1601 kommt Kepler als Schüler zu Tycho Brahe nach Prag an den Hof Rudolf des Zweiten. Die beiden Astronomen unterscheiden sich sehr: Während der exilierte und von Förderern abhängige Tycho Brahe gelernt hat, dass seine Wissenschaft den Mächtigen Gefallen muss und zu Kompromissen bereit ist, lebt Kepler bedingungslos für die Astronomie. Er lässt sich in seinen Studien weder durch Intrigen noch durch politische und kirchliche Interessen beeinflussen.
Tycho Brahe ist ein unglaublich genauer Beobachter der Sternen- und Planetenbahnen gewesen und legte umfassende Tabellen an, noch vor der Erfindung des Teleskops. Allerdings war er bemüht, das ptolemäische Weltbild insofern nicht grundsätzlich zu verwerfen, als die Erde im Zentrum der kosmischen Bewegungen bleiben sollte. Entsprechend konnte er bestimmte Himmelsbewegungen nicht erklären. Kepler hingegen ist reiner Mathematiker, der auf grundsätzliche Annahmen und Theorien verzichtet und sich ganz der exakten Beobachtung verpflichtet.
Tycho Brahes tiefe Zuneigung zu Kepler führt zu Intrigen und familiären Desastern, deren Schilderung einen bedeutenden Teil des Romans ausmachen. Auch Tycho Brahe selbst gerät durch die "Zuchtrute" Kepler in eine Krise, in der er sich über sich selbst klar werden muss.
Auch wenn die Begegnung zwischen Kepler und Tycho Brahe eine "Sternstunde der Menschheit" im Sinne Stefan Zweigs ist und als solche auch von Brod beschrieben wird, ist das eigentliche Thema des Romans genau das, was der Titel sagt: Es geht um Tycho Brahes Ringen, das Wahre zu erkennen und sich mit Gott ins Einvernehmen zu setzen. Die Grundierung ist also eine zutiefst religiöse, aber Brod schildert Tycho Brahes innere und äußere Konflikte so beeindruckend, dass auch mir als Agnostiker das Buch sehr gut gefallen hat, zumal es viele Fragen existenzielle Fragen aufwirft.
Dem THEATRUM ASTRONOMICUM gilt Tycho Brahes Streben: der Allheit himmlischer und irdischer Gesetze.
"Das ist eben die große und letzte Frage meiner Kunst, ob es mir gelingen wird, das Gesetz Gottes in all diesem Wust von irdischem Unglück zu erkennen und mich mit diesem Gesetz zu vereinigen. Ich glaube nicht, daß ich gegen Gott kämpfe. Manchmal in traurigen Stunden kommt mir dieser Gedanke, dann aber scheint es mir wieder, als sei es der Teufel, gegen den ich Gottes Gesetz verteidige. Denn glaube ja nicht, daß es mir nur darum zu tun ist, die Harmonie der Sternenwelt zu ergründen. Das wäre immer noch Stückwerk. Diese obere Harmonie ist nur ein Abglanz der unteren; einen tiefen Zusammenhang hat Gott zwischen mein Glück und die Gesetze des Himmels gespannt, und das Gesetz dieser beiden, des irdischen Weltregiments wie des Himmels, muß ich in der Faust halten, sonst habe ich vergebens gelebt."
Aber genau diese Gesetze vermag er nirgends eindeutig zu erkennen, weder in der Astronomie noch im banalen Alltag. Überall gibt es Störungen, nirgendwo ist Perfektion zu finden. Das führt dazu, dass Tycho Brahe mit seinem Gott hadert.
"Zur Wahrheit aber kann niemand geführt werden, jeder muss seinen weg allein gehen", heißt es an einer Stelle, und dieser Satz erinnert mich sehr an die Türhüter-Parabel Kafkas, dem Freund Max Brods, dem er diesen Roman auch gewidmet hat.
Es ist ein schmerzhaftes, zähes Ringen, dass Tycho Brahe mit sich und seinem Gott führt, und im Laufe des Romans wurde mir immer klarer, wie zentral der Bibelvers 1. Mos. 32 für das Buch ist, den Brod als Motto vorangestellt hat.
TYCHO BRAHES WEG ZU GOTT ist ein religiöser Roman, der zuweilen sehr pathetisch ist. Und trotzdem hat er mir - zu meiner eigenen Überraschung - wirklich gut gefallen, weil Brod die Konflikte hervorragend darstellt. Doch nicht nur die Wucht der Szenen, auch die Sprache hat mich beeindruckt:
„Niemand beachtete, wie die Freundlichkeit dieser Gebüsche in der Nähe, dieser blauen und bleigrauen Wälderreihen, weiß durchnebelt längs des Flusses, wie all diese Ruhe und Frische zu dem glücklichen Daliegen des zarten Menschen paßte, ja wie der gesunde Schlaf diese Dinge gleichsam traumartig aus sich heraus zu bilden, bei jeder Wegbiegung bis auf Sehweite zu verteilen und dann wieder in sich einzuziehen schien. So waren diese beiden, der schöne Schlaf und die schöne Gegend von den Reisegenossen unbeachtet, nur füreinander da, spiegelten sich ineinander und hielten, ganz für sich und ohne eines Menschen Zustimmung, ihre stummen Formen einander entgegen.“
Ich liebe solche Passagen! Der schlafende Kepler in der Kutsche, auf der Fahrt zu Tycho Brahe, und die Landschaft entlang der Elbe in geheimnisvollem Einvernehmen (besonders passend am Hof von Rudolf II).
Ein weiterer Gedanke hat mich beim Lesen beschäftigt: Erschienen ist der Roman in den Wirren des ersten Weltkriegs. Damals war er noch möglich. Aber nach Auschwitz wäre er undenkbar gewesen. Was haben wir im 20. Jahrhundert eingebüßt?
"(…) offenbar hängt dieses fieberhafte Zucken der Gestirne, die niemals genau da erscheinen, wo wir sie berechnet haben, hängt dieses wirre und scheinbar ganz gesetzlose Gestammel des Himmels, an dem wir uns vergeblich abmühen, mit diesen anderen unerklärlichen Bahnabweichungen, Störungen, Gemeinheiten und Verbrechen unserer Mitmenschen, aller Menschen, also auch mit den törichten verblendeten Wünschen unseres eigenen Herzens, mit unseren Leiden und Fehlschlägen zusammen. Das heißt: beides, himmlische wie irdische Unordnung, kommt aus einer Quelle. Und die ist doch wohl Gott. Nun hab´ ich dir mein äußerstes, letztes Unglück genannt: Ich verstehe Gott nicht, mehr noch, ich fühle in nirgends (…)"