Die Betriebsgeheimnisse eines ganz normalen MannesAn seinem Hochzeitstag fühlt sich Karlmann »Charly« Renn als Sieger. Er hat seine Traumfrau geheiratet, und Boris Becker gewinnt Wimbledon. Alles scheint möglich. Kleebergs Roman durchleuchtet Familie und Freunde, das Lieben und Arbeiten seines Helden mit so unerbittlicher Präzision, dass die Banalität des Alltäglichen seine verborgene Faszinationskraft enthüllt. Ein Roman über die Zeit und was sie mit dem Menschen macht.Juli 1985. Ein junger Mann hat am Vormittag geheiratet und sitzt am Nachmittag vor dem Fernseher. Dort erlebt er mit, wie ein deutscher Tennisspieler auf dem berühmtesten Center Court der Welt beweist, dass man das Unmögliche schaffen kann, wenn man nur will. Und sein Glaube und seine Zuversicht übertragen sich auf Karlmann »Charly« Renn. Auch der ist heute ein Sieger. Er hat seine Traumfrau geheiratet, und der Ausgang des Wimbledon-Finales ist ein gutes Omen für die Zukunft. Dies ist Charlys Tag. Oder hätte es sein können, wäre da nicht das unerwartete Geschenk seines Vaters, das seine hochfliegenden Träume korrigieren wird.Michael Kleeberg betreibt mit literarischen Mitteln nicht weniger als eine Anthropologie des Männlichen. Charly Renn nämlich ist ein Jedermann, ein Mann, den man zu kennen glaubt. Einer, der begehrt, sucht, funktioniert, sich fügt und vom Ausbruch träumt. Aber so, wie Michael Kleeberg ihn beobachtet und durchleuchtet, hat man ihn noch nicht gesehen.
tiefer analytischer Blick in das „normale“ Leben eines in den 80igern lebenden Hamburger Autohausleiters, dessen Frau sich später von ihm trennt erfindungsreiche Sprache, erstaunlich detaillierter, dabei entlarvender Blick für die "Spiele der Erwachsenen" (vgl. Eric Bernes gleichnamiges Buch.)
"Bewusstseinszergliederungsprosa" - dieser Ausdruck fiel bei einer Besprechung dieses Buches im Deutschlandradio. Ist es das?
5 Tage (ab 1985 jeweils ein Tag in 5 aufeinanderfolgenden Jahren) im Leben von Charlie alias Karlmann zeichnen die Entwicklung eines jungen Mannes auf und filtern diese Ereignisse, kleine wie große, durch dessen Bewusstsein, durch dessen hellsichtig entlarvendes Bewertungssystem. Das fängt bei seiner Hochzeitsfeier an, bei der wir wie mit subjektiven Kamera durch das Geschehen gleiten und die Details schon durch Charlies Sicht gedeutet aufschnappen. Es ist, als seien wir sehr präsent in seinem Kopf, mitreißend durch den schnellen Wechsel, durch visuell starke Momentaufnahmen und durch die Authentizität. Dabei - und das ist eher ein illusionsbremsender Nachteil - kippt die Erzählperspektive von der ersten Person gern einmal in ein seltsam anmutendes du, gleich so als erinnere sich Charlie an sich selbst und redet mit sich in der zweiten Person oder als übernehme die Deutungsaufgabe ein allzu aufgepfropft wirkender "allwissender Erzähler". In den 5 Jahren - schlaglichtartig durch jeweils ein paar Stunden eines Tages beleuchtet - durchläuft Charlie eine seltsame Karriere, beginnend als start-up Yuppie, der seine Traumfrau heiratet und zu diesem Anlass einen Geschäftsführerposten in einem Autohaus von seinem Vater geschenkt bekommt endet es auf der Schattenseite: Die Traumfrau hat ihn verlassen, den Job beim Autohaus kündigt er. In diesem Schatten aber finden wir einen an seinem verletzten Ego Leidenden, einen der durch das Niemandsland haltloser Einsamkeit einer Hamburger Diskonacht taumelt und sich zu fangen versucht - und auch das ist treffsicher, authentisch umgesetzt.
Ein kleiner Auszug über das Verhalten eines potentiellen Autokäufers (und seiner Frau) in einem Hamburger Autohaus aus der Perspektive der 2. Person: Du hörst ihrer Auseinandersetzung zu, seinem erfolglosen Ringen mit einer Sprache, von der er glaubt, es wäre die souveräner Menschen, der er mittels einer Anstrengung und Konzentrationsleistung auch fähig sei, indem er einzelne aufgeschnappte Fremdwörter und Fachbegriffe in seine Sätze streut, die beiläufig klingen sollen, aber doch wie in Anführungszeichen in seiner Rede stehen, leicht verkantet. ... Aus einem Auto, das er steuert, fließt ihm in jeder Sekunde Lebensrechtfertigung zu.
Zwischen all dem erklärt uns Kleeberg die Welt, stellt sich mit uns an den Rand des Geschehens und extemporiert über die Bedeutung der Sprache, die Gesetzmäßigkeiten der Liebe, den Reiz, den eine Trennung auf andere Paare ausübt, durchleuchtet das Zeitempfinden in Trennungsphasen, verdeutlicht die Machtstrukturen der modernen Gesellschaft, vergleicht die Verliebtheit mit einem Tumor und theoretisiert über die Wahrnehmung des jeweils anderen durch das eigene Selbst. Auch das trägt in sich einen Schuss Hellsichtigkeit, wenngleich es nicht immer integer wirkt, wie diese kleinen Essays in den Roman einzugliedern versucht wurden.
Übertrieben wirken die gewollt tabulosen Kapitel ausgeprägter sexueller Detailbeschreibungen. Das wirkt wie die obligatorische Sexszene in einem B-Movie (nur ohne Zensur), so als gehöre das eben zu einem guten Roman dazu. Darüber kann man streiten.
Am besten ist Kleeberg immer dann, wenn er die Bedeutung der banalen Dinge, der Gesten und scheinbar selbstverständlichen Umgangsformen entlarvt. Er beweist damit auch, was er selbst über die Sprache schreibt oder um es platt mit Wittgenstsein zu umschreiben: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Kleeberg zieht diese Grenzen am äußersten Rand des Bewusstseinshorizonts