Worum geht's?
Dorothy Parker, geboren 1893 in New Jersey, zählte zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit und war für allem für ihre Schlagfertigkeit und ihren beißenden Spott berühmt-berüchtigt. Wie im Vorwort von Elke Heidenreich geschildert traute sich bei den Zusammenkünften des Literatenzirkels Algonquin in ihrer Anwesenheit niemand auf die Toilette - denn wer gerade nicht im Raum war, den machte sie kurzerhand mit messerscharfen Bemerkungen einen Kopf kürzer. Parker arbeitete als Theater- und Literaturkritikerin und verfasste unter anderem zahlreiche Kurzgeschichten. Die Stadt New York hatte in ihrem Leben eine besondere Bedeutung, in ihren Geschichten hat sie ihr ein bleibendes literarisches Denkmal gesetzt.
Meine Meinung
Ich habe schon viel Gutes über Dorothy Parker gehört, daher habe ich im Buchladen kurzerhand zugegriffen, als mir dieser Kurzgeschichtenband in die Hände gefallen ist. Die Geschichten darin stellen nur einen kleinen Auszug von Parkers Werk da und doch haben sie mir einen Eindruck davon vermittelt, warum die Autorin bis heute so verehrt wird.
Die Stories kreisen meist um die Stadt New York, das Personal ist jedoch sehr unterschiedlich. Da gibt es sehnsüchtige, naive Arbeiterfrauen, die sich ausmalen was sie mit einer Million Dollar machen würden. Ihnen gegenüber stehen verwöhnte, heuchlerische Damen der Oberschicht, über die sich Parker beispielsweise mit einem fiktiven Tagebuch herrlich lustig macht. Männer kommen in vielen Geschichten noch schlechter weg als Frauen, da reicht die Bandbreite von nichtsnutzigen Hallodris bis hin zu schamlosen Playboys. Mit scharfer Beobachtungsgabe nimmt Dorothy Parker Beziehungen zwischen Frau und Mann unter die Lupe und nutzt dazu vor allem Dialoge. Die Figuren reden aneinander vorbei, lügen sich an, scheitern an der Gleichgültigkeit des anderen, streiten über nichts, versuchen sich gegenseitig eifersüchtig zu machen oder sitzen einfach nur in qualvollem Schweigen beim zweitausendsten gemeinsamen Abendessen. Die Geschichten sind zwar schon mehr als 50 Jahre alt, doch viele von Dorothy Parkers Beobachtungen haben an Aktualität nichts verloren.
Dorothy Parker war engagierte Linke und hat sich zeitlebens ins politische Geschehen eingemischt, das merkt man auch ihren Geschichten an. In einer Kurzgeschichte kritisiert sie beispielsweise mit schneidendem Sarkasmus den Umgang von weißen Oberschichtlern mit einem schwarzen Künstler. "Soldaten der Republik", eine Reportage aus dem Spanischen Bürgerkrieg, fügt sich nicht so recht in das Gesamtbild der Kurzgeschichtensammlung ein, trotzdem fand ich es interessant, auch diese andere Seite von Parkers Werk einmal zu Gesicht zu bekommen.
Ich bereue es rückblickend ein wenig, die deutsche Ausgabe gekauft zu haben. Dorothy Parker war eine Sprachkünstlerin, soviel wird auf den etwas über 400 Seiten deutlich, und durch die Übersetzung ist wohl zwangsläufig etwas Wortwitz verloren gegangen. Auch so war die Sammlung jedoch ein großes Lesevergnügen. Besonders spannend fand ich die Geschichten, in dem Parker mit der Form experimentiert, beispielsweise nur eine Seite eines Gesprächs niederschreibt oder in Tagebuchform erzählt.
Fazit
Über ein halbes Jahrhundert nach ihrem Erscheinen sind Dorothy Parkers Kurzgeschichten immer noch äußerst lesenswert. Ihre Beobachtungen darüber, wie Paarbeziehungen und die Kommunikation in ihnen scheitern sind heute noch so brillant und unterhaltsam zu lesen wie damals.