Das Altstadtviertel von Baku - eine Welt für sich, ein verlorenes Paradies der kleinen Leute, das wunderlichen Käuzen und gestrandeten Weisen einen idealen Nährboden bietet.
In der Altstadt Bakus, in einer kleinräumigen Nachbarschaft, wächst der später zum Schriftsteller werdende Alekber in den 30er und 40er Jahren auf und erinnert sich Jahrzehnte später daran, besonders an Hanım Hala, seine Nachbarin und Mutter von sechs Söhnen und an die Geschichten seiner Jugend. Diese bewegen sich irgendwo zwischen den Erzählungen Balakerims, der in Alekbers Kindheit unverstanden bleibt, in eigenem Erleben und in Traumwelten. Das von Balakerim als Erzählung geschaffene „weiße Kamel“ spielt dabei eine zentrale Rolle und tritt in den verschiedenen Geschichten immer wieder auf, es ist irgendwo auf der Welt und doch auch immer wieder präsent wenn jemand am Sterben ist; ein sanftes Abholen aus dem Leben geht mit ihm einher, wenn es in geradezu magischen Welten erscheint und mit durch seine seinen schwarzen Augen blickt: Das weiße Kamel ging in die Knie, streckte den Hals nach vorn, hielt sein Ohr auf die Erde und hörte eine Zeitlang der Erde zu. Dann hob es den Kopf und blickte mit seinen schwarzen Augen zu demjenigen, der die Wahrheit sprach. Dieser las aus den Augen des weißen Kamels: ‚Die Erde sagt, daß ihr beide lügt! Sie sagt, sie gehöre keinem von euch! Ihr beide gehört vielmehr ihr! Der eine liege schon an ihrer Brust, und der andere werde zu ihr kommen, wenn es an der Zeit sei!‘ […] Nur die weißblühenden Blumen, die an seinen Spuren wuchsen, kündeten davon, daß hier einst das weiße Kamel entlanggegangen war.(139)
Der Krieg ist der große Einschnitt, er lässt sterben und sterben ohne die Literarität zu verlieren. Die meisten im Krieg verschwindenden, aber auch literarisiert vor Hunger und Kummer: so wenn der Geliebte heraustritt aus dem Bild und die wartende mitnimmt. Oder wenn sich die junge Adile vom Dach stürzt, um der erwarteten Heirat mit dem älteren Geheimdienstmitarbeiter, dem im Viertel wohnenden – aber dennoch fremden, zu entgehen. Mit Blick darauf, aber auch auf die renitente Hanım Hala oder den Umgang mit dem staatstragenden Schriftsteller Fetulla Hatem – die in den Gegenwartsrahmen hineinreichende Geschichte – bezogen, wird auch eine Geschichte des stillen Widersetzens, eines überzeugten und konsequenten Widerstandes gegen den allzu fernen Staat geschrieben. Die Vereinigung zwischen diesen beiden Strängen gelingt nur bedingt, auch wenn die Magie der Erzählung, der Mythos, als Element das Widersetzen mitzutragen vermag.