4.8| Auf dieses Buch bin ich eigentlich nur durch Zufall gestoßen, ich wollte eigentlich nicht den nächsten Katastrophen-Roman über furchtbar böse KI’s lesen, die die Menschheit unterjochen und ausbeuten; beim Lesen des Backcover-Textes hat das jedoch in meinen Augen etwas anders geklungen…
Obwohl gerade KI bei uns das große Thema ist fand ich die Lektüre überhaupt nicht belehrend, es will gar nicht philosophisch tiefgründig sein (und ist es auch deshalb auf besonders schöne Weise), und es behandelt das Ganze auf genau die Art, die im öffentlichen Mediendiskurs verlorengeht: auf jene unserer Emotionen, was besonders auf das Regime der Kaspischen Republick (KR) zutrifft.
Es ist interessant, wie gut es Neil Sharpson gelingt, dieses Worldbuilding-Setting - gut 200 Jahre in der Zukunft angelegt - mit nur wenigen Details in die Geschichte zu verflechten. Es sind vorrangig Zitate oder Aufzeichnungen fiktiver historischer Persönlichkeiten, die den Werdegang in eine von Künstlicher Intelligenz gesteuerten Zukunft aufzeigen. Androiden leben als gewöhnliche Bürger unter den Menschen, das Leben findet nicht nur irdisch statt und die Digitale Transmission hat gewaltige Ausmaße angenommen. Konfuzius, George und Athene, das sogenannte Triumvirat, sind die Bezeichnungen der Super-KIs, die das Leben auf der Welt steuern und die Entscheidungen aller Regierungen treffen.
Nur die Kaspische Republik schwört jedweder Maschine ab. Hat sich den „Wahren Menschen“ verschrieben. Das hat für die Menschen, die hier leben einen hohen Preis. Es wird mit fester Hand und straffer Organisation regiert. Staatssicherheit und Parteisicherheit sorgen dafür, dass Angst und Einschüchterung die Bevölkerung in die gewünschten Bahnen lenken. Mal mit mehr mal mit weniger Erfolg. Immer mehr Menschen machen von der Möglichkeit Gebrauch Ihre Seele zu digitalisieren, um sie dann in der neuen Welt zu transferieren und so den Fesseln der Diktatur zu entkommen.
Sharpson zeichnet eine düstere Realität, in einem System in dem jeder und jede damit rechnen muss, verraten zu werden. Für den Erhalt der Machtstrukturen ist jedes Mittel recht. Es entsteht eine dichte, intensive und teils beklemmende Atmosphäre.
Nikolai South, Agent bei der Staatssicherheit der Kaspischen Republik, erhält einen überraschenden und ungewöhnlichen Auftrag. Er soll eine KI bei der Identifizierung der Überreste ihres Mannes begleiten. Überraschend, dass ausgerechnet der wenig ehrgeizige South für einer derart bedeutende Mission ausgewählt wird. Ungewöhnlich, da hier in dem diktatorisch geführten Land jegliche künstliche Intelligenz verboten ist und es sich bei der KI zudem um Lily Xirau handelt. Sie ist die Witwe des ermordeten politischen Propagandisten Paulo Xirau, Und der war, wie sich nach seinem Tod feststellt, ebenfalls eine KI…
Doch wahre Brisanz soll der Auftrag für Nikolai South dadurch erhalten, dass Lily Xirau seiner verstorbenen Ehefrau zum Verwechseln ähnlichsieht. Er gerät in einen inneren Konflikt. Die Ausübung seiner Pflichten für die Kaspische Republik, Licht in das Dunkel um die Ereignisse bringen und dem Drang, seinen Sehnsüchten nachzugeben, die durch diese ungewöhnliche Begegnung geweckt werden und seine traurige Vergangenheit neu aufleben lassen.
In diesem gut austarierten Spannungsfeld gelingen Neil Sharpson hervorragend gezeichnete Figuren. Feinfühlige Dialoge, in denen stets vorsichtig und behutsam agiert wird, wohlwissend, dass falsche Äußerungen drastische Konsequenzen nach sich ziehen können. Wer ist Freund? Wer ist Feind? Das Risiko einen falschen Schritt zu unternehmen ist groß.
Neil Sharpson gelingt ein ungemein faszinierender und packender Thriller um Künstliche Intelligenz, Politik und Macht, den Sehnsüchten des Menschen. „Ecce Machina“ ist ein Highlight meiner Science-Fiction-Lektüre dieses Jahres, das auch durch die Gegensätzlichkeiten der entworfenen Lebenswelten nachklingt.
„Ecce Machina“ ist ein SF-Roman, den ich für sehr aktuell halte. Das Thema KI ist durch ChatGPT und Co. so präsent wie noch nie in unserer Gesellschaft und auch wenn es Romane mit dieser Thematik wie Sand am Meer gibt, hebt sich dieser hier ab. Denn die typische schwarz-weiß Darstellung existiert nicht. Die neuen Technologien sind nicht „böse“. Die Menschen, die außerhalb der Kaspischen Republik wohnen, führen ein angenehmes, friedliches Leben voller Reichtum.
Es ist interessant, eine Perspektive zu lesen, in der die Menschen das Problem sind, nicht die Maschinen. Dadurch, dass wir dennoch so geprägt von der dystopischen Vorstellung des technischen Fortschritts sind, entwickelt sich „Ecce Machina“ zu einem Roman, über den man ernsthaft nachdenken muss und der eine zweiseitige Argumentation verfolgt, oder anders ausgedrückt: Der Leser denkt, die Maschinen sind die Bösen, das Buch sagt, die Maschinengegner sind das eigentliche Problem. So wird die Linie zwischen Gut und Böse aufgehoben. Ein unglaublich spannender Ansatz, der fesselt und schockiert…