Hamburg, in der nahen Zukunft: Deutschland hat sich seit der Machtergreifung der faschistischen Partei SfDD (Sieg für Deutschland und die Deutschen) in eine Diktatur gewandelt. Erzkonservative Werte sollen in der Familie gelebt werden, Gebährende dürfen nicht mehr arbeiten und sollen sich ganz auf Kind und Haushaltsführung konzentrieren. In diesem Albtraum lebt die 37-jährige Mathilda. Ihr Mann wünscht sich schon lange ein Kind, doch Mathilda versucht, eine Schwangerschaft mit allen Mitteln zu verhindern. Sie möchte die Kontrolle über ihren Körper behalten, kein Kind in diesem System großziehen. Als sie trotz aller präventiven Maßnahmen schwanger wird, nimmt sie selbst einen Abbruch mit einem Kleiderbügel vor - und ihre inneren Verletzungen entzünden sich.
Nora Burgard-Arps Debütroman "Wir doch nicht" ist eine extrem realistische Dystopie, die beim Lesen für Beklemmung und Unbehagen sorgt. Die Autorin zeichnet die Zukunftsvision eines Staates nach, in dem es zu "kontrollierten Rückführungen" von Menschen kommt, die eine "deutsche Herkunft" nicht zweifelsfrei nachweisen können, in dem Menschen, die sich abseits der Heteronormativität bewegen, verfolgt werden, in dem die "deutsche Frau" zu wöchentlichen Stammtischen verpflichtet wird, auf denen sie sich über den Eisprung und Schwangerschaftstees austauschen soll, und in dem auf eine Abtreibung eine lebenslange Haftstrafe steht. Die von den Figuren geführten Dialoge während der Machtergreifung der radikalen Parteien haben etwas von einem Déjà-vu, wenn behauptet wird, es sei doch jetzt auch Mal genug mit diesem Feminismus, ein paar traditionelle Werte würden uns doch allen gut tun. Auch der unter Strafe stehende Schwangerschaftsabbruch ist in einigen Ländern bereits bittere Realität. Die Dystopie von Nora Burgard-Arp gewinnt deshalb an hoher Relevanz, sie öffnet Augen - und macht Dank der Protagonistin Mathilda, die im Stillen anfängt zu rebellieren, ihrer Mutter und ihrer besten Freundin, die sich aktivistisch für Feminismus und Antirassismus engagieren, auch Mut. In Verbindung mit den einfühlsam unterstützenden Illustrationen von Iris Ott eine Lektüre, die ich so schnell nicht vergessen werde. Von mir gibt es eine Leseempfehlung!