Nachdem mir der erste Band von Michael Römlings Tankred-Reihe Anfang des Jahres sehr gut gefallen hat, war es natürlich gar keine Frage, dass ich auch den zweiten Band, „Hammer und Kreuz“, lesen würde. Oder besser: hören würde, denn die von Oliver Rohrbeck (Justus Jonas von den Drei Fragezeichen) eingelesene Hörbuchfassung gibt der Geschichte um den adeligen Tankred, der nach seiner zwölfjährigen Verbannung in ein Kloster auf Rache gesinnt durch das frühmittelalterliche Rheinland zieht, noch den letzten Schliff.
Auch Band Zwei hat mir alles in allem wieder gut gefallen, kommt jedoch meiner Meinung nach nicht an den ersten Teil von Tankreds Geschichte heran. An sich setzt „Hammer und Kreuz“ genau da an, wo „Weihrauch und Schwert“ aufgehört hat: Die Dänen versuchen noch immer das Rheinland zu besetzen, Tankred versucht noch immer sich sein Erbe, um das ihn die neue Frau seines Vaters und ihr Sohn gebracht haben, zurückzuholen. Versteht mich nicht falsch, auch der Humor, den man in Wikinger-Romanen für gewöhnlich nicht findet, ist noch da: Oft intelligent, meistens spielend mit historischen Absurditäten, manchmal etwas plump und derb.
Die Dänen kommen! Schon wieder ...
Vielleicht hat sich einfach nur der Novelty Effect abgenutzt, denn ich habe mich beim zweiten Band öfter ertappt, dass mir die Handlung ein bisschen lang geworden ist, da ja auch kaum etwas neues hinzugekommen ist, was wir im ersten Band nicht auch schon wussten. So reitet Tankred weiterhin durch die Gegend um Aachen, findet neue Verbündete und trifft sogar den Kaiser Karl III. persönlich, immer mal wieder werden Dänenangriffe abgewehrt, man trifft auch alte Bekannte wie Lupus und den Heiligen Gauzbert wieder. Das alles hat mir wieder gut gefallen. Besonders die lebendig erzählten politischen Verstrickungen des Frühmittelalters, in die Tankred natürlich involviert ist, sind wie vom Autor gewohnt fesselnd erzählt.
Leider hatte ich bei diesem zweiten Band jedoch das Gefühl, dass dem Autor die Balance zwischen dem akribisch recherchierten historischen Setting und einem modernen Zwinkern nicht so gut gelungen ist, wie in seinen anderen Büchern. Ungewohnt moderne Worte (Refrain, Puff, etc.) reißen öfter mal aus der Handlung, was besonders bei einem historischen Setting, das so weit in der Vergangenheit liegt, störend wirkt.
Auch etwas negativ aufgefallen ist mir in diesem zweiten Band, dass die Frauenfiguren stark in den Hintergrund getreten sind. Tankreds Schwester Judith kommt kaum vor und auch seine Geliebte Fidis sitzt eigentlich die ganze Handlung über nur in Aachen und wartet auf Tankred. Darüber hinaus sind Frauen Statistinnen, an denen irgendein Mann sexuelles Interesse hat, Opfer von Verschleppung und sexualisierter Gewalt oder Fußnoten, wenn es unbedingt sein muss, wie Kaiserin Richardis, die Frau von Karl III., die nur genannt wird, wenn sie als Inhalt einer politischen Intrige herhalten kann. Natürlich ist da Uta, die Antagonistin, aber ich finde schon schade, dass die mächtigen, politischen karolingischen und lothringischen Frauen in diesem Buch keine Rolle spielen. Auch für die Wikinger sind z.B. weibliche Kriegerinnen ja nun überliefert. Auch die fehlen hier.
Frühmittelalter und moderne Sentiments
Auch die ständigen „no homo“-Witze sind mir nach einer Weile immer negativer aufgefallen, denn LGBTQ+-Figuren gibt es natürlich auch nicht. Die engen Freundschaften zwischen Tankred, Lupus und Gauzbert, die auch mal emotional sein dürfen und viel Raum einnehmen, haben mir gut gefallen, aber die knee-jerk-Reaktion sie durch ein nachgeschobenes „no homo“ wieder zu entwerten, deutlich weniger. Ganz generell hatte ich das Gefühl, dass dieser Band deutlich öfter in die typischen Fallen des Hau-Drauf-Histo-Genres „für Männer“ tappt, die der erste Band noch so gekonnt subvertiert und umschifft hat.
Zudem hoffe ich, dass Tankreds Doppelmoral im letzten Band der Reihe, der im Juli erscheinen wird, eine Rolle spielen wird. Die Narrative baut ihn als strahlenden Helden auf, der kaum Fehler macht und immer den rettenden Einfall hat, was die Handlung, in der zwielichtige Intrigen und politische Rivalitäten schließlich eine große Rolle spielen, etwas ausbremst, denn Tankred tut immer "das Richtige" (für sich selbst, was so nie auf den Tisch kommt.) Auch sein Zwist mit Halbbruder Gerolt leidet darunter, denn der Roman stützt Tankreds Anspruch auf das Erbe des gemeinsamen Vaters 100%, während zumindest ich mich frage: Aber wieso sollte Gerolt leer ausgehen? Dürfte Tankred mal etwas selbstsüchtig sein, bzw. würde die Narrative das erkennen, wäre auch dieser Konflikt deutlich spannender.
Trotzdem ist auch „Hammer und Kreuz“ ein unterhaltsamer historischer Roman, der vor allem durch seinen Humor und sein akribisch recherchiertes frühmittelalterliches Setting überzeugt. Der Novelty Effect des ersten Bandes, der viel anders gemacht hat als seine Genrekollegen, hat sich leider abgenutzt und Band Zwei trägt nicht wirklich etwas neues bei, was man nicht schon in Band Eins erfahren hat. Spaß gemacht hat das Buch trotzdem und ich hoffe, dass Michael Römling mit dem dritten und letzten Band, „Krone und Kelch“, zu alter Form zurückkehren wird. Trotzdem muss ich an dieser Stelle sagen: Die „Tankred“-Reihe macht wirklich Spaß, aber ein „Mercuria“ oder „Pandolfo“ sind die Bücher leider wirklich nicht.