in rapide aufeinanderfolgenden parataxen, die anfänglich wie absichtlich hingelegte stolpersteine wirken, abrupt und doch semantisch miteinander verbunden, öffnet wolf räume, in die man eintauchen kann. enge räume wie die der weiblichen sozialisation im zweiten weltkrieg im ersten teil „marjellchen“, die sich sehr präsent auf die drei mittneunzigerinnen im altersheim auswirkt. gespaltene räume wie die der tante in zweiten part „neue heimat, altes haus“, die der nichte, die in kambodscha weilt, auf der fahrt nach polen endlos scheinende sprachnachrichten schickt, in denen sie von den ns-verstrickungen ihrer mutter erzählt und in einer salve aus scheinbar unzusammenhängenden aussagen beiläufig auch von ihrem verhältnis zur polnischen putzfrau berichtet, das von scham und anziehung geprägt ist. und schließlich weite räume der freundschaft und hoffnung auf zukunft im dritten teil „MILF“, in der die verbundenheit zwischen drei jungen frauen und einem genderneutral gehaltenen kind zur zeit des aufkeimens der pegida-demos verhandelt wird und von denen eine, wie es der titel verrät, bald zum ersten mal mutter wird. mit viel gefühl behandelt wolf in diesem letzten kapitel, aus changierenden ich-perspektiven erzählt, heutige relevante themen wie depressionen, unerfüllte liebe, selbstbestimmtheit und solidarität im aufsteigendem faschismus und gibt dabei einen zärtlichen einblick in die emotionslandschaft der vier sehr verschiedenen figuren.
es ist ein roman, der lange nachhallt, ein behutsam geschriebenes zeitzeugnis unterschiedlicher generationen und politischer transformationen, die grob ein jahrhundert umspannen, das sich mit den konflikten, die jede dieser generationen für sich selbst und miteinander hat, differenziert auseinandersetzt und dabei sprachlich virtuos auf den punkt bringt, ohne zu offensichtlich zu sein. wolf stellt fragen nach historischer verantwortung ebenso wie fragen nach dem erwachsen- und altwerden, nach freundschaft und liebe. ihre empathie und ambiguitätstoleranz sind bezeichnend für dieses werk; ihr gelingt es, widersprüche sichtbar zu machen, ohne jedoch ihre figuren von mitgefühl auszuschließen, auch wenn es zuweilen sehr, sehr schwerfällt.