Thailand gehört wegen seiner schönen Strände, seiner alten Kultur und seiner liebenswerten Menschen seit langem zu den beliebtesten Fernreisezielen. Diese Geschichten erzählen von Bergdörfern, Touristenzentren und dem Leben in den Großstädten. Sie öffnen die Tür zu Bauernfamilien, Bars und buddhistischen Klöstern. Die Autoren stellen sich der komplexen Gegenwart ihres Landes, viele von ihnen wurden mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Dieser Band gehört zur Pflichtlektüre für Reisende, die Thailand kennenlernen wollen.
Ein solches Kompendium der Literatur eines Landes ist mir viel lieber als ein x-beliebiger Reiseführer, der nicht nur schnell überholt sein wird, sondern meist völlig uninspiriert geschrieben ist. Dann doch lieber ganz normale Belletristik (o. ä. Fiktionales), von der man sich vorstellen kann, dass die Einwohner:innen des betreffenden Landes sie in ihrem ganz normalen Leben lesen (wenn auch eher in der Originalsprache).
In diesem Fall war ich schon erfreut, dass einen entsprechenden literarischen Reiseführer für Thailand überhaupt gab; südostasiatische Erzählungen und Romane, die in die deutsche Sprache übersetzt wurden, sind meiner Recherche nach nämlich ziemlich rar gesät. Wenn man sich nun, so wie ich, genau eine solche Sammlung wünscht, gehört es dazu, dass man sich auf die inhaltlichen und erzählerischen Traditionen und Perspektiven des betreffenden Landes einzulassen hat. (Wozu will man es sonst lesen?) Insofern sollte es einen nicht verwundern, dass in von Thais über Thais geschriebenen Geschichten Lebensrealitäten und Motive aufgegriffen werden, die recht wenig mit der eigenen Alltags- und Erfahrungswelt zu tun haben.
Insbesondere bin ich der Meinung, dass man - gerade weil es um eine *literatische* Annäherung an ein weit entferntes Land geht - nicht nur Sommer-Sonne-Sonnenschein erwarten darf. Im vorliegenden Fall komme ich jedoch nicht umhin festzustellen, dass sämtliche im Buch enthaltenen Kurzgeschichten alles andere als Werbung für das Land und seine Gesellschaft sind. Sie reichen von skurril über melancholisch bis hin zu schlicht düster und deprimierend. Damit hatte ich keineswegs gerechnet und ich kann mir kaum vorstellen, dass es sich um ein halbwegs repräsentatives Abbild des thailändischen Erzählens handelt.
Die kurze (kultur)historische Einordnung am Schluss, die sich auf die sozialkritische Komponente der Kurzgeschichten bezieht, ist sinnvoll, hilfreich und lässt sie in einem anderen Licht erstrahlen. Dennoch bleibt mir letztlich die Frage offen, ob man diese Sammlung dann mit dem Label "Thailand fürs Handgepäck" verkaufen muss oder ob es nicht angemessener wäre, sie *ohne* touristischen Bezug als Einblick in eine bestimmte literarische Strömung eines bestimmten Zeitraums der thailändischen Geschichte interessierten deutschsprachigen Leser:innen zugänglich zu machen.
Eine ernsthafte Empfehlung kann ich jedenfalls nicht aussprechen, auch wenn ich Neugierigen keineswegs vom Buch abraten werde.