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Der Judenacker.

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Hardcover

First published January 1, 2004

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June 29, 2024
Ulrich Völklein beschreibt die Geschichte der Juden in Deutschland/Europa bis in die Nachkriegszeit am Beispiel seines unterfränkischen Heimatdorfes.
Sein Schreibstil erinnert an Reportagen, die er in seinen Berufsjahren als Redakteur verinnerlicht hat. Da können durchaus subjektive Feststellungen einfließen, allerdings vermeidet Völklein fast immer erfolgreich Klischees, emotionale und moralisierende Wertungen oder auch ex post Besserwisserei.
Eigentlich ist das schon vor 20 Jahren erschiene Buch auf verschlungenen Weg und ausgeliehen über Bekannte eher zu mir gekommen als ich zu ihm, also meinerseits eine eher unerwartete Begegnung. Allerdings hat es mich sofort gefesselt weil das im Würzburger Gäu gelegene ehemals Bauerndorf Geroldshausen und alle anderen umliegenden Orte, die eine Rolle spielen, auch zu meiner näheren persönlichen und beruflichen Heimat gehören und ich alle Schilderungen sehr klar vor mir sehen kann. Dieser Bezug geht weit über bloße Ortskenntnis hinaus und umfasst ebenso soziale Infrastrukturen, Berufs-, Arbeits-, Vereins- und natürlich auch religiöses Leben oder auch Brauchtum, Tradition bis hin zu Aberglaube. „Dorfleben“ halt mit allen physischen und psychischen Implikationen und im Wandel der Jahrzehnte von der Vorkriegszeit des II. Weltkriegs bis in die 60er oder 70er Jahre. Der Autor, aufgewachsen in Geroldshausen hat nach meiner Überzeugung ein tieferes Verständnis für das Innenleben dieser dörflichen Lebensweise der damaligen Zeit, auch deshalb wirken seine Aussagen authentisch.
Worum geht es? Im Kern um die Antwort auf die Frage „Wie konnte es, ausgehend von x-beliebigen Menschen und einem x-beliebigen ländlichen Ort, zu den Gräueln des Nationalsozialismus kommen und was hat das mit dem Dorf und seinen Bewohnern davor, währenddessen und danach gemacht?“
Völklein hält sich also emotional stark zurück, obwohl er praktisch persönlich involviert war, erläutert allgemein zugängliche Fakten wo notwendig und ergänzt mit Ergebnissen individueller Recherchen in örtlichen Archiven. Manchmal kommen noch Angaben , Gerüchte oder Geschichten dazu, die der Autor von Familie oder Ortsansässigen erfahren hat.
Völklein macht z.B. in beklemmender Weise deutlich, in welcher existentiell ausweglosen Lage sich fränkische Kleinbauern im 19. und 20. Jahrhundert befanden und - Stichwort Viertelkalb- manchmal über Generationen ihren-oft jüdischen- wirtschaftlichen Partnern ausgeliefert waren. Typisch in diesen Notzeiten waren die in zahlreichen Orten, meist durch den Lehrer, häufig durch die Ortspfarrer, angeschobenen Gründungen von Kreditvereinen oder bäuerlichen Genossenschaften. Aber es gab eben auch die Situationen, wo das aufkommende Unheil des Nationalsozialismus einen Ausweg ermöglichte. Wenn Völklein Geroldshäuser Großbauern ausmacht, die seiner Meinung nach in eine andere Kategorie einzuordnen wären, irrt er nach meiner Überzeugung und unterliegt einem perspektivischen Trugbild seiner Kindheit. Großbäuerliche Strukturen gab es im Norden und Osten Deutschlands. Der Süden, also Bayern und Baden-Württemberg, waren damals agrarisch extrem kleinstrukturiert und wirtschaftlich hoffnungslos hinten dran. Aber aus der Sicht eines Kleinstbauern können eben auch Kleinbauern groß wirken…
Neben der Erarbeitung des sozialen und wirtschaftlichen Dorfumfeldes beschreibt Völklein auch die Verwaltung, die das Alles ermöglichte und umsetzte. Beklemmend, wie sich der ebenfalls aus Geroldshausen stammende Leiter der medizinischen Abteilung in Ausschwitz unter Bezug auf die damaligen Verwaltungsvoraussetzungen nach der Kapitulation zu rechtfertigen versucht. Ein Geniestreich, bewusst oder unbewusst, ist der Vergleich der öffentlichen Verwaltungen einmal bei der oft kleinlichen und um formale „Korrektheit“ bemühten Vernichtung der Juden und dann nach dem Krieg bei den Winkelzügen, um Rückforderungen jüdischen Besitzes zu verhindern oder Entschädigungen kleinzurechnen. Für mich wird da erschreckend klar, wozu „wir“ mit unserer typischen Mentalität fähig waren und dass das im Prinzip auch zukünftig nicht ausgeschlossen ist. Nicht zufällig nerven wir z. B. heute unsere europäischen Partner als arrogante Rechthaber, Streber oder Weltverbesserer.
Und damit bin ich beim Finale des Buches mit der verwaltungsmäßigen Aufarbeitung in der Nachkriegszeit. Das ist in Geroldshausen, bestimmt auch anderswo, das beschriebene Drücken um Entschädigung. Das ist aber, noch beeindruckender, die Beschreibung der Entnazifizierung der Bevölkerung auf Dorfebene. Auch hier spielt die vermeintlich korrekte Verwaltung, mit kleinen Unschärfen oder Korrekturen hier und da, eine zentrale Rolle. Völklein zeigt das an konkreten Personen und nimmt dabei den eigenen Vater nicht aus. Auch hier berührt tief die Authentizität des Autors, wenn er schildert, wie auch Gegner innerhalb des Dorfes in der Nachkriegszeit bei der - Aufarbeitung? Vertuschung? - sorgsam miteinander umgingen, auch um das weitere Zusammenleben überhaupt zu ermöglichen. Und ebenso trifft den Leser wie es einem Geroldshäuser Juden ergeht, der nach Enteignung, Vertreibung und Flucht wieder in seiner Heimatregion auftaucht.
Unbedingt empfehlenswert, besonders für Alle mit Bezug zu ländlichen Räumen.
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