Book2moviechallenge 2 Kategorien: Komödie bzw. Verfilmung eines Sachbuchs
Ist schon sehr kurios, was alles passiert, wenn der Fokus der eigenen Wahrnehmung auf die Absolvierung meiner Book2moviechallenge liegt, ich seit 2 Monaten verzweifelt in den Bücherstapeln in meiner Wohnung herumwühle, um endlich mein Exemplar von Persepolis zu finden, und dann völlig unvermutet und plötzlich des Nächtens beim Zappen durch die Programme, letzten Samstag, als ich nicht schlafen konnte, mir die Verfilmung eines Sachbuchs - so eine Kategorie hätte ich nie konzipiert - per Zufall ins Auge springt.
Ich war natürlich sofort angefixt und hab mir den Film reingezogen. Und auch überlegt, die Kategorie der Verfilmung von Persepolis - graphic novel - mit dieser Rezension zu tauschen. Dies ist aber nicht mehr notwendig, denn ich habe 5 Minuten vor Verfassung dieser Rezension endlich Persepolis gefunden. Hinter 2 Reihen von meinen Business Büchern versteckte sich im Büroschrank noch eine Reihe von Büchern, die ich zur reinen Freude lese, ich hatte total vergessen, dass ich sie aus Platzmangel mal dort "sorgfältig" deponiert hatte. Passiert Euch das auch öfter? Etwas extra irgendwo gaaanz sicher abzulegen und dann den Ort total zu verdrängen. Ich glaube, das ist mein Talent und mein primärer Charakterzug zur Unordnung, den ich beruflich immer konsequent und total brutal unterdrücke (ich prokastiniere nie länger als einen Tag, schreibe täglich Listen und arbeite sonst auch völlig überstrukturiert). Dieser prinzipielle Wesenszug muss aber offensichtlich ab und an hervorbrechen und spielt mir dann solche gemeinen Schnippchen. Aber genug des privaten Geplauders, kommen wir zu meinem Book2movievergleich.
Buch: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Sterne:
ich lasse meine ursprüngliche Rezension von 2010 auf jeden Fall in den Grundfesten genauso stehen, wie sie erstellt wurde, werde sie aber um filmvergleichsrelevante Szenen, die ich selbstverständlich nachgelesen habe, ergänzen.
Meine Begeisterung ist sehr gross, denn nicht der lustige, berühmte Komiker HAPE ist hier auf dem Weg zur Selbsterkenntnis, sondern der einfache Deutsche Hans-Peter, der auf dem Camino genauso schwitzt, leidet, stinkt, nörgelt, hungert, dürstet .. wie alle anderen Pilger auch und dies in seinem Tagebuch sehr detailliert und selbstkritisch aufgezeichnet hat. Sicherlich kommt ihm gelegentlich seine Berühmtheit und sein Werdegang in die Quere, aber dies sind nur ganz kurze Episoden, die sehr wenig mit der Grundaussage des Buches, wie man ernsthaft in solch einer Qual zu sich selbst finden kann, zu tun haben. Die Erlebnisse sind sehr berührend und reichen von netten, kuriosen bis unangenehmen Wandergesellen über wunderschöne Landschafts- und Innenlebenbeschreibungen bis hin zum Finden von wahren Freunden.
Für mich war das Buch auch eine Reise in meine Kindheit, denn plötzlich wurden Bilder und Erinnerungen von Orten, Stimmungen und Landschaften in mir wieder wach, die ich erlebt habe als ich mit (11 1/2 once e media) mit meinem angeheirateten galizischen Onkel just diesen Weg entlanggefahren bin (gottseidank mit dem Auto :D).
Fazit: Lesenswert auch sprachlich sehr ansprechend.
Film: ⭐️⭐️⭐️,5 Sterne
Schon in der ersten Szene war ich schlichtweg konsterniert. Wie kann in einem Film, in dem es ausschließlich um den prominenten Hans-Peter Kerkeling geht, Hape Kerkeling nicht mitspielen, wenn er schon in einigen anderen Filmen sein Talent als Schauspieler hinlänglich bewiesen hat. Klar, vielleicht wollte er auch Jahre nach seiner Buchveröffentlichung zum Zeitpunkt der Verfilmung nicht mehr so ins Rampenlicht, aus dem er sich nach seiner Zweitkarriere als Schriftsteller doch recht konsequent zurückgezogen hat. Vielleicht will er überhaupt nicht mehr vor den Vorhang im stressigen Unterhaltungsfach, weil er kürzer treten musste und nur noch im Hintergrund agierend die Geschichten schreiben. Oder möglicherweise wollte er sich seine persönlichen Erfahrungen auf dem Camino nicht durch die erneute Frequentierung der Locations bei den Filmaufnahmen zerstören.... meine Spekulationen sind sehr vielfältig, aber irrelevant.
ABER: Wenn das Casting Team schon ein Rollenmodell finden muss, WIESO dann einen Schauspieler, der so gut wie gar nix mit Herrn Kerkeling gemein hat (bis auf die blonden Haare) und sich nicht mal die Mühe gemacht hat, die Mimik und Gestik des Originals zu studieren. Das kann nicht sein, dass es europaweit keinen Schauspieler gegeben hat, der das besser und ordentlicher hätte hinbringen können. Dieser Cast ist eine Katastrophe, denn der Schauspieler Devid Striesow spielt irgendwen, aber sicher nicht Hans-Peter Kerkeling. Mir fällt da immer ein, wie gut bei der Verfilmung von Young Sheldon - Big Bang Theory Star Sheldon Cooper und seine Mutter als jüngere Ausgaben gespielt wurden. Von der Mimik wie Sheldons Mutter immer den Mund verzieht bis zur Gestik von Sheldon wurde alles punktgenau einstudiert und transformiert. Sogar Sheldons älterer Brunder Goegie wurde authentisch abgeleitet. Auch wenn sich die Personen nicht punktgenau ähnlich sehen, sind sie es dennoch, weil man die Mimik kennt und sie authentisch rüberkommen. Das war bei Devid Striesow, der Hans Peter Kerkeling darstellte, überhaupt nicht so - es schüttelte mich förmlich jedes Mal im Film, wenn irgendjemand in einer Szene (was ja auch im Buch stand) in ihm HAPE Kerkeling erkannte. Insofern erlebte für mich irgendein anderer schwuler Künstler den Camino, aber sicher nicht Hans Peter Kerkeling, was mich extrem störte.
Auch inhaltlich wurde der Fokus völlig neu ausgerichtet. Dier Beinahe-Herzanfall und die Reha wurden extrem breit ausgewalzt, im Buch wird das Ereignis nur in einem kleinen Absatz, als Nebenschauplatz und fast schon stenografische Randnotiz, die den Grund und die Intention zur Reise kurz erkäutert, erwähnt. Hans Peters im Buch sehr witzige deutsche Eigenschaft, sich an seinem Reiseführer festzukrallen, was er auch sehr selbstironisch und urkomisch immer wieder dokumentiert, wird im Film nicht thematisiert. Seine im Buch ausführlich beschriebenen Interaktionen am Weg mit der einheimischen Bevölkerung, die keine Pilger sind, sowohl in Frankreich und in Spanien werden bis auf das eine Mal, als er sich quasi sehr unpilgerisch in das kleine Gefährt mit den Schafen setzt, auch nicht mal erwähnt, dabei sind sie im Buch ein wesentlicher Bestandteil, denn das Sachbuch lebt vor allem auch von den vielen Aktionen drumherum, die sich nicht primär auf das Pilgern fokussieren. Auch die gravierenden sexuellen Belästigungen der Pilgerinnen, die ich im Buch ganz furchtbar erschütternd und sehr erkenntnisreich fand, werden im Film fast gänzlich auf eine kleine Anbraterei auf der Straße verharmlost. Das finde ich gar nicht gut.
Und dann sind alle sympathischen Frauen bis auf dieses ungustiöse Ehepaar auf dem Pilgerweg im Film viel zu hübsch und einige auch viel zu jung. Wieder dieser total grauenhafte Cast, ich hatte das Gefühl, dass zum Beispiel Martina Gedek stundenlang vor dem Dreh wie für den Laufsteg aufgewuschelt wurde, damit die Locken auch perfekt fallen. So sieht vielleicht eine als Edel-Hippie verkleidete Millionärsfrau in der Finca in Ibiza aus (nicht mal die echten Hippies waren so gepflegt und fesch), aber nicht wenn jeden Tag 30 Kilometer zu Fuß absolviert werden müssen. Das ist auch wieder total unrealistisch. Und ja, ich habe in diesem Fall total Recht, denn ich bin ein Mensch, der sich auch die Fotos im Sachbuch anschaut. Die echte Pilgerin Anne, die Weggefährtin und beste Freundin von Hans Peter im Buch, schaut eben viel älter und abgezehrter aus und wurde nicht auf perfekte Frisur getrimmt. Naturschönheiten bei Ironwoman Aktivitäten gibt es nicht - das sei Euch Filmleuten ins Tagebuch geschrieben. Da hilft es auch nix, wenn man die weiblichen Hauptprotagonisten des Sachbuchs umbenennt wie zum Beispiel Sheelagh und einen Teil ihrer Biografien zu tränendrüsendrückenden Dramen hochstilisiert wie bei der bodentändigen Anne, die durch die hübsche Stella (was für ein gefälliger Name) ersetzt wurde. By the way Martina Gedek ist gar nicht so eitel und kann auch unhübsche Rollen sehr gut spielen, wie die Wand von Marlene Haushofer eindrucksvoll beweist.
Und außerdem... warum zum Teufel pflegt im Film die Figur Kerkeling nur tiefe freundschaftliche Beziehungen zu deutschen Frauen. Im Sachbuch ist das Personal wesentlich internationaler, was natürlich auch viel mehr Offenheit und eine gehörige Portion mehr Realismus symbolisert. Denn der Camino ist tatsächlich nicht die Schinkenstraße in El Arenal auf Mallorca.
Also der Film hat tatsächlich von einer großartigen Vorlage im Cast und im Schauspiel ziemlich viel vergeigt und zerstört. Dass er überhaupt anzuschauen ist, liegt an der großartigen Vorlage, die man nicht komplett vernichten konnte, die Genialität blitzt einfach durch. Warum habe ich dennoch 3,5 Punkte vergeben? Das ist leicht erklärt, und nun komme ich zum einzigen, aber gewaltigen Potenzial, das der Film wirklich restlos auszuschöpfen vermochte. Die Bilder und Stimmungen der Locations vom Camino sind richtig atemberaubend, die Kameraführung und das Einfangen des Ambientes ist genial. So ein Filmmaterial hätte ich mir aber in einer sehr guten Doku ohne Figuren sicher auch anschauen können
Fazit: Schauspiel, Cast grauenhaft, Plot auch auf weite Strecken im Vergleich zur Vorlage verhunzt, Natur Landschaft und Orte wundervoll.
Buch gegen Film: Eindeutig das Buch, da gibt es gar nix zu rütteln.