreibung und eines gesellschaftlichen Erinnerns an Ungerechtigkeiten, Fehler und Leid, um das künftige Zusammenleben zu gestalten.
„Kein weiches Begräbnis! Er soll kein weiches Begräbnis haben!“ (S.25)
Dies schreit Ding Zingtao Panik, ohne sich später daran erinnern zu können. Ihr Mann Dr. Wu wurde gerade bei einem Busunfall getötet, doch sie kann die Frage ihres Sohnes Qinglin nach der Beerdigung, was ein weiches Begräbnis sei, nicht beantworten. Der Titel des Romans ist so ein Leitmotiv für die Geschichte, denn es stellt sich nicht nur die von Qinglin an seine Mutter gerichtete Frage, sondern auch, warum Ding Zingtao von der Aussicht eines „weichen Begräbnisses“ so erschreckt ist. Doch zumindest eines weiß sie genau: Sie darf sich nicht erinnern. „Wie Jahresringe aus einer undurchlässigen Folie legte sich Schicht um Schicht um ihre verdrängten Erinnerungen und deckte sie zu. […] Die in der Tiefe ihres Bewusstseins verborgenen Dämonen blieben fest dahinter eingesperrt.“ (S.8) Nachdem seine Mutter in ein Wachkoma fällt, macht sich Qinglin auf den Weg, mehr über die Vergangenheit seiner Eltern herauszufinden, was sich als schwierig herausstellt. Er kommt so nach und nach einem grausamen Geheimnis auf die Spur, das ihn mitten in die Wirren der Bodenreform führt. Damals wurden ganze Familien „bekämpft“ bzw. ermordet. Doch was hat das mit seiner Mutter zu tun? Ich habe diesen Roman zusammen mit Christiane aka @wolke.und.pfefferminz gelesen und wir waren beide begeistert, aber auch von der Grausamkeit erschreckt (ich sag nur „Himmelslaternen“). Die Geschichte wird ruhig und sachlich erzählt, was eine spannungsreiche Diskrepanz zum Inhalt schafft. Die Konstruktion des Plots ist sehr geschickt und animiert dazu, immer noch ein Kapitel lesen zu wollen. Der Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Während Qinglin in der Gegenwart versucht, mehr über seine Eltern zu erfahren, bekommen wir als Leser:innen auf einer zweiten Ebene Einblicke in die Vergangenheit, die er zu ergründen versucht. Dadurch haben wir manchmal einen Informationsvorsprung, der die Spannung jedoch nicht untergräbt. Im Gegenteil: Die beiden Ebenen sind so geschickt miteinander verknüpft, dass sie sich immer wieder überraschend ergänzen und gegenseitig vorantreiben. Mindestens genauso spannend wie Qinglins Recherche fand ich jedoch den Einblick in dieses für mich unbekannte China. In Familienstrukturen auf dem Land, in die erheblichen Unterschiede zwischen Arm und Reich vor der kommunistischen Revolution (oder „Befreiung“, wie es heute heißt), aber auch die immer wieder eingestreuten, sehr interessanten Einblicke in chinesische Architektur. Immer wieder findet sich (für uns westliche Leser:innen) leichte Kritik am heutigen China. Da wird der neue Baustil als Angriff auf die Natur gelesen, während der traditionelle mit ihr zu verwachsen zielte (Stichwort „Feng Shui“). Das gesamte Buch ist aber letztlich auch eine Kritik an der chinesischen Erinnerungskultur, die vor allem durch Schweigen gekennzeichnet ist, oder eben durch ein „weiches Begräbnis“. Die Ereignisse der Bodenreform und später der Kulturrevolution liegen nicht so lange zurück, als dass es keine Überlebenden und keine Täter:innen mehr geben würde. Viele haben auf Kosten anderer von den Umwälzungen profitiert, sodass es tatsächlich gefährlich sein könnte, sie direkt anzuklagen. Dieser Roman stemmt sich gegen dieses Verdrängen, gegen das Vergessen der Grausamkeiten und der Opfer. Und doch schafft es Fang Fang, ohne erhobenen Zeigefinger auszukommen. Im Buch gibt es keine simple Teilung in Gut und Böse, alle Figuren sind vielschichtig, die historischen Vorgänge komplex, und so schildet sie diese auch. Dennoch reicht diese vorsichtige Darstellung der Vergangenheit wohl aus, dass im heutigen, stetig nationalistischer werdenden China dieser Roman vom Buchmarkt verschwunden ist. Jede Kritik gilt als… …Beschmutzung der ruhmreichen Vergangenheit. Umso mehr muss man dem Hoffmann und Campe Verlag danken, dass sie diesen großartigen Roman, wie schon Fang Fangs „Wuhan Diary“, von Michael Kahn-Ackermann ins Deutsche übersetzen lassen haben. Der Text ist zudem mit sehr hilfreichen Fußnoten und einem informativen Nachwort versehen. Ich hoffe sehr, dass weitere von Fang Fangs Büchern ihren Weg ins Deutsche finden. Ihren Roman „Weiches Begräbnis“ habe ich fasziniert gelesen und viel daraus gelernt. Ein starkes Buch, das ich nur allen empfehlen kann.
Das Buch ist aktuell und universell. Soll man sich erinnern oder soll man vergessen? Individuelle oder auch als Gemeinschaft. Gesellschaften wollen manchmal, das vergangenes vergessen wird oder anders erinnert, als es war. Davon können nicht nur die Chinesen oder wir deutsche etwas erzählen.
Die Geschichte nahm in Verlauf richtig Fahrt auf, besonders, als der Sohn die Aufzeichnungen der Vaters fand und der Mutter in ihrem Wachkoma die Erinnerungen zurückkamen. Es las sich dann auch recht flüssig, nach anfänglich doch recht eigenem Stil.
Ein klitzekleines bisschen konnte ich durch dieses Buch angeregt über China lernen.
Große Lese-Empfehlung. Der Titel bezeichnet eine Erdbestattung ohne Sarg - aber nicht aus religiösen Gründen, sondern aus Hast: Wenn Verstorbene wegen schlimmer Umstände ohne Riten eilig im Boden verscharrt werden müssen.
Weiches Begräbnis, veröffentlicht 2016, spielt in China, und die schlimmen Umstände sind die Landreform unter Mao, während der in den 1950ern und 60ern Land von Grundbesitzern beschlagnahmt und an Bauern umverteilt wurde - oft brutal und gewaltsam, die Forschung geht von bis zu fünf Millionen Toten aus. Die eigentliche Handlung des Romans ist das Erinnern an schlimme, traumatisierende Vergangenheit, als Individuum und als Gemeinschaft, in der die einen den anderen so etwa angetan haben. Beides, sowohl den historische Hintergrund als auch die Verarbeitung, behandelt Fang Fang, chinesische Drehbuch- und Romanautorin aus Wuhan, ohne einfach Anworten, sondern mit vielen Schattierungen und in erster Linie in der Benennung offener Fragen.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht zunächst eine alte Frau, Ding Zitao. Wir verfolgen ihren Alltag und erfahren in Bruchstücken, dass sie als junge Frau halbtot aus einem Fluss gerettet wurde, ihr Gedächtnis verloren hatte, dass sie heiratete, einen Sohn hat - und dass ihr liebevoller Ehemann sehr schnell aufhörte, nach ihrer Vergangenheit zu fragen, weil das heftige körperliche Reaktionen auslöste. Die ruhige Zufriedenheit ihres Lebens endet jäh, als ihr erwachsener Sohn Qinglin, ein erfolgreicher und wohlhabender Manager, ihr ein eigenes Haus kauft und sie dieses bezieht: Ding Zitao spricht wirr und von unbekannten Orten und Personen, dann fällt sie in eine katatonische Starre.
Die Hintergründe dafür werden jetzt in zwei Handlungssträngen erzählt: Zum einen gibt es kurze Kapitel, in denen sich anscheinend die alte Frau an ihr Trauma erinnert, in schemenhaften Bruchstücken rückwärts chronologisch ab ihrem Fast-Ertrinken, nach dem ihr jetziges Leben begann. Zum anderen verfolgen wir Qinglin, der durch den Zufall eines Freundes, der als Professor mit einer Gruppe Studierender alte Gutshöfe erforscht, in überraschendem Zusammenhang auf die Ortsbezeichnungen stößt, von denen seine Mutter plötzlich gesprochen hat. Mal zögerlich, mal impulsiv aktivistisch geht er einem möglichen Zusammenhang nach.
Von Anfang an faszinierte mich dabei die für mich exotische Note einer Kultur, von der ich so gut wie nichts weiß: Die Dialoge verlaufen ganz anders als bei uns, setzen andere gesellschaftliche Konventionen und Hierarchien voraus. Übersetzer Michael Kahn-Ackermann setzt immer wieder Fußnoten zu historischen und aktuellen Hintergründen, die für eine chinesische Leserin vertraut sind. Und mir gefiel die Offenheit vieler Erzählfäden und Hintergründe: Dinge klären sich eben gerade nicht auf (in der Handlung, als Leserin kenne ich die Zusammenhänge), weil Schlüsselpersonen sterben - oder Betroffene sich entscheiden, nicht weiterzuforschen. Denn so wie Ding Zitao damals nur in relativer Ruhe weiterleben konnte, weil sie ihre entsetzlichen Erlebnisse vergaß oder sich nicht mehr mit ihnen befasste (ein Muster, das man auch bei den Überlebenden der Shoah kennt), akzeptiert die Romanhandlung das Nicht-Wissen-Wollen auch in der nächsten Generation zur Bewältigung der Gegenwart - durchaus mit der Warnung aus dem Mund des Professors, dass die Verschleppung von Trauma durch die Generationen unabsehbare Folgen hat.
Weitere Bereicherung durch die Lektüre: Fang Fang ermöglicht Einblick in Kunst, Literatur und Handwerk des klassischen China.
Kurzmeinung: Anstrengend und ermüdend. Die Story ist schnell erzählt. Eine alte Frau, zu Lebzeiten unter partieller Amnesie leidend, fällt in ein Wachkoma. Stück für Stück führt die Autorin die Komatöse und ihre Leserschaft mit ihr zurück in das, was vor vielen Jahren einmal passierte.
Mit sehr einfachen erzählerischen Mitteln entwickelt die Autorin ein Konzept, das in die Zeit der Chinesischen Bodenreform führt, also ca. 1949 bis 1952. Der Fokus der Erzählung liegt auf der Enteignung der Großgrundbesitzer und ihrer Ermordung und Auslöschung durch die von ihnen ausgenutzten Pächter und Tagelöhner. Mit dem Großen Sprung versuchte Mao anschließend den chinesischen Bauernstaat in die industrielle Moderne zu puschen.
Der Kommentar: Der Roman ist ziemlich ausschweifend und ermüdet ein wenig. Die chinesischen Namen machen nicht nur deshalb Probleme, weil sie anders aufgebaut sind als die europäischen, der Nachname wird zuerst genannt, sondern weil sie einander auch so ähnlich sind. Hat man diese Schwierigkeit bewältigt und läßt sich in die einfache Erzählweise einfacher Menschen fallen, eröffnet sich nach und nach der historische Kontext mit einem starken Bezug zum Persönlichen.
Den historischen Kontext zu vermitteln ist ein ehrenwertes Anliegen und immer wieder neu notwendig. Es sei denn, man verweigert das Erinnern wie die alte Dame. Und das ist hier die Frage aller Fragen.
Fazit: Die eigentliche Qualität des Romans liegt nämlich nicht in erster Linie in der Erzählung per se, sonden in der aufgeworfenen Problematik, ob es sinnvoll sei, vergangene Gräuel und Massenmorde in Erinnerung zu behalten und der geschändeten Menschen zu gedenken oder ob es nicht vielleicht gnädiger wäre, die Nachfahren (und sich selbst) durch ein gesamtvölkisches historisches Vergessen zu schonen.
Kategorie: historischer Roman Verlag: Hoffmann und Campe, 2021
Ein Buch, das mich sehr emotional gemacht hat. Es geht um Vergangenheit, und wie wir damit umgehen.
Ist es richtig, schlimme Ereignisse totzuschweigen? Kann man seine Nachkommen schützen, indem man den Mantel des Vergessens über die Vergangenheit breitet?
Das Buch handelt von Ding Zitao, die Anfang der Fünfzigerjahre als junge Frau halbtot aus einem Fluss gerettet wird, und ihr Gedächtnis verloren hat. Sie beginnt ein neues Leben mit einer neuen Identität, doch ihre Erinnerung kehrt nicht zurück. Zu groß muss das Trauma gewesen sein, dass sie erlitten hat.
Fünfzig Jahre später fängt ihr erwachsener Sohn an, sich über die Herkunft seiner Mutter Gedanken zu machen. Angestachelt durch unbewusste Äußerungen von Ding Zitao, und dem Tagebuch seines Vaters Doktor Wu, beginnt er, die Vergangenheit zu erforschen. Auch Ding Zitao muss sich am Ende ihres Lebens endlich der Erinnerung stellen.
Ich wusste bisher nur, dass es die Landreform in China gegeben hat, aber keine Einzelheiten. Während des Lesens habe ich mich parallel im Internet informiert, und bin auf ein sehr trauriges Kapitel der chinesischen Geschichte gestoßen, dass in China komplett totgeschwiegen wird. Auch dieses Buch ist in China nicht mehr erhältlich.
In Deutschland wurde fast meine gesamte Schulzeit damit verbracht, das Dritte Reich aufzuarbeiten. Das deutsche Volk hat schreckliches getan, und wir, die Nachkommen, müssen damit leben. Wir sprechen darüber, es wird analysiert, diskutiert, erinnert, gemahnt. China geht mit den hunderttausenden Toten der Landreform ganz anders um – sie werden einfach vergessen. Das hat mich doch ziemlich aufgewühlt.
Es gibt in Deutschland sehr viele Bücher *Gegen das Vergessen!* In diesem spannenden Roman, der in China spielt, *soll* man vergessen. Die Autorin hat mit der *Bodenreform* 1949-1966 ein sehr brisantes Thema aufgegriffen. Uns ein großes Stück chinesische Geschichte näher gebracht. Nein, dieses Buch ist keine Giftpflanze. Es ist vielmehr ein zu Herzen gehender Roman, der einen so schnell nicht mehr los lässt. Der einem zeigt, dass es auf der ganzen Welt Herrscher gegeben hat, denen Menschenleben nichts wert waren.
Eine Frau wird halbtot aus dem Fluss gezogen. Der Dorfarzt Dr. Wu rettet ihr das Leben und befürwortet ihre Vergesslichkeit. Gibt ihr den Namen Ding Zitao. Das Vergessen ist viel besser für die Frau, die nichts mehr aus ihrer Vergangenheit weiß. Erst verschafft ihr Dr. Wu eine Arbeit als Haushaltshilfe. Jahre später heiratet er sie. Sie bekommen einen Sohn. Quinglin ist ein guter Junge. Nach dem frühen Tod des Vaters zieht ihn die Mutter alleine groß. Jahre später verdient er als Manager genügend Geld, um seiner Mutter ein wunderschönes Haus zu kaufen. Nach dem ersten gemeinsamen Abendessen im neuen Haus verfällt Ding Zitao in ein Wachkoma. Zuvor hat sie noch Namen und Dinge genannt, mit denen Quinglin nichts anzufangen weiß. Auf den Spuren der Vergangenheit, erfährt er viele Dinge, die ihm seine heiß geliebte Mutter noch ein ganzes Stück näher bringen. Er möchte dass seine Mutter wieder am Leben teilhaben kann. Kein Weg ist ihm zu weit für die Frau, die ihn alleine groß gezogen hat. Immer für ihn da war und selbst kaum Bedürfnisse hatte.
Trotz der sehr traurigen Thematik habe ich mich beim Lesen wie in einem chinesischen Märchen gefühlt. Die Mentalität der Menschen und die idyllischen Landschaften haben mir China ein ganzes Stück näher gebracht. Anhand von Tagebucheinträgen seines Vaters hat Quinglin viele Informationen erhalten. Auch sein Vater ist *Für das Vergessen* seiner eigenen Vergangenheit gewesen. Will auch nach seinem Tod nicht, dass Quinglin damit belastet wird. Doch Quinglin will genau wissen, was sich vor vielen Jahren zugetragen hat. Mir stellt sich die Frage was besser ist. Für oder gegen das Vergessen? Für manche Menschen mag das Vergessen ein Segen sein. Für die Mehrheit eine unfreiwillige Sache. Ein weiches Begräbnis, (ohne Sarg) wollte keiner haben!
Fazit
In dieser Geschichte sind viele Dinge passiert, die mich sprachlos gemacht haben. Hier hat Fang Fang ein Meisterwerk hingelegt, welches wie ein Abenteuer daher kommt. Ein Abenteuer, das vor vielen Jahren wirklich so ähnlich stattgefunden hat. Der Schreibstil hat auf mich einen regelrechten Sog ausgeübt. Einzig die vielen chinesischen Namen haben mich Anfangs überfordert. Dennoch konnte ich ab einem bestimmten Punkt meinen Reader nicht mehr aus der Hand legen. Die Tagebucheinträge waren überaus spannend. Die Reisen von Quinglin wunderschön und geheimnisvoll. Die Menschen sehr freundlich und hilfsbereit. Ich bin begeistert! Das Nachwort von Fang Fang und dem Übersetzer Michael Kahn-Ackermann unbedingt lesen.
Eine absolute Empfehlung von mir. Danke Fang Fang und Michael Kahn-Ackermann
"Auf dieser Welt gibt es mehr Dinge, die wir nicht wissen, als solche, die wir wissen. Also, warum sollen wir uns mit aller Gewalt darum bemühen, all diese Dinge hier in Erfahrung zu bringen? Und selbst wenn es uns gelingt, können wir uns nicht sicher sein, dass wir dabei die Wahrheit über die damalige Zeit in den Händen halten."
Richtig gut! Vor allem wenn man einen Einblick in die Anfangszeit des kommunistischen Regimes in China erlangen möchte und das über Generationen weitergegebene Trauma, dass durch die Bodenreform in Familien von Großgrundbesitzern ausgelöst wurde. Über das Vergessen und das Aufarbeiten. Das Ruhenlassen und das Aufzeichnen. Die *-Vermerke des Übersetzers waren für's Verstehen sehr hilfreich.
„In einem kleinen Dorf wird eine junge Frau halbtot aus einem Fluss gezogen, sie erinnert sich an nichts. Der Dorfarzt Dr. Wu rettet ihr das Leben, und sie beginnt ein neues: Sie wird Haushälterin des KP-Kaders vor Ort, heiratet ihren Retter Dr. Wu, und sie bekommen einen Sohn. Doch im Laufe der Jahre löst sich der schützende Kokon des Vergessens. Sie sind verdammt zu schweigen, denn das Schweigen schützt die Familie: auch dafür steht „weiches Begräbnis“, die Erinnerung so tief zu begraben, dass gefährliches Wissen für immer verlorengeht. Im Schatten dieses Traumas wächst ihr Sohn auf – doch alles ändert sich, als er beginnt, die Vergangenheit zu erforschen.“
Allein der Titel hat es in sich - „Weiches Begräbnis“. Wer sich etwas mit der Chinesischen Geschichte/Kultur auskennt, weiß recht schnell was dies zu bedeuten hat - Tote wurden verscharrt, ohne Sarg, ohne Zeremonie. Was will uns der Autor denn schlussendlich dann mit der Geschichte seiner Protagonistin erzählen?! Hier gibt es wieder so viele Themen, dass das hier gar nicht alles reinpasst. Mit gewisser Hingabe aber auch genügend Abstand dürfen wir hier die Verunglückte kennenlernen und versuchen zu verstehen, warum sie ihre Schritte im Leben so gewählt hat. Emotional aber auch politisch ist dieser Roman zaghaft aber dennoch sehr deutlich zu verstehen. Man muss die chinesische Kultur ein wenig kennen sonst ist man hier aufgeschmissen, denn viele Details stecken wieder zwischen den Zeilen. Die Geschichte mit dem Vergessen und dem Schweigen sind sehr gute Metaphern für politische Sichtbilder der Region - nichts hören, nichts sagen, nichts sehen, einfach nur für den Staat funktionieren. Dennoch sind diese Parts aber auch ein Spiegel der Seele, denn auch wenn Erinnerungen verschwinden (müssen), ist es doch wie mit einem weichen Begräbnis - keiner wird je mehr danach fragen. Das Sohn Quinlin in alten Wunden bohrt, ist seiner Neugier geschuldet, aber auch genau das, was der Leser lesen will.
Alles in allem sehr philosophisch, politisch leise und laut zugleich, eine Aufnahme der Zeit in einem weit-entfernten Land und ein extrem nachhallendes Buch, welches man mit Bedacht und Respekt lesen sollte - 5 von 5 Sterne!
the writer was from same university of my colleague, and i read this book out of her recommandation. and this book didnot let me down. have to admit the writer is talent at controlling the reading rhythm. covered this book in 2 days, and the story kept me awake. the cruel things happened on the woman shooked me, never heard anything like that. but it makes me feel so real, as my grandma have told me something like grandpa used to argue with other farmers from our village every morning back in somedays of 1960s -1970s , because they support different political leaders. and my village is just a far southwest common tiny place with less than 100 people, and farmers are delicated to argue over political rather than work on crops.
Ein Roman, der mich nicht losgelassen hat. Ich finde es wunderbar, wie die Komplexität der Vergangenheit sich auf das Jetzt auswirkt und andersherum. Es liefert viele Denkanstöße zum Thema Vergessen, Erinnern und anderen Dualitäten, die sich am Ende vielleicht doch nicht diametral gegenüber stehen. Kurz gesagt: dringende Leseempfehlung, ist aber keine sanfte Kopf-aus-Lektüre.
Ein sehr frustrierendes Leseerlebnis. Aus einer politischen Sicht werden Verbrechen der KPCh wie die "Bodenreform", der "Große Sprung nach vorne" und die "Kulturrevolution" behandelt, es wird jedoch aktiv gegen eine herkömmliche Erinnerungskultur geschossen. So kommt es einem aus einer rationalen Sicht so vor, als würde dieses Buch Gräueltaten die das Regime die Menschen vergessen lassen will rechtfertigen. Die verwendeten Begriffe die sich auf diese Zeit beziehen sind im Jargon der Zeit geschrieben, unter Verwendung eines Vokabulars dass verharmlosender nicht sein könnte und von der Propagandamaschine der kommunistischen Partei geschaffen wurde. Es werden zwar Einzelschicksale vorgestellt, doch die Notwendigkeit des Geschehenen wird zu keinem Zeitpunkt hinterfragt.
All das mag auf einer rationalen Ebene wahr sein, und doch ist dieses Buch ein zutiefst menschliches. Das Geschehene, das Vergangene, wird eben nicht aus einer rationalen Sicht betrachtet, sondern vielmehr aus einer emotionalen und lebensbejahenden. Furchtbare Dinge geschehen auf der Welt um uns herum und betreffen uns manchmal auch persönlich, doch das Leben und die Liebe finden immer einen Weg. So entsteht eine Geschichte in der mehrere Handlungsstränge miteinander verwoben sind, während Einzelne vergangene Traumata für sich aufarbeiten, doch bereits früh wird klar, dass diese eigentlich verknüpften Stränge nicht zusammengeführt werden, es auch gar nicht müssen. Und so bleibt nur ein bittersüßes Ende, dass in die Zukunft blickt, indem es eine Erinnerungskultur des Vergessens, aber auch des Lebens propagiert.
A fascinating and complex story about the weight of an erased and cancelled past in the Chinese modern society.
The main female character, Ding Zitao, lost her memory twice, first when being saved from drowning and various injuries in the 50s, and again in her old age, when being given a luxury house by her loving only son Qinglin, a successful businessman.
She is frightened by a traumatic memory she tries to avoid most of the time, and her strange behaviour as well as the diaries of her late husband, Dr Wu, puzzles the middle aged Qinglin. So that he decides to investigate about places and people apparently linked to her family and past, to end up in a haunted manor somewhere in the east Sichuan. Will he find out the truth about his vanished family?
Fang Fang aims to revive the violent upheaval of the so called "Land reform" in maoist China in the early 50s. But the memory of this past is now buried and forgotten, to help people live a peaceful, successful and cosy life without being disturbed by embarrassing and out of place concerns, and without disturbing the current political order.
"Bare burials" is about millenniums long of sophisticated cultural heritage, about poetry, architecture and paintings which could vanish into a collective amnesia, like the dead who were buried without coffins nor funerals, and whose ghostly presence keeps haunting the careless survivors
My son was reading Red Scarf Girl a couple of days ago. This reminded me that I still had this book to read.
I read Fang Fang before. She and Chi Li came to the Chinese literary scene at around the same time. Both of them based their story-telling on the city of Wu Han, which is now known as the city where the COVID19 virus first was detected. Fang Fang, through publishing her diary during the lockdown in Wu Han about one year ago, gained notoriety among defenders of the Chinese government and drew a lot of criticism not only for her work but also her personal life.
In this remarkable book, Fang Fang described a series of tragic events occurred during the initial phase of the Chinese communist regime, which was brutal for the so-called five bad categories (Landlord, rich peasants, rightest, criminals, and antirevolutionaries). The story unfolded in a delicate way. The key message is, even if individuals do not seek facts, facts are always contained in history and will never change.
Ganz langsam entfalten sich die narrativen Schichten dieses Romans und enthüllen ihre nationalen wie individuellen Traumata, Konflikte, Verdrängungen. Chinesische Geschichte zeigt hier seine unbekannten Seiten und auch die Meta-Story des Romans ist Geschichte: erst gefeiert, weil China und Chines*innen in ihrer komplexen Realität abgebildet werden, dann verfemt, weil der Subton doch zu kritisch ist und historische Ereignisse bespricht, die eigentlich verschwiegen werden sollen. Besonders werden mir Mutter und Sohn, die Hauptfiguren des Romans, noch lange in Erinnerung bleiben, weil es so feinfühlige, liebenswerte Figuren sind, über die ich so viel wie möglich beim Lesen erfahren wollte. Aber auch die Nebenfiguren werden mittels kleiner Erzählmomente, dem Nudelnessen oder dem Zeichnen von Architektur, so hervorragend porträtiert, dass diese Lektüre eine Bleibende ist.
This is the first novel I've read from Chinese author Fang Fang. Despite having read mnay Chinese novels about stories set during the Communist era from late 1940's til late 1970's, I enjoyed reading this story because the author has a great writing style and had organized and structured the story very well and smoothly.
The story is set in East of Sichuan and Wuhan from late 1940's until contemporary times. Readers follow 2 stories in different times, but connected:
- the story of the leading character, a woman who suffered a tragic trauma in her ealy years and forgot about it due to an accident, leading a new life until her past comes back to haunt her... - the story of the leading character's son, Qinlin, who grew up not knowing anything about his parents and their origins until his mother goes into vegetative status.
While under vegetative status, the woman remembers step by step her previous life in the late 1940"s and all she ever wanted to forget because it is too devastating. Her son, a grown and successful engineer, conducts research 50 years after events to discover the truth about his parents, but is afraid of it and unsure what to do with it.
While revealing the story of the leading character piece by piece like a puzzle, the author underlines several facts to readers: - that some historical stories are forgotten while others are not, - some suffered tragic events while other survived better than others and saw the good final outcomes of the various war efforts committed, - some young people have access to historical stories and ignores it while others don't have that knowledge, but want to know; - some people want to know everything while other want to forget, - what difference does it make in a person's life whether he/she chooses to learn or ignore about ancestor's past???
The author wrote about historical events that readers have read before so many times, but the story is so intriguing and well written/structured, that I enjoyed reading this amazing novel.
"Zu diesem Zeitpunkt hat Ding Zitao keine Tränen mehr. Auf dieser Welt sind Tränen nutzlos."
Huiuiui, mal wieder ein Buch, das definitiv nichts für schwache Nerven ist. Es behandelt einen Teil der chinesischen Geschichte, den ich vorher noch nicht kannte und behandelt ihn ohne Beschönigung vor allem von der Opferseite, wobei einem ein Teil-Verständnis für die Täterseite nahegelegt wird.
Die antichronologische Erzählung fand ich sehr interessant. Mit jedem Flashback nehmen wir zusammen mit Zitao einen Schritt in die Vergangenheit. Das fand ich am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, habe ich dann aber trotzdem für gut befunden! Die Schreibweise ist wie bei vielen Übersetzungen aus asiatischen Sprachen etwas nüchtern, das muss man natürlich mögen. Ich persönlich mag es ganz gerne.
Ein großes Problem meinerseits war, dass ich wirklich nicht viel über diesen Zeitabschnitt wusste, das Buch es allerdings etwas vorausgesetzt hatte. Die Geschichte würde gerade für internationale Ausgaben sehr davon profitieren, wenn zumindest die Ausgangslage des damaligen Chinas erklärt werden würde. Ich empfehle daher, das Nachwort des Übersetzers zuerst zu lesen!
Ehrlich gesagt dachte ich daran, diesem Buch nur drei Sterne zu geben. Es hat mich nicht so gepackt wie ich es mir gewünscht hätte und es war weniger spannend, als ich dachte. Durch die Nachwörter der Autorin und des Übersetzers wurde mir allerdings klar, dass dies ein sehr wichtiges Buch ist - beschäftigt es sich doch mit einer Zeit, die die chinesische Regierung gerne aus dem kollektiven Gedächtnis verbannen will. Manchmal geht es bei einem Buch nicht darum, ob es einen packt oder man es über alle Maßen liebt. Manche Bücher sind einfach wichtig.
"Manche Leute entscheiden sich fürs Vergessen, andere fürs Aufzeichnen. Jeder soll mit seiner Entscheidung leben, damit ist allen geholfen."
Thematisch interessant, aber sprachlich ermüdend. Die Autorin hat die Tendenz am Ende einer Szene nochmal zu betonen welche Gefühle bei einem Charakter durch das Geschehene entstanden sind. Alles wird so deutlich dargelegt, dass es keinen Spaß macht nach tieferen Bedeutungen zu suchen. Neben diesen Szenenzusammenfassungen werden auch die Geschichten der verschiedenen Charaktere ständig wiederholt. Ein Charakter erinnert sich an eine Episode in seinem Leben, nur damit die gleichen Ereignisse nochmal von einem anderen Charakter in einem Tagebuch nachgelesen werden. Viele der über 400 Seiten sind damit für den Leser überflüssig. Hätte ich nicht über mehrere Tage kein anderes Buch zur Hand gehabt, hätte ich es vermutlich nicht zu Ende gelesen.
Zuletzt noch eine persönliche Anmerkung zur Übersetzung. Es wird mehrmals das Wort Marktflecken für abgeschieden Bergsieldungen verwendet. Persönlich kenne ich dieses Wort nur als Bezeichung für Siedlungen, die im Mittelalter das Marktrecht hatten, aber keine Städte sind. Mir blieb das ganze Buch über unklar wie diese spezifische Beschreibung aus dem administrativen System des mittelaterlichen Europas im China der Neuzeit zu verstehen ist. Vor allem bei Siedlungen, die so abgeschieden sein sollen, dass kaum Fremde dorthin finden. Welches Marktrecht wird da ausgeübt?