Wüste Abenteuer
Wie er da eigentlich genau in die tunesische Wüste gelangt ist, wie er auf seinen Diener und Freund Hadschi Halef Omar traf und warum er unter dem verbrieften Schutz des osmanischen Großherrn zu reisen vermag – all dies sind Einzelheiten, die uns der Ich-Erzähler, hier als Kara Ben Nemsi, „Karl, Sohn der Deutschen“, reisend, schuldig bleibt, doch irgendwie spielt das auch gar keine Rolle. In Band 1 des Orient-Zyklus, Durch die Wüste, ursprünglich „Durch Wüste und Harem“ genannt, werden wir gleich medias in res geschleudert, wenn Kara Ben Nemsi und Halef im Wadi Tarfaui auf einen Toten und wenig später auf dessen Mörder, den Armenier Hamd El Amsat, stoßen, den sie allerdings ziehen lassen und der ihnen anschließend auf dem Schott El Dscherid auflauert und ihren Führer erschießt. Von nun an reiht sich mit atemberaubender Geschwindigkeit Abenteuer an Abenteuer, mal Skurriles, doch meist Hochdramatisches: Unser Held befreit die gefangene junge Montenegrinerin Senitza aus den Klauen des üblen Schurken Abrahim Mamur und vereint sie mit ihrem Verlobten Isla Ben Maflei, nimmt es mit einem veritablen Seeräuber, dem Abu Seïf, und mit den reißenden Stromschnellen des Nils auf, schleicht sich heimlich in das für ihn als Christen als Haram geltende Mekka, wo er sich sogar das Wasser des Brunnens Zamzam beschafft, verhindert, daß die Haddedihn von ihren Feinden, die vom Statthalter von Mossul aufgestachelt worden sind, überfallen werden, stattet dem Statthalter einen Besuch ab, und beschließt endlich, dem Scheik der Haddedihn, Mohammed Emin, dabei zu helfen, seinen in Amadije gefangengehaltenen Sohn zu befreien, wobei er in das Reich der Jesiden in Kurdistan, der sagenumwobenen „Teufelsanbeter“, gelangt, die ebenfalls vom Statthalter von Mossul bedroht werden.
All dies wird literarisch zwar nicht gerade gediegen, aber doch mit einer derart blühenden Phantasie und mit begeisterndem Schwung erzählt, daß man förmlich durch die Seiten fliegt und May bescheinigen muß, hier einen wahren page turner geschrieben zu haben. Eigentlich hatte ich meine alten Karl-May-Bände für meinen Sohn hervorgeholt und entstaubt, doch wie es der Zufall wollte, habe ich in das erste Kapitel hineingelesen, und es hat mich nicht mehr losgelassen. Der alte Zauber, den ich als Dreizehnjähriger empfand, war wieder da, vermehrt vielleicht um eine leichte Belustigung darüber, daß mich die Schriften Karl Mays nach all den Jahren wieder so packen konnten. Zwar mußte ich eher schmunzeln als in Bewunderung stehen ob der Selbstsicherheit, mit der sich unser Erzähler durch die für ihn doch so fremden Kulturen bewegt, und ob der verschiedenen Fähigkeiten, die er en passant an den Tag legt. Er schießt, reitet, ficht und schleicht wie kein zweiter und betätigt sich mit gleicher Routiniertheit als Stratege und als Arzt, wobei er gegenüber dem Leser auch keine falsche Bescheidenheit an den Tag legt, sondern mit großem Gusto beschreibt, wie man allenthalben sein Lob singt und seine Taten verherrlicht – wenn er es nicht gerade selbst tut, was auch vorkommen kann. Und vor allem: Er spricht alle möglichen Fremdsprachen so gut, daß ihm niemand anmerkt, daß er gar kein Muttersprachler ist – wie ist es ihm nur gelungen, den so charakteristischen sächsischen Akzent zu verbergen, der für mich immer so etwas Liebenswertes hat?
Doch über der gesamten Erzählung liegt ein idealistischer Anstand, der auf mich als Leser einnehmend wirkt: Der Ich-Erzähler ist bemüht, unnötiges Blutvergießen zu vermeiden und statt dessen zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln; er möchte fremde Sitten und Gebräuche und Sprachen erlernen, Land und Leute kennenzulernen, ohne dabei – und das finde ich mittlerweile wieder sehr erfrischend in einer Zeit, in der wir Europäer dem Vernehmen nach doch als Urheber allen Unheils in der Welt in Sack und Asche zu gehen haben – die guten Seiten seiner eigenen Kultur zu verleugnen. Den ständigen Versuchen seines Getreuen Halef, ihn zum Islam zu bekehren, begegnet er mit gutmütiger Festigkeit fernab von modernem relativierendem Herumgeiere und stellt die Vorzüge des Christentums als einer Religion der Liebe und des gegenseitigen Verständnisses heraus. So kann man von Karl May lernen, das Fremde zu achten, ohne darüber das Eigene zu verleugnen und seine kulturelle Identität so sehr zu hinterfragen, daß sie einem keine intellektuelle und emotionale Heimat mehr bietet. Gegen Ende des ersten Bandes verlangsamt sich die Handlung beispielsweise, wenn der Erzähler von seinen Bemühungen berichtet, sich mit den religiösen Gepflogenheiten und Anschauungen der Jesiden vertraut zu machen, die er für die damalige Zeit sicher sehr positiv und verständnisvoll darstellt. Auch der Humor, der an vielen Stellen durchscheint – so etwa in Kara Ben Nemsis Zusammentreffen mit dem gierigen und dabei so naiv-impulsiven Statthalter von Mossul – hat mich fürstlich unterhalten. Ob nun die Wortgefechte zwischen dem Protagonisten oder dem unverwüstlichen Halef oder des Letzteren Versuche gegenüber Dritten, seine Geldbörse ein wenig praller zu füllen, ob die nimmermüde Suche des graukarierten Sir David Lindsay nach den nur bei Karl May so genannten fowling-bulls oder die steten und vergeblichen Bemühungen des türkischen Militärschreibers Ifra, seinen Esel zu zügeln und die Geschichte zu erzählen, wie er in dichtestem Schlachtengetümmel seiner Nase verlustig gegangen – hier merkt man deutlich die Liebe des Schriftstellers zu seinen Figuren, und allein dies schon macht Karl May trotz aller literarischen Mängel für mich sympathisch.
Ich hatte kaum mit Durch die Wüste abgeschlossen, da lag auch schon der Folgeband Durchs wilde Kurdistan aufgeschlagen vor mir.