Das Jahr 882: Nach der Belagerung der Wikinger in Asselt fordert Tankred endlich Gerechtigkeit für seine Mutter ein, damit er sein Erbe antreten kann. Doch dafür braucht er die Unterstützung des Papstes. Es trifft sich gut, dass der Kaiser ihn für einen heiklen Auftrag nach Rom schickt. Und so begibt sich der weltgewandte Kämpfer mit seinen Weggefährten in doppelter Mission auf die gefährliche Reise nach Süden. Doch er weiß, dass der größte Kampf ihm nach seiner Rückkehr bevorstehen wird: Sein skrupelloser Halbbruder Gerold hat in Maastricht einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, um Tankred aus dem Weg zu räumen und das Erbe ein für alle Mal in die Hände zu bekommen.
Vom letzten Band der „Tankred“-Trilogie hatte ich mir mehr erhofft. Deutlich mehr. War der erste Band eine intelligente, gut recherchierte Heldenreise durch das frühmittelalterliche Rheinland, der typische Hau-Drauf-Romane „für Männer“ auch mal liebevoll aufs Korn nahm, hat sich das Konzept nun vollends abgenutzt. Was bleibt, wenn die Dänenwitze flachfallen, die historischen Fakten nebensächlich werden und die einst so detailliert und facettenreich ausgearbeiteten Figuren platt und unsympathisch werden, ist dann auch genau das: Ein Hau-Drauf-Roman. Der sich oft liest wie ein Videospiel. Wer sich also schon immer einen „Assassin’s Creed“-Teil gewünscht hat, der ins mittlere Frankenreich im 9. Jahrhundert entführt, der kann hier zumindest schon einmal erahnen, wie so ein Spiel sein könnte.
Für die ersten zwanzig Prozent tut Tankred, was er seit Band eins am laufenden Band tut: Dänen jagen. Ist das hier, wo es eigentlich um seine Reise nach Rom und seinen Erbstreit mit Halbbruder Gerolt gehen sollte, noch handlungsrelevant? Eigentlich nicht, aber wer wäre Tankred, wenn er nicht ein paar Dänen „das Schwert in den Bauch stößt“, wie es in jeder zweiten Szene formuliert ist, und ständig im Alleingang den Tag rettet, während alle anderen Figuren nutzlos sind und allein nichts hinbekommen? Bevor die Reise nach Rom endlich ansteht, wartet „Krone und Kelch“ – für diese Reihe unüblich – noch mit ein paar halbherzig geplotteten Überraschungen auf.
Mittelalterliche Frauen: Der Historienroman 2023 am Limit?
Aber darüber müssen wir eigentlich gar nicht zu viel reden. Unbedingt reden müssen wir aber über die Frauenfiguren. Oder besser gesagt: Die fehlenden Frauenfiguren. Mir ist bewusst, dass dieses Buch „für Männer“ gedacht ist, die lesen möchten wie coole Typen wie unser Tankred durchs Land ziehen und links und rechts Angreifer aus dem Weg kicken (wie in einem Videospiel halt). Trotzdem bin ich erstaunt, in einem historischen Roman von 2023 eine so auffällige, seit Jahrzehnten veraltete Wahrnehmung von Frauen im Mittelalter vorzufinden, nämlich die, dass Frauen sowieso nichts zu sagen hatten, nur zänkische Marktweiber waren oder Sexworkerinnen, auf die man spöttisch hinabsehen kann, oder passive, politische Spielbälle, die irgendwo im Off sitzen und nichts tun, während die Männer um sie herum ihr Schicksal bestimmen.
Dass das den fiktiven Frauen in dieser Geschichte passiert, ist schlimm genug: Fidis, in Band eins noch so schlagfertig, abenteuerlustig und interessant, sitzt das ganze Buch über schwanger in Aachen, stellt Tankreds Ziele immer über ihre eigenen („Ja, Tankred, geh nach Rom und lass mich hier allein in der Bruchbude sitzen, anstatt mit mir auf dein neues komfortables Anwesen zu ziehen, das dir geschenkt wurde, das ist genau, was auch ich mir wünsche!“), was leicht ist, weil sie keine hat, und wirkt eher wie der Preis, den Tankred bekommt, wenn er sein Ziel erreicht hat, nicht wie eine eigenständige Person. Tankreds Schwester Judith, die in Band 1 eine so große, wichtige Rolle gespielt hat, wird manchmal komplett vergessen, bis Tankred sie braucht, um sie, wie könnte es anders sein, als politisches Druckmittel einzusetzen. Aber nun gut, diese Frauenfiguren sind fiktiv. Schlimmer ist, dass auch den einflussreichen, historischen Frauen diese Behandlung zukommt.
Richardis zum Beispiel wird durch die Bank weg darauf reduziert, die lästige Ehefrau zu sein, die Karl III. loswerden will. Im Gegensatz zu Karl III., Tankreds neuem Arbeitgeber, und ihrem angeblichen Liebhaber, Liutward von Vercelli, die beide sehr große Rollen im Roman haben, tritt sie nicht einmal auf, sondern wird nur als Hindernis erwähnt. Dass der Skandal um die Scheidung von Karl III. und Richardis, der in der ersten Romanhälfte noch eine größere Rolle spielt, dann komplett unter den Tisch fällt und gar keine Bewandnis mehr hat, war auch ... eine Entscheidung. Wieso denkt Tankred so viel darüber nach, ob er es moralisch vertreten kann, bei dieser Scheidung mitzuhelfen, wenn er dann einfach vergisst, dass sie überhaupt im Raum stand? Wieso Richardis' Geschichte auf diese Weise einbinden, wenn es dann nicht einmal zu Ende gemacht wird?
Auch Gisela, die den Wikingeranführer Gottfried geheiratet hat, ist hier nur ein politischer Spielball, der Gottfried ans Bein gebunden wird um ihm vorzutäuschen in die Kaiserfamilie einzuheiraten, und wird als verängstigtes, kleines Mädchen gezeigt (Sie war in ihren frühen Zwanzigern). Dass Gisela als karolingische Adelige, die einen Wikingeranführer heiratet, zwischen die Fronten gerät, vor beiden Seiten öfters fliehen muss, weil ihr niemand so richtig traut, und später als Gisela von Nivelles selbst Geschichte schrieb ... vollkommen egal, hier ist sie das kleine, naive Mädchen, das nichts weiter ist als ein Werkzeug, die "drittklassige Braut", die man Gottfried unterschieben kann. Ganz ehrlich, welches Jahr haben wir? Und ist dieses Buch wirklich von Michael Römling? Dem Michael Römling, der die historische Bedeutung von Frauengeschichte in „Mercuria“ (2020) so wundervoll und komplex in Szene gesetzt hat? Ich glaube, die Dänen kommen.
Über Uta, Tankreds Stiefmutter, Gerolts Mutter, und Antagonistin, möchte ich gar nicht zu viele Worte verlieren. Sie ist die schöne, promiskuitive Verführerin, die sich "Tankreds Erbe erschlichen" (aka seinen Vater nach der Scheidung von Tankreds Mutter geheiratet) hat. Von Anfang an wurde sie als beinahe schon dämonisch böse dargestellt, leider oft auch gestützt durch diese sexistischen Klischees. Immer wieder wird sie als Konkubine dargestellt, die sich einen Adelstitel ergaunert hat. Uta ist, wie sie hier dargestellt ist, kein guter Mensch. Dass sie sich als mittellose Frau über die Ehe mit Tankreds Vater abgesichert hat, wird aber zu keinem Zeitpunkt thematisiert, sondern auch wieder nur als Beweis dafür genutzt, um darzustellen, wie böse Uta ist. Im Gegensatz zu Tankreds Mutter, der Heiligen, an deren Tod Uta natürlich auch schuld trägt, denn nur wegen der Scheidung ist seine Mutter krankgeworden. Ich frage nochmal: Welches Jahr haben wir? Ich bin für eine weibliche Antagonistin immer zu haben, aber doch nicht so.
Tankred und die moralische Überlegenheit
Was Uta und ihren Sohn Gerolt angeht, ist der Roman leider auch allgemein eher flachgefallen. Seit Band Eins pocht Tankred darauf, sich sein Erbe zurückzuholen, dass an Gerolt, den jüngsten Sohn seines Vaters gegangen ist. Ich warte also seit drei Bänden darauf, dass die Geschichte mal den Konflikt aufmacht, dass Tankred nicht der gute Held ist, der das Erbe verdient hat und Gerold der böse Erbschleicher, sondern, dass sie *beide* Söhne desselben Vaters sind, die *beide* Anspruch auf das Erbe haben, aber es am Ende nur einen geben kann, der es bekommt. Dieses Fass bleibt zu. Schade. Es hätte den Konflikt zwischen Tankred und Gerolt auf eine moralisch graue, und somit deutlich interessantere Ebene gezogen als dieses „Tankred edel und gut, Gerold böse und durchtrieben“, das hier serviert wird.
Zum Ende des Romans hin wird Gerolt auch immer böser, bis es absurd wird, wohl um zu rechtfertigen, wieso er das Erbe auf keinen Fall behalten darf. Zum Ende hin spricht Tankred aus, was seit Seite eins mitschwingt: Dass seine moralische Überlegenheit über Gerolt doch wohl bitte jeder anerkennen müsse. Hier fiel der Roman für mich dann mit Anlauf in den Dreck, denn genau diese "moralische Überlegenheit" ist doch gar nicht gegeben. Wir haben hier einen Bilderbuch-Erbstreit aus dem Frühmittelalter, der überhaupt erst entstehen konnte, *weil* beide Söhne Anrecht auf das Erbe haben. Hier ist niemand dem anderen moralisch überlegen, aber wenn Tankred tötet, hat das natürlich immer Gründe, wenn er mit den Dänen zusammenarbeitet, ist das gerechtfertigt, nur bei Gerolt ist es feige und hinterhältig. So kann man sich eine "moralische Überlegenheit" auch konstruieren.
Es gibt noch einiges, das ich ansprechen könnte, zum Beispiel die sehr stark vereinfachten politischen und historischen Details in Lotharingien und Umgebung um 880. Ich hatte leider oft das Gefühl, dass der Autor mit Macht versucht „lustige“ Bezüge zu modernen Klischees über Deutschland und Italien herzustellen, wobei der historische Hintergrund unter den Tisch gefallen ist. Somit wirken Tankred und seine Kumpanen in Rom auch nicht wie Kaisergesandte aus dem erst kürzlich schon wieder neu aufgeteilten Frankenreich, die im noch sehr jungen Königreich Italien reisen, sondern wie Abiturienten auf Abschlussfahrt. Da ist die Rede von Leuten, die „wild gestikulierend“ und sehr wortreich erzählen und einem auf der Straße was verkaufen wollen, es werden ein paar Touristenattraktionen besucht, hätte nur noch gefehlt, dass Tankred noch einen Cappuccino trinken geht und einen Münze in den Trevi-Brunnen wirft (oder halt an die Stelle, wo er ca. 850 Jahre später stehen wird).
Es könnte jetzt der Eindruck entstehen, dass ich das Buch überhaupt nicht mochte. Das stimmt nicht. Michael Römlings humorvoller Schreibstil macht auch den dritten „Tankred“-Band unterhaltsam und schnell lesbar und natürlich wollte ich am Ende wissen, wie jetzt alles ausgeht. Im Vergleich zum ersten Band der Reihe, der so viel intelligenter, lustiger, facettenreicher, komplexer und nicht zuletzt historisch interessanter war, ist der Abschlussband jedoch leider enttäuschend. Vergleicht man ihn mit „Mercuria“, frage ich mich leider wirklich, wie diese beiden Bücher vom selben Autor sein können und wo die spürbare Begeisterung für gut recherchierte, lebendige, facettenreiche historische Romane hin ist.
Nun ja, jetzt ist die Reihe vorbei. Zurück bleibt ein leicht bitterer Nachgeschmack, nachdem mir der erste Band schließlich noch gut gefallen hatte. Ich hoffe, dass Römlings nächster Roman wieder eher eine „Mercuria“ wird und kein zweiter „Tankred“.
Mitte August 882. Der Tag beginnt mit strahlendem Sonnenschein, und dass Wetter passt zur Stimmung von Tankred, dem einst in die Klosterhaft verbannten Grafensohn. Schließlich sieht er einer vielversprechenden Zukunft entgegen, erneut ist er seinem Ziel, sein Erbe zurückzuerhalten, wieder ein Stück nähergekommen. Das Unrecht, das die vergangenen fünfzehn Jahre seines Lebens vergiftete, wird an diesem Tag rückgängig gemacht, die Gerechtigkeit wiederhergestellt, die Schande ausgelöscht, Wut und Groll besänftigt.
Bischof Franco, mit dessen Urteilsspruch Tankreds Misere vor vielen Jahren begann, überreicht ihm das Pergament, mit dem die Annullierung der Ehe von Tankreds Eltern für null und nichtig und deren beiden Söhne als rechtmäßige Nachfolger erklärt werden.
Tankred ist inzwischen ein bekannter Mann, seine Leistungen werden gewürdigt. Innerhalb von wenigen Monaten ist er von einem Mönch auf der Flucht zu einem Ratgeber des Kaisers geworden, dessen Anführer ihm Gehör schenken und seine Pläne so sehr schätzen, dass sie sie als ihre eigenen ausgeben.
Zwar ist die Dänenplage vorerst vorbei – mit Kisten voller Gold und Silber sind die Invasoren nach jahrelang ertragenen Drangsalierungen der Menschen abgezogen, nachdem sie mehrere Wochen in ihrer Inselfestung Asselt belagert worden waren. Hingegen sitzen Uta und Gerold immer noch auf dem Familienanwesen und werden das Feld nicht freiwillig räumen.
Tankred braucht mithin Unterstützer, die ihm Bewaffnete zur Verfügung stellen. Andererseits hatte es sich bereits in der Vergangenheit abgezeichnet, dass er noch nicht den versprochenen und erforderlichen Beistand in dem Maße erhält, wie er ihn gegen seinen Halbbruder Gerold benötigt.
Vielmehr soll er zunächst einmal im Geheimen eine Gesandtschaft nach Rom führen, die für den Kaiser bei Papst Johannes um die Erfüllung eines delikaten Anliegens nachsucht.
Tankred tritt also eine gefährliche Reise an. Seine Begleiter sind seine Freunde Lupus und Gauzbert sowie Nantbert, ein Mönch aus Fulda, der in theologischen Fragen bewandert ist wie kein Zweiter, und Hunold, ein Priester aus Utrecht, der angeblich sämtliche Erlasse, Dekretalen und Verträge der letzten hundert Jahre sowie den zugehörigen Schriftverkehr im Schlaf runterbeten kann.
So vergeht wieder einige Wochen und Monate, bevor sich Tankred und Gerold endlich gegenüberstehen …
Mit „Krone und Kelch“ finden die Handlung, die in „Weihrauch und Schwert“ ihren Anfang genommen hat und in „Hammer und Kreuz“ weitergeführt wurde, ihren vorläufigen Abschluss.
Allerdings gönnt es Michael Römling seinem Helden Tankred zunächst (noch) nicht, im Privaten erfolgreich zu sein und endgültig zur Ruhe zu kommen. Stattdessen fügt er dem erbitterten Kampf seines Protagonisten mehrere neue Kapitel hinzu und lässt ihn zum wiederholten Male für den Kaiser die Kastanien aus dem Feuer holen oder mit Tankreds Worten ist er wieder derjenige, „der den Karren für den Kaiser aus dem Dreck“ zieht und mit Selbstverständlichkeit sein Leben aufs Spiel setzt.
Es wundert nicht. Schließlich zeichnen unseren Helden Intelligenz, Geistesschärfe und Leidenschaft aus. Seine Bildung befähigt ihn, den Dingen auf den Grund zu gehen. Er ist loyal, integer und unbestechlich und wechselt nicht mal eben die Fronten, um schneller vorwärtszukommen. Außerdem hat er bewiesen, dass er sich nicht einschüchtern lässt. Gleichwohl ist er nicht fehlerfrei, kehrt so manches Mal den „Graf Neunmalklug“ heraus. Letztlich durchläuft er eine Entwicklung, die für ihn spricht, bei der das Verlangen nach Rache von dem Wunsch nach Gerechtigkeit beiseite gedrängt werden.
Dem Autor hat es sicherlich Vergnügen bereitet, Tankred ein paar Überraschungspäckchen zu schnüren. Und ordentlich „Remmidemmi“ und Verschwörungen zu ersinnen.
Und zwar unter anderem in Rom, in der Machtzentrale der Christenheit. Bereits der Weg dorthin ist beschwerlich. Denn schnell wird offensichtlich, dass die Reise der Gesandtschaft gar nicht so geheim ist wie angenommen. Auf das Leben von Tankred würden seine Begleiter wahrscheinlich keine Münze mehr setzen angesichts der Anschläge, mit denen er konfrontiert wird, und der zahlreichen Bemühungen, ihn zu töten.
Auch im dritten Band greift der Autor auf seine umfangreiche historische Recherche zurück und präsentiert einen bunten Reigen aus tatsächlichen Vorfällen, die sich in den fiktiven Rahmen perfekt einfügen.
Michael Römling hat seinen Sprachrhythmus intensiv verfeinert und prägnant ausgearbeitet, setzt hinsichtlich Tragik und Komik eine gelungene Mischung ein und würzt das Geschehen mit Esprit und Witz, wozu auch ein paar „Sportwiele“ beitragen.
„Krone und Kelch“ setzt einen Schlussstrich unter die „Reise“ von Tankred auf der Suche nach Gerechtigkeit. Während ich die gesamte Reihe mit Begeisterung gelesen habe, ist der dritte Band mein persönlicher Höhepunkt.
Hat mir sogar ein bisschen besser gefallen als die vorherigen Bände. Ich mochte, dass Lupus und Gausbert die ganze Zeit mit dabei waren, weil ich sie mit am sympatischsten finde. Auch die Reise nach Rom fand ich interessant. Und natürlich am Ende den Kampf um die Ländereien in Maastricht.