»Ein wesentliches Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik, der zwischen Melancholie und Furor pendelnde Abgesang auf die verlorene Generation der siebziger Jahre«, schrieb Matthias Bischoff in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Erscheinen von Ralf Rothmanns erstem Roman 1991.Weit ausholend läßt der Autor den Hinterhaus-Berliner Kai Carlsen seine Geschichte erzählen. Sie führt ins Ruhrgebiet. Wo »Bergschäden« das Gesicht der Häuser prägen und die Väter im Pütt arbeiten, wird der von der »Herzkrankheit Frau unheilbar infizierte« stille Rebell und stürmische »Rotlichtcasanova« zum Maurer – und entdeckt ein Leben hinter dem Leben. Als Kai Carlsen Arbeit und Wohnung bei Eckhart Eberwein, dem ehemaligen Bauingenieur und Betreiber des »Blow up«, eines Treffpunkts der Subkultur, findet, begegnet der Träumer auf seiner Suche nach innerer Freiheit neuen verwegenen Freunden. Doch über ihre sorglosen Feste legt sich der Schatten einer Frau und ihrer schönen Tochter … Schließlich arbeitet Kai Carlsen als Pflegehelfer und »Blutwäscher«. Im Waldklinikum trifft er einen kunstsinnigen Kolumbianer und die »von Gerüchten umwitterte« Krankenschwester Marleen. Und lernt zu leben mit der Alltäglichkeit des Exitus in der Pathologie.Stier ist eine Hommage an die Jugend. Unruhig und intensiv teilt sich das Lebensgefühl einer Generation mit in der Bildungsgeschichte eines jungen Mannes, der zum Erzähler wird, weil er Wesentliches begriffen »Die Zeit, wieviel Menschenalter sie auch dauern würde, war zu kurz. Es ist die Sehnsucht der Verstorbenen, die an uns zerrt, ihre Liebe macht uns und die Dinge vergänglich.«
Ralf Rothmann wurde am 10.05.1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin.
Die vier Ruhrgebietsromane von Ralf Rothmann - eine Schaffensphase des Autors, die wohl mittlerweile abgeschlossen ist - habe ich seinerzeit gelesen und mochte jeden einzelnen von ihnen. Wiewohl Rothmann ein gutes Stück älter ist als ich, konnte ich meine Kindheit und Jugend im Pott in vielen Szenen und Schilderungen wiederfinden, kenne die Häuser, die Gespräche, die Typen, die Rothmann beschreibt. Anders als der etwas konsumierbarere Bochumer Frank Goosen dickt Rothmann seine Milieuschilderungen nicht mit kabarettistisch verwertbaren Humor oder Sentiment an (falls das zu abwertend klingt: ich mag Goosen!), daher lesen sich seine Texte insgesamt etwas widerspenstiger, literarischer, suhrkampiger. Neulich habe ich die schöne, glücklicherweise ebenfalls nicht krampfhaft auf Pott-Komödie gebürstete Verfilmung seines Romans "Junges Licht" gesehen und habe daraufhin nochmal "Stier" aus dem Regal gezogen, jenes Buch, von dem ich in Gesprächen gern behaupte, es sei mein liebster Rothmann. Allerdings mußte ich mir auch eingestehen, daß mir außer der Scharnierszene in der Mitte des Romans, in der ein ganzes Rind auf einem Feuer gegrillt wird, in dem die Protagonisten das Interieur ihres Lieblingsclubs verheizen, nicht mehr vieles aus dem Buch in Erinnerung war. Kein Wunder, das Taschenbuch erschien 1993, und da oder kurz darauf hatte ich es dann auch gelesen. Zeit für eine Wiederbegegnung also!
Übrigens habe ich später auch einen Gedichtband, eine Kurzgeschichtensammlung und die Berlin-Romane "Flieh mein Freund" und "Hitze" gelesen. Da diese bei mir aber nicht in gleichem Maße zündeten wie "Stier" oder "Milch und Kohle", habe ich den Autor aus den Augen verloren. Die Welt der Literatur ist unübersehbar groß, aber meine Zeit hat ihre Grenzen. Nun also "Stier", mal gucken, ob der noch genauso reinhaut wie früher. Und ich kann ganz klar sagen, er haut doppelt rein! Ich bin ja auch schließlich fast doppelt so alt wie damals, und da "Stier" das ist, was wir uns eine Coming-Of-Age-Geschichte zu nennen angewöhnt haben, sehe ich die Geschichte des jugendlichen Helden Kai Carlsen aus größerer Distanz, aber auch mit größerem Verstehen. Damals steckte ich ja bis zur Halskrause selber drin.
Die Geschichte des Mauererlehrlings, der Befreiung aus seinen miefigen kleinbürgerlich-proletarischen Lebensverhältnissen erst in der Drogendisco "Blow Up" und später in einer Wohngemeinschft findet, die in einer Bruchbude voller Mauerrisse (Bergschäden) haust, hat sicher auch eine Handvoll autobiographische Bezüge. Neben einer etwas überflüssigen Rahmenhandlung gliedert sich der Roman in drei klare Teile: Das enggeistige Leben auf der Baustelle, die Suche nach Freiheit im Aussteiger-Milieu und schließlich der Job im Krankenhaus. Dieser dritte Teil ist bei weitem der ergreifendste, denn der schöne Trug, "daß das Leben leicht sei", bricht hier in einer bitter-garstigen Groteske um das Herunterkommen und Sterben vollends in sich zusammen. Schon von Anfang an - hier überzeugt Rothmanns Erzählkunst auf ganzer Linie! - ist in die Suche nach Lebenssinn, nach Schönheit, Wildheit, Freiheit immer schon das Scheitern, aber auch ein verrotztes Trotzdem eingepreist. Rothmann schreibt sehr literarisch, schlägt einen manchmal fast poetischen Ton an, was angesichts des Milieus, das er schildert, eine interessante Reibung ergibt. "Stier" war sein erster großer Roman, und manch eine Wendung klingt noch etwas eitel, wo andere bereits originell und treffend sind. Die Kneipenszene, in der Dyonisos und Apollon aufeinandertreffen, ist lehrbuchhaftes Malen nach Zahlen, wo die Szene in der Pathologie, das Ringen mit der unerfülten Liebe und den Toten, voll tiefer Komik, Tragik und Überraschungen steckt. Diese künstlerische Unausgewogenheit fordert eine Romanfigur sogar passenderweise selbst ein, als sie sich über James Joyce ausläßt, dessen Ulysses kein "Gesang aus freier Lunge" sei. "Stier" hingegen ist ganz sicher ein solcher, wenn auch mit gelegentlich schiefen Tönen - geschenkt. Sicher ist Rothmann heute stilsicherer geworden, und ich werde mir bei Gelegenheit gern mal ein aktuelles Werk vornehmen. Daß dieses hier ein grandioses Buch ist, in dieser Meinung sehe ich mich auf jeden Fall erneut bestätigt. In 25 Jahren gerne wieder!
Typischer Ratschlag in Schreibseminaren und Schreibwerkstätten? Man solle über etwas schreiben, das man kennt, etwas, wovon man Ahnung hat! Sicher ein guter, ein kluger Ratschlag, könnte es sonst doch arg peinlich werden. Doch wären der Weltliteratur großartige Gebilde der Fantasie entgangen, wenn sich daran alle angehenden Schriftsteller gehalten hätten. Ob wohl Ralf Rothmann je ein Schreibseminar besucht hat? Sein Debutroman STIER (1991) erfüllt jedenfalls die geforderte Vorgabe nahezu perfekt.
Rothmann, in Schleswig geboren, im Ruhrgebiet aufgewachsen und seit 1976 in Berlin beheimatet, erzählt eindringlich von einer Jugend in Oberhausen und Essen und den Gründen, die dazu führten, dass sein Alter Ego Kai Carlsen schließlich seine Heimat hinter sich lässt und zu einem Berliner Hinterhausbewohner wird. Dort, in Berlin, setzt der Roman irgendwann Ende der 80er Jahre ein. Carlsen beschreibt den Leser*innen intensiv die Beziehungen in dem Haus, in dem er eine Wohnung gemietet hat, die Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn, vornehmlich Klemke in der Wohnung über ihm, dem sein Ruhebedürfnis herzlich egal ist. Von dort setzt – etwas unvermittelt – Carlsens Reise in seine noch gar nicht so lang vergangene Vergangenheit ein.
Er erzählt von den frühen Jugendtagen in der Oberhausener Arbeitersiedlung, von den Streichen, die man andern gespielt, den kleinen Abenteuern, die man mit den Freunden erlebt hat. Die eher nebensächlichen Auseinandersetzungen mit den Eltern und dem bald einsetzenden Wunsch nach Unabhängigkeit. Davon, wie er eine Maurerlehre beginnt; eher, weil sein Kumpel auch auf dem Bau arbeitet, weniger aus Überzeugung. Schließlich der Ausbruch aus der Enge der frühen 70er, aus der Spießigkeit des bundesrepublikanischen Alltags, hinein in die Hippie-Alternativ-Rocker-Szene, die sich vor allem im Umfeld des Blow Up, einer Mischung aus Underground-Kneipe und Disco herausbildet. Er erlebt mit seinen Kumpeln Salzburg, Schnuff, Move und vor allem Ecki die Freuden des Alkohols, der Drogen, des Rauschs und natürlich den Rock´n´Roll – all das, was eine 70er-Jahre-Jugend eben so mit sich bringt. Erste Intimitäten, ersten Sex, erste Verliebtheit und die ersten Zweifel an der Echtheit dieses Gefühls und daran, ob es adäquat erwidert wird. Erste Leserlebnisse und erste Versuche, selbst das eine oder andere Gedicht zu Papier zu bringen. Und schließlich, nachdem die Quasi-Kommune um Ecki, der nicht nur das Blow Up betrieben hatte, sondern auch in einem angemieteten Haus seine besten Freunde – und derer sind es viele – hat unterkommen lassen, gescheitert ist, die Arbeit in den Essener Universitätskliniken, wo Ecki unter Kais Augen stirbt. Dies wird das Startsignal, um das bisherige Lebensumfeld zu verlassen, dass es dann Berlin wird, ist eher dem Zufall geschuldet.
Im Grunde erzählt Rothmann in seinem Debutroman keine geschlossene Story, keine Geschichte, nichts Kohärentes. Vielmehr mäandert die Erzählung durch die Zeitebenen und die Schauplätze, bis sie irgendwann in eine gewisse chronologisch nachvollziehbare Reihenfolge mündet. Es entsteht so eine Aneinanderreihung atmosphärisch dichter, oft packender Eindrücke des Ruhrpotts in den 70er Jahren; Anekdoten jugendlicher, oft nur pennälerhafter Rüpeleien, Streiche und Ausbruchsversuche; aber auch Beschreibungen von Freundschaften, eher Kumpeleien als wirkliche, tiefgehende Freundschaften; erste Eindrücke der Liebe und manchmal explizite Darstellungen erster sexueller Intimitäten, mal mit Prostituierten, mal mit Mädchen aus der Nachbarschaft. Manches davon ist wirklich aufschlussreich und gibt Einblicke in eine mittlerweile so lang vergangen scheinende Zeit, anderes gerinnt zur reinen Zote, manches ist schlicht abstoßend, gar ekelerregend, bietet aber null Mehrwert.
Was wirklich verwundert, ist die Distanz, mit der Rothmann, der in jenen Jahren, in denen er das Buch geschrieben haben müsste, die Dreißig bereits überschritten hatte, hier schreibt. Man hat selten, fast nie das Gefühl, dass der Autor das, was er da beschreibt, wirklich fühlt. Immer bleibt er in einer Halbdistanz, so dass auch dieser Kai Carlsen emotional eher verarmt erscheint. Dafür deckt Rothmann allerdings ein weites Spektrum literarischer Stile ab. Manches ist so profan geschildert, dass es fast schon enerviert, anderes wird mit solcher Poesie – einer Poesie des Alltags, des Drecks, der Hinterhöfe und Arbeitersiedlungen, aber auch des sprachlichen Höhenflugs, erstaunlicher Metaphern und Bilder – beschrieben, dass durchaus zu spüren ist, wie sehr dieser Autor seine Kindheit wohl auch mochte. Dass er zum Ruhrpott ein gespaltenes Verhältnis hat, ist dem Erzählten allerdings auch anzumerken. Manchmal verliert sich Rothmann in all den Metaphern, manches Bild ist etwas schief geraten, einige Adjektive und Adverbien zu viel schmücken hier die Sätze, doch sind dies eben die typischen Schritte erster Bücher, die Versuche in Debutromanen.
Es ist interessant, dass Rothmanns Werke im Laufe der Jahre immer schmaler, sein Stil immer prägnanter, seine Sprache immer eindeutiger, zugleich aber auch griffiger wurde. Als habe Rothmann sich zusehends entschlackt, sich aller übertriebenen Bilder, aller Worte, die überschüssig sind entledigt und habe sich und sein Schreiben immer mehr aufs Wesentliche, auf den eigentlichen Kern dessen, was es zu erzählen gilt, reduziert.
Hier bleibt Vieles ungefähr, manches reine Behauptung, die Erzählung, die eben keine ist, bleibt inkohärent. Warum der Erzähler aus seinem Berliner Hinterhof-Alltag und den nachbarlichen Gefechten um Lautstärke und Belästigung berichtet, bleibt unklar. Es sind eben nachbarliche Schwierigkeiten, wie sie jeder kennt – erst recht jeder, der Kreuzberger Hinterhöfe kennt. Sicher – und das wäre die einzige nachvollziehbare Erklärung -, der Erzähler ist ein Schriftsteller, ein Künstler, der Ruhe, innere Einkehr braucht, die Klemke, der Mann in der Wohnung über ihm, ihm nicht gewährt. Dieser Klemke hingegen ist ein Mann mit Geschichte, einer tragischen Geschichte, er hat Frau und Kind verloren, und insofern sakrosankt. Und eigentlich Stoff für eine tiefgreifende Erzählung davon, wie das Leben einem mitspielen kann. Doch das scheint den Erzähler nicht wirklich zu interessieren. Vorerst nicht. Vielleicht will Rothmann seinen Kai Carlsen ermahnen, auf genau dies zu achten: Das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Und das Wesentliche vor allem zu erkennen, wenn es ihm begegnet.
Die Kunst, der Wille zur Poesie, den Kai Carlsen angeblich empfindet, der ihn drängt, der in ihm dräuen mag, der wird hier immer wieder behauptet. Schon während seiner Tage auf dem Bau liest Kai, teils anspruchsvolle Literatur, was bei seinen Kollegen und Kameraden natürlich auf Unverständnis stößt und zu dem ein oder anderen gemeinen Witz, der ein oder anderen hinterhältigen Bemerkung führt. Erst als er in der Klinik als Pfleger arbeitet und dort Dr. Hernandez kennenlernt, scheint jemand in Kais Umgebung nicht nur seine Leidenschaft, sondern auch seine Begabung – er schreibt nun immer mehr, vor allem Gedichte – zu bemerken und auch fördern zu wollen. Doch scheint auch diese Leidenschaft seltsam abgelöst von Kais alltäglichen Leben. Nie spürt man den Einfluss, den sowohl die Literatur, also die gelesene, als auch das eigene Schaffen auf diesen jungen Mann haben sollte.
So kommt in diesem Roman nicht wirklich zusammen, was er den Leser*innen anbietet. Und das ist ja einiges. Die Sprache, die Bilder, die Atmosphäre, die Figuren, die durchweg Originale sind, die man sich gut an einem Oberhausener oder Essener Kiosk vorstellen kann, die Musik, die Drogenerfahrungen, die Stimmung zur Mitte dieses seltsam staubigen Jahrzehnts, das die 70er eben auch waren – all das stimmt ja. Nur findet sich das alles nicht in einem stimmigen Ganzen. Leider.
STIER ist also ein gutes Beispiel für das Erstlingswerk eines hochbegabten Schriftstellers, der seinen Weg in die und in der deutschen Literatur gemacht hat. Ein Außenseiter, ein Einzelgänger, einer, der seinen ganz eigenen Pfad beschritten hat. Hier kann man beobachten, wie sich noch findet, was später so passend wurde. Hier kann man beobachten, wie einer tastet, sucht, auch findet, wie einer Szenarien und Figuren entwirft, Figuren, die er wahrscheinlich aus dem direkten eigenen Umfeld genommen und nur leicht verfremdet hat. Da schreibt einer über das, was er unmittelbar erlebt, aus seinem direkten Erleben. So, wie es die klassischen Schreibseminare und -werkstätten ja immer fordern. Ob Ralf Rothmann je ein solches Seminar besucht hat? Wahrscheinlich nicht, aber die Regeln scheint er, ganz instinktiv, befolgt zu haben.