"Sie werden in Ikarus die besten Stories finden, die je geschrieben wurden", prahlte Herausgeber Wolfgang Jeschke in Ikarus 2001 -- und er sollte Recht behalten, denn er hatte aus der Not eine Tugend gemacht: Da Neuübersetzungen von Kurzromanen und Erzählungen für große Konzernverlage nach eigenen Angaben nicht länger rentabel sind, sah er sich gezwungen, auf bereits vorliegendes Material zurückzugreifen.
Und was für eine Fundgrube hat sich da aufgetan! Während der vergangenen 40 Jahre hat der Heyne Verlag SF-Gourmets mit mehreren hundert Storybänden verwöhnt -- zum größten Teil Auswahlausgaben aus den großen US-amerikanischen Magazinen Galaxy, Fantasy & SF und Asimov's, ergänzt durch immer umfangreichere und vielseitigere International Science Fiction Stories, in denen Jeschke seinen Kennerblick auf SF weltweit richtete.
Und das ist wirklich die einzige Kritik, die sich der vorliegende Band gefallen lassen muss: Auf über 800 Seiten finden sich ausschließlich angloamerikanische Autoren. Die allerdings haben es in sich, denn in einer Hinsicht ist Ikarus 2002 geradezu das Spiegelbild von Ikarus 2001: Wurden dort in erster Linie die bekanntesten Geschichten der bekanntesten Autoren präsentiert, werden hier von fast den gleichen Autoren eher unbekannte Erzählungen vorgelegt -- vonWalter M. Miller, J.G. Ballard, James Tiptree, Bruce Sterling, Kim Stanley Robinson; sowie von Gene Wolfe, James Patrick Kelly und Connie Willis, um nur die absoluten Glanzlichter zu nennen. ...aus Amazon.de
Wolfgang Jeschke was a German sci-fi author and editor, publishing at Heyne publishing house (Heyne-Verlag). He lived in Munich. His best known novel was The Last Day of Creation (Der letzte Tag der Schöpfung)
Allgemein: Nach “Ikarus 2001” (s. https://www.goodreads.com/review/show...) lesen wir im Lesezirkel der Science-Fiction-Freunden-Stuttgart (https://sf-stammtisch-stuttgart.de/) jetzt die Nachfolge-Anthologie “Ikarus 2002”. Dies geschieht wieder in kleinen Häppchen, wir besprechen im monatlichen Wechsel Kurzgeschichten und Romane. Ich versuche, die Geschichten vorher zu lesen. Die Diskussionen im Lesezirkel sind in der Regel sehr erhellend für mich und erweitern meine Sicht auf die Geschichten enorm. Dies findet sich in meinen kurzen Besprechungen allerdings selten wieder.
Neu (s.u.): 9. Kim Stanley Robinson: Venedig unter Wasser
1. A.E. van Vogt: Die Wippe Diese Geschichte gehört zum Komplex um die “Waffenhändler von Isher” oder ist vielleicht sogar die erste Geschichte aus diesem Universum von van Vogt. Im “Lexikon der Science Fiction Literatur” von Alpers, Fuchs, Hahn und Jeschke geht man nicht besonders freundlich mit van Vogt um: Er gehöre “zu den umstrittensten Autoren der Science Fiction” mit einer “Vorliebe für Supermänner und Superhelden“. Dann folgt noch ein ziemlich böses Zitat von Damon Knight, das ich hier nicht wiederhole. “Die Wippe” passt sehr gut in das im Lexikon beschriebene Schema der van Vogtschen Romanhandlung: “Der Protagonist tritt unwissend und machtlos in ein gefährliches, undurchschaubares Geschehen kosmischen Ausmaßes ein”: Am 11. Juni 1941 taucht plötzlich ein Bauwerk auf, das nur Chris McAllister betreten kann. Ein Polizist gelangt nicht hinein, denn in diesem Bauwerk, das sich als Waffengeschäft entpuppt, wird das “Recht auf Waffen hochgehalten”, diese seien “der einzige Schutz gegen Unterjochung”. Es wird in Ansätzen eine große Auseinandersetzung Jahrtausende in der Zukunft skizziert, in die McAllister hineingestolpert ist. Er wird schließlich als eine Art “Zeitwippe” missbraucht und dabei immer weiter zwischen Vergangenheit und Zukunft hin- und her geschleudert, bis er in der Schlusspointe sein Schicksal erkennt. Der große Rahmen faszinierte und auch die Pointe gefiel mir gut, den Stil der Dialoge und die Aussagen der Waffenhändler mochte ich weniger. 3 Sterne
2. Walter M. Miller jr.: Crucifixus Etiam Dies ist die Geschichte von Manue Nanti, der etwas Geld “scheffeln” möchte und sich deshalb zur Arbeit auf dem Mars im Jahre 2134 A.D. verpflichtet. Der Lohn beträgt fünf Dollar pro Stunde (“ein guter Lohn”) und er hofft, nach Ablauf der Zeit mit fünfzigtausend Dollar zur Erde zurückkommen zu können und sich dann mit vierundzwanzig Jahren zur Ruhe setzen zu können. Den Zahlen merkt man an, dass die Geschichte siebzig Jahre alt ist, inflationsbereinigt müssten sie natürlich deutlich größer sein. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, wie Alpers und Fuchs in der Ausgabe aus dem Hohenheim Verlag schreiben (“Science Fiction Anthologie Band 1: Die fünfziger Jahre I”), dass hier arbeitende Menschen im Mittelpunkt stehen. Über etliche Seiten schildert Miller die Arbeit am Projekt, den Mars bewohnbar zu machen. Dabei ist Millers Mars weit weg von den romantisierenden Beschreibungen Ray Bradburys (die ich liebe), die Arbeit ist lebensgefährlich und ruiniert die Gesundheit der Arbeiter: “Der Mars war ein Alptraum, eine grimmige, frauenlose, kalte und gleichgültig bösartige Welt”. Die Arbeiter werden ausgebeutet und Manue erkennt, dass er sich “für fünf Jahre in die Sklaverei verkauft” hat. Die Beschreibung der Arbeit ist nicht gut gealtert, denn gearbeitet wird teilweise mit sehr einfachen Mitteln. Interessant ist der Versuch, die irdische Religion mit zum Mars zu nehmen, der Manue nicht überzeugt: “Glaube erforderte eine vertraute Umgebung, eine bekannte Kultur. Hier hingegen gab es lediglich Arbeitsgeräte und ratternde Maschinen”. “Crucifixus etiam pro nobis” ist ein Teil des christlichen Glaubensbekenntnisses und heißt übersetzt: “Er wurde für uns gekreuzigt”. Dies beschreibt die Rolle der Arbeiter hier auf dem Mars, denn sie ruinieren ihre Lungen, arbeiten sich kaputt für ein Ziel, das in weiter Ferne liegt. Zugegebenermaßen empfand ich die Geschichte über weite Strecken als etwas langweilig, aber Manues Entscheidung am Ende nötigt Respekt ab. Das Terraforming wird achthundert Jahre dauern und Manue steht vor der Entscheidung, ob er “Sähender oder Erntender” sein will: “er konnte das Ziel wenigstens riechen Die Luft roch gut”. Er beschließt, dass der Mars jetzt “sein Planet” ist. Die Schilderung der Arbeiter, die Verweise auf die Religion, die Beschreibung der harten Umwelt des Mars - das alles hebt die Geschichte hervor und macht sie zu etwas Besonderem. 3 Sterne (Irgendwie war doch viel mehr drin in dieser Geschichte, als ich zuerst gedacht habe.)
3. J. G. Ballard: Die Wolkenbildner von Coral D. Auf Vermilion Sands bilden sich über den Korallentürmen Wolken, die von den Wolkenbildern mit ihren Flugzeugen manipuliert werden können. Sie können Bilder “hineinschneiden”. Der Ich-Erzähler und zwei weitere Wolkenbildner bekommen von einer reichen, ziemlich von sich eingenommenen und narzisstischen Frau einen besonderen Auftrag. Für eine Party schneiden sie ein Porträt der Frau aus den Wolken. Einer der Wolkenbildner hat anscheinend noch eine Rechnung mit der Frau offen und manipuliert die Wolken. So recht weiß ich nicht, was ich mit dieser Geschichte anfangen soll. Die Idee der Wolkenbildnerei ist faszinierend, dazu gibt es noch eine Konflikt zwischen einem der Piloten und Leonora Chanel. Natürlich kann man jetzt über die Beziehung zwischen Wolkenbildern und menschlichen Psychen nachdenken und darüber, wie Nolan seine Meinung zu Leonora in einer Wolke ausdrückt - aber so recht interessiert hat mich das nicht. 2 Sterne
Die folgenden Geschichten habe ich leider nicht noch einmal gelesen und teilweise auch nicht an den Besprechungen teilgenommen: 4. Poul Anderson: Herrin der Luft und der Dunkelheit 5. Gene Wolfe: Der fünfte Kopf des Zerberus 6. James Tiptree jr.: Ihr Rauch steigt ewig auf 7. Alan Dean Forster: Wolfsmusik
8. Robert Chilson: Mondlose Nacht Jetzt bin ich wieder eingestiegen…. “Lalominat kam in Tränen in sein Leben”, so beginnt die Geschichte, in der Lalominat als “Vertragssklavin” und Tänzerin, die “Glühwurm” betritt, das Schiff von Juni. Dieser betont allerdings gleich zu Beginn, dass Lalominat frei sei und auch gehen könne, wenn sie dies wolle. Schon von Anfang an wird gezeigt, dass die beiden unterschiedliche Vorstellungen haben und dass sie auch körperlich eher schlecht kompatibel sind: Wenn Juni Lalominat berührt, reagiert seine Haut allergisch und umgekehrt scheint dies auch der Fall zu sein. Als dritte Figur in dieser Geschichte gibt es noch die “Glühwurm”, heute würde man von der KI des Schiffs sprechen. Die Geschichte achtet sehr darauf, dass die Wesen unterschiedlich sind: Juni ruft sich mehrfach zur Ordnung, dass er Lalominat nicht vermenschlichen sollte. Andererseits ist er einsam und hat ein großes Bedürfnis nach Nähe. Die Schiffs-KI spricht in einer neutralen Stimme zu ihm, damit er sie nicht vermenschlicht. Juni beobachtet die Tänzerin und ist mehr und mehr fasziniert von ihr. Dann versucht er, ihr näher zu kommen mit dem erwarteten Resultat. Dennoch überträgt er ihr am Schluss einen großen Teil seines Vermögens und bringt sie zurück: “So feierte eine weitere Tochter von Mon-Sil-Mon ihre triumphale Rückkehr”. Ich denke, das ist genau das, was Lalominat von Anfang an wollte. Eine Geschichte über die Sehnsucht nach Nähe in einem leeren Weltraum. Diesem Wunsch sind aber zwischen verschiedenen Spezies Grenzen gesetzt, die nicht einfach überwunden werden können. 3 Sterne
9. Kim Stanley Robinson: Venedig unter Wasser Der Protagonist lebt in einem teils versunkenen Venedig und schlägt sich und seine Familie durch, indem er mit seinem Boot Tauchtouren für Touristen anbietet. Er bringt sie zu unter Wasser stehenden Gebäuden, die sie dann besichtigen, wobei sie auch Kunstschätze mitnehmen. Hier fährt er zwei Japaner zu einer Kirche. Als sich herausstellt, dass die beiden ein gut erhaltenes Madonnen-Mosaik abbauen und mitnehmen wollen, kommt es zum Konflikt, zumal ein heftiger Sturm aufkommt. Er lässt die beiden zurück, gerät in den Sturm und hat eine seltsame Begegnung mit einer alten Frau in einem Campaline. Dort findet er Schutz für die Nacht. Mir hat diese Geschichte sehr gut gefallen. Sie erzählt nicht alles. Warum ist Venedig so und vor allem: wie ist die Welt beschaffen, dass man die Stadt so verkommen lässt und erlaubt, sie weiter zu zerstören? Was hat der Klimawandel mit dem Rest der Welt gemacht? Ist die alte Frau die Madonna? Es gibt religiöse Anspielungen, was nicht verwundert, schildert sie doch eine Apokalypse. Es gibt auch für mich typische Robinson-Elemente: Großartige Schilderungen, die sich schon einmal Zeit lassen und einen in den Bann ziehen. So z.B. die Beschreibung de Madonna, die sicher nicht nur das Leid ihres Kindes, sondern auch das Leid der Welt sieht: "sah mit traurigem, wissenden Blick in die Welt hinaus". Ich habe die Geschichte übrigens im schönen und signierten Hirnkost Band "Kim Stanley Robinson - Erzähler des Klimawandels" gelesen und fand sie dort besser übersetzt. Als Beispiel nur der letzte Satz: Iakarus: "Überlaß ihnen das, was unter Wasser ist. Was in Venedig noch lebte, schwamm oben." Hirnkost: "Sollten sie haben, was unter dem Wasser lag. Der lebendige Teil Venedigs schwamm nach wie vor an der Oberfläche." 4 Sterne
10. Bruce Sterling: Schwärmer
11. Eric Vinicoff & Marcia Martin: Der Kompromiss
12. James Patrick Kelly: Der schrecklichste Monat
13. Octavia E. Butler: Blutsbande
14. Robert Silverberg: Meerfahrt nach Byzanz
15. David Brin & Daniel Brin: Bühne der Erinnerung
16. Connie Willis: Der letzte Winnebago
17. Charles Sheffield: Die Höfe von Xanadu
18. Kate Wilhelm: Doppelgänger
19. Nancy Kress: Ein Tanz in der Luft
This entire review has been hidden because of spoilers.
01. Die Wippe A. E. van Vogt Die Geschichte spielt in der Welt der Waffenschmiede von Ischer. Es geht um einen Zeitreisenden, den es aus dem Jahr 1941 in die Zukunft verschlagen hat. Das Ende ist überraschend. 3 Sterne
02. Crucifixus Etiam Walter M. Miller jr. Kolonisierung des Mars mal anders. 3 Sterne
03. Die Wolkenbildner von Coral D J. G. Ballard War gar nicht so meins 2 Sterne
04. Herrin der Luft und der Dunkelheit Poul Anderson Nette Geschichte, etwas zu lang. 3 Sterne
05. Der fünfte Kopf des Zerberus Gene Wolfe Sehr faszinierende Geschichte. Absolut lesenswert. 5 Sterne
06. Ihr Rauch steigt ewig auf James Tiptree jr. Hmm, seltsame Geschichte. Hat mich nicht gepackt. 2 Sterne
07. Wolfsmusik Alan Dean Forster Ganz nett. 3 Sterne
08. Mondlose Nacht Robert Chilson Seltsame Geschichte über eine Beziehung zweier Wesen, die wegen biologischen Unverträglichkeiten sich nicht berühren können. 3 Sterne
09. Venedig unter Wasser Kim Stanley Robinson Düstere Prognose der Klimaentwicklung 3 Sterne
Nachdem ich von Ikarus 2001 so begeistert war, wollte ich auch unbedingt die Nachfolgeanthologie lesen. Auch hier findet man wieder Geschichten - größtenteils aus den 70ern und 80ern -, die das Prädikat Klassiker verdienen, Ikarus 2001 hatte für mich aber "higher highs and lower lows" während ich hier eher eine meist gleichbleibende Qualität empfand und auch ein paar Geschichten, die für mich Highlights waren, schon vorher kannte. Mein Leseerlebnis kam hier nicht ganz an das des Vorgängers heran, trotzdem hatte ich wieder viel Freude an den großartigen Geschichten.
Besonders hervorheben möchte ich Crucifixuis Etiam von Walter M. Miller, Der letzte Winnebago von Connie Willis und Ein Tanz in der Luft von Nancy Kress. Highlights, die ich mit Freude erneut gelesen habe, waren Der fünfte Kopf des Zerberus, Blutsbande und Meerfahrt nach Byzanz. An die Geschichten von Poul Anderson, James Tiptree Jr. und Charles Sheffield kam ich dagegen weniger heran. Insgesamt wieder eine gute Mischung.