„Die Essenz der Erinnerung“ von Anne Lück ist der zufriedenstellende Abschluss ihrer „Silver & Poison“-Dilogie.
Es sind nur wenige Stunden seit dem dramatischen Ende von „Das Elixier der Lügen“ vergangen. Avery und Ryker sind gemeinsam auf der Flucht – beide unter Mordverdacht. Adam, als leitender Detective, wird mit der undankbaren Aufgabe betreut, nach seiner eigenen Freundin zu fahnden. Islas Zustand ist ungewiss – und die Magiequelle von New York fordert mit jedem Tag, der vergeht, mehr Opfer…
Eine spannende Prämisse, die stellenweise nicht ganz so aufregend umgesetzt wurde, wie sie sich präsentiert. Langweilig wird es definitiv an keiner Stelle, aber der Spannungspegel flacht doch immer wieder deutlich ab. Avery steht zu Beginn der Geschichte mit einer langen To-Do-Liste voller Probleme da, die es abzuarbeiten gilt – und genau das wird gemacht. Kapitel für Kapitel wird erfolgreich ein Hindernis nach dem nächsten aus dem Weg geräumt, doch über allem droht die zum Bersten gefüllte Quelle in New York. So wurde ich zusehends von Seite zu Seite unruhiger. Konnte mich immer weniger über kleine Erfolge freuen. Wie auch? An jedem Tag, an dem sie sich nicht nach New York begibt, um die Quelle zu beruhigen, sterben weitere Magier. So mag es zwar eine rationale Entscheidung sein, erst einen Plan auszuarbeiten und zu recherchieren, doch die Anzahl an Tagen, die sie dafür aufgewendet haben, war schon etwas hanebüchen.
Von meinem inneren Stresspegel aufgrund der gefühlt ignorierten magischen Bombe (bis zur letzten Sekunde) mal abgesehen war es dennoch eine durchweg interessante Geschichte. Der Aufenthalt in San Francisco war magisch, schön und sehr informativ. Ihre Zeit in Denver hingegen ist die Phase, die sich zieht, bietet aber den größten Plot-Twist dieses Buches, den ich so auch wirklich nicht habe kommen sehen. Der große Showdown in New York führt alle Handlungsstränge gelungen zusammen, bietet ordentlich Action, Drama und Herzschmerz – da ist wirklich für jeden etwas dabei.
Von all dem abgesehen hat sich die Autorin erneut mit ihrem Talent, unkomplizierte Lösungen für komplizierte Probleme zu finden und Klischees zu meiden, in mein Herz geschrieben. Es wird kein Liebesdreieck eingebaut, obwohl Avery über mehrere Kapitel allein mit einem anderen attraktiven Mann in ihrem Alter unterwegs ist. Ihre eigene Beziehung stand niemals auf der Kippe, obwohl die beiden wirklich durch gemeine Reifen springen mussten. Den Preis dafür müssen lediglich die Romance-Leser zahlen, denn Anne Lücks Romantasy legt den Schwerpunkt ganz stark auf die Fantasy. Endlich! Die beiden süßen, semi-expliziten Sexszenen hätten deswegen auch ruhig ganz wegfallen können.
Ebenso allerdings auch alles rund um Dorian Mars. Die ganze Hintergrundgeschichte mit der Gang gab Avery zwar ein paar interessante Ecken und Kanten, hat den Plot in seiner Gänze jedoch nicht wirklich bereichert.
Fazit:
Anne Lück hat mich überzeugt. Mit ihrer „Silver & Poison“-Dilogie liefert sie ein rundum zufriedenstellendes Gesamtpaket. Eine originelle Urban Fantasy Story mit neuem Magie-System; interessante Charaktere; eine zarte Liebesgeschichte, die sich unauffällig und platzsparend einfügt und vor allem: KEIN Drama. Keine unnötigen Klischees. Endlich mal wieder eine Geschichte, die nicht um irgendwelche Tropes herumgeschrieben wurde. 4,5/5 Sterne.