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Die postkoloniale Stadt lesen

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Obwohl das Thema Kolonialismus in letzter Zeit viel diskutiert wird, können wir mit dem Wissensstand bislang nicht zufrieden sein. Das zeigt sich besonders auf der lokalen Ebene der Stadt: Wie hat sich der Imperialismus des Deutschen Reiches mit seinem Ausgreifen nach Übersee, aber auch nach Ost- oder Südosteuropa im städtischen Leben niedergeschlagen und was ist davon geblieben? »Die postkoloniale Stadt lesen« befasst sich mit dem Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg – mit Bauten, Verkehrsknotenpunkten, Organisationen (staatlich und nicht-staatlich), Firmen und Kultureinrichtungen, aber auch mit konkreten Personen, die mit dem imperialen Projekt (und auch dem Widerstand dagegen) in Verbindung standen.

Im einleitenden Essay erläutern Natalie Bayer und Mark Terkessidis die theoretischen Ausgangspunkte und die praktische Herangehensweise und umreißen eine neue Stadtforschung, die den Kolonialismus nicht als historischen Sonderfall behandelt, sondern als dynamisches Moment in der Entwicklung von Städten.

347 pages, Paperback

First published June 23, 2022

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January 16, 2023
Ein weiteres Buch aus dem Katalog der Landeszentrale für politische Bildung Berlin. Woop woop! Ich wurde auf den Titel aufmerksam, da ich vor einigen Monaten ein ähnliches Buch las – Berlin – Eine postkoloniale Metropole. Doch statt den Bezirk Mitte in einen postkolonialen Fokus zu nehmen, widmet sich Die postkoloniale Stadt lesen dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Die jeweiligen Untertitel beider Bücher – "Ein historisch-kritischer Stadtrundgang im Bezirk Mitte" bzw. "Historische Erkundungen in Friedrichshain-Kreuzberg" – sind Programm.

Während ich den postkolonialen Stadtführer für den Bezirk Mitte insgesamt etwas runder fand, was sowohl die Präsentation der Informationen als auch das Einbeziehen von Bildern und Anschauungsmaterial betrifft, ist auch dieses Buch über Friedrichshain-Kreuzberg ein Must-Read für alle Berliner*innen. Sehr aufschlussreich, augenöffnend und den Blick schärfend!

Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung von 2018 wurde der "demokratische Grundkonsens" neu festgelegt: Dazu gehören nunmehr nicht nur die "Aufarbeitung der NS-Terrorherrschaft und der SED-Diktatur", sondern auch die der deutschen Kolonialgeschichte. Die Autor*innen dieses Essaybands begreifen Kolonialismus nicht nur als eine historisch begrenzte Phase, sondern als Bestandteil der Stadtgeschichte.

In Die postkoloniale Stadt lesen finden sich über 30 Essays, die unterschiedliche Aspekte der Stadt- und Bezirksgeschichte in den Fokus nehmen, bspw. die Gründung von Missionsgesellschaften in Friedrichshain in 1824, die Betriebsaufnahme des Ostbahnhofs und deren Konsequenzen für die Einreise und "Beschaffung" von Arbeitskräften aus dem Osten, den Einzug der Firma Sarotti in die Belle-Alliance-Straße, das Kolonialpanorama von 1885, den Einzug der Deutschen Kolonial Filmgesellschaft (Deuko) in die Friedrichstraße 1917 oder die Entstehung des "Rasse- und Siedlungshauptamts" der SS in der Hedemannstraße.

Dies sind nur einige wenige Beispiele, die illustrieren, welchen Umfang dieser Essayband hat. Von 1824 bis 2009 werden unterschiedliche Aspekte der kolonialen und postkolonialen Stadtgeschichte beleuchtet, mit einem klaren Fokus auf Persönlichkeiten und Ereignissen zur Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Der Nachkriegszeit sind bspw. nur drei Essays gewidmet, was ich persönlich sehr schade finde, da hier verpasst wurde, wichtige koloniale Kontinuitäten aufzuzeigen. Ich finde es erschreckend, dass die erste Umbenennung einer Berliner Straße mit kolonialem Bezug (Gröbenufer in May-Ayim-Ufer) erst 2010 geschah; oder dass im Oktober 2016 zum ersten Mal in der Berliner Stadtgeschichte eine Gedenktafel einer Schwarzen Person gewidmet wurde (Gedenktafel für Quane a "Martin" Dibobe).

Fakten wie diese zeigen nur allzu deutlich, wie stark die deutsche koloniale Vergangenheit mit all ihren Konsequenzen und Kontinuitäten im Stadtbild und dem kollektiven Bewusstsein der Deutschen und Berliner*innen verdrängt wurde und wird. Ein Essayband wie Die postkoloniale Stadt lesen ist hier ein wichtiger erster Schritt zur Aufarbeitung.

Abschließend möchte ich euch sechs Persönlichkeiten vorstellen, deren Lebensgeschichte in dem Essayband aufgearbeitet wird, immer mit dem Fokus auf ihren Verflechtungen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Ich finde solche Aufarbeitungen unheimlich wichtig und gehaltvoll, da sie bspw. die andauernde Präsenz von Schwarzem Leben in Berlin über die letzten Jahrhunderte sichtbar machen. So here ya go:

1) Marcellino
Der letzte "Sklavenprozes" fand 1854/1855 in Berlin-Friedrichshain statt. Marcellino, ein versklavter Mann, der 1853 mit seinem "Herrn" aus Brasilien nach Berlin kam, wandte sich hilfesuchend an das Stadtgericht. In drei Instanzen über Stadt- und Kammergericht bis zum Obertribunal, das 1855 entschied, hatte die Klage Erfolg und Marcellinos "Befreiung" gesichert. Er starb 1874 in Berlin. Dem Prozess wurde auch international Beachtung geschenkt, da diese Frage auch Abolitionisten aus den USA beschäftigte: könnten versklavte Menschen aus den Südstaaten ihre Freiheit einklagen, wenn sie es schafften, in die Nordstaaten zu fliehen?

2) Machbuba
Machbuba war ein junges versklavtes Mädchen, welches dem Fürsten Hermann von Pückler-Muskau als Konkubine dienen musste. Der 53-jährige Fürst entführte das etwa 12 Jahre alte Mädchen aus Äthiopien und nahm sie mit nach Deutschland. Ihre sterblichen Überreste liegen immer noch auf dem evangelischen Kirchfriedhof in Bad Muskau, fernab von ihrer Heimat. Dem Vergewaltiger und Menschenfeind Pückler-Muskau ehren bis heute zwei Straßen in Berlin: die Pücklerstraße in Schmargendorf und die Muskauer Straße in Kreuzberg.

3) August Sabac el Cher
August Sabac el Cher war Kammerdiener des preußischen Prinzen Albrecht. Er gilt als der früheste herausragende Vertreter der afrikanischen Diaspora in Berlin und neben Anton Wilhelm Amo als einer der ersten gesellschaftlich integrierten Afrodeutschen.

4) W.E.B. Du Bois
W.E.B. Du Bois war ein bekannter US-amerikanischer Historiker, Soziologe, Philosoph und Journalist, der in der Civil Rights Movement mitwirkte. Weniger bekannt ist, dass er von 1892 bis 1894 in der Oranienstraße in Berlin wohnte und an der Friedrich-Wilhelms-Universität (der heutigen Humboldt-Universität) studierte. Du Bois erinnerte sich gerne an seine Zeit in Berlin zurück, da er diese, ähnlich wie James Baldwin, als eine Pause von unerbittlichen Rassismus in den USA wahrnahm. Ähnlich wie Baldwin fehlte ihm, aufgrund seines eigenen Leidensdruck und seinem Fokus auf die USA, die nötige Sensibilität für den Militarismus, Antisemitismus und die rechtspopulistischen Bewegungen in Deutschland zu der Zeit.

5) Mtoro Bakari
Mtoro bin Mwinyi Bakari war ein ostafrikanischer Autor und Universitäts-Lektor für Kiswahili. Seine Heirat mit einer Deutschen 1904 erregte öffentliches Aufsehen und trug zu politischen Diskussionen im Deutschen Kaiserreich bei, die letztendlich zu einem Verbot von "Mischehen" in den deutschen Kolonien führten.

6) Quane a ("Martin") Dibobe
Quane a Dibobe (*1876-†1922) war ein Zugführer kamerunischer Herkunft und Bürgerrechtler zur Kaiserzeit in Berlin. Als Kontraktarbeiter aus Kamerun angeworben, wurde er in einer Völkerschau bei der Berliner Gewerbeausstellung 1896 ausgestellt. Anschließend entschied er sich in Berlin zu bleiben. Nach einer Schlosserlehre und der Mithilfe beim Bau der Berliner Hochbahn begann er eine Lehre als Zugführer.

Politisch engagierte sich Dibobe für die Rechte von Schwarz-Afrikanern. Vermehrte Bekanntheit schaffte die daraufhin entstandene Dibobe-Petition. Aufgrund diesen Engagements verlor er seine Stelle als Zugführer, woraufhin er 1922 zurück nach Kamerun reiste. Da ihm dort die Einreise verwehrt wurde, fuhr er weiter nach Liberia, wo sich seine Spur verliert. Seit 2016 wird mit einer Berliner Gedenktafel am Haus Kuglerstraße 44 geehrt, seiner letzten bekannten Adresse in Berlin.
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