In Deutschland wird von Antidiskriminierungsstellen bis zur radikalen Linken ein liberaler Rassismusbegriff vertreten, der vor allem auf Repräsentation, Inklusion und Diversität setzt. Wie Klasse und »Rasse« zusammenhängen, wird aktuell so gut wie nicht diskutiert. Dabei gibt es durchaus eine kritisch-marxistische Tradition der Rassismusforschung. Der vorliegende Band will diesen Fundus heben. Hierzu werden historische und aktuelle Diskussionen aus dem englischsprachigen Raum rezipiert sowie aus deutschsprachigen marxistischen Wissensarchiven aktualisiert. Gleichzeitig bietet das Buch eine politische Intervention in die aktuelle Debatte um strukturellen und institutionellen Rassismus – ob auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Polizei – und präsentiert Alternativen zum liberalen Antirassismus, indem ein marxistischer Rassismusbegriff in Theorie und Praxis vorgestellt wird. Mit Beiträgen von Celia Bouali, Sebastian Friedrich, Fabian Georgi, Eleonora Roldán Mendívil, Lea Pilone, Bafta Sarbo, Hannah Vögele und einem Vorwort von Christian Frings.
Nach einer endlosen Anzahl von Büchern schwarzer Autorinnen, damit Weiße sich nach der Lektüre bezüglich Rassismus selbstoptimieren können und trainieren, keine Rassist:innen mehr zu sein, geben Mendivil und Serbo ein Sammlung an theoretischen Texten heraus, die sich dem liberalen Antirassismus wiedersetzt, der auch in der deutschen radikalen Linken gegriffen hat. Der Band betont die Wichtigkeit des Marxismus in der gesellschaftlichen Analyse und die Vielfältigkeit der Rassismen durch die Texte von Mendivil, Sarbo und Vögele und liefert durchdachte Kritik an Intersektionalismus und der Herrschaft durch die Texte von Georgi, Mendivil, Sarbo, Pilone und Bouali. Dazu bringt Friedrich einen der besten Texten zum Aufstieg der Rechten in Deutschland, den ich jemals gelesen habe. Zum Verstehen von Rassismen ist dieser Band eine wichtige Lektüre.
Insgesamt interessante Sammlung von Aufsätzen, in denen wie mir scheint von Social Media Linken für Social Media Linke ein Plädoyer für wissenschaftlichen Marxismus als Werkzeug zur Untersuchung der herrschenden Ausbeutungsverhältnisse eingelegt wird. Sinnvolle Themen und aufschlussreiche Recherchen - vor Allem das erste mir bekannte Buch, dass die anglophonen Diskurse, die Social Media und Universitätslinke Diskurse prägen, einem primär deutschsprachigen und potentiell auch älteren Publikum erschließen und erläutern könnte. Der mal mehr mal weniger steife akademische Schreibstil ist dabei nicht mein Fall und ich muss mir eigentlich nicht permanent versichern lassen, dass die mir vorliegende Analyse marxistisch und historisch-materialistisch ist... das merkt man schon, wenn dem so ist... aber vielleicht ist es auch zielgruppengerecht und dieserart stete Selbstbestätigung ist für andere Lesende wichtig. Vielleicht eine gute Einführung in marxistische Gesellschaftstheorie für Leute, die bislang dachten, Klasse ist eine Diskriminierungsform von vielen und den Weg aus der Krise in einer diversifizierten Leistungsgesellschaft zu finden versuchen.
gerade die beiträge zur Kritik von Identitätspolitik fand ich persönlich mega ,mega gewinnbringend weil sie viele meiner Gedanken sehr gut zusammenfassen und noch so so viel mehr geben. so verständlich, so prägnant, so stark.
Eine sehr gute Einführung, verknüpft mit aktuellen und relevanten Themenschwerpunkten. Bin sehr froh, dass es ein deutsches Buch gibt, was die sehr anglophonen Diskurse, die einfach für Deutschland übernommen werden, einordnet. Super zum Einstieg, auch wenn die Texte teils sehr wissenschaftlich geschrieben sind und ich dadurch echt mit Pausen lesen musste, um alles zu verstehen. Denke aber, dass es ein super sinnvolles Buch ist, vor allem für die ganzen lib-Linken. Bitte lest das.
Konzise und sehr deutliche Aufarbeitung/Abrechnung mit dem liberalen Rassismusbegriff aus marxistischer Sicht. Ausgezeichnete Beiträge und Analysen zum Beispiel zum EU-Grenzregime, der Rolle der Polizei und dem Konzept der Intersektionalität. Erfrischend orthodox.
Eine Aufsatzsammlung die meinem Umverständnis von Twitter- und Lib-Linken in Worte fasst. Ich habe super viel gelernt bei der Lektüre auch wenn sie, dem Konzept geschuldet, nicht leicht war.
»Wenn Rassismus als Problem von subjektiven Einstellungen verhandelt wird, verbleiben wir auf der Ebene des Individuums. Struktureller Rassismus wäre dann nur die Gesamtheit der rassistischen Einstellungen der Menschen in einer Gesellschaft. Diese Auffassung geht aus der herrschenden Ideologie des Liberalismus hervor, die Gesellschaft nicht als Beziehung zwischen Menschen versteht, sondern nur als Summe von Individuen denkt. Diese in der Rassismusforschung vorherrschende Auffassung läuft Gefahr, die gesellschaftlichen Verhältnisse als intentionale Handlungen von Subjekten zu verklären, was den Rassismus wiederum zu einem reinen Problem des Bewusstseins macht.« (aus dem Artikel »Rassismus und gesellschaftliche Produktionsverhältnisse« von Bafta Sarbo, S. 62 f.)
Bafta Sarbo und Eleonora Roldán Mendívil legen ein bedeutsames Buch in einer Zeit vor, in der Antirassismus zunehmend im Zeichen der persönlichen Selbstoptimierung (nach dem Motto: »Wie werde ich ein*e bessere*r Ally?«, »Wie verhalte ich mich richtig?«) steht und weniger Fragen darüber gestellt werden, wie sich rassistische Gesellschaften konstituieren und wie wir diese Verhältnisse überwinden können. Während die meisten Aktivist*innen und Akademiker*innen im deutschsprachigen Raum ihre Erklärungsansätze aus dem us-amerikanischen Kontext adaptieren, obwohl sich dieser in der historischen Entwicklung sowie der materiellen Grundlage unterscheidet, schaffen die Herausgeberinnen mit diesem Sammelband einen Überblick über deutsche und europäische Verhältnisse. Dafür dient der Marxismus als Handwerkszeug. In den enthaltenen Artikeln werden neben den durch die Herausgeberinnen vermittelten theoretischen Grundlagen soziale Reproduktion, Geschlecht und Rassismus (Roldán Mendívil/Vögele), Polizei und Rassismus (Pilone), rassistisch segmentierte Arbeitsmärkte (Bouali), Rassismus in der EU-Grenz- und Migrationspolitik (Georgi), das Konzept der Intersektionalität und Identitätspolitik (Roldán Mendívil/Sarbo) und der Aufstieg der Rechten in Deutschland (Friedrich) betrachtet. Ich konnte aus allen Analysen unheimlich viel mitnehmen, am meisten gefielen mir jedoch der eingangs zitierte Artikel von Bafta Sarbo, die Kritik der Intersektionalitätstheorie sowie die historische Genese der Polizei von Lea Pilone.
Gängige marxistische Konzepte werden verständlich erläutert. Sprachlich sind manche Artikel komplexer, manche leichter zu verstehen – insgesamt schaffen es aber alle Autor*innen, auch für Menschen einen guten Einstieg ins Thema zu schaffen, die sich noch nicht (so viel) mit Marxismus auseinandergesetzt haben. Für erfahrene Marxist*innen könnte es eventuell zu oberflächlich sein – da der Zweck dieses Sammelbandes allerdings ist, eine erste Grundlage zum materialistischen Rassismusbegriff zu schaffen, hat er seine Aufgabe erfüllt.
checke warum halb studi-berlin dieses buch im schrank stehen hat! ist für marxistische theorie überraschend zugänglich - natürlich sehr akademische sprache (HU hopo bubble lässt grüßen), aber basic grundlagen werden schon alle nochmal erklärt. ist ne gute mischung aus grundlegerenden essays, geschichtlichen abrissen und theoretischen überlegungen, die sich im grunde alle um eine materialistische betrachtung von rassismen drehen. insbesondere die kritik an intersektionalität und identität und auch der essay zu grenzregimen fand ich sehr sehr gut und würd die gern nochmal in ner gruppe diskutieren. lea pilones aufsatz zu polizei & rassismus in deutschland eignet sich auch super für nen abolitionismus-lesekreis :) reicht jetzt aber auch erstmal wieder mit marxistischer theorie lol
Sehr gutes Buch! Hätte es nur gerne bedachter gelesen, aber an der Uni haben das zwei Personen bereits vorgemerkt …
Finde es rundum gelungen.
Eigentlich bräuchte es solch wichtige Inhalte in einfacher Sprache. Jene, die erst später deutsch gelernt haben oder nicht mit dem akademischen Jargon vertraut sind, werden mit dem Lesen Schwierigkeiten haben – Zugang verwehrt. Dabei wäre die inhaltliche Verbreitung wirklich erstrebenswert.
Für mich als Anfänger:in im Thema Marxismus war dieses Buch sehr spannende, komplexe Lektüre, die ich jeder:jedem politisch Interessierten weiterempfehlen würde. Mitunter fand ich es schwierig mich beim Lesen zu konzentrieren, also gerne portionshaft aufmerksam lesen
7 Autor:innen möchten dem populären Diskurs um Antirassismus, Frauenbefreiung, Ausbeutung, etc. mit einer neuen Perspektive begegnen. Diese Themen werden nämlich kaum ganzheitlich und systematisch betrachtet, sondern allenfalls identitär und individualistisch. Statt auf politischer und wirtschaftlicher Ebene die Ursprünge der Unterdrückung zu suchen, werden diese nebeneinander als quasi naturgegeben angesehen, wobei jeder "selbst an sich arbeiten muss". Diese Ideologie verschwendet nicht nur unsere Zeit und Ressourcen, sondern ist auch sehr hinderlich und gefährlich, vor allem wenn wir uns den Diskurs um "Allyship" und "Privilegien" anschauen.
Das alles ist kaum zufällig, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, welche bewusst und unbewusst die proletarische Bewegung spaltet und schwächt. Ich hoffe, dass jede interessierte Person aber vor allem jede:r Linke:r ieses Buch zu Rate zieht und wir so von diesen unsäglichen Diskussion abkommen und mehr Richtung Befreiung hinarbeiten.
"Liberale Antirassist:innen versprechen uns rassismussensible Kapitalist:innen [...]. Wer aber 'die Kräfteverhältnisse im Kampf gegen rassistische, geschlechterspezifische und andere Formen von Unterdrückung verschieben will, darf nicht von deren materiellen Bedingungen und vom Interesse an ihrem Erhalt zur Stabilisierung von Ausbeutungsverhältnissen abstrahieren '"
Umfassende Aufsatzsammlung zu verschiedenen Themen im Kontext von Rassismus, die allesamt von materialistischer Perspektive beleuchtet werden. Ihnen ist inhaltlich gemein, dass sie beleuchten, welche Funktionsweise Rassismus im Kapitalismus erfüllt und dass dieser gewollt ist. Besonders spannend für mich waren insbesondere die Kapitel zu Polizei, dem Aufstieg des rechten Projekts sowie das Kapitel zu Rassismus und gesellschsftlichen Produktionsverhältnissen. Insgesamt ein sehr dichtes Werk für die gerademal knapp 200 Seiten und sehr komplex zu lesen. Ich würde behaupten wollen, dass es niedrigschwelliger geht - gerade wenn das Buch ein Diskussionsanstoß sein soll und die Ideen in die Breite tragen soll - wie von den Herausgeber*innen benannt.
Eher enttäuschend. Alle Beiträge drücken sich in einer für marxistische Theorie leider (!!) prädestinierten prosaisch-grau-welken Schreibweise aus, so dass einem mit jeder Seite die Augenlider schwerer werden. Dann noch der Moment, wo mal eben im Vorbeigehen Lenins brain-fried „der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist“ reaktiviert wird und i’m like, wha-
Ich hatte Anfangs Probleme, in das Buch rein zu kommen. Die Kapitel zu Intersektionalität und Polizei und Rassismus haben mich am meisten angesprochen.
Was für ein Buch! Schlaue, einleuchtende Essays, ziemlich analytisch und super strukturiert (jedes Kapitel mit Zusammenfassung!). Habe einen ganzen Marker verbraucht, so viel habe ich mir markiert. Ein kleiner Paradigmenwechsel.
Einer der wichtigsten marxistischen repolitisierungen von einem Antirassistischen Verständnis in aktuellen Antirassistischen Debatten in Deutschland. Der Sammelband legt eine umfassende und thematisch breit aufgestellte Analyse vor, in welcher der methodologische Individualismus, der eingebettet in einer neoliberalen Hegemonie Gesellschaft als Verhältnis entpolitisiert, ja sogar leugnet, einer gründlichen Kritik unterzogen wird. Dem Buch gelingt es die tiefe Verstrickung von Klasse und Rassismus nicht nur zu theoretisieren, sondern auch gekonnt verschiedene Bereiche des gesellschaftlichen Lebens antirassistisch zu durchleuchten. Das Buch füllt eine Lücke in modernen antirassistischen Diskursen in Deutschland, die von einem liberalen Dogma der individuellen Identitätspolitik angeführt werden. Nach dem Lesen dieses Sammelbandes sollte deutlich werden, dass „Betroffenen zuhören“ und sich selbst „antirassistisch zu sensibilisieren“ leider nicht viel mehr ist, als eine löbliche moralische Haltung, mit der man sich prestige einfahren kann. Nachhaltige antirassistische Praxis muss stets in einen solidarischen und internationalen Klassenkampf integriert sein, der radikale Kritik an den komplexen kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen übt und den Rassismus innerhalb diesen Verhältnissen enttarnt. Dieses Analyse vom Dietz Verlag ist ein Muss!
Ich hatte das Buch jetzt noch relativ lange mit dem letzten Kapitel ausstehend rumliegen, deswegen mag mich meine Erinnerung auch trügen.
Was mich ehrlich wundert sind die vielen sehr guten Bewertungen hier. Ich war zwar selbst mit den meisten Aussagen einverstanden, allerdings eigentlich eher, weil sie meine vorher bestehenden Überzeugungen bestätigt und knapp zusammengefasst haben. Ich hatte überhaupt nicht den Eindruck, dass sich hier wirklich die Mühe gemacht wurde, irgendwas groß zu erklären, zu beweisen oder argumentativ herzuleiten. Stattdessen ist das eher ein marxistisches und materialistisches Weltanschauungsangebot. Das mag einem zwar gefallen, aber es ist trotzdem begründspflichtig. Das wird hier kaum geleistet. Und wenn mal zu Begründungen ausgeholt wird, dann sind diese oftmals nur bedingt überzeugend. Beispielsweise ist der für das Buch zentrale Begriff „Überausbeutung“ schief bestimmt, weil hier impliziert wird, als wäre die wertgemäße Entlohnung außerhalb rassistischer Verhältnisse der Normalfall.
Sei‘s drum. Wenn Marxismus so sexy ist, dass er sich nicht erklären braucht, will ich mich darüber nicht beschweren.
Ich liebe die komplette Analyse hier drin, hat mich wirklich sehr viel weiter gebracht in meiner Antirassistischen Arbeit. Wir können Rassismus nicht ohne Klasse denken. Eigentlich alles Politische benötigt eine materialistische Analyse. Dieses Buch scheint gerade Standardlektüre aller Bildungsmenschen in der Grünen Jugend zu sein, daher musste ich es auch lesen. Ich bin verdammt stolz auf diesen Verband, wenn dieses Buch tatsächlich unsere gesamte Analyse repräsentiert!
Keine 5 Sterne, weil ich es nicht super einfach zu lesen fand. Ich bin leider nicht so drin in der politischen Theorie und habe daher bestimmt wichtige Aspekte einfach nicht verstanden, weil ich Fachbegriffe oder Ausdrucksweisen nicht direkt einordnen kann. Vielleicht wird das besser mit der Zeit, solange suche ich nach noch einfacheren Büchern, oder lese einfach weiterhin die über:morgen, das Mitgliedermagazin der Grünen Jugend :)
Was die Theoretisierung des Rassismus' angeht, ist das hier im Wesentlichen Zusammentragen dessen, was in Frankreich und dem englischsprachigen Raum dazu gesagt wurde. Die konkreten Studien, die dazu kommen, sind nicht sehr fokussiert auf das Thema und sicherlich auch aufgrund der Kürze der Texte recht oberflächlich.
Zu kritisieren ist die nachrangige oder zum Teil ausbleibende Behandlung des Imperialismus, das Aussparen der Arbeiter: innenaristokratie.
Für Deutschland, das in Sachen Marxismus so elendig provinziell und veraltet ist und sich dabei oftmals noch immer für die Vorhut hält, ist das dennoch ein wichtiger Band.
Eine dialektisch-materialistische Analyse von Rassismus, bietet ein verbessertes Rassismus Verständnis. Es wurde auch versucht dieses in die heutige Zeit einzuordnen. Diese Fortführung des Marxismus ist sehr interessant, aber auch komplex und diskutierbar. Es gibt eine Kritik an der Intersektionalitätstheorie, die sehr relevant ist. Sprachlich ist das Buch krass akademisiert und stellt auf jeden Fall beim lesen eine Hürde dar. Schlussfolgernd braucht es mehr Updates des Marxismus, die alternative Antworte bieten auf Thematiken, die größtenteils aus liberaler Perspektive betrachtet werden.
Super Buch, dass vorallem Intersektionalität sehr treffend mit Beispielen beschriebt und viele dikriminierungsbezogene Zusammenhänge schlüssig darstellt. Wer gerne linkstheoretische Sachbücher mag sollte das hier mal lesen.
sehr sehr gute kritik am theoretischen konzept der intersektionalität + warum es uns niemals befreien kann. brauchte teile dafür für eine hausarbeit, aber habe alles gelesen. einfach, weil es wahr + wichtig ist.
Also inhaltlich sehr gut, aber fands relativ anstrengend zu lesen, weil is halt sehr akademisch. Also macht das buch ja nicht schlechter, weil das war bestimmt ja auch der Anspruch, aber dadurch isses für mich halt schwierig