Pazifisten haben es nicht leicht: Man wirft ihnen Blauäugigkeit oder blinden Dogmatismus vor. Dieser Essay verteidigt demgegenüber einen Pazifismus ohne Prinzipienreiterei. So gut wie alle kriegerischen Handlungen sind unmoralisch. Pazifismus darf deshalb nicht darauf hinauslaufen, mit geschlossenen Augen starre moralische Regeln zu predigen, sondern er muss auf friedliebende Art und Weise die politische Wirklichkeit betrachten. Olaf Müller gibt dabei in aller Offenheit zu: So verstandener Pazifismus ist anstrengend und bietet keine Garantie dafür, am Ende schuldlos zu bleiben. Nach oben
Müllers Essay ist sehr persönlich. Sein Plädoyer für das Gute im Menschen, für die Weisheit des Guten und allgemeinen Optimismus, verknüpft mit einer präzisierten pazifististischen Haltung liest sich stellenweise pathetisch, stellenweise logisch argumentierend und im Gesamten sehr menschlich. Müller hält nicht mit seinen Ängsten vor Krieg zurück, ist sich der Schwäche seiner Position auch final bewusst und reflektiert diese berührend im Angesicht der derzeitigen Situation in der Ukraine.
Pro Pazifismus, denn der Krieg ist Chaos.
Die Position im Diskurs, die Müller hier einnimmt, erscheint mir angesichts einer scheinbaren Zunahme der Kriegsbegeisterung ein notwendiger Gegenstandpunkt. Eine Empfehlung kann für jeden Menschen ausgesprochen werden, der - pathetisch gesagt - noch an das Gute im Menschen glaubt
(Aufmerksam bin ich auf dieses Buch durch den Podcast 'Die Neuen Zwanziger', genauer die, über Steady erhältliche, Salonausgabe vom 06.12, von Wolfgang M. Schmitt und Stefan Schulz)
Pazifisten sind mittlerweile in einer kleiner werdenden Minderheit. Müller definiert Pazifismus Olaf als die Arbeit am Frieden. Also als Prozess, nicht als Ergebnis. Weder Gesinnungs- noch Verantwortungsethik helfen uns beim Krieg weiter, daher bezieht er sich stark auf den amerikanischen Pragmatismus. Es lassen sich schlechtweg keine Absolutaussagen im Bezug auf Krieg treffen, sondern wir sollten uns auf das Komparativistische beschränken: Was wäre friedlicher? Was würde der Bevölkerung mehr helfen? Wie könnten mehr Menschen geschützt werden?
Grundsätzlich eine gute Idee, aber gerade beim Nachdenken über Krieg und Frieden wichtig: keine Kategorien vermischen. Alternative Szenarien funktionieren in der Naturwissenschaft (Medikament vs Placebo). Wenn es aber um Krieg und Geopolitik geht, dann wissen wir sehr wenig. Wir haben kaum Möglichkeiten für eine Kontrollgruppe. Weder rückwirkend (Müller veranschaulicht das anhand der Luftangriffe auf Dresden 1945) noch vorausschauend (Ukrainekrieg). Die Folgen einer militärischen Reaktion sowie Nicht-Reaktion auf einen Angriffskrieg sind absolut ungewiss. Aus einer pazifischen Perspektive ist man sich aber dieser Ungewissheit gewahr und mahnt daher zur Vorsicht. Vielleicht kommt man dann zu dem Ergebnis, dass eine militärische Reaktion pazifistischer wäre - so paradox es doch klingt -, aber zuerst ist Vorsicht geboten vor (un)vorhersehbaren Folgen. Eigentlich müssen wir wie Ingenieure denken, die in einem Atomkraftwerk arbeiten. Ihre Verantwortung ist: jedes mögliche Risiko eines Supergaus aus dem Weg zu schaffen. Wenn das AKW in einer Erdbebenregion steht, dann Kümmer ich mich darum dieses erdbebensicher zu machen, auch wenn es seit 900 Jahre kein Erdbeben gegeben hat. Einstein und Russel waren Pazifisten und trotzdem während WWII für die Militärische Intervention der USA, danach aber konsequent gegen Korea- und Vietnam-Krieg. Das zeigt ganz gut, dass WWII als etwas einmaliges anzusehen ist, das sich hoffentlich nicht wiederholt - ein Vernichtungskrieg, der wahrscheinlich tatsächlich nur militärische Gewalt zu einem Frieden gebracht werden konnte. Heute ist die Lage in der Ukraine - wie auch Mark A. Milley, der Ehemaliger Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff der Vereinigten Staaten mehrfach deutlich machte, also wahrlich kein Traumtänzer der Friedensbewegung - eher vergleichbar mit dem WWI, ein Stellungskrieg, der militärisch wahrscheinlich nicht zu beenden ist.
Menschen suchen nach Mustern, um mit dem Chaos der Welt klarzukommen. Welt- und daher auch (Kriegs)Politikwahrnehmung ist also immer durch unsere Perspektive, Überzeugungen und Werte gefärbt. Wir haben keinen rationalen / faktischen Blick auf den Krieg. Geopolitik ist einer der komplexesten und undurchsichtigsten Politikfelder und Krieg potenziert diese Komplexität und das Chaos noch weiter. Als Bürger haben wir keinerlei Informationen über das, was die Geheimdienste und Militärs (diejenigen mit den meisten geopolitischen Wissen) wissen und selbst die Geheimdienste wissen nur über einen Bruchteil des Status Quo Bescheid. Es gibt Menschen, die haben mehr Ahnung als andere, aber im Gegensatz zu anderen Themenfeldern gibt es in der Kriegspolitik keine Experten, höchstens Expertise. Die Gamblers Falacy beschreibt das Phänomen, dass wir aus dem vergangenen Nicht-Eintreten eines Risikos nichts darüber ableiten können, wie wahrscheinlich es in Zulunft auftritt. Genau das tun wir aber die ganze Zeit im Bezug auf einen Atomkrieg: Et hätt noch immer jot jejange! Aber eine Sache ist klar: Je länger ein Krieg zwischen Atommächten dauert, desto wahrscheinlicher ist es, dass durch menschliche, technische oder sonstige Fehler ein Atomkrieg ausversehen ausgelöst wird. Selbst wenn niemand das wollte. Häufig wird gesagt: "Wir dürfen uns nicht von der Angst leiten lassen!" oder "Angst ist ein schlechter Berater. Wir müssen Stärke zeigen!". Der ukrainisch-amerikanische Historiker Plokhy fasst in seinem Buch „nuclear folly“ zusammen wie häufig im Verlauf der Kubakriese die Menschheit kurz vor der Auslöschung stand, weil sich die beiden Systemrivalen USA und UdSSR gegenseitig falsch eingeschätzt haben, suboptimale Informationsnetzwerke verwendeten, organisatorische Fehler gemacht haben, etc. Plokhy führt als Erklärung an, warum es nicht zu diesem Katalysmus gekommen ist, dass bei Kennedy wie auch Chruschtschov die Angst vor einer nuklearen Auseinandersetzung zunahm. Panik ist sicherlich kein guter Ratgeber, aber Sorge vielleicht schon - gerade in Kriegszeiten.
Indirekte Lektüre: Besprechung bei Neue Zwanziger Salon Dezember 2023 & ein Vortrag vom Autor.
Die schlechte Wertung bekommt das Essay nicht etwa, weil ich den Pazifismus ablehnen würde, das Gegenteil ist der Fall. Dennoch bot es mir keinerlei neue Sichtweisen oder Anregungen, um meine eigene pazifistische Weltsicht zu untermauern.