Ein literarischer Roman über die brennenden Themen der Das neue Buch der Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher
Birgit Birnbacher, der Meisterin der „unpathetischen Empathie“ (Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau), gelingt es, die Frage, wie und wovon wir leben wollen, in einer packenden und poetischen Sprache zu stellen. Ein einziger Fehler katapultiert Julia aus ihrem Job als Krankenschwester zurück in ihr altes Leben im Dorf. Dort scheint alles noch Die Fabrik, in der das halbe Dorf gearbeitet hat, existiert nicht mehr. Der Vater ist in einem bedenklichen Zustand, die Mutter hat ihn und den kranken Bruder nach Jahren des Aufopferns zurückgelassen und einen Neuanfang gewagt. Als Julia Oskar kennenlernt, der sich im Dorf von einem Herzinfarkt erholt, ist sie zunächst neidisch. Oskar hat eine Art Grundeinkommen für ein Jahr gewonnen und schmiedet Pläne. Doch was darf sich Julia für ihre Zukunft denken?
Birgit Birnbacher hat mit "Wovon wir leben" einen Roman über die entfremdete Arbeitswelt, Pflegearbeit, eine dysfunktionale Familie, eine Ziege und die Sorge um fehlendes Geld geschrieben. Es ist auch ein Provinzroman. Und es könnte trostlos und deprimierend sein, wenn da nicht diese großartige Sprache wäre. Es ist ein aufregendes, sehr gegenwärtiges Buch.
Die Ich-Erzählerin berichtet im Präsens von ihrer Entlassung als Krankenschwester wegen eines Kunstfehlers. Noch ist sie wegen Asthma krankgeschrieben, doch danach ist sie arbeitslos. Sie fährt zurück in ihr Heimatdorf zu ihrem Vater. Dort erfährt sie, dass die Mutter ihn verlassen hat. Der Bruder ist in einem Pflegeheim. In dem Dorf spricht man aber über solche Dinge nicht. Es ist eine altmodische, patriarchale Welt. Nur der "Städter", der für ein Jahr ein bedingungsloses Grundeinkommen gewonnen hat, und sich hier von einem Herzinfarkt erholen möchte, bringt Abwechslung.
Der Roman steckt voller Symbole, angefangen von den Atemschwierigkeiten der Protagonistin bis hin zu einem aufgefundenem, stinkendem Pferdekadaver. Dennoch wirken diese Symbole ganz natürlich. Was klingt, wie mit dem Holzhammer gezimmert, passt sich ganz selbstverständlich in diese eindrucksvolle Erzählung ein. Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen.
Julia bekommt keine Luft mehr. Sie ist Krankenschwester mit Leib und Seele, und doch unterläuft ihr bei der Arbeit unter größtem Stress ein Fehler, der ihr die Luft zum Atmen nimmt und sie letztlich den Job kostet. Mit einer durch den Beruf verschlimmerten Asthmaerkrankung kehrt sie von der Stadt in ihr Heimatdorf zurück, in ein Leben, das sie dachte, hinter sich gelassen zu haben. In ihrem Elternhaus wartet nur noch der Vater auf sie, die Mutter ist nach jahrelangem Kümmern eigene Wege gegangen. Gleich am ersten Tag zurück im Dorf trifft sie auf einen Fremden, den Städter, der sich im auf dem Berg gelegenen Sanatorium von einem Herzinfarkt erholt. Nach seinem Aufenthalt bleibt er im Dorf, er hat ein Jahr eine Art bedingungsloses Grundeinkommen gewonnen und fühlt sich wohl im vermeintlichen Landidyll. Für Julia stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll, wo sie hin möchte - mit der Arbeit und in ihrem Leben.
Birgit Birnbacher stellt in ihrem Roman "Wovon wir leben" die Frage nach dem Sinn, in unserer Arbeit, im Leben, in Beziehungen und den Kombinationen aus allem. Dabei beleuchtet sie verschiedene Varianten der Arbeit, bezahlte Lohnarbeit auf der einen, unbezahlte Care-Arbeit auf der anderen Seite, verliert dabei aber auch Unterschiede innerhalb der Lohnarbeit, beispielsweise durch Lohngefälle, nicht aus den Augen. In Julias Geschichte geht es um Erwartungen und Vorurteile, um Rollenbilder innerhalb Familie und Partnerschaft sowie den Druck, der in der Arbeitswelt auf den Beschäftigten lastet. Alle Charaktere im Buch erfüllen in gewisser Weise ein Klischee - der Städter, der Wirt, der Antiquitätenhändler, letztlich selbst Julias Mutter - und doch schafft es Birnbacher, an jede Figur vorbehaltlos heranzugehen. Ich habe diesen ruhigen, empathievollen Roman gerne gelesen, er ist kurzweilig, macht nachdenklich und gefällt auch stilistisch - von mir gibt es eine Empfehlung für diesen literarischen Snack, in dem so viel in so wenigen Seiten steckt!
Birgit Birnbachers Roman "Wovon wir leben" handelt von Julia, Mitte Dreißig, von Beruf Krankenschwester, die einer Patientin ausversehen ein falsches Medikament spritzt und dadurch ihren Job verliert. So kehrt sie unfreiwillig und perspektivlos zurück in das Dorf ihrer Heimat, in das Haus ihres Vaters, der dort in verloddertem Zustand seine Tage in der Werkstatt verbringt. Julias Mutter hat die Familie verlassen und lebt mit ihrem neuen Freund Sergio in Italien. Die Männer des Dorfes sind fast alle arbeitslos (die nahegelegene Fabrik wurde geschlossen) und treffen sich um 11 Uhr morgens in der Kneipe, um ihr erstes Bier zu trinken. Die Perspektivlosigkeit und die Enge hat Birgit Birnbacher hervorragend eingefangen. Eine trostlose Atmosphäre. Als Oskar, der Städter, auftaucht und beim Kartenspielen das Wirtshaus gewinnt, nimmt die Geschichte an Fahrt auf ... Der Roman handelt von existenziellen Fragen rund um das Thema Arbeit. Was ist überhaupt Arbeit? Per Definition nur wenn sie bezahlt wird? Was tut Mensch, wenn ihm dieser Grundpfeiler des Lebens genommen wird? Arbeit als Selbstverwirklichung und als Idee von Kooperation? Julia ist hin und hergerissen, zwischen der Pflicht, sich um den alten Vater zu kümmern (und den Bruder im Sanatorium) - all die familiäre Carearbeit die ihr unausgesprochen aufgeladen wird - und dem Wunsch ein eigenständiges Leben zu führen, alleine und mit gut bezahlter Arbeit in der Stadt. Die Autorin hat dabei immer das Thema Gleichberechtigung und Emanzipation im Blick und so tritt Julia den Kampf an, sich aus den gesellschaftlichen Konventionen des Dorfes und aus der Erwartungshaltung des Vaters zu befreien. Birnbacher schreibt in einer sachlichen, fast nüchternen Sprache, aber doch immer mit Empathie für ihre Figuren.
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Milva, eigentlich Maria Ilva Biolcati, war eine italienische Schlagersängerin, die über viele Jahrzehnte sehr erfolgreich und europaweit mit ihren Songs gewirkt hat. 1990 erschien von ihr das Album "Ein Kommen und Gehen" und auf diesem singt sie das Lied „Ich bin ganz ich“, das das zentrale Leitmotiv von Birgit Birnbachers neuestem Roman „Wovon wir leben“ angibt:
„Ich leb dir nach – du lebst mir vor Wir leben auch getrennt d’accord Wir passen in die gleichen Schuh Was ich auch träume oder tu – Ich bin ganz ich, ich bin ganz du“
Birnbacher und Milva sprechen von einer Mutter-Tochter-Beziehung, von der Liebe, den Verpflichtungen, den Träumen, die beide ineinandersetzen. Bei Birnbacher liest sich das aus der Sicht der Tochter wie folgt:
„Die Wellen schaukeln uns. Ich lehne den Kopf zurück, ich atme. Atme Mutter auf dem Boot ein, Mutter im Nachtzug, Mutter bei der Obsternte. Atme Erdbeeren, Pfirsische. Ihre neuen Beine, ihre perlenden Neuigkeiten, ihre nackten Füße in den zu großen Schlapfen. So, wie Vater gemeint hat, enden Frauenleben eben nicht. Weil Frauenleben so nicht enden, hat sie den roten Koffer genommen und sich in den Zug gesetzt.“
Birnbacher gewannt 2019 den Ingeborg-Bachmann Preis mit dem Text „Der Schrank“. Nach „Ich an meiner Seite“ von 2020 hat sie nun „Wovon wir leben“ weitere drei Jahre später herausgebracht. Es ist ein sentimentales Buch. Der Ton bleibt nüchtern, distanziert, zweifelnd. Die Ich-Erzählerin, Julia Noch, krempelt ihr Leben um, nachdem sie als Krankenschwester einer Patientin namens 'Schwartz' ein Medikament verabreicht hat, dass sie ihr gar nicht spritzen hätte dürfen. Sie hat aber auf den falschen Patientenbogen geschaut, nämlich auf den einer Patientin namens 'Schwarz', und durch diese Verwechslung kam es zu einem anaphylaktischen Schock, den die Patientin knapp und nur durch Glück überlebte:
„Ich erinnere mich nur an ihr geschwollenes Gesicht, das jetzt rötlich blau ist, und dass ich auf die Einstichstelle starre, die Aufschrift auf der Ampulle lese, gerade noch fähig, zu begreifen, dass z nicht tz ist und dass bei tz eine Medikamentenallergie vorliegt, nur eine einzige, nämlich die gegen den Wirkstoff, den ich gerade verabreicht habe. Dann drücke ich den einzigen Alarmknopf, den ich von meiner Position aus erreiche, den Herzalarm.“
Julia, zeitlebens Asthmatikerin, erleidet einen Schock und eine darauffolgende Atelektase. Sie bekommt kaum Luft. Sie akzeptiert die Kündigung und zieht zurück zu ihren Eltern aufs Land, wo sie feststellen muss, dass sich ihre Mutter mittlerweile aus dem Staub gemacht und ihren Ehemann und ihren, wegen einer nicht behandelten Meningitis, geistig schwer behinderten Bruder allein zurückgelassen hat. Der Bruder lebt im Sanatorium, der Vater aber allein im Haus und kann nicht für sich sorgen. Julia will aber nicht. Dieser Konflikt treibt das ganze Buch.
„Wie hat [Vater] sich das eigentlich vorgestellt, damals bei der Familiengründung? Er macht eine Skizze, einen Grundriss vom Haus, der Werkstatt und dem Garten, das reicht. Fürs Fleisch und Blut, fürs Gebären, fürs Großziehen, die Sauberkeit und den Dreck, für die Exkremente, die Tränen und den Schweiß waren immer die Frauen zuständig.“
In 31 sehr kurzen Kapiteln rekapituliert Birnbacher die langsame und beschwerliche Emanzipation von Julia, die stets auf der Schwelle zu Selbstzweifeln und Selbstaufgabe bleibt. In nüchternen, schnellen Passagen werden Liebesszenen, Schuldgefühle, Zukunftshoffnungen abgespult, die in der gedrängten und aufs äußersten verdichteten Form mehr Stimmung als Sinngebung erzeugen. Julia bleibt als Figur unnahbar, wie die Mutter, wie der Vater. Alles scheint von außen zu kommen. Alles scheint von außen vorbestimmt zu sein. Die Sprache gleitet fremd und als Zierrat auf den Ereignissen wie Schaum auf dem Sekt herum. Das innere Thema, die Selbstbeschränkung und Selbstbeobachtung, hätte von einer stärkeren, noch assoziativeren Sprache, von mehr Lyrismus, mehr Zerrissenheit, mehr indirekt narratives Beschreiben profitiert. Erzählposition und Erzählstil wollen nicht so recht zusammenpassen. Sie sind, um mit Milva zu sprechen, ein ganz anderer Schuh.
Vom Stil her viel zu sehr plotgetrieben, in einfacher Sprache bleibt die Beschreibung der diffizilen Problemen und Schuldgefühlen etwas auf der Strecke. Mehr Humor wie in Daniela Kriens „Der Brand“ hätte dem Roman gestanden, oder betont-gewollte Larmoyanz wie Kristine Bilkau in „Nebenan“ – wenn nicht in diese Richtung, dann hätte ein krasser, heftiger Stil à la Elfriede Jelineks „Gier“ oder „Lust“ oder Sibylle Bergs „GRM“ und „RCE“ oder „Und ich dachte, es sei Liebe“ dem psychosozialen Dynamit der Szenerie und seine Dringlichkeit mehr Intensität verliehen; oder eben weiterhin ländlich sentimental, aber mit Wucht wie Agustina Bessa-Luís in “Die Sibylle”.
Bei “Wovon wir leben” habe ich in die Leseprobe gelesen und fand sie gut, war aber ehrlicherweise nicht so begeistert, dass ich dachte, das Buch unbedingt lesen zu müssen (und bei den vielen tollen Neuerscheinungen bin ich da teils knallhart). Zum Glück hat @hanserliteratur mir das Buch als Überraschungspost zugeschickt, denn “Wovon wir leben” ist bislang mein absolutes Highlight des Bücher-Frühjahrs!
Ich habe ca. 50 Seiten gebraucht, bis ich es so richtig, richtig doll geliebt habe, dann konnte ich es aber nicht mehr aus der Hand legen. Im Vordergrund steht das Thema Arbeit mit der Protagonistin Julia, die ihren Job als Krankenschwester nach einem Fehler verloren hat und zu ihrem Vater ins Dorf der Kindheit zurückkehrt. Dort hat die Fabrik, in der die meisten gearbeitet haben geschlossen. Und dann ist da noch Oskar, der sich von einem Herzinfarkt erholt und ein bedingungsloses Grundeinkommen bezieht.
“Wenn Arbeit einfach Arbeit wäre, wäre Auszeit zum Beispiel Auszeit. Aber Auszeit zählt auch nur, wenn die Arbeit die Arbeit bleibt.” (S. 8)
Auf nicht einmal 190 Seiten bringt Birgit Brinbacher aber noch so viele Themen mehr unter, wie zum Beispiel Familienbeziehungen, Care-Arbeit, Gender-Rollen (besonders im Dorf), Inklusion, Zukunftspläne - generell die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben?
Brigit Birnbacher schreibt sehr feinfühlig und hat mit ihren Worten bei mir so oft mitten ins Herz getroffen, ohne dabei ins kitschige oder pathetische abzurutschen. Dass ich Bücher mit Bleistift in der Hand lese und schöne Stellen markiere kommt bei mir häufig vor, dass ich gleich mehrfach zusätzliche Herzen an den Rand male, weil ich die Stellen so sehr liebe, dafür muss ein Buch etwas ganz besonderes sein - “Wovon wir leben” gehört dazu. Ganz große Empfehlung!
“Bea war immer anders. Bea ist Architektin geworden. Bea ist winterhart, Bea blüht ganzjährig, etwas an ihr trotzt immer noch dem wachstumsfeindlichen Klima hier.” 💚
Einer Krankenschwester passiert ein schwerwiegender Fehler, und sie muss entscheiden, wie es weitergehen soll. Um sich neu zu finden, zieht sie zurück in ihr Elternhaus in einem Salzburger Dorf. Ich mochte die Auseinandersetzung mit Arbeit, Herkunft, den Erwartungen der Eltern, den eigenen Zielen im Leben, der eigenen Scham und Passivität. Alles ist sehr trist und manchmal absurd. Das österreichische Dorfleben fand ich gut getroffen, ich hab’s selbst erlebt. Was ich nicht so mochte, war das Pacing (manchmal zu gestrafft, dann wieder etwas langatmig erzählt), und so manches war mir dann viel zu konstruiert in dieser ansonsten doch sehr realistischen Geschichte. Die letzten paar Seiten setzen nochmal eine neue Richtung, und ich hätte davon gern mehr gelesen.
Julia unterläuft bei der Arbeit als Krankenschwester ein Fehler, auf den die Kündigung folgt. Auch ihr starkes Astma kann sie nicht davor bewahren. Aus finanziellen Gründen zieht sie zurück ins Dorf ihrer Kindheit. Julias Mutter hat den Vater inzwischen verlassen und lebt in Italien. Der Vater lebt weiterhin im Dorf, siecht aber so vor sich hier, wie viele andere Dorfbewohner auch. Im Wirtshaus treffen diese Gestalten aufeinander. Und ein Externer ist plötzlich auc dabei. Wovon wir leben ist ein kurzer Roman, der auf wenigen Seiten sehr viel erzählt. Mir war das manchmal ein wenig zu viel. Natürlich muss ein Buch eine Geschichte erzählen, aber leider gab es hier für meinen Geschmack teilweise zu viele Dinge, die nicht hätten sein müssen.
Julia verliert ihre Anstellung als Krankenschwester, kämpft mit einer Lungenerkrankung und kehrt schließlich in die heimatliche Provinz zurück, in der Hoffnung, von den Eltern umsorgt zu werden. Dort erfährt sie jedoch, dass die Mutter abgehauen ist, während der Vater in ihr gleich den notwendigen Ersatz sieht und von Julia erwartet, dass sie sich um ihn kümmert. In dem trostlosen Nest, irgendwo im Nirgendwo, lebt sich die Ich-Erzählerin schließlich wieder ein, alte Erinnerungen kommen hoch und vermischen sich mit neuen Eindrücken.
Was nach allseits bekannten und teilweise ausgelutschten Motiven klingt, besticht mit toller Sprache, Einfühlungsvermögen und großartigem, aber perfekt dosiertem Humor:
"So eine Geiß macht wenig Scherereien. Zur Not frisst sie auch mal die Zeitung." Dann passt sie ja gut hierher, denke ich.
Ich habe Birgit Birnbacher bei der Leipziger Buchmesse auf der Bühne erlebt und sie als sehr bodenständige und sympathische Person wahrgenommen, wodurch ich überhaupt erst zu ihrem Roman griff. Mein Gefühl hat sich als absolut richtig erwiesen und ich kann den Roman uneingeschränkt weiterempfehlen.
Auf eine erfrischende Art nähert sich die Autorin den Konflikten an, die es mit sich bringt, wenn man nach gelungenem Absprung doch wieder den Schritt zurück in eine fremd gewordene Welt macht. Die Missgunst gegenüber jenen "Hochnäsigen", die etwas aus ihren Leben gemacht haben, patriarchale Strukturen und Rollenbilder, die man am liebsten sofort und endgültig in die Vergangenheit verbannen würde und das immerwährende Ringen mit sich selbst, ob man das alles überhaupt verurteilen dürfe sind nur einige der Themen, die in diesem Buch verhandelt werden.
Birgit Birnbacher erzählt, wie ich finde, sehr nüchtern die Geschichte von Julia, die als Krankenschwester in der Stadt arbeitet, bis ein lebensbedrohlicher Fehler unterläuft. Arbeitslos muss sie in ihr Heimatdorf und ins Haus ihrer Eltern zurückkehren. Doch auch dort haben sich die Dinge grundlegend geändert. Nicht nur existiert die Fabrik, in der das halbe Dorf gearbeitet hat, nicht mehr, auch Julias Vater scheint es gar nicht gut zu gehen, seit die Mutter ihn verlassen hat, um einen Neuanfang zu wagen. Die Trägheit mit der sich die Protagonist:innen mit ihrem Schicksal abgefunden haben und durch den Alltag schleppen wird durchbrochen von Oskar, der sich sich im Dorf von einem Herzinfarkt erholt und Gewinner eines Grundeinkommens für ein Jahr ist. Oskar schmiedet Pläne und ist voll Tatendrang. Damit steht er nicht nur im extremen Kontrast zu Julia, sondern dem gesamten Dorf, welches er nach und nach aufmischt.
Ich kann das Buch all denen empfehlen, die eine kurze, realistische Lektüre lesen wollen, die sich mit wichtigen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt. Die Geschichte von Julia und Oskar lässt sich leicht weglesen, man kann das ein oder andere aber auch zum Anstoß nehmen sich intensiver mit dem Thema Bedingungsloses Grundeinkommen, Arbeitslosigkeit, Familienbeyiehungen, CareArbeit, Genderrollen oder dem „Aussterben“ von Dörfern auseinandersetzen. Ich persönlich hätte mir an manchen Stellen einen etwas größeren Spannungsbogen gewünscht.
„Ich frage mich, wieso wir immer geblieben sind, wo wir waren, während anderswo die Zitronen blühten.“ [Birnbacher, 2023, S. 102]
Julia arbeitet im Krankenhaus und begeht einen großen Fehler. Dieser sorgt dafür, dass sie zurück in das Dorf zieht, in dem sie aufgewachsen ist. Dort ist alles durchzogen von Arbeit, Erinnerungen und sie wird mit Krankheit konfrontiert. Ihre Mutter lebt mittlerweile auf Sizilien, der Zustand ihres Vaters ist bedenklich und ihr kranker Bruder wurde zurückgelassen. Julia beginnt, sich in ihrem neuen alten Leben zurechtzufinden. Eine Bekanntschaft wird dafür sorgen, dass sie ihre Position und Vorhaben noch einmal überdenkt.
Birgit Birnbacher hat mit „Wovon wir leben“ einen Roman geschrieben, der auf sehr wenigen Seiten sehr viel langsamen, poetischen Inhalt enthält. Die Beschreibungen des Dorfes, der Menschen die dort leben und die Umstände mit denen Julia konfrontiert wird, wirken sehr echt und realistisch. Julia selbst lernen wir vor allem durch ihre Gedanken kennen und sehen ihr beim Wachsen zu. Für mich war dieser Roman eine echte Überraschung und das perfekte Zeichen, dass dünne Bücher bezüglich Figuren und Inhalt überzeugen können.
3.5 an und für sich ein gelungenes buch mitsamt grandiosen abschnitten zum ländlichen upbringing, zum „frauenleben“ der mutter und zur arbeit, deren stellenwert und ambivalenzen. andereseits sind manche passagen ein wenig gekünstelt und schmalzig. leider immerzu, wenn das schicksal der ich-erzählerin thematisiert wird. das macht sie, ironischerweise, zum flachsten charakter im roman, dem ich wenig abgewinnen konnte. zudem macht die autorin für mich zu viel auf. sie schreibt als wäre sie umzingelt. (ab)geschlossen wird davon wenig, aber das finde ich sogar (zwangsweise) richtig. das ende des romans ist hingegen sehr beeindruckend und hat mir kurz die luft genommen.
Das Buch kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Birnbacher beobachtet scharfsinnig, wovon wir leben. Es geht um Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung, um Arbeit und Gesundheit. Elegant eingebettet in Symbole wie den Erlkönig, das Pferd oder die Namen der Figuren.
„Wovon wir leben“ von Birgit Birnbacher habe ich in den letzten Dezembertagen 2023 gelesen und war ein Tipp der Buchhändlerin meines Vertrauens. Als ich mir vor vielleicht 3-4 Wochen die Stichpunkte zu dem Buch zusammengeschrieben habe, habe ich feststellen müssen, dass ich absolut NICHTS mehr von diesem Buch wusste, nur dass es nicht mein Buch war. Ich habe mir daraufhin diverse Meinungen zu dem Buch durchgelesen und versucht den Inhalt und meine Kritikpunkte für mich zu rekapitulieren. Und jetzt, wieder 3-4 Wochen später muss ich feststellen, dass ich schon wieder alles vergessen habe. Ich schätze, es war einfach nicht mein Buch, nicht mein Thema und schon gar nicht meine Protagonistin, und dabei hat sich das Buch wirklich gut und flüssig lesen lassen.
Ich gehöre eigentlich nicht zu den Leser*innen, die sich bei einem Buch fragen, was es mir geben soll. Mir reicht es oft genug durchaus aus, wenn mich ein Buch schlicht und einfach unterhalten kann. Aber auch das war hier nicht der Fall. Die ganze Geschichte, vor allem die Protagonistin waren mir zu depressiv und zu anstrengend. Es interessiert mich null, wie es mit Julia weitergeht und tatsächlich interessiert es mich auch null, was mir die Autorin mit dem Buch mitgeben will. Vielleicht war ich zu dem Zeitpunkt als ich das Buch gelesen habe, zu sehr von meinem Alltag genervt, so dass mich die Grundstimmung des Buches nur noch weiter runtergezogen hat. Ich hätte in der Zeit vielleicht eher was zum Wohlfühlen gebraucht.
Tatsächlich hätte ich zu dem Buch wohl eine bessere Grundstimmung gehabt, wenn es zwei Kapitel kürzer gewesen wäre, sprich das Ende zwei Kapitel früher gekommen wäre, weil es ein hoffnungsvolleres Ende gewesen wäre. Auf der anderen Seite, passt das „längere“ Ende wohl besser zu der Geschichte. Das Leben ist wohl manchmal einfach so, wie in diesem Buch, nur dass ich das nicht unbedingt zu jeder Zeit lesen will und kann.
Im Endeffekt war ich froh, dass das Buch so dünn und ich schnell damit durch war. Ich habe schon deutlich schlechteres, aber auch schon deutlich besseres gelesen. Und die Tatsache, dass inhaltlich so gar nichts übriggeblieben ist, nur eine fahler Beigeschmack, wenn ich an das Buch denke, lässt es mich in den nächsten Bücherschrank stellen.
Hat mir leider nicht so gut gefallen und ich kann auch nicht sagen woran es liegt und wahrscheinlich ist es genau das, was das Buch bei mir zurücklässt: Etwas Uneindeutiges. Vielleicht, weil mir der Zugang zu den Protagonisten gefehlt hat. Ich werde mich kaum daran erinnern es gelesen zu haben.
Zum Inhalt: Nachdem Julia in ihrem Job einen Fehler macht, ändert sich ihr Leben komplett. Sie kehrt in ihr altes Dorf zurück und da ist es nicht gerade besser. Die Fabrik, in der das halbe Dorf gearbeitet hat, gibt es nicht mehr. Ihrem Vater geht es nicht gut, die Mutter hat ihn und den kranken Bruder verlassen. Sie lernt Oskar kennen, der sich von einem Infarkt erholt und lebt von einem gewonnenen Grundeinkommen. Meine Meinung: Die doch vielen positiven Bewertungen haben mich durchaus neugierig auf das Buch gemacht. Muss doch was haben, dachte ich. Aber wenn es was hat, dann hat es mich leider nicht erreicht. Es hat unbenommen keinen schlechten Schreibstil, aber mit der Story konnte ich wenig anfangen. Ich fand das Buch eher langweilig und war fast dankbar, dass es nicht so viele Seiten hat. Da ich es nicht abgebrochen habe, gibt es noch 2 Sterne. Fazit: Nicht meins
Das war absolut nicht mein Buch - sprachlich war es gut, aber mich hat es überhaupt nicht erreicht und die Geschichte hat mich nicht gefesselt. Note: 4+
Ich möchte es gleich am Anfang sage: “Wovon wir leben” von Birgit Birnbacher hat mich absolut begeistert. Sprache, Erzählabsicht, Thema, Dramaturgie und Flow – alles hat gestimmt. Klar, ist das Thema bedrückend: Arbeitslosigkeit, Krankheit, ein Scheitern, die Rückkehr der verlorenen Tochter in den Albtraum der Enge ihres Elternhauses. Und vermutlich hätte ich das Buch weggelegt, wenn Birgit Birnbacher dies alles mit Distanz erzählt hätte. Ausgedacht, um uns alle auf etwas aufmerksam zu machen: Den Missstand des Pflegewesens, in den Krankenhäusern, der Überlastung von Frauen in Pflegesituationen, die psychischen Belastungen bei Arbeitslosigkeit. Und, ja, sie macht auf das alles aufmerksam, aber auf eine Weise, die mich spüren ließ, dass es sie etwas angeht. Sie mittendrin steckt (was sie offensichtlich, als erfolgreiche Autorin nicht tut).
Birnbacher brach früh die Schule ab, machte zunächst eine Lehre, ging dann für eine Weile in die Entwicklungshilfe nach Äthiopien und Indien. Später holte sie ihre Matura nach und studierte Soziologie und Sozialwissenschaften. Sie arbeitete bis 2018 als Sozialarbeiterin und Soziologin in der Gemeinwesen- und Quartiersarbeit. Zeitgleich begann sie, literarisch zu schreiben und seit 2012 auch zu veröffentlichen.[Quelle]
Es ist selten, dass jemand mit einem so großen Schwerpunkt im Machen, im Tun, im Helfen, irgendwann die Kraft findet, das alles in Worte zu fassen. Damit fällt sie für mich aus dem üblichen Literaturbetrieb vollkommen heraus und ist gleichzeitig ein großer Gewinn. Wenn ich sage, sie fällt aus dem Literaturbetrieb heraus meine ich nicht all die Anerkennungen und Preise, die sie wohl verdient bekommen hat, sondern die Möglichkeit sich ihren Themen mit dem Hintergrund von gelebtem Leben zu nähern. Nicht vom Literaturstudium, über Stipendien, Aufenthalte in Literaturhäusern zu einem gut recherchierten Thema, das gerade angesagt ist. Man spürt, da ist mehr. Da sind die kleinen Momente extrem gut in Worte gefasst, auch, weil sie nicht nur recherchiert oder beobachtet wurden, sondern gelebt wurden.
Das ist so selten und macht einen so großen Unterschied, dass ich auch die unangenehmsten und bedrückendsten Szenen lesen konnte. Das große Mitgefühl mit den Protagonisten, egal wie verschroben oder starrköpfig, die abgestumpften Orte und Menschen, das alles wird hell, ohne, dass es kitschig ist, romantisiert wird oder etwas geschönt würde.
Sprache
Er hat so etwas Aufgewecktes, Batteriebetriebenes. Er hat eine mordsmäßige Energie, mit der er diesen langen , großen Körper in Bewegung setzt. ( Pos. 750)
Birgit Birnabacher hat ein vollkommen befreites Verhältnis zu der Sprache, die sie benutzt. Was gerade “herumliegt”, gefühlt wird, kann benutzt werden, wird verbaut und so entstehen Sätze, die man noch nie vorher so gelesen hat, weil sie Birnbachersätze sind. Sofort, eindeutig, ihre Sprache, die sie für uns erfunden hat, um uns in ihre Welt zu führen. Österreichisch, manchmal behäbig, dann wieder nervös zittrig. Und die Vergleiche (die mir bei den meisten Autor:innen extrem auf die Nerven gehen) haben diesen leisen Humor, der sich nicht aufdrängt.
“Bea!”, sage ich wieder, sie sieht meine Freude. Bei war immer so anders Bei ist Architektin geworden. Bei ist winterhart. Bei blüht ganzjährig, etwas an ihr trotzt immer noch dem wachstumsfeindlichen Klima hier. (Pos. 810)
Ich sagę es wieder: Ich bin begeistert.
Die Autorin
Amrei-Marie - Eigenes WerkEigentlich schade, dass der Verlag verschweigt, was diese Autorin ausmacht. Aber, okay, man findet es auf Wikipedia und wenn man genau hinsieht, natürlich auch im Text. Denn was sie schreibt ist gar nicht möglich, ohne dieses Wissen des gelebten Lebens.
Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Schriftstellerin in Salzburg. Ihr Debütroman Wir ohne Wal (2016) wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt sie zahlreiche Förderpreise und 2019 den Ingeborg-Bachmann-Preis. (Hanser)
Fazit
Ein Buch, das ich jedem empfehle. Und gerade denjenigen, die der Meinung sind, ihre Leben wäre dort nicht gut untergebracht, zwischen Buchseiten, in einem Roman. Ein Lesegenuss, weil die Sprache neu und frisch und einzigartig ist, die Gedanken klar und präzise sind und die Geschichte eine große Wärme ausstrahlt, ohne jemals kitschig oder sentimental zu werden.
Ich möchte es gleich am Anfang sage: “Wovon wir leben” von Birgit Birnbacher hat mich absolut begeistert. Sprache, Erzählabsicht, Thema, Dramaturgie und Flow – alles hat gestimmt. Klar, ist das Thema bedrückend: Arbeitslosigkeit, Krankheit, ein Scheitern, die Rückkehr der verlorenen Tochter in den Albtraum der Enge ihres Elternhauses. Und vermutlich hätte ich das Buch weggelegt, wenn Birgit Birnbacher dies alles mit Distanz erzählt hätte. Ausgedacht, um uns alle auf etwas aufmerksam zu machen: Den Missstand des Pflegewesens, in den Krankenhäusern, der Überlastung von Frauen in Pflegesituationen, die psychischen Belastungen bei Arbeitslosigkeit. Und, ja, sie macht auf das alles aufmerksam, aber auf eine Weise, die mich spüren ließ, dass es sie etwas angeht. Sie mittendrin steckt (was sie offensichtlich, als erfolgreiche Autorin nicht tut).
Birnbacher brach früh die Schule ab, machte zunächst eine Lehre, ging dann für eine Weile in die Entwicklungshilfe nach Äthiopien und Indien. Später holte sie ihre Matura nach und studierte Soziologie und Sozialwissenschaften. Sie arbeitete bis 2018 als Sozialarbeiterin und Soziologin in der Gemeinwesen- und Quartiersarbeit. Zeitgleich begann sie, literarisch zu schreiben und seit 2012 auch zu veröffentlichen.[Quelle]
Es ist selten, dass jemand mit einem so großen Schwerpunkt im Machen, im Tun, im Helfen, irgendwann die Kraft findet, das alles in Worte zu fassen. Damit fällt sie für mich aus dem üblichen Literaturbetrieb vollkommen heraus und ist gleichzeitig ein großer Gewinn. Wenn ich sage, sie fällt aus dem Literaturbetrieb heraus meine ich nicht all die Anerkennungen und Preise, die sie wohl verdient bekommen hat, sondern die Möglichkeit sich ihren Themen mit dem Hintergrund von gelebtem Leben zu nähern. Nicht vom Literaturstudium, über Stipendien, Aufenthalte in Literaturhäusern zu einem gut recherchierten Thema, das gerade angesagt ist. Man spürt, da ist mehr. Da sind die kleinen Momente extrem gut in Worte gefasst, auch, weil sie nicht nur recherchiert oder beobachtet wurden, sondern gelebt wurden.
Das ist so selten und macht einen so großen Unterschied, dass ich auch die unangenehmsten und bedrückendsten Szenen lesen konnte. Das große Mitgefühl mit den Protagonisten, egal wie verschroben oder starrköpfig, die abgestumpften Orte und Menschen, das alles wird hell, ohne, dass es kitschig ist, romantisiert wird oder etwas geschönt würde.
Sprache
Er hat so etwas Aufgewecktes, Batteriebetriebenes. Er hat eine mordsmäßige Energie, mit der er diesen langen , großen Körper in Bewegung setzt. ( Pos. 750)
Birgit Birnabacher hat ein vollkommen befreites Verhältnis zu der Sprache, die sie benutzt. Was gerade “herumliegt”, gefühlt wird, kann benutzt werden, wird verbaut und so entstehen Sätze, die man noch nie vorher so gelesen hat, weil sie Birnbachersätze sind. Sofort, eindeutig, ihre Sprache, die sie für uns erfunden hat, um uns in ihre Welt zu führen. Österreichisch, manchmal behäbig, dann wieder nervös zittrig. Und die Vergleiche (die mir bei den meisten Autor:innen extrem auf die Nerven gehen) haben diesen leisen Humor, der sich nicht aufdrängt.
“Bea!”, sage ich wieder, sie sieht meine Freude. Bei war immer so anders Bei ist Architektin geworden. Bei ist winterhart. Bei blüht ganzjährig, etwas an ihr trotzt immer noch dem wachstumsfeindlichen Klima hier. (Pos. 810)
Ich sagę es wieder: Ich bin begeistert.
Die Autorin
Amrei-Marie - Eigenes WerkEigentlich schade, dass der Verlag verschweigt, was diese Autorin ausmacht. Aber, okay, man findet es auf Wikipedia und wenn man genau hinsieht, natürlich auch im Text. Denn was sie schreibt ist gar nicht möglich, ohne dieses Wissen des gelebten Lebens.
Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Schriftstellerin in Salzburg. Ihr Debütroman Wir ohne Wal (2016) wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt sie zahlreiche Förderpreise und 2019 den Ingeborg-Bachmann-Preis. (Hanser)
Fazit
Ein Buch, das ich jedem empfehle. Und gerade denjenigen, die der Meinung sind, ihre Leben wäre dort nicht gut untergebracht, zwischen Buchseiten, in einem Roman. Ein Lesegenuss, weil die Sprache neu und frisch und einzigartig ist, die Gedanken klar und präzise sind und die Geschichte eine große Wärme ausstrahlt, ohne jemals kitschig oder sentimental zu werden.
Das Buch "Wovon wir leben" von Birgit Birnbacher ist eine Geschichte über Julia, die nach einem lebensbedrohlichen Fehler in ihrem Beruf zurück ins Dorf ihrer Kindheit kehrt und sich dort mit den Herausforderungen ihres alten Lebens konfrontiert sieht. Die Autorin, Birgit Birnbacher, ist bekannt für ihre einfühlsamen und vielschichtigen Erzählungen über das Leben und die menschlichen Beziehungen. Es war mein erstes Buch von ihr, dass ich aufgrund der durchwegs positiven Rezensionen gelesen habe.
Inhaltlich geht es um Julia, die aus ihrem gewohnten Leben als Krankenschwester gerissen wird und sich mit den Veränderungen in ihrem Heimatdorf auseinandersetzen muss, wo die Fabrik geschlossen wurde und ihr Vater in einem bedenklichen Zustand ist. Als sie Oskar kennenlernt, der ein Grundeinkommen für ein Jahr gewonnen hat, beginnt sie, über ihre eigene Zukunft nachzudenken.
Die Vielzahl an Zufällen in der Handlung wirkte auf mich überladen und die Figuren blieben für mich zu blass, um mich emotional zu berühren. Obwohl das Buch gut geschrieben ist, konnte es mich letztendlich nicht packen und lässt mich mit einigen offenen Fragen zurück.
Das Cover von "Wovon wir leben" ist wirklich wunderschön gestaltet und hat mich direkt angesprochen. Es erzeugt eine gewisse Neugierde und gibt einen gelungenen Vorgeschmack auf die Geschichte. Wer das Buch gelesen hat, weiß dann auch, wie das Cover zum Inhalt passt ;) Tatsächlich werden im Buch viele wichtige und relevante Themen behandelt, angefangen bei den komplexen Dynamiken innerhalb von Familien bis hin zu gesellschaftlichen Fragestellungen wie dem Wert der Arbeit, patriarchalen Strukturen oder "Care-Arbeit". Auch existenzielle Themen wie Krankheit, Behinderung und die Suche nach Liebe und Erfüllung werden einfühlsam angesprochen. Ich hatte anfangs große Hoffnungen für diesen Roman, da ich immer gerne Bücher lese, die sich intensiv mit dem Leben und verschiedenen Weltanschauungen auseinandersetzen. Leider konnte das Buch diese hohen Erwartungen nicht erfüllen. Leider blieben die Personen, allen voran auf Distanz, und ich konnte keine emotionale Bindung zu den Figuren aufbauen, oder mich in sie hineinversetzen. Der distanzierte Schreibstil ist sicherlich gewollt, so sind die Figuren auch mit "der Vater, die Mutter, der Städtler" beschrieben. Die Vielzahl an Zufällen in der Handlung wirkte auf mich überladen (fast alle Hauptfiguren in irgendeiner Weise krank oder mit einer Behinderung). Auch die Atmosphäre ist die ganze zeit über so erdrückend. Und iwie stehen alle Figuren in der Schwebe - das löst sich auch gegen Schluss nicht auf. Im Gegenteil... ich hatte mich SO für die Mutter gefreut aber dann (will hier jetzt nicht spoilern).
Obwohl das Buch zweifellos gut geschrieben ist und eine gewisse literarische Qualität aufweist, konnte es mich letztendlich nicht überzeugen. Die Protagonisten blieben für mich zu blass und ihre Entwicklung zu oberflächlich. Die durchweg bedrückende Stimmung und die vielen unbeantworteten Fragen, die der Roman zurückließ, trugen ebenfalls zu meinem insgesamt eher enttäuschten Eindruck bei. Daher kann ich leider nur 2 von 5 Sterne vergeben.
Birgit Birnbacher setzt sich in ihrem Roman "Wovon wir leben" mit einer sehr spannenden Frage der heutigen Zeit auseinander: wie wollen wir in Zukunft leben? Macht ein bedingungsloses Grundeinkommen wirklich vieles einfacher? Wie sieht die optimale Work-Live-Balance aus? Und vielleicht auch ein Stück weit: wie sieht die Arbeit der Zukunft aus? Doch der Weg dorthin ist nicht unbedingt logisch und leicht... zumindest in Birnbachers Roman. Durch einen Fehler verliert die Protagonistin und Asthmatikerin Julia Noch nach zwölf Jahren ihren Job im Krankenhaus. Sie hat einer Patientin ein falsches Medikament verabreicht, gegen das diese allergisch war, und in Panik anschließend den Herzalarm ausgelöst. Nach ihrer Kündigung macht sie sich auf den Weg zu ihrem Vater aufs Dorf, in dem auch nicht mehr alles so ist wie früher, ganz zu schweigen von der Situation des Vaters. Die Mutter hat ihn und den kranken Bruder einfach sitzen gelassen und einen Neuanfang gewagt. Und die Fabrik im Dorf wurde geschlossen. Beim Herumschlendern durch den Ort trifft Julia auf den Städter Oskar. Er hatte ihr schon auf den ersten Blick irgendwie gefallen und so lernen sie sich nach und nach näher kennen. Ein Herzinfarkt riss ihn aus seinem alten Leben, er erholt sich im angrenzenden Rehabilitationszentrum und ein zusätzlich gewonnenes Grundeinkommen lässt ihn nochmal ganz anders über sein Leben denken, andere Erwartungen aufkommen. Doch wie sieht Julia es mit ihrem Leben, ihrer Zukunft, ihrer Familie? Fragen über die sie sich vorher sichtlich kaum Gedanken gemacht hat...
"Ich hätte nicht gedacht, in meinem Alter noch einmal in diese Lage zu kommen, aber seit ich diese ständigen Erstickungsanfälle habe, ist das Gefühl, Mutter zu brauchen, stärker als jemals zuvor. Das alles habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass ich eine Auszeit brauche, und ob ich für einige Zeit zu ihnen kann."
Ich hätte diesen Roman irgendwie gerne gemocht, so finde ich die Auseinandersetzung mit dem Leben und andere Ansichten doch immer sehr faszinierend, allerdings war mir die Aneinanderreihung von 'Zufällen' einfach zu viel. Auch, dass beinahe alle Protagonisten dieses Romans mit ihrer Gesundheit hadern und kämpfen, von Julia mit ihren Asthmaanfällen, ihrem Vater, der sich selbst schon als tickende, kranke Zeitbombe betrachtet, bis Oskar, der natürlich einen Herzinfarkt erlitt und sich in dem Ort erholen muss. Dass Julia und Oskar dann näher zusammenfinden und was dann noch so passiert... ach, warum? Das hat mir persönlich die ganze Geschichte ins Absurde driften lassen und ich war immer weniger gewollt ihrem weiteren Werdegang zu folgen. Da konnten dann auch die verschiedenen Lebenswege, Ansichten und Erwartungen vom Leben, die hier aufeinanderprallen, mich nicht mehr wirklich begeistern. Wer sich nun nicht an solch fragwürdigen Zufällen stört und gerne leichtere Geschichten mit tiefgründigen Gedanken liest, wird an diesem Buch sicherlich Gefallen finden, meins war es einfach nicht.
Zwischen Stadt und Land "Wovon wir leben" hebt stilistisch so an, wie ich "Ich an meiner Seite" von Birgit Birnbacher in Erinnerung habe: Glasklar, schnoddrig, ironisch - ein wacher Blick ins soziale Gefüge. Am Anfang des Buches ist die Protagonistin noch in der Stadt - nach schwerer Krankheit und einem fatalen Fehler am Arbeitsplatz zieht sie sich in ihren Heimatort zurück, holt neu Anlauf für eine noch unklare Zukunft. Kaum ist Julia im Innergebirg ändert sich der Ton - die Sprache wird verschwommener, weicher, diffuser. Man kann es poetisch nennen oder lyrisch, aber ich weiß nicht - der wache, erkennende Ton gefällt mir eigentlich besser und ist für mich Brigit Birnbacher at her best. Ich mag das Buch trotzdem, aber erstens bin ich vielleicht einfach zu sehr selbst eine Städterin und zweitens bin ich vielleicht verblüfft, wie sehr sich dann doch das Dörfliche (zumal in Österreich?) in Mentalität und Rhythmus vom Städtischen unterscheidet. Drittens scheint die Literatur mit dem Leben in der Provinz ein wirklich zeitgenössisches Thema gefunden zu haben. Nicht nur (die mich weniger begeisternde) Juli Zeh hat's ja schon lange in die Provinz verschlagen, erst Recht beschriebt Judith Herrmanns "Daheim" einen weiblichen Rückzug aufs Land - in der frühen Mitte des Lebens, neu navigierend, was mit diesem Leben sei und sein könnte. Judith Herrmann ganz im Norden, Birgit Birnbacher jetzt in den Bergen - diese beiden Bücher ähneln sich durchaus. Ich mag nach dem Zuklappen des Buches die Wendungen und Unsicherheiten und das Tasten des Weges von Julia, mag das Offene und Verletzliche. Und habe mich im Übrigen auch gefragt, wieviel Pandemie auf eine verfremdete Art verarbeitet wurde (Atemnot, kurz vorm Sauerstoff, Rückzug ins Ländliche, Auszeit und Stillstand). Natürlich ist es auch ein Buch über Arbeit und Arbeitslosigkeit, wie die Autorin und auch das Feuilleton sehr nahelegen, aber ich finde das gar nicht so den einzigen Strang, der hier motivbildend ist. Auch wenn meine Erwartungshaltung bezüglich des Sprachstils sich nicht ganz erfüllt hat, ist es ein Buch über das ich noch öfters nachdenken werde.
Julia kehrt in das Dorf ihrer Kindheit zurück; in das Haus, in dem sie aufwuchs und in dem der Vater nun allein lebt, verlassen von der Mutter. Freiwillig tut sie das nicht, sie war gern Krankenschwester, aber in dem Beruf kann sie nicht bleiben und aus der Wohnung in der Stadt muss sie auch ausziehen. Die alten Strukturen, aus denen die Mutter erst vor kurzem ausgebrochen ist und die vom Patriachiat geprägt sind, nehmen ihr die Luft und als dann auch noch der Städter Oskar auftaucht, der ein ebenso Gestrandeter ist, nur freiwillig in das Dorf kommt, passt das zu Julias Ziellosigkeit. „Wovon wir leben“ von Birgit Birnbacher handelt genau davon. Wovon man leben soll, was das Leben ausmacht, welchen Beruf man ausübt, worin man Sinn sieht. Julia ist mit ihrem bisherigen Weg gegen eine Mauer gerannt und weiß nicht weiter. Alles fühlt sich schwer an und das Dorf in das sie zurückkehrt, welches von arbeitslosen Männern bewohnt wird, die es gewohnt sind, dass eine Frau sich kümmert, nimmt ihr fast den Atem, der eh schon knapp ist. Oskar ist ihr Gegenpol, ihm fällt alles leicht, nach der Devise, schließt sich eine Tür, öffnen sich zwei neue. Er mag das Dorf. Er will bleiben, obwohl er nicht muss - Julia will weg, muss aber bleiben. „Wovon wir Leben“ ist gleichzeitig rau und sanft. Birgit Birnbachers Sprache fließt, dann stockt sie wieder. Anfangs kam ich etwas schwer rein, später wurde es einfacher, aber Julias springende Gedanken sind anstrengend. Die Strukturen, denen sie sich einerseits entziehen will, anderseits aber wieder fügt, ermüden. Aber ist nicht genau so das Patriarchat und das Leben der Frauen darin. Das Ende lässt mich etwas zwiegespalten zurück. Es kam irgendwie plötzlich, fast unerwartet und gibt mir das Gefühl, dass die Geschichte noch nicht auserzählt ist oder ich etwas verpasst habe. Trotzdem ist der Roman ein gutes Beispiel für „Frauenliteratur“ im besten Sinne. Es erzählt unsere Lebensrealität in einer von Männern dominierten Welt und sollte unbedingt gelesen werden.
Nachdem sie auf der Arbeit einen Fehler begangen hat, lässt die Protagonistin in Birgit Birnbachers Roman "Wovon wir leben" ihr Leben in der Stadt notgedrungen hinter sich und kehrt in ihr Heimatdorf zurück. Es ist ein Rückschritt, der ihre Selbstzweifel mehrt und Existenzängste in ihr aufkommen lässt. Dazu trägt auch die Abwesenheit der Mutter bei, die es geschafft hat, den Vater zu verlassen und ihre eigenen Träume zu realisieren. Doch dann trifft sie den Städter, der sich nach einem Herzinfarkt in der Reha aufhält und von einem bedingungslosen Grundeinkommen lebt.
Was bedeutet Verantwortung der Familie gegenüber? Wie und wo kann man Grenzen ziehen? Und wie lassen sich Familie, das eigene Pflichtgefühl und Erwartungen an das Leben miteinander vereinbaren? All das sind Fragen, die der Roman thematisiert.
Daneben kann er auch als eine Exkursion in die engen Strukturen eines Dorfes gelesen werden, das keineswegs bloße Kulisse ist, sondern menschliche Schicksale prägt, in dem es Menschen entweder ausbrechen lässt oder sie ein Leben lang festhält. Was auch nicht erstaunt: das Dorf ist eine Männerwelt, in der Frauen für die Männer zu sorgen haben, in der der Vater der Protagonistin keinerlei Verständnis für die Flucht seiner Ehefrau hat. Es ist außerdem, besonders innerhalb der Familie, eine Welt des Schweigens, in der sich das Ungesagte über die Jahre angestaut hat.
Ich fand den Roman sehr stark. Anfangs nicht, muss ich zugeben. Ich brauchte ein paar Seiten, um in die Welt des Romans hineinzufinden. Und zwischendurch habe ich mich zusätzlich gefragt, ob es nicht zu viel wird, wenn sich plötzlich eine schreiende Ziege, ein beim Kartenspiel gewonnenes Gasthaus, ein totes Pferd, ein kranker Bruder, ein verletzter Vater, usw. ins Zentrum der Geschichte drängen.
Aber im Gesamtbild war es nicht zuviel. Im Gegenteil. Alles hat gestimmt und nicht nur das, es hat mich berührt. Diese Nähe zur Lebensrealität, die Glaubwürdigkeit der Protagonistin, die vor allem durch ihr Zweifeln und Hadern entsteht und durch einen Zustand, in dem man mit sich selbst nicht ganz im Reinen ist… Das war es, was sich ins Bewusstsein gedrängt hat, zum Nachdenken angeregt hat und sich schließlich gedanklich festgesetzt hat.
„Wovon wir leben“ ist der dritte Roman der in Salzburg lebenden Autorin Birgit Birnbacher.
Julia ist Krankenschwester und verliert durch einen Fehler ihren Job, zudem leidet sie an Asthma. Ohne große Perspektive und ziemlich orientierungslos kehrt sie in ihr Heimatdorf Innergebirg in ihr Elternhaus zurück. Dort lebt nur noch ihr Vater mit ihrem kranken Bruder, ihre Mutter hat sich nach Italien abgesetzt. Die Sichtweise und Erwartungen von Julias Vater an seine Tochter sind recht altertümlich.
Die Atmosphäre im Dorf macht die gesamte Situation nicht besser, da durch die Schließung einer Fabrik die Arbeitslosigkeit hoch ist. Lediglich Oskar, ein hinzugezogener Städter, der sich dort von einem Herzinfarkt erholt, verbreitet ein wenig Optimismus. Er sucht eine neue Aufgabe und macht Pläne. Als die beiden Aufeinandertreffen nähern sie sich langsam an.
Der Schreibstil von Birgit Birnbacher ist sehr ruhig und eindringlich. Durch die Perspektive von Julia gelingt es ihr gut die Atmosphäre des Dorfes und die dortigen Gegebenheiten zu vermitteln. Es wird wenig gesprochen, das Desinteresse aneinander ist spürbar und Vorurteile gehören in dieser Gemeinschaft einfach dazu. Alles erscheint trist und hoffnungslos.
Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt die Autorin das Leben von Julia und wirft dadurch zahlreiche Fragen auf, die sich so oder in ähnlicher Weise sicherlich viele Menschen stellen. Was macht uns aus ? Wie leben wir und wovon ? Was definiert unser Leben ? Worin besteht der Sinn ? Welchen Weg möchte Julia gehen ?
Mir wird dieser Roman sicherlich noch sehr lange im Gedächtnis bleiben, da er so viele verschiedene Themen anspricht, die alle gut in unsere Zeit passen.
📖 ,,,Julia kommt nach einem Fehler, den sie in ihrem Job als Krankenschwester gemacht hat, wieder in ihr Heimatdorf zurück, wo sie sich mit ihrem Vater, der mittlerweile von seiner Frau verlassen wurde, zu arrangieren versucht.
Julia lernt Oskar kennen, mit dem sie viel verbindet, dessen Begeisterung für den kleinen Ort sie aber nicht uneingeschränkt teilen kann. Hin- und hergerissen zwischen familiärer Verpflichtung auch gegenüber ihrem geistig eingeschränkten Bruder und dem selbst bestimmten Entscheiden über das eigene Leben trifft Julia einen Entschluss.
🖍️Ein ruhiges, sehr reduziertes Buch. Die neutrale Benennung der Hauptpersonen ("der Vater, die Mutter, der Städter") mag stilistisch sinnvoll sein, fühlt sich aber beim Lesen aus meiner Sicht etwas unnatürlich an.
🖍️Ich mag Birgit Birnbachers ehrliche Formulierungen: "Alles hier sieht so aus, als wäre es lieber nicht da." (S. 40), "Wir essen die Suppe, als wäre sie in Auftrag, den es abzuarbeiten gilt" (S. 71) oder "Das Haus von Potutznik ist in derselben Farbe gestrichen, in der sich Staub von der Straße in den Verputz der Fassaden gefressen hat. (S. 104).
🖍️Mein Fazit: Schön zu lesen, keine erleuchtenden Momente, aber trotzdem eine Leseempfehlung.