»Selten treffen langjährige Kenntnis vor Ort und Vertrautheit mit der Geschichte des Schauplatzes so sehr aufeinander wie in Sabine Adlers Ukraine-Buch. Besonders für das deutsche Publikum eine längst fällige Lektüre!« Karl Schlögel
Der Krieg in der Ukraine stellt das politische und wirtschaftliche Handeln Deutschlands auf den Prüfstand. Jahrzehntelang wurde über den zweitgrößten Staat Europas hinweggeschaut und Russland hofiert. Mit fatalen Folgen. Deutschland hat versagt, konstatiert die Osteuropa-Expertin Sabine Adler. Ihre Analyse nimmt nicht nur die Ukraine und den aktuellen Krieg in den Blick, sondern vor allem Deutschlands Rolle – wirtschaftlich, politisch, medial – in Bezug auf das von Russland überfallene Land. Als langjährige und hellsichtige Beobachterin zieht sie eine kritische Bilanz: politische Versäumnisse, Lobbyismus, Doppelmoral und ein verlogener Pazifismus waren über weite Strecken bestimmend. Zeit, daraus zu lernen und einen radikalen Kurswechsel einzuleiten!
Sabine Adler beschreibt in ihrem Buch die politischen Fehler Deutschlands und des Westens gegenüber Russland und der Ukraine. Sie beschränkt sich nicht auf die letzten Monate oder wenige Jahre, sondern geht zurück bis zur Unabhängigkeitserklärung der Ukraine am 26. Januar 1918. Die kriegerische Invasion der Ukraine durch Russland am 24. Februar 2022 hätte mit einer anderen Politik verhindert werden können. Die Analysen sind klug und nehmen keine Partei in Schutz. Es ist ein gelungenes Beispiel für Sorgfalt und Unabhängigkeit.
Durch die umfangreiche Berichterstattung in Zeitungen, im Fernsehen oder in Podcasts ist einiges bekannt. Dennoch lohnt das Buch. Es ergänzt und detailliert, und lässt dadurch ein kompaktes Gesamtbild auf nur 230 Seiten entstehen. Darüber hinaus gelingt es komplexe Vorgänge verständlich zu vermitteln, ohne diese zu vereinfachen.
Es ist eines dieser Bücher, die man nach dem Lesen in den Schrank stellt. Wenn man in zehn oder zwanzig Jahren wissen möchte, wie das eigentlich damals genau war, hat man eine gute Quelle zur Hand. Es sollte allerdings klar sein, dass es sich hier nicht um eine umfassende historische Darstellung handelt (dafür ist es auch zu früh), sondern um eine Momentaufnahme.
One gets the feeling Sabine Adler may overestimate Germany's importance, but she puts her finger on a very sore spot. SPD and CDU governments went all in on a Russia-strategy that resulted in a situation that's a disaster for Ukraine, and very costly to Germany. I'm only left wondering if a better German strategy could have dissuaded the old man in the Kremlin from invading Ukraine, a case she doesn't argue clearly enough for me.
Die Journalistin Sabine Adler nimmt in Die Ukraine und wir den russischen Angriff auf die Ukraine 2022 zum Anlass, mit der deutschen Russland- und Ukrainepolitik abzurechnen. Sie steht dabei klar auf der Seite jener, die eine deutlich härtere Gangart gegenüber Moskau befürworten – oder bereits früher befürwortet hätten.
Da ihre Positionen den meinen in vielem ähneln, müsste ich eigentlich voll des Lobes sein. Adler wendet sich explizit gegen einen naiven Pazifismus und gegen jede Form von Appeasement gegenüber Russland und fordert stattdessen eine entschlossene Unterstützung der Ukraine. Dennoch zeigt sich hier ein Problem: Man kann auch das Richtige auf eine wenig überzeugende Weise vertreten. Die Autorin setzt häufig auf emotionale Zuspitzung – sowohl zur Gewinnung von Zustimmung als auch zur Abwertung gegenteiliger Positionen. Diese Emotionalität ist mir zwar keineswegs fremd, gerade angesichts der Ereignisse der letzten Jahre, und sie mag auch ein breiteres Publikum erreichen. Für mich persönlich bleibt sie jedoch unbefriedigend. Wollte ich meine eigene Position argumentativ untermauern, würde ich dieses Buch nicht als Referenz heranziehen. Hinzu kommt, dass Adler gelegentlich pauschalisiert, wenn sie davon spricht, was „die Deutschen“ denken oder tun.
Inhaltlich bleibt sie weitgehend beim Thema und schweift nur selten ab. Sie schildert detailliert, wie deutsche Politik gegenüber Russland und der Ukraine in den letzten Jahrzehnten gestaltet wurde – wobei die Ukraine oft vernachlässigt erscheint. Der Fokus liegt auf der jüngeren Vergangenheit, wird aber punktuell durch historische Rückblicke ergänzt. Vieles dürfte Leserinnen und Lesern, die das Zeitgeschehen verfolgt haben, bereits bekannt sein; einzelne Aspekte – etwa zum Thema Kunstraub – gehen darüber hinaus.
Ein grundsätzliches Problem solcher Bücher liegt in ihrer rückblickenden Perspektive. Zwar vertrat Adler ihre hier formulierten Positionen offenbar schon vor 2022. Dennoch fällt auf, dass kaum jemand diese Sicht zuvor in der heutigen Klarheit und Geschlossenheit formuliert hat. Das mag auch daran liegen, dass entsprechende Analysen damals weder auf breites Interesse bei Verlagen noch beim Publikum gestoßen wären. Gleichwohl bleibt ein gewisser Beigeschmack: Im Nachhinein lässt sich vieles stringenter darstellen, als es unter den Bedingungen damaliger Unsicherheit möglich war.
Das Buch bleibt deskriptiv und liefert keine Vorschläge dazu, was politisch anders hätte gemacht werden können oder sollen. Adler bleibt hier Journalistin, nicht Strategin. Ob weitergehende Analysen tatsächlich zu einer anderen Politik geführt hätten, ist zwar unwahrscheinlich - zu stark waren die strukturellen, interessengeleiteten und auch mentalen Faktoren, die die lange vorherrschende, eher wohlwollende Russlandorientierung in Deutschland geprägt haben - aber wären interessant gewesen.
Für Leserinnen und Leser, die noch einmal die politischen Entwicklungen der letzten Jahre zu diesem Thema ausgiebig nacherleben wollen und vor dem etwas unsachlichen Ton nicht zurückschrecken, ist das Buch durchaus geeignet.
Rating: 3/5 Sprache gelesen: Deutsch Gelesen im Jahr: 2026
“Als das Wünschen noch geholfen hat, hörten Kriege vielleicht noch von selbst auf.”
Sabine Adler, langjährige Russland-Korrespondentin des Deutschlandfunks, legt Hintergründe des russischen Krieges gegen die Ukraine auf. Eine gelähmte Zivilgesellschaft, ein ungezügelter Despot - und westliche Politiker, die aus Eigeninteresse, historischer und situativer Ignoranz und fehlplatzierten Loyalitäten nicht umdenken können. Wer wissen will, was es mit dem Faschisten-Gerede auf sich hat, was Deutschland und die Ukraine verbindet, warum Steinmeier nicht willkommen ist und warum eine ganze Generation von SPD-Kadern für Außenpolitik disqualifiziert ist, für den ist dieses Buch Pflichtlektüre.
Die Autorin zeigt kraftvoll, mutig, gut recherchiert auf, was geschehen muss: Die Ukraine wird den Krieg gewinnen, einer reformierten EU beitreten und ein sicherheitspolitisches Umdenken in den westeuropäischen Köpfen stattfinden.
Gibt es schlechtere (weil sprachlich ungeschliffen, aussdrucks- und darstellungsarm) sachpolitische Texte als jene von Dunja Hayali, Golineh Atai und Co? Vielleicht nicht. Aber gewiss Ihnen in ihrer Schlechtigkeit und Miserabilität nahestehende! Das vorliegende Buch gehört auf alle Fälle dazu. Als informierter Leser ist man so schlau wie zuvor und als Laie ist man bestenfalls blöd(ge-)belesen. Diese Zeit kann man sich sparen. Als Lesealternative empfehle ich (beispielsweise) "Der lange Weg zum Krieg".
Gefühlt war einfach plötzlich Krieg in Europa. Sabine Adler zeigt gut, welche Entwicklungen dazu geführt haben und vor allem, welche Rolle Deutschland darin spielt und spielte. Aus meiner Sicht eine sehr gelungene Darstellung der Geschichte und Politik, kritisch und pointiert.
“For a long time, the willingness to get to know the country tended towards zero. Many are under the misconception that if they know Russia, they know enough about Ukraine. However, there are major differences, especially in terms of citizens' commitment to their country. […] The mostly young men and women are involved in the transformation of their country to an extent that is unparalleled in Russia. […] But the Germans still sympathize with authoritarian Russia and are still alienated from Ukraine, which is shaped by civil society. German politicians and journalists have no problem admitting that they write about and judge a country that they still do not know from their own experience.”
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Sabine Adler, a longtime Deutschlandfunk correspondent in moscow, Warsaw and Kyiv, joined Andreas Umland and more than a hundred other German-speaking experts on Eastern Europe in 2014 in calling for policy towards russia to be based on reality, not illusion. And that Ukraine, Georgia and Moldova should not be sacrificed in the name of a "cautious" German policy towards russia, which they already described at the time as the clear aggressor.
That is how she relentlessly and openly accounts in this book for the failures of German policy towards russia, a policy based on lobbying, double standards and false pacifism. She shows well the developments that led to the present war and argues that it could have been prevented by other Western policies. Very enlightening, especially these days when journalists from Die Zeit are finding out that during the construction of Nord Stream 2, the Bundeswehr provided the russians with data on the movement of submarines and the deployment of NATO allies' munitions just like that.
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“Josef Zissels from the Euro-Asian Jewish Congress has been observing anti-Semites and neo-Nazis in post-Soviet Russia for over a quarter of a century. Ukraine is by no means a problem case compared to Russia. [...] Zissels knows which way the wind blows when there is talk of fascists on the Maidan: from Moscow. [...] The alleged fascist infiltration of the protest movement is a propaganda trick from Soviet times, he explains, and it sounds a bit like: How many more times will you guys in the West fall for it? [...] We know from Soviet times that anyone who turns against Russia, who stands up for national independence, is turned into a fascist. This is nothing new.”