Eine kurzweilige, unterhaltsame Lektüre.
Ich habe Schmidt nie als aktiven Politiker erlebt, sondern nur als Altbundeskanzler, der schon zu Lebzeiten beinahe mythische Züge angenommen hatte. Als überlebensgroße politische Ikone, als vielleicht größter Bundeskanzler aller Zeiten. Und tatsächlich: Diesen Mann umgab eine Aura, ein Charisma, das in der heutigen Politik selten geworden zu sein scheint.
Dabei war Schmidt natürlich auch nur ein Mensch. Einer, dem ich politisch keineswegs in allem zustimme und der, wie die Rückschau auf manche seiner Aussagen zeigt, durchaus irren konnte. Etwa in seiner Einschätzung Putins und Russlands oder, meiner Ansicht nach, in seiner Haltung zur Atomkraft.
Was ihn dennoch so faszinierend macht, ist seine Authentizität. Man nimmt ihm ab, was er sagt. Nicht unbedingt, weil er recht hat, sondern weil man spürt, dass er tatsächlich glaubt, was er sagt. Und dass er es auch dann aussprechen würde, wenn es ihm keine Zustimmung einbringt. Er ist direkt, manchmal schroff, bisweilen auf eine fast selbstironische Weise überheblich. Und doch lässt sich zwischen den Zeilen eine gewisse Sensibilität erahnen, die er selbst vehement bestritten hätte.
Nach der Lektüre bleibt bei mir vor allem eine Frage hängen: Warum scheint es solche Politiker heute nicht mehr zu geben? Wäre ein Helmut Schmidt mit all seinen Ecken und Kanten in einer politischen Öffentlichkeit, geprägt von den ihn immerzu kritisch gesehenen "Massenmedien" und den Auswüchsen und den Einflüssen sozialer Medien, die er nicht mehr mitbekommen hat, überhaupt möglich? Er kritisierte Politiker, die sich in Talkshows nur in Selbstdarstellung übten und kein Interesse an tiefergehenden Debatten haben. Heute scheint Politik nur noch das zu sein. Selbst reden im Bundestag müssen Stoff für Tiktok und co liefern. Und jeder Satz muss skandalisiert werden, aus dem Zusammenhang gerissen und in sozialen Medien seziert werden.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke dieses Buches: Es zeigt keinen unfehlbaren Staatsmann, sondern einen widersprüchlichen, manchmal unbequemen und gerade deshalb faszinierenden Menschen. Einen, dem man nicht zustimmen muss, um ihm gerne zuzuhören.