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Muss ich das gelesen haben? Was in unseren Bücherregalen und auf Literaturlisten steht – und wie wir das jetzt ändern

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Literatur. Kanon. Revolte! – Die Zukunft des Lesens steht auf feministischen Füßen
Wie das Patriarchat über „wichtige“ Literatur entscheidet, unsere Weltsicht prägt – und warum wir jetzt etwas dagegen tun müssen
Beginnen wir mit einer beliebten Unwahrheit: Jugendliche wollen nicht mehr lesen. Absoluter Quatsch, sagt Autorin Teresa Reichl. Vielmehr ist es so: Wir müssen endlich mit den verstaubten Kanon-Listen und den ewig gleichen Autoren (!) aufräumen. Tun wir das nicht, gefährden wir die Zukunft des Lesens. Denn: Wie kann es sein, dass nur eine Perspektive zum Klassiker taugt? Wie sollen wir uns für Bücher begeistern, wenn Geschichten wieder und wieder und wieder aus einer ähnlichen Sicht erzählt werden? Wenn nur bestimmte Autoren (weiß, männlich, heterosexuell …) als große Literaten gefeiert werden? Am besten haben wir keine Meinung zu Klassikern, die von der allgemeinen abweicht, und falls doch, sind wir vielleicht einfach nicht „intelligent“ genug oder wir haben diese „hohe Kunst“ einfach nicht verstanden. Woher das alles kommt? Welcome to patriarchy! Ja, das Patriarchat hat überall Einfluss – auch auf das, was und wie wir lesen. Es ist deshalb Zeit für den nächsten logischen feministischen Schritt: Die Literatur und ihre Geschichte werden umgeschrieben. Werden divers. Werden endlich korrigiert.


Bam! Grundlagen, Alternativ-Kanon und geballtes Wissen: in verständlich und für alle!
Eine neue Sicht auf Literatur ist möglich und notwendig. Das beweist Teresa Reichl, indem sie Basics zur Literaturgeschichte klärt, die bestehende Riege der Klassiker gründlich prüft und einen ausgewachsenen Alternativ-Kanon entwirft. Wofür? Um zu zeigen, dass es Bücher (ja, auch alte!) von Autor*innen gibt, von denen immer behauptet wird, sie hätten nichts geschrieben. Um endlich neue Stimmen erzählen zu lassen. Die Autorin macht deutlich, dass es eine Offenheit braucht, die neue Bücher im literarischen Kanon zulässt. Um Blickwinkel zugänglich zu machen, mit denen sich Jugendliche, aber auch Erwachsene identifizieren können. Das hier ist der Anfang einer Literaturrevolte. Wie sie aussehen könnte? Steht in diesem lehrreichen, wütenden und zugleich witzigen Buch.

232 pages, Paperback

First published March 14, 2023

49 people are currently reading
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About the author

Teresa Reichl

3 books90 followers

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Displaying 1 - 30 of 85 reviews
Profile Image for Elena.
1,045 reviews419 followers
April 18, 2023
Wenn ich an die Lektüren im Deutschunterricht während meiner Schulzeit zurück denke, muss ich feststellen, dass diese ausschließlich von weißen heterosexuellen cis Männern ohne Behinderung aus der "oberen Gesellschaftsschicht" geschrieben wurden. Literatur von Autorinnen wurde überhaupt nicht behandelt, lediglich "Half Broke Horses" von Jeanette Walls bildete davon eine Ausnahme, allerdings im Englischunterricht, was daher nicht ganz zählt. Deutschlehrende jeden Alters und Geschlechts sind bei uns im Deutschunterricht an einem Gymnasium in Baden-Württemberg also in 8 Jahren Schulzeit nie auf die Idee gekommen, ein Buch von einer Autorin, einer Person of Color, einer queeren, behinderten oder Person aus der "unteren Gesellschaftsschicht" zu lesen und zu besprechen. Woran liegt das?

Genau diese Frage stellt sich Teresa Reichl in ihrem Buch "Muss ich das gelesen haben? Was in unseren Bücherregalen und auf Literaturlisten steht - und wie wir das jetzt ändern" - und muss auch nicht lange nach einer Antwort suchen, denn das Patriarchat hat überall seine Finger im Spiel, auch bei dem, was und wie wir lesen. Sie nimmt auf humorvolle und zugleich sehr pointierte Art den bestehenden Literatur-Kanon auseinander, gibt einen allgemeinen Crash-Kurs zu Literatur, Analysis und Interpretation, zeigt auf, wie Jugendliche wieder Spaß am Lesen finden können (und was Lesen eigentlich für einen fantastischen Impact hat) und gibt uns Buchtipps an die Hand, die sich als alternative Schullektüren eignen.

Ich sehe für Teresa Reichls Sachbuch vor allem zwei Zielgruppen: Schüler*innen und Lehrpersonen. Beide Personengruppen spricht sie auch immer wieder direkt an und motiviert vor allem Jugendliche dazu, im Unterricht auf alternative Lektüren zu beharren. Darin bestehen für mich auch die kleinen Schwächen des Buchs, denn die Autorin passt ihren Stil und Humor ganz ihrer Ansprache an junge Menschen an, was sprachlich nicht immer mein Fall war (vor allem die Fußnoten, puh), und nimmt für meinen Geschmack auch ein bisschen zu sehr die Schüler*innen in die Pflicht, den Literatur-Kanon aufzubrechen, dabei sollte dies vielmehr den Lehrenden auferlegt werden. Trotzdem würde ich die Frage, ob ich das gelesen haben muss, gerade bei diesem Sachbuch mit einem dicken, nachdrücklichen "JA" beantworten, denn es bietet viel Wissen und räumt mit dem Mythos auf, es gäbe manchmal eben einfach keine anderen Bücher, als die im bestehenden Kanon. Die gibt es!
Profile Image for The Book Traveller.
20 reviews
June 29, 2023
Update: Ich hatte einige Zeit, noch mehr über das Thema Schullektüren nachzudenken und habe nun eine etwas andere Perspektive.
Zuerst einmal erscheint mir die bemüht politische Korrektheit in dem Buch sinnvoll und lobenswert. Aber dadurch wird der Sinn von Lektüren nicht ganz erfasst. Lektüren sind nicht nur dazu da, über Lebenswelten zu lernen. Sie sollten auch Schüler in ihren Lebenswelten begegnen. Natürlich: Von Menschen mit anderem Lebensbackground zu lesen, ist wichtig und gehört zu einer Gesellschaft dazu, die sich der Inklusion verpflichtet hat (Deutschland ist dies schon seit den anfänglichen 2000ern). Dennoch sind andere Bereiche genau so wichtig und berechtigt wie Biografien über Personen zu lesen. Themen wie Freundschaft, Zivilcourage, Selbstliebe und so weiter sind auch wichtig und lassen Schüler über bestimmte Bereiche in ihrem Leben reflektieren. Vor allem aber sprechen sie Lebenswelten auch direkt an, weshalb sie auch deshalb eher zum Lesen ermutigen könnten. Gleichzeitig MUSS man aber auch einsehen: Man kann nicht in der Schule alle Themen behandeln. Jedes Jahr eine Lektüre ist nicht drin. Das ist auch nicht armutssensibel. Bücher sind teuer. Das muss auch mal gesagt werden.
Mein Eindruck war aber auch nicht, dass jedes vorgeschlagene Buch gelesen werden muss. Dennoch sollte der Punkt in dem Zusammenhang auch genannt werden. Das hat mich dann auch schon ein bisschen gewundert, dass der Punkt nicht von der Autorin beachtet wurde. Das Rezept "Wenn wir in der Schule coole Lektüren lesen, dann lesen alle mehr", geht in Abhängigkeit mit sozioökonomischen Status nicht immer auf. Weshalb eine Person nicht liest, hängt mit Peers, Familie, Geld und so weiter ab und da funktioniert ein einfaches Rezept als Allheilmittel nicht.
Und ich muss ehrlich sagen: Ich als angehende Lehrerin würde mit wenigen Ausnahmen (da denke ich an Heimat von Nora Krug) keine Biografie mit meinen Schülern lesen. Wenn vor allem nicht Nichtleser abgeholt werden sollen (was auch mein Anspruch wäre), dann wäre das vor allem in der Sek I NICHT meine Wahl. Biografien sind oft schwerere Kost und ohne Verbildlichung schwer für ungeübte Leser durchzuarbeiten. Wenn ich vor allem an genau diese Schüler denke, die ich kenne, dann weiß ich ganz genau, dass sie solche Bücher am liebsten in die nächste Ecke schmeißen würden. Btw: Dank Vorlesung habe ich auch nun gelernt, dass der hier erstellte Buchkanon vor allem Jungs, die viel weniger als Mädchen lesen, zum größten Teil nicht abholt. Das Genre der wahren Geschichten ergo Biografien sind eher unbeliebt. Viel besser kommen Comics, Sci Fi, Fantasy und Abenteuer an.
Trotzdem danke ich dem Buch für den in mir ausgelösten Gedankenanstoß. Meine neue Bewertung wäre daher 3/5 Sterne. Meine Ergänzungen habe ich dementsprechend geupdatet.

Zuerst einmal zum Positiven: Mir hat das Buch an sich gut gefallen, es eröffnet viele neue Perspektiven auf das Thema Literatur. Zudem ist es nahbar geschrieben und ich bin gut durchgekommen. Ich würde jeder Lehrkraft mindestens ans Herz legen, die Literaturliste mal anzugucken. Insgesamt ist das Buch also gelungen!

Nun aber zu meinen kleinen Kritikpunkten:

1. Finde ich es schade, dass die Graphic Novels gar nicht so viel Beachtung gefunden haben. Vor allem Heartstopper wäre doch mal eine honourable mention für all die Lehrkräfte gewesen, die den Novel noch nicht kennen (pluspunkt: Osemann gehört zur LQBTQ+ Community). Die Prämisse des Buches ist schließlich auch, Jugendliche fürs Lesen zu begeistern und da helfen Graphic Novels auch super.

2. Finde ich den Kanon etwas zu sachbuchlastig/Autobiografielastig. Lesemuffel lesen (meiner Meinung nach) wenn dann eher gerne fiktionale Geschichten und keine Biografie. Vor allem da beispielsweise im Bereich Rassismus und Polizeigewalt es echt viel Material mittlerweile gibt find ichs ein bisschen schade. Trotzdem props an die Autorin, die Suche nach Betroffenen die Geschichten über ihre Lebenswelten schreiben zu finden war bestimmt nicht leicht.

3. Ist die Sache mit den Vorgaben nicht ganz richtig. Ich persönlich MUSSTE bestimmte Bücher für das Abitur lesen und die haben wir auch alle behandelt. Also es gibt durchaus Vorgaben, die auch enger gestrickt sind.

Ansonsten wären hier noch meine Ergänzungen für den Kanon. Ich hab hier einfach auch mal versucht, auf eine angemessene Durchmischung zu achten aber auch den Inhalt nicht zu vernachlässigen. Dabei kann ich versichern, dass alle Bücher aus meiner Sicht legit und nicht stereotypisierend sind. Wenn doch, let me know :) :
-Heartstopper von Alice Osemann
Thema: Erwachsen werden und Homosexualität
-Zartbittertod von Elizabeth Herrmann
Thema: Deutscher Kolonialismus
-Legendborn von Tracy Deon
Thema: Erfahrungen einer African American die mit Elitarismus und den Spuren der Sklaverei konfrontiert wird. Und ganz viel Fantasy für den Spaß ;)
-Der Boxer: Die wahre Geschichte des Hertzko Haft von Reinhard Kleist
Thema: Geschichte des Boxers Hertzko Haft der sich mit seinen Boxkünsten sein Überleben in Ausschwitz erkämpfen muss
-Der Tätowierer von Auschwitz von Heather Morris
Thema: Die Liebesgeschichte von Lale und Gita, die sich in Ausschwitz begegnen. Klingt romantisch? Ist es nicht, hier werden die Umstände unter denen sie leben trotzdem ganz klar gezeichnet. Die Geschichte ist übrigens wahr und Heather Morris hat in Zusammenarbeit mit dem Sohn der Beiden die Story aufgeschrieben.
-Die Känguru Chroniken von Marc Uwe Kling
Thema: Ein kapitalismuskritisches Känguru zieht beim Komiker ein und es folgt eine Reihe von urkomischer politischer Kritik
-One of the good ones: Das ist unsere Geschichte von Maika Moulite und Maritza Moulite
Thema: Verlust einer geliebten Person durch rassistisch motivierte Polizeigewalt und die Reise durch die USA mithilfe des Green Books (ein Reiseführer für schwarze Reisende, vielleicht kennt ihr ja den Film). Es ist also eine Verknüpfung zwischen historischen Spuren und der Gegenwart.
-Der Hoffnungsvogel von Kerstin Boie
Thema: Eine Parabel über Frieden unter Menschen, perfekt also wenn genau das Thema ansteht.
-Erebos von Ursula Poznanski
Thema: Digitalisierung bzw. Immersion/Abtauchen in ein Videospiel und wie dies zur Realität wird
-Mr. Parnassus Heim für Magisch Begabte von TJ Klune
Thema: Institutionalisierung und Behandlung von "Andersartigkeit", Diskriminierung, Sinn im Leben, Homosexualität
- Knochendiebin von Magaret Owen
Thema: Diskriminierung, Verfolgung, Klassizismus. Sehr fantasylastig aber super zum diskutieren
-Maus von Art Spiegelmann
Thema: Erlebnisse eines Juden im Nationalsozialismus, dazu ist es sehr fabellastig durch die Tiere, die symbollastig die verschiedenen Parteien darstellen sollen
-1000 gute Gründe- Lucy Astner
Thema: Tod, Trauer, Mobbing, Weiterleben nach Tod von geliebter Person. Alles ist schonend für jüngere Kinder/Teenager aufbereitet. Da Milou (die Protagonistin) 12 Jahre ist, würde ich das Buch in der 5/6 Klasse lesen. Es ist eine sehr herzerwärmende und hoffnungsvolle Geschichte über die man gut diskutieren kann.

Das war's von meiner Seite. Für mehr Literatur hab ich noch diese Webseite vor einiger Zeit mal gefunden. Da gibt es auch Arbeitsmaterial für die jeweiligen Bücher, also einfach nur perfekt ☺️. https://www.penguinrandomhouse.de/Sch...

Und für Buchempfehlungen, die speziell nochmal auf Jungen ausgerichtet sind (im Schulunterricht ist die problemorientierte Literatur groß, die lieber Mädchen lesen.), hier auch nochmal eine Webseite: http://www.boysandbooks.de/
Für die Diversity kann ich jedoch keine Garantie übernehmen-immerhin ist damit die Barriere nicht wieder die alten Reclam Hefte rauszuholen nicht so hoch.
Profile Image for Letterrausch.
310 reviews23 followers
April 5, 2023
Ein Geständnis vorweg: Ich bin nicht die Zielgruppe dieses Buchs – eigentlich soll es von Schülern gelesen werden. Die Autorin, auf TikTok wohl eine große Nummer, hat Deutsch auf Lehramt studiert und es sich zur Aufgabe gemacht, Klassiker im Internet an die Schülerschaft zu bringen und den Schulkanon zu entstauben bzw. ins 21. Jahrhundert zu heben. Er soll divers(er) werden, sodass Schüler nicht Jahr für Jahr dieselben Dramen und Novellen wiederkäuen müssen. Und da bin ich vielleicht doch wieder – wenigstens ein bisschen - Zielgruppe, denn auch ich habe Literaturwissenschaft studiert und wenn jemand vergessene, spannende Bücher auszugraben plant, dann bin ich natürlich sofort dabei!

Reichls Buch besteht aus drei großen Abschnitten. In einer Einleitung werden ein paar Grundlagen geklärt: Was zum Beispiel Literatur eigentlich ist, warum wir lesen und wie bzw. warum wir Literatur interpretieren. Schon da erwartet mich bei der Definition des Begriffs „Literatur“ die erste Überraschung. Denn heute ist quasi alles Literatur. Schon etwas befremdlich, aber letztlich vermutlich nur konsequent weitergedacht. Zu meiner (Studien)Zeit hieß es noch: Alles ist Text. Heute halt: Alles ist Literatur; das Buch, die Werbung, die Instastory, das YouTube-Video, der drölfzigste Marvel-Film. Gulp.

Im zweiten Teil beschäftigt sich Reichl dann eingehender mit der Frage, warum wir lesen, was wir lesen (auch in der Schule). Wer Nicole Seiferts FRAUEN LITERATUR: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt bereits kennt, wird hier nichts Neues mehr lernen, abgesehen vielleicht von einigen sehr bunten, aber völlig unpassenden Schimpfwörtern. Die These ist – wie bei Seifert auch –, dass der Kanon männlich geprägt ist, weil Männer ihn gemacht haben. Männer schreiben, Männer lesen, Männer rezensieren, Männer werden Uniprofessoren. Um diesen sehr männlich geprägten Kanon zu rechtfertigen, wird dann fälschlicherweise behauptet, Frauen hätten einfach nicht (so viel) geschrieben wie Männer. Im Gegensatz zu Seifert geht Reichl nun einen Gedankenschritt weiter und bricht die Dichotomie Mann/Frau auf, um das Augenmerk auf weitere Diskriminierungsstrukturen zu lenken: Was ist denn mit schwarzen Autoren? Mit queeren? Mit jüdischen? Mit behinderten? Oder welchen aus der Arbeiterschicht? Das funktioniert mal besser und mal schlechter. Denn auch wenn man bei den uns altbekannten Autoren aus dem Deutschunterricht recht sicher sagen kann, dass sie vermutlich eben nicht schwarz waren, wird es ansonsten schon schwer. Darf ich einfach so annehmen, dass keiner der großen Alten schwul war? Oder in irgendeiner Form behindert? Oder chronisch krank? Letztlich steht damit das, was bei Nicole Seifert noch absolut plausibel klang, hier plötzlich auf eher tönernen Füßen, weil es darauf aufbaut, dass wir bestimmte Dinge über Autoren einfach annehmen (dass sie zB hetero waren). Oder dass z.B. zeitgenössische Autoren uns mit so vielen Informationen über ihr Privatleben füttern, dass wir sie daraufhin bequem in bestimmte Kategorien von „priveligiert“ oder „diskriminiert“ einsortieren können. Woraufhin man sich automatisch fragt, ob man damit nicht die Furchen nur immer tiefer gräbt, die man eigentlich zuschütten und überwinden wollte.

Im dritten und entscheidenden Teil versucht sich Reichl dann nicht etwa an einem „alternativen“ Kanon für die Schule, sondern sie möchte Angebote machen, welche Bücher man abseits von Lessing und Goethe zusätzlich noch so lesen kann. Manchmal gräbt sie dabei interessante Fundstücke aus, die (zumindest laut Reichl) auch gut anstatt einer bestehenden Schullektüre gelesen werden können, z.B. Gabriele Reuters Aus guter Familie statt Theodor Fontanes Effi Briest. Oft genug allerdings hält sie sich und den Leser mit wahrscheinlich spannenden Texten auf, die sie nicht einmal selbst gelesen hat, weil sie schlicht nicht lieferbar und praktisch nicht antiquarisch zu bekommen sind. Ein Booknerd wie ich spitzt da zwar sofort interessiert die Ohren, doch welchen Mehrwert solche Passagen für die gesammelte deutsche Schülerschaft und die ein oder andere Lehrkraft haben sollen, bleibt Reichls Geheimnis.

Im Folgenden werden dann in einzelnen Kapiteln Texte von diskriminierten Minderheiten im Schnelldurchlauf vorgestellt. Wer hier literarische Entdeckungen erwartet, wird schnell enttäuscht werden. Vieles ist (relativ) neu bzw. sogar aktuell. Überdurchschnittlich oft empfiehlt Reichl Autobiographien. Warum? Weil für sie Bücher von Minderheiten nur interessant zu sein scheinen, wenn diese Bücher Diskriminierungserfahrungen beschreiben. Das heißt konkret, dass sie Bücher von asiatischstämmigen deutschen Autoren empfiehlt, wenn diese ihre Rassismuserfahrung beschreiben. Bücher von Rollstuhlfahrern beschäftigen sich mit dem Leben im Rollstuhl. Bücher von Transpersonen beschäftigen sich mit dem Thema trans. Und so weiter.

Mein Literaturverständnis ist schlicht ein anderes. Reichl sagt über Emilia Galotti und ihre Lektüre während ihrer Schulzeit: „Was mich jetzt am meisten wütend macht – kein Wort darüber, dass hier ein Mann über eine Frau schreibt.“ Und klar ist das problematisch, wenn wir ausschließlich literarische Stimmen von Männern haben, die über Frauen schreiben. Aber dass dem nicht so ist und es die Frauenstimmen durchaus auch gibt, hat Reichl ja vorher ausführlich dargelegt. Es gilt, diese Stimmen zu bergen und wiederzuentdecken, anstatt darauf zu bestehen, dass jeder nur noch über die Dinge schreibt, die er aus seinem täglichen Leben kennt. Nicht, dass da nicht auch interessante Texte entstehen können. Aber wenn es nur noch das wäre … puh, wie langweilig. Und wie schade für den Schriftsteller im Rollstuhl, der immer nur über seine Behinderung schreiben soll, und die Autorin aus der Arbeiterklasse, die über Armut zu referieren hat. Wo bleibt da die Fantasie? Denn, wie Reichl sagt, geht es doch eben gerade auch um Empathie und darum, sich in andere Menschen und Lebensentwürfe hineindenken zu können! Das sollte man nicht nur vom Leser erwarten, sondern auch dem Autor zugestehen.

Abschließend ein Wort zur Sprache, die Reichl wählt. Der Text ist so auf gerechte und diskiminierungsfreie Sprache getrimmt, dass es dafür offenbar eine Agentur brauchte (Discheck). Diese Hypersensibilität paart Reichl mit Jugendsprache, was dazu führt, dass man offenbar „dick“ nicht mehr sagen darf (das heißt jetzt „mehrgewichtig“), „fick“ aber schon. Und zwar wiederholt. Bei Reichl „holen sich immer noch alle Lehrkräft [bei Goethes Faust] einen runter“ - was scheinbar überhaupt nicht verletztend ist. Ansonsten nimmt man aber auf jede Befindlichkeit gern Rücksicht: von „Schriftstellende“ bis zu „Sinti*zze und Rom*nja“ ist alles dabei. In dieser Mischung wirkt Reichls Sprache leider wie ein absolut schräges Kunstprodukt, das niemand in dieser Form sprechen würde.

Teresa Reichl kann der „Frauen Literatur“ von Nicole Seifert kaum Neues hinzufügen, wenn man von der Erweiterung des Fokus auf weitere von Diskriminierung betroffene Personengruppen absieht. Wer auf der Suche nach aktuelleren Stoffen für den Deutschunterricht ist, kann hier sicherlich die ein oder andere Entdeckung machen. Zum Hineinschnuppern kann man Reichls Website besuchen. Die dem Buch anhängende Literaturliste ist dort einsehbar – mit dem ausdrücklichen Aufruf, eigene Vorschläge hinzuzufügen.
Profile Image for Jutta Swietlinski.
Author 14 books47 followers
December 23, 2024
Weiblich, lesbisch, deutsch, cis, queerfeministisch, Germanistin und Autorin – bei all diesen Parallelen zwischen der Verfasserin und mir ist es eigentlich fast schon ein Wunder, dass ich Teresa Reichl erst vor wenigen Wochen für mich entdeckt habe. Aber auch nur fast, denn zwischen uns beiden liegt immerhin ein Vierteljahrhundert, wie mir bei der Lektüre dieses Buches auch immer wieder von neuem aufgefallen ist.
Als ich mit dem Lesen angefangen habe, war ich zunächst mal sehr erstaunt darüber, dass sich am Literaturkanon, der an den Schulen und Hochschulen gelehrt wird (genau wie auch die Art, in der diese Literatur besprochen wird), seit meiner eigenen Schul- und Studienzeit offensichtlich sehr wenig geändert hat – was schon kurz darauf umgeschlagen ist in ein Gefühl von „Wow, das ist aber Jammern auf hohem Niveau!“, z. B. wenn sich Reichl darüber beschwert, dass sie etwa kaum Werke von queeren oder Schwarzen Autor*innen nahegebracht bekam und ich daran denken musste, dass in den meisten Werken meiner eigenen Gymnasiums- und Universitätszeit (ich habe übrigens in dem Jahr Examen gemacht, in dem die Autorin dieses Buches überhaupt erst geboren wurde) nicht einmal die heterosexuellen weißen deutschen Frauen eine tragende Rolle gespielt haben ...
Um Missverständnisse zu vermeiden: Das Anliegen und die Forderung dieses Buches sind meiner persönlichen Ansicht nach vollauf berechtigt und längst überfällig! Ich bin absolut der Meinung der Verfasserin, dass es selbstverständlich sein sollte, dass Literatur die Lebensrealitäten aller gesellschaftlichen Gruppierungen wahrheitsgemäß und aus der Perspektive der jeweils Betroffenen abbildet, um auch den marginalisierten Gruppen eine Stimme zu geben, statt jahrhundertelang nur die Sicht der Herrschenden zu spiegeln und deren Macht damit immer weiter auszubauen und zu untermauern.
Ja, Sprache hat großen Einfluss auf das Denken, Lesen beeinflusst die Art, die eigene Umgebung wahrzunehmen, und fördert (wie im Buch immer wieder betont wird) die Empathie, was essentiell ist, um Menschen zu verstehen, die sich in der einen oder anderen Hinsicht vom/von der Lesenden unterscheiden.
Denn Teresa Reichl will nichts weniger, als die Gesellschaft, die seit jeher keine homogene Einheit war, sondern sich schon immer aus den unterschiedlichsten Individuen zusammengesetzt hat, dahingehend zu verändern, dass sich alle Menschen gleichermaßen gesehen und gehört fühlen und dass sie das Gefühl haben, in einem gerechten Maß daran teilhaben zu können.
Der Ansatz der Literaturwissenschaftlerin, um das zu erreichen, ist eben, kaum überraschend, die Literatur. In ihrem Buch zeigt sie sehr nachdrücklich und eindringlich auf, wer bisher im deutschsprachigen Bereich (und teilweise auch darüber hinaus) Texte verfasst hat und wer zum Schweigen gebracht wurde, welche Werke hierzulande veröffentlicht wurden und welche nicht, wie Bücher hier aufgenommen, kritisiert, weiterverbreitet oder unterdrückt wurden – und wie sich an den grundsätzlichen Problemen etwas ändern ließe.
Neben den gut recherchierten objektiven, oft erstaunlichen, nicht selten auch empörenden und manchmal niederschmetternden Fakten zum Thema Literaturgeschichte bleibt dabei auch genügend Raum für die höchstpersönlichen Ansichten der Autorin, die ich häufig uneingeschränkt teile, die bisweilen aber auch eindeutig meinen Widerspruch wecken (hier kommt mir v. a. ihr Hang, Thomas Mann möglicherweise hin und wieder unangemessen hart zu be- und verurteilen, in den Sinn). Aber was wäre Teresa Reichl für eine Kabarettistin, wenn sie ihre Fähigkeit, unbequeme Kritik pointiert und amüsant in Worte zu fassen, nicht auch beim Verfassen von Büchern nutzen würde?
Aufgrund all dieser Eigenschaften ist „Muss ich das gelesen haben?“ ein gleichermaßen persönliches und politisches Buch geworden, das ich unbedingt allen empfehlen würde, die literarische Werke nutzen möchten, um etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern – und denen, die das nicht wollen, erst recht!
Einen halben Punkt Abzug gibt es allerdings von mir, und zwar dafür, dass der (Jugend-)Sprachstil, den Reichl hier verwendet, für mich (und vermutlich für zahlreiche andere Leute ab ca. vierzig) an manchen Stellen leicht unverständlich ist. Ich kann nachvollziehen, warum sie sich dafür entschieden hat: Das Zielpublikum ist eindeutig Gen Z, deren Mitglieder derzeit als Schüler*innen und Student*innen direkt vom literarischen Lehrkanon betroffen sind. Nur finde ich, dass der Anspruch der Verfasserin, nicht nur von der gebildeten Elite, sondern möglichst von allen verstanden zu werden, durch den manchmal evtl. etwas übertriebenen Gebrauch des heutigen Jugendjargons eben wieder ein bisschen ins Gegenteil umgeschlagen ist. Und das ist m. E. sehr schade, gerade weil das Thema, um das es hier geht, ja schließlich uns alle angeht, die wir die Gesellschaft ausmachen!
Nichtsdestotrotz war dieses Buch gerade für mich als Fachfrau und Angehörige verschiedener marginalisierter Gruppen überaus spannend und ich kann es allen Interessierten nur wärmstens empfehlen.
Außerdem vielen Dank, liebe Teresa, für das Weihnachtsgeschenk, das du mir mit deiner umfangreichen und überaus interessanten Liste an Buchempfehlungen gemacht hast! Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele deiner Empfehlungen bis spätestens Weihnachten des nächsten Jahres noch auf meiner „Read“-Liste auftauchen werden. 🙂
4,5 Sterne.
Profile Image for janasbuecherwelt.
304 reviews21 followers
April 12, 2023
R E Z E N S I O N zu „Muss ich das gelesen haben?“ von Teresa Reichl.

Vornweg: ich wurde durch Lisa auf dieses Buch aufmerksam. Und bin so froh darüber.
Denn dieses Buch ist so viel mehr als nur ein guter Titel. Es beinhaltet ein Thema, das mich besonders betrifft. Zu Schulzeiten habe ich die Lektüre, welche im Deutschunterricht gelesen werden sollte, nur sehr selten gelesen. Mir haben die Titel und Bücher nicht zugesagt.
Reichl bietet in ihrem Buch Alternativen zu den üblich gelesenen Klassikern. Setzt sich kritisch mit dem Thema auseinander. Mit Witz und Humor ist dieses Buch wirklich gelungen. Insbesondere die Alternativen und Vorschläge von Reichl werde ich mir in Zukunft genauer ansehen. Vielleicht werden dann auch Klassiker noch zu einem Genre, das ich vielleicht öfter mal lesen werde.

Von mir gibts für dieses Buch definitiv eine Leseempfehlung. Jede Seite hat mir so viel Mehrwert geboten.

Buchdetails: erschienen am 16.03.2023 im Haymon Verlag | gelesen als eBook auf dem PocketBook Era | 232 Seiten | 14,99 € (eBook)
Profile Image for ➸ Gwen de Sade.
1,229 reviews112 followers
January 28, 2024
Ich habe gebrüllt vor Lachen! Sehr amüsant und kurzweilig geschrieben, informativ und repräsentativ - mir wurde sehr aus der Seele gesprochen. Kann ich allen empfehlen, die bisschen über unsere Auffassung von klassischer Literatur nachdenken wollen.
Profile Image for Anka.
1,118 reviews65 followers
November 7, 2025
Mein Hauptproblem mit diesem Buch liegt wahrscheinlich darin begründet, dass ich nicht der Zielgruppe (Schüler*innen der GenZ) angehöre. Das Buch bietet einen Überblick darüber, wie der Literaturkanon entstanden ist und vor allem, wieso ihm fast nur weiße, heterosexuelle cis Männer angehören. Dabei erklärt Teresa Reichl auch, welche marginalisierten Gruppen wie und weshalb vom Kanon ausgeschlossen wurden.

Leider fand ich das Buch aber recht unstrukturiert und denke, dass man es ganz anders hätte aufbauen müssen. Auch hat mich der Schreibstil genervt, da er nicht nur extrem umgangssprachlich war, sondern noch dazu betont lustig/quirky. Ich bezweifle ehrlich gesagt stark, dass der Millennialslang gut bei der jungen Zielgruppe ankommt.

Schade fand ich, dass die Buchtipps am Ende ziemlich mau ausgefallen sind. Es wurden einige Bücher empfohlen, die seit Ewigkeiten nicht mehr verlegt werden und man auf üblichem Wege nicht kaufen kann. Auch Reichl hat manche der Bücher noch nicht selbst lesen können. Und selbst wenn man mal ein Exemplar auftreiben könnte, kann man das ja kaum als Lektüre für die Klasse auswählen. Solche Tipps sind im Grunde genommen völlig unbrauchbar.
Dazu waren auch extrem viele (Auto-)Biografien darunter, die meiner Meinung nach als Klassenlektüre auch eher ungeeignet sind. Des Weiteren waren viele Titel dabei, die im Original Englisch und deshalb mMn für den Deutschunterricht auch nur mittelgut geeignet sind.

Die Grundfrage des Buches, weshalb der Literaturkanon so homogen ist, wurde jedoch recht gut und anschaulich beantwortet. Mir fehlte aber etwas der Vergleich zu anderen Sprachen, da zum Beispiel im englischsprachigen Bereich gefühlt mehr BIPOCs, Frauen und homosexuelle Männer vertreten sind. Weshalb kriegen es andere Länder/Kulturen besser hin als im deutschsprachigen Raum?

Am besten am Buch haben mir die Funfacts zu Autor*innen am Ende des Buches gefallen. Da kannte ich die meisten nicht und hab richtig gelacht!

Zuletzt noch ein kleiner Kritikpunkt (für alle Swifties): Wieso hat die Autorin erwähnt, dass man anhand der Songlyrics von Taylor Swift darüber spekulieren könnte, ob sie bi sei? Da wird so viel Wert auf PC gelegt (ist auch völlig richtig so) und dann kommt sowas? TS hat mehrmals betont, dass sie es nervt, wenn ihr Liebesbeziehungen zu Freundinnen angedichtet werden. Das nervt mich... Man muss ihr Dementi dahingehend doch akzeptieren...
Profile Image for Isa ◡̈ .
234 reviews41 followers
March 29, 2023
Um es direkt vorab zu beantworten: JA! DIESES (erzählende Sach-)Buch muss mensch gelesen haben ❤️‍🔥 und PLEASE können wir uns darauf einigen, dass wir das jetzt alle fleißig lesen und darüber sprechen werden? 🤝🏼

Ihr wollt Gründe? Kein Problem, hier kommen meine Gründe, warum 🤝🏼JEDE:R 🤝🏼 »Muss ich das gelesen haben? Was in unseren Bücherregalen und auf Literaturlisten steht - und wie wir das jetzt ändern« von Teresa Reichl lesen sollte🔥:

• Literatur sollte allen zugänglich sein, daher schreibt Teresa umgangssprachlich, verständlich, mit Humor und im zeitgemäßen Deutsch über Literatur, den Literaturkanon, Lesen und was wir alles lesen könnten 📖

• Abgesehen davon, ist das Buch extrem funny — lest nur mal die Fußnoten 🤌🏼

• Dieses Buch ist eine ❤️‍🔥Liebeserklärung ❤️‍🔥 an Literatur und das Lesen (und erklärt dies und auch warum Lesen gut für uns alle ist und noch viel mehr #basiscamp) 

• Teresa erklärt ausführlich, warum Goethe und Schiller BFFs waren, was das mit Klassikern zu tun hat und wieso so viele weiße, christliche cis-Männer die Klassikerliteratur prägen (und nebenbei, warum ‚cis‘ keine Beleidigung ist, wie von einigen weißen cis-Männern falsch verstanden…) 💥

• Fundierte Kritik am Literaturkanon inkl. Erläuterungen der strukturellen Diskrimminierung, die damit einhergeht, sowie der Auswirkungen

• Vorstellung von Alternativen für einen diversen Kanon werden jeweils in einzelnen Kapitel vorgestellt und fundierten Buchtipps (inkl. Übersicht am Ende und Möglichkeit Eure Ergänzungen zuzusenden) — I am pretty sure jede*r Booklover findet hier mind. einen neuen Tipp 😌

• Sensibilty-Check des gesamten Buches nach Lektorat 🫰🏼

Und wen das noch nicht überzeugt hat:
• Lest es, weil Teresa einfach mega cool, smart, witzig und authentisch ist! Ihre YouTube Videos über Klassiker sind ebenfalls großartig und vermitteln smart das notwendige Wissen darüber.

❤️‍🔥 RIESEN LESEEMPFEHLUNG FÜR JEDE*N ❤️‍🔥
Profile Image for Sarah.
650 reviews10 followers
June 7, 2023
Großartig! Informativ und unterhaltsam obendrein.
Profile Image for Carina.
298 reviews5 followers
July 22, 2023
Ich bin halt einfach nicht die Zielgruppe. Die sehr junge/hippe Sprache war mir manchmal zu viel und es ist schon sehr fokussiert auf Jugendliche/Schule und damit hab ich gar nix zu tun (keine Pädagogin, keine Kinder etc). Aber trotzdem gut, dass es das Buch gibt :)
Profile Image for Mira123.
672 reviews11 followers
April 10, 2023
Wie ihr alle wisst, rezensiere ich auf meinem Blog immer wieder auch Klassiker. Für mich war das eine Trotzreaktion auf die Tatsache, dass viele Menschen Klassiker als unantastbar betrachten und auf eine Art Podest stellen. Leute, es sind nur Bücher. Ja, das sind Texte, denen wir als Gesellschaft einen besonderen Wert zuschreiben, aber trotzdem nur Texte. Wenn wir die auf ein Podest stellen, sie unantastbar machen und jede Kritik daran verbieten, steigt die Angst vor diesen Büchern. Wenn man die um jeden Preis mögen muss, weil sonst die eigene Intelligenz infrage gestellt wird, können Klassiker nur negativ wahrgenommen werden. Da lässt man dann lieber die Finger davon. Das war lustigerweise auch bei mir lange der Fall. Würde man wohl nicht glauben, dadurch, dass ich Literaturwissenschaft studiere, oder? Erst als ich mir erlaubt habe, Klassiker zu kritisieren, darüber zu schimpfen, zu lachen und sie als normale Bücher zu betrachten, haben sie angefangen, mir Spaß zu machen. Und auch die Frage "Muss ich das gelesen haben?" kann ich seitdem einfacher beantworten: Nein, du musst nichts gelesen haben. Außer du willst es lesen.

In diesem Sachbuch betrachtet Teresa Reichl Klassiker auf verschiedenen Perspektiven. Sie erklärt Fachbegriffe (Was ist eigentlich Literatur?), erklärt, wie ein Kanon entsteht und warum der aktuelle Kanon doch problematisch ist und kritisiert werden muss und macht Vorschläge, durch welche Bücher der aktuelle Kanon ergänzt werden könnte, um ihn diverser zu machen.

Besonders an diesem Buch ist vor allem sein Schreibstil. Dieses Buch richtet sich an Jugendliche und das merkt man auch. Die Autorin verwendet hier Slang, Dialekt, zitiert TikTok-Videos und Memes. Ich gehöre nicht mehr zur Zielgruppe und das habe ich auch deutlich gemerkt. Gerade zu Beginn hatte ich mit diesem Stil Probleme, gerade jüngeren Leser:innen könnte das aber gefallen. Mir selbst waren da zu viele Füllwörter, mit vielen der Fußnoten konnte ich nichts anfangen und die vielen Seitenhiebe gegenüber Thomas Mann hielt ich irgendwann für übertrieben.
Auch gefallen könnte jüngeren Menschen Reichls Definition von Literatur, die um einiges weiter gefasst ist als meine eigene. So können für Reichl auch TikTok-Videos Literatur sein - eine Einstellung, die ich nicht wirklich teilen kann. Allerdings bin ich auf dieser App auch nicht wirklich aktiv und sehe nur Videos, die mir weitergeleitet werden. Wer weiß also schon, ob sich da nicht auch Hochwertigeres rumtreibt.

Mein Fazit? Mich würde es interessieren, wie dieses Buch bei der tatsächlichen Zielgruppe ankommt. Da gehöre ich nicht mehr ganz dazu. Ich mochte einige Aspekte dieses Buchs, mit anderen hatte ich meine Probleme.
Profile Image for Charlie.
779 reviews27 followers
November 11, 2025
4 STERNE

Insgesamt fand ich das ein sehr übersichtliches Buch, das mir inhaltlich sehr aus der Seele gesprochen hat. Ich bin nicht soo bewandert, wenn es um deutschesprachige Literatur geht, was vielleicht daran liegen könnte, dass ich in der Schule die meisten Lektüren nicht komplett gelesen habe und insgesamt in meinem Leben viel mehr auf Englisch als auf Deutsch gelesen habe. Aber das nur nebenbei.

Sprachlich war das Buch ein bisschen anstrengend. Ich bin nicht mehr in der Haupt-Zielgruppe des Buches und besonders am Anfang war der Schreibstil etwas befremdlich. Mit der Zeit hat sich das aber deutlich gebessert. Klar, einige (wenn nicht viele) der Fußnoten waren etwas unnötig und es wurde etwas krampfhaft versucht, für Jugendliche zugänglich zu schreiben - mit mäßigem Erfolg. Aber das sage auch ich als nicht-Jugendlicher... Auffallend fand ich auch, dass einige der Referenzen zu Internet Trends sich wirklich seeeehr weit entfernt angefühlt haben, auch wenn erst ein paar Jahre seit Veröffentlichung (zwei um genau zu sein) vergangen sind.

Den Aufbau des Buches und die Abarbeitung an "Was ist Literatur überhaupt?", "Warum muss ich das lesen?" und "Wie können wir den 'Kanon' und Leselisten verbessern?" fand ich super. Wie bereits erwähnt, habe ich inhaltlich eigentlich nichts auszusetzen. Ich fand es spannend zu lesen und habe mir natürlich auch einige der Werke aufgeschrieben, denn mein Ziel als Literaturwissenschaftler ist es natürlich, auch im Privaten divers zu lesen und neue Perspektiven und Blickwinkel einzunehmen.

Man merkt auf jeden Fall wie leidenschaftlich Reichl am Werk ist und damit kann ich mich natürlich vollkommen identifizieren. Ich denke auch, gerade für interessierte Jugendliche kann das ein super Ansatz sein, sich mit diesen wichtigen Themen von Repräsentation und Machtstrukturen und -dynamiken im Literaturbetrieb auseinanderzusetzen und darauf aufmerksam zu werden. Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, dann fehlte dieser Aspekt nämlich auch eigentlich komplett und auch im Germanistik-Studium haben mir diese Diskurse, die ich aus meinem Kernfach Englisch gut kannte, größtenteils gefehlt. Da war dann von 11 Texten im Seminar ein einziges von einer Frau geschrieben und als Begründung auf Nachfrage wurde dann auch gesagt "Das sind nunmal die wichtigsten Vertreter der Epoche". Reichl zeigt hier auf, dass man mit ein bisschen nachforschen sehr einfach Alternativen findet und ich teile ihre Meinung, dass es in jeder 'Epoche', zu jeder Zeit Alternativen zum sogenannten etablierten Kanon gibt.

Insgesamt also ein wirklich tolles Buch, leider hat mich die sprachliche Ausgestaltung zu sehr gestört, um 5 Sterne zu geben.
Profile Image for Jodi.
2,315 reviews43 followers
June 29, 2023
Auf die Frage, ob jemand dieses oder jenes Buch gelesen haben sollte, habe ich bisher immer geantwortet, dass es kein Buch gibt, das jede/r gelesen haben MUSS. Nun aber revidiere ich meine Meinung und antworte, _dieses_ Buch hier _muss_ mensch gelesen haben.

Habt ihr euch auch schon mit Schullektüren gelangweilt? Euch gefragt, weshalb ihr das lesen müsst? Ob ihr einfach nicht schlau genug seid, um das Ganze zu begreifen? Selbst ich als Buchhändlerin mit einer lebenslangen Liebe zu Büchern bin schon an Schultiteln gescheitert. Jedoch könnte dies auch daran liegen, dass der Literaturkanon sehr einseitig gestaltet ist und wir uns einfach nicht in dessen Lebenswelt wiederfinden. Denn der Kanon wird grundsätzlich von einer einzigen Gesellschaftsschicht dominiert und ausgewählt: CIS-männlich, weiss und aus gehobenen Verhältnissen.

Genau dies möchte Teresa Reichl ändern. Und das tut sie laut und bunt. Weil das Leben so ist: divers. Die Ausrede "Dazu gibt es nicht" lässt sie ebenfalls nicht gelten und zeigt auf, dass es eben nicht so ist. Es wurde vielen Menschen schwer gemacht, den Frauen, den Queeren, den Behinderten, den Armen, aber dennoch haben sie sich widersetzt. Haben geschrieben. Sich gewehrt. Getrotzt. Gekämpft.

Unsere Welt besteht nicht nur aus einer einzelnen Gruppe. Wir sind ein Mosaik. Wir sind viele. Und gerade für junge Menschen ist es wichtig, ein Gefühl vermittelt zu bekommen, dass sie nicht alleine dastehen. Alleine sind mit diesen Gefühlen. Gedanken. Dass es da draussen welche gibt, denen es vielleicht eben so geht.

Auch ist es wichtig, zu vermitteln. Rassismus aufzuzeigen. Vorurteile abzubauen. Den Horizont zu erweitern. Sich in andere fühlende Wesen einzudenken. Das alles kann Kunst. Dazu zählt Teresa Reichl nicht nur Literatur, sondern auch YouTube-Videos, Poetry Slam, Lyrics. Kunst ist überall zu finden und es wird Zeit, dass der Lehrplan sich der Lebensrealität der jungen Menschen annimmt.

Denn das haben sie verdient. Und wir alle haben es verdient, die Welt nicht nur aus einem einzigen Blickwinkel wahrzunehmen.
Profile Image for anna.
92 reviews
Read
March 25, 2024
ich versteh ihren punkt und stimme ihr auch teilweise zu, aber es hat sich irgendwann sehr wiederholt und die sprache hat mir gar nicht zugesagt
Profile Image for ~•verena•~.
492 reviews8 followers
June 19, 2025
5 ⭐
Servus und willkommen in meinem Buch! Wie wild, das zu tippen...

- Muss ich das gelesen haben?..., S. 1


Dieses Buch hat 5 Sterne verdient, einfach weil es ist wie es ist. Und existiert!
Teresa Reichl hat hier quasi einen alternativen Kanon zu erstellen begonnen, der als super Ergänzung zum bestehenden (weißen, männlichen) Kanon konsultiert werden kann.
Das ist so wichtig, weil (und hier zitiere ich einfach mal die Autorin persönlich):
... dass unser Kanon die komplette Gesellschaft widerspiegelt, und das sollte euch verdammt nochmal ein Bedürfnis sein. Da wird niemandem etwas weggenommen, sondern es wird ergänzt, was bitter nötig und überfällig ist. Damit alle gesehen werden – damit sich alle gesehen fühlen können. Weil das doch das Wunderbarste ist, was Literatur kann...

- Muss ich das gelesen haben?..., 86%


Sprachlich richtet es sich an die Zielgruppe Jugendliche, die noch die Schule besuchen oder studieren. Ich frage mich, wie es bei denen ankommt? Ist es von denen oft gelesen, oder doch zu nischig, weil eher ein Nachschlagewerk für engagierte Deutschlehrende?

Aufgrund des Aufbaus kann man die Kapitel auch einzeln lesen. Liest man es am Stück, ist es etwas repetitiv, was aber typisch für Sachbücher dieser Art ist.

Was ich besonders cool finde: auf mussichdasgelesenhaben.com findet man alle genannten Bücher und es werden wohl auch Ergänzungen gemacht, die aus den Zusendungen, die die Autorin erhält bestehen.

... Wieder geht es darum, wem genau zugehört wird, wessen Themen als wichtig erachtet werden und wer es „wert“ ist, eine Geschichte erzählen zu dürfen. Da gehörten – und gehören zum Großteil leider – Arbeiter*innen nicht dazu. Geschweige denn arbeits- oder wohnungslose Menschen...

- Muss ich das gelesen haben?..., 39%
Profile Image for Rosa.
662 reviews41 followers
July 30, 2023
Fand es vom Inhalt her sehr sehr spannend und informativ, aber die Art, wie es geschrieben ist, hat mich beim Lesen leider wahnsinnig genervt. Ich verstehe, dass es leicht zugänglich sein soll und ich rede auch so, aber es war furchtbar zu lesen. Vor allem mit den 100+ Fußnoten, die keine Zusatzinformation, sondern nur die „witty remarks“ (die sich auch ständig wiederholt haben) der Autor*in sind.
Inhalt hätte mehr Sterne verdient, aber leider musste ich dafür viel zu oft die Augen verdrehen beim Lesen.
Profile Image for Tanja Schöttl.
182 reviews
January 7, 2024
Gut recherchiert, gut aufbereitet mit neuen und relevanten Sichtweisen. Einzig
den fast „Zwang“ zur Verwendung von Anglizismen und fancy Sprache bräuchte ich nicht unbedingt - ist teilweise mühsam.
Profile Image for Christiane.
45 reviews
May 23, 2023
Hab ich was gelernt, obwohl ich schonmal Germanistik studiert habe? Auf jeden Fall.

Wünschte ich, das hätte ich alles schon in der Schule wissen können? Ja!

Sollten das alle (angehenden) Deutschlehrkräfte und Dozierende lesen? Ja, bitte unbedingt!

War es einfach saulustig zu lesen? Ja, ja, ja!

Danke liebe Teresa! Am Ende gibt's noch ne echt lange Literaturliste als Inspiration zur Erweiterung des Kanons, also genau das was wir alle brauchen 😊
6 reviews
August 21, 2023
Rückblickend würde ich meine Lehrer*innen nun dermaßen auf die Nerven gehen und wissen, was es da alles eigentlich gibt! Tolles Buch 👍
Profile Image for lara.
84 reviews
November 16, 2025
Ich muss sagen, am Anfang fand ich es etwas zäh, teils auf Krampf lustig. Generell bin ich kein Fan von zu vielen Fußnoten. Der dritte Teil jedoch war echt gut und hat mich mitgerissen. Er war dass, was ich vom Buch erwartet habe. Ich hab an vielen Stellen geschmunzelt weil es eine angenehme Schreibweise hatte (bis auf die Fußnoten, please, ich verlier mich dann in den Zeilen).
Generell würd ich 3,5-4 Sterne geben.
Profile Image for Miss Bookiverse.
2,242 reviews87 followers
June 4, 2023
Wisst ihr noch, was für Autor*innen ihr so in der Schule gelesen habt? Bei mir waren das zum Beispiel Joseph von Eichendorff, Erich Maria Remarque, Günter Grass, Gotthold Lessing, Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Bernhard Schlink, Bertolt Brecht, Friedrich Dürrenmatt, Theodor Fontane, Gottfried Keller, Peter Härtling, Theodor Storm und Sybille Berg. Na, fällt euch was auf? Ziemlich homogene Masse, oder? Sah bei euch vermutlich ähnlich aus, vorrangig weiß, männlich, cis, hetero, christlich, wohlhabend und able-bodied. Wenn ich mich richtig erinnere, hat mich die hohe Männerquote schon zu Schulzeiten gestört und ich fand es immer frustrierend, dass wir nie etwas Aktuelles gelesen haben, das mehr mit meiner Lebensrealität zu tun hat. Wieso das so ist und weshalb das ausführlicher Kritik und Veränderung bedarf, erklärt Teresa Reichl in ihrem wunderbaren Sachbuch Muss ich das gelesen haben?

In kurzen Kapiteln erläutert sie erst einmal, was wir eigentlich unter Literatur verstehen, wieso die so wichtig (und geil) ist, weshalb wir in Deutschland so auf ernste, komplizierte Texte stehen (Spoiler: um uns schlau und überlegen zu fühlen) und warum es so schwierig ist, sich alten Texten ohne Kontextwissen zu nähern. Im Anschluss übt sie Kritik an der Einseitigkeit unseres Klassikerkanons (siehe oben: männlich, weiß etc.), gibt zu bedenken, was für (negative) Auswirkungen es hat, immer nur Literatur von und über einen einzigen Teil der Bevölkerungsgruppe zu lesen und bietet gleichzeitig jede Menge Alternativen bzw. Ergänzungen an, mit denen sich der Kanon diversifizieren ließe. “Da gibt’s halt nichts anderes” ist nämlich eine Ausrede, die nicht mehr gilt.

Durch mein eigenes Studium sind mir viele von Reichls Fakten und Kritiken nicht neu, aber ich habe trotzdem jede Seite ihres Buches mit Genuss und Interesse gelesen, denn sie ist Germanistin, was nie mein Fokus im Studium war, und unheimlich gut darin, Wissen kompakt und leicht bekömmlich zusammenzufassen und dabei mit Leichtigkeit die Zusammenhänge zum heutigen Stand der Dinge aufzuzeigen. Außerdem ist ihr Ton und Humor unschlagbar: frech, trocken und pointiert. Da kommen definitiv ihre Künste als Poetry-Slammerin durch. Mit diesem Stil werden sich nicht alle Lesenden anfreunden können, aber gerade viele der jüngeren Generation, an die sich das Buch vorrangig richtet, werden sicher ihren Spaß damit haben. Für eine Kostprobe empfehle ich Teresas YouTube-Kanal.

Ein fabelhaftes, unterhaltsames Sachbuch, das nicht nur Zusammenhänge leicht verständlich darlegt, sondern auch Lust aufs Klassiker Lesen macht. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss die zahlreichen Empfehlungen aus Teresas Buch recherchieren und lesen.

[4.5 Sterne]
Profile Image for Lillian.
262 reviews12 followers
June 29, 2023
Ich möchte dieses Buch jedem meiner ehemaligen Lehrer und Dozenten am liebsten an den Kopf schmeißen. Oder zumindest passiv aggressiv mit viel Liebe in der Post zuschicken, hätte ich ihre Adressen. 😊
Wie sehr hat mir Teresa Reichl aus der Seele geschrieben! Quasi 1:1 decken sich meine eigenen Erfahrungen mit dem, was sie über ihre Zeit an der Schule und Universität schreibt. Wie Reichl, war ich bereits ein Nerd in der Schule und liebte nicht nur Geschichten, sondern Literatur. In Deutsch und Englisch las ich die Lektüren immer gleich am ersten Tag und schrieb ganze Lesetagebücher darüber. An der Universität studierte ich Germanistik und Literaturwissenschaft und freute mich, endlich mein liebstes privates Hobby wissenschaftlich zu hinterlegen und für den späteren Beruf auf neuer Ebene kennen zu lernen.
De Realität sah dann aber ganz anders aus. Noch nie in meinem Leben habe ich so wenig gelesen wie während meines Literaturstudiums. Zum einen war man geradezu überschwemmt von theoretischen Texten und Abhandlungen, die man entweder lesen oder selbst schreiben sollte. Zum anderen stellte sich heraus, dass der eigentliche Untersuchungsgegenstand, der Text, nur selten überhaupt besprochen wurde. Darüber hinaus handelte es sich in über 90 Prozent der Fälle um Texte von Männern. Während meiner gesamten Studienzeit (immerhin 7 Jahre!) tauchte kein einziger Text von Bi_PoC, LGBTQ+, Menschen mit Behinderung oder Personen mit einer Religionsangehörigkeit statt des Christentums auf. Auch in den offiziellen Lektüreempfehlungen der Uni kann man froh sein, überhaupt die ein oder andere Frau zu finden.
Die Lektüre von Reichls Buch war daher für mich wie eine Katharsis und gleichzeitig eine Beruhigung, dass ich in meiner Erfahrung nicht alleine bin, wie auch eine Wutprobe!
In drei aufeinander aufbauenden Teilen unternimmt die Autorin den Versuch, sich dem klassischen deutschen Literaturkanon, anzunehmen und ihn nicht nur zu dekonstruieren, sondern auch in praktischer Hinsicht neu zu gestalten. Dabei erkennt sie gleich zu Anfang an, dass diese Aufgabe in einem knapp 200 Seiten langen Buch nicht abschließend bewältigt werden kann.
Stattdessen fungiert ihr Text eher als Denkanstoß. Sowohl für die jungen (teilweise noch zur Schule oder Universität gehenden) Leser*innen als auch für diejenigen, welche Literatur lehren und verbreiten (Sprich: Verlage, Ministerien, Schulen, Universitäten).
Warum lesen wir, was wir lesen? Warum ist dies in Teilen problematisch und was können wir dagegen unternehmen.
Das Fazit, welches ich aus Reichls Buch mitgenommen habe, ist vor allem, dass man es immer auch in der eigenen Hand hat. Sicher können gerade junge Leser‘*innen aufgrund fehlender Erfahrung und Übersicht über das Literaturangebot noch nicht selbst diverse und recherchierte Vorschläge zum Unterrichtsmaterial machen, aber was ihnen an dieser Front fehlt, können sie durch Fragen und Enthusiasmus wett machen.

Ein Aspekt hat mir gefehlt, warum dieses Buch, obwohl es in all seinen inhaltlichen Punkten meiner Meinung nach nicht nur korrekt, sondern auch notwendig ist, nur 4 statt 5 Sternen bekommen hat.

Die Genre-Frage! Was Reichl in ihrem Sachbuch bespricht, ist der Klassik-Kanon der Literatur wie er an Schulen gelehrt wird. Was dabei allerdings außen vor bleibt ist die grundlegende Frage: Warum eigentlich ausschließlich eben dieser besprochen/gelehrt werden sollte? Und warum der Kanon klassischer Literatur zwar Tragödien einschließt, sich aber historischen Werken aus beispielsweise dem Horror Genre verschließt, obwohl viele literarische Marker übereinstimmen. Ebenso bleibt unerwähnt, warum in den Mittel- und Oberstufen, geschweige denn im Studium der Literaturwissenschaft, Genre wie Science-Fiction, Thriller, Krimi, Noir, Horror oder Fantasy außen vor bleiben.
Als ich während meines Studiums nachfragte, bekam ich zu hören: „Das ist keine Literatur.“ Wie bitte?
Dieser Ansatz ist meines Erachtens eine wichtige Ergänzung, zu der unbedingt nicht nur geforscht sondern auch unternommen werden muss. Wie Reichl selbst sagt, kann sie sich vorstellen, in Zukunft weitere Bücher zu der Thematik zu schreiben. Über eine Thematisierung des Genres und der Stigmatisierung an Schulen und Universitäten ließe sich noch eine Menge sagen und bewegen!

Auf jeden Fall eine absolute MUSS Lektüre. Auf die Frage ob man DIESES Buch gelesen haben muss, gibt es eigentlich nur eine Antwort: JA!
Profile Image for Minnie.
1,218 reviews42 followers
May 4, 2023
Eins vorweg: die meisten kennen die Autorin wahrscheinlich durch ihre poetry slams und/oder social media, aber ich wusste nicht mal, bevor ich das Buch gekauft hatte, dass sie einen Bekanntheitsgrad besitzt. Das hat mich nicht im mindesten beeinflusst, denn ich kann nur sagen, dass ich es großartig fand.

Es muss wirklich viel passieren, dass ich mal in einem Buch etwas mit einem Post-It markiere und selbst im Buch direkt markern habe ich nicht mal in der Schule gern gemacht. Teresa Reichl hat es geschafft, dass ich sogar beides benutzt habe, weil es so unglaublich viele Stellen gibt, die es wert waren, festgehalten zu werden.

Ich kann mir vorstellen, dass viele ihre Sprache sehr schwierig finden werden, weil fast alles in einem sehr jungendslangartigen Sprache festgehalten wurde, was für mich perfekt funktionierte. Es ist von Anfang an zu sehen, dass die Zielgruppe Jugendliche und junge Erwachsene sind und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es auch bei denen gut ankommen wird.

Es ist fast gruselig, wie sehr ihre und meine Meinung übereinstimmen, was das Thema Schulkanon und Unterrichtslektüren angeht. Wir verabscheuen sogar dieselben Autoren/Werke und die Art und Weise, wie sie sich über sie auskotzt und das mit recherchierten Tatsachen hinterlegt, war unglaublich unterhaltsam und lustig. Ganz oft habe ich mit dem Finger auf eine Passage gezeigt, es mit meinem Marker angestrichen und gesagt: "genau das denk ich auch." Oder ich habe einfach Stellen angestrichen, wo ich etwas interessant fand oder ich etwas neues dazu gelernt habe. Besonders toll fand ich die Liste mit Buchempfehlungen am Ende, wo ich mich bei meinen nächsten Käufen wohl orientieren werde. (Mein armer Geldbeutel..)

Jedes wichtige Thema findet sein Gehör: weibliche Autorinnen, queere Autor*innen, disabled, poc, etc. Wirklich großartig wie sie zu jeder Rubrik auch von ihr recherchierte Beispielbücher aufgezählt werden.

Weiße, frauenfeindliche, rassistische Männer, die noch immer im Schulunterricht gelesen werden, sollten dringend überholt und -arbeitet werden und es muss diverser gelesen werden im Unterricht. Definitiv jetzt, wo Teresa Reichl aufdeckt, dass es auch anders sein kann.

Mit viel Charme und Witz (besonders ihre random Anekdoten zu Autoren*innen fand ich mega lustig!) räumt Reichl mit den alten verstaubten Klassikern auf und zeigt, dass der Patriarchat alles gegeben hat, um den 'toxic white man' auf seinem Posten zu lassen, selbst in der Schule.

Womit hoffentlich bald Schluss ist.
Profile Image for Tessa.
923 reviews23 followers
March 22, 2023
Ich kannte Teresa Reichl zuvor nicht, fand aber den Klappentext unheimlich spannend und vielversprechend. Und ich wurde keinesfalls enttäuscht.

Die Tatsache, dass das Buch eher in Umgangssprache geschrieben worden ist finde ich so viel ansprechender als Werke von Autor:innen, welche einfach zu akademisiert schreiben. Genau wie Reichl schreibt, die Zielgruppe (junge Menschen, welche sich vielleicht gerade in der Schule mit alten Klassikern rumschlagen müssen) wird durch zu wissenschaftlich klingender Sprache eher abgeschreckt.

Nachdem die Autorin erklärt, was überhaupt Literatur ist und wieso Literaturanalysen im Leben gebraucht werden, analysiert sie, weshalb der momentane Kanon so ist wie er ist. Sprich: alte, weiße, heterosexuelle Männer. Danach kommen vielseitige Vorschläge ihrerseits was den Kanon bereichern könnte. Hier schlägt sie beispielsweise vor, in der Schule mal zu Komödien zu greifen statt zu Tragödien. Sie erwähnt beispielsweise auch Bücher von jüdischen, queeren, oder behinderten Autor:innen, schlägt aber auch non-book Alternativen vor, was ich unglaublich spannend fand.
Zudem erklärte sie auch genaustens, wieso "Der Junge im gestreiften Pyajama" so problematisch ist. Nach all den Lobeshymen, welche ich aus unverständlichen Gründen noch immer online lese, finde ich es super wichtig, dass das Buch öffentlich kritisiert wird.

Das Buch lohnt sich absolut, und jeder kann hieraus was mitnehmen. Lediglich einen Stern Abzug von mir, weil oftmals Analysen von Werken von Goethe, Schiller, Lessing und Mann vorkamen, ich aber noch nie eines der Bücher lesen musste und daher oftmals ratlos dasaß.
Profile Image for Naraya.
274 reviews8 followers
April 6, 2023
Alles fing mit YouTube-Videos über Literatur an – verständlich, witzig und so für alle zugänglich. Warum ist der Kanon eigentlich so männlich, weiß, hetero, christlich und able-bodied? Und weshalb soll ich überhaupt (Klassiker) lesen? Diese und viele andere Fragen beantwortet Kabarettistin und Autorin Teresa Reichl nun in ihrem Buch „Muss ich das gelesen haben?“ Dabei berichtet sie auch von den eigenen Erfahrungen im Germanistikstudium, wenn sie Lehrende mit einer von diesen Fragen konfrontierte und spricht so sicherlich vielen Jugendlichen aus der Seele, die mit der Auswahl der Literatur in der Schule hadern.

Nach einem Vorwort gibt es zunächst eine kurze Einführung in den Literaturbegriff. Anschließend beantwortet die Autorin die Frage, warum wir überhaupt lesen sollten; neben den positiven Auswirkungen auf unser Gehirn, steht hier die Entwicklung von Empathie für andere Perspektiven im Vordergrund. Zudem zeigt, so Reichl, klassische Literatur uns auf, wo wir als Gesellschaft herkommen und wie bestimmte -ismen (Rassismus, Sexismus, Klassismus etc.) immer weitertransportiert werden.

Das zweite Kapitel ist dann eine konsequente Fortsetzung, in dem sich Teresa Reichl damit beschäftigt, warum wir lesen, was wir lesen, warum bspw. Goethe und Schiller dabei so im Fokus stehen und warum der Kanon ein „Gewohnheitstier“ ist. Im letzten Abschnitt folgt schließlich der interessanteste Teil: Was sollen wir stattdessen lesen? Hier schlägt die Autorin Komödien, Literatur marginalisierter Autor*innen und neue Literaturformen vor.

„Muss ich das gelesen haben?“ ist in sehr lockerem Ton verfasst. Die Autorin, und eben auch Kabarettistin, schreibt, wie sie spricht und ergänzt ihren Text mit zahlreichen witzigen Fußnoten, die ich persönlich nicht gebraucht hätte. Zudem ist die Frage, welche Zielgruppe sich hier angesprochen fühlen soll. Jugendliche, die nicht lesen, erwartet hier eine wahre Textwand, die kaum Abschnitte und nur eine einzige Grafik hat. Geübte Leser und Lehrkräfte schreckt möglicherweise der Stil des Buches ab. Dennoch: ein wichtiges Thema, kurz und knackig präsentiert.
Profile Image for Coribookprincess.
647 reviews24 followers
April 14, 2023
Muss ich das gelesen haben? war wirklich interessant und aufklärend.

Ich finde es toll das am Anfang erstmal auf Definitionen und Erklärungen eingeht - Was ist Literatur überhaupt.

Teresa macht die Klassiker und auch die Literatur nahbarer und echter.
Dieses Podest-Klassiker denken wird einfach mal aufgehoben.
Auch die Informationen zu Autoren und Büchern waren super spannend.

Ich mag ihre Klassiker Analysen und Zusammenfassungen total gerne - Ihr Youtube Kanal ist auch super interessant.

Der Schreibstil ist eher locker leicht und umgangssprachlich - die Fußnoten sind super witzig und informativ. Nur am Anfang hatte ich mal das Gefühl, dass es etwas chaotisch war.

Das Buch lässt einen einfach die Augen öffnen und ich hab beim Lesen sehr viel gelernt.

Ich würde mir wirklich Wünschen, das mehr Vielfalt in die Schule kommt und auch das ein paar alte Geschichten wieder verlegt werden.

Ein informatives und interessantes Buch, locker leicht zu lesen und auch einfach spaßig.
Profile Image for Nika.
23 reviews14 followers
June 8, 2023
Das Buch ist super für Leute, die sich mit dem Thema Literatur auseinandersetzen und abwechslungsreicher lesen möchten aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Es ist witzig, richtet sich vorrangig an junge Leute (was mich aber nicht gestört hat) und Literaturnerds. Besonders gut fand ich die Fußnoten. Wie genial ist es den eigenen Text noch zu kommentieren?
Teresa Reichl kenne ich vor allem als Poetry Slammerin und so habe ich in meinem Kopf die Fußnoten in ihrer Stimme gehört. :D

Einziger Minuspunkt für mich: Der Anfang ist für jemanden der im Thema drin ist etwas zäh, da es nicht viel Neues gibt. Die Witze lockern es etwas auf, aber ich hätte getrost das ganze überspringen können.

Dieses Buch empfehle ich Schüler*innen, Lehrpersonal (!!!) und verantwortlichen Personen in Schulen uneingeschränkt.
9 reviews2 followers
July 19, 2023
Ich bin durch einen Podcast (natürlich habe ich da ein paar für Bücherliebhaber abonniert) auf Teresa Reichl aufmerksam geworden. Ich fand sie unglaublich sympatisch und habe mich sehr von ihr angesprochen gefühlt. Danach habe ich mir ihren YouTube-Kanal angesehen und es war passiert. Das Buch musste ich einfach lesen. Es war übrigens kurze Zeit nicht direkt lieferbar…. greift also schnell zu ;-)⠀

In der Schule hat mir das Lesen der “Klassiker” viel Freude bereitet, nach der Schulzeit haben auch immer mal wieder Reclam-Hefte zu mir gefunden. Ich hatte aber irgendwie immer die Befürchtung, ich könnte sie vielleicht ohne den Rahmen Deutschunterricht nicht richtig verstehen bzw. deuten. Dabei soll mir das Lesen ja primär Freude bereiten und mich nicht vor Ehrfurcht erstarren lassen. ⠀

Theresa Reichl erklärt sehr anschaulich und in einem “jugendlichen Ton” (ich entspreche da vermutlich eigentlich nicht der Alters-Zielgruppe) was Literatur eigentlich ist, was sie für unsere Gesellschaft bedeutet und wie sie uns im Leben nützlich sein kann.⠀
Teresa räumt die verstaubten Leselisten der Schule auf und hat durch ihre Recherchen viele literarische Schätze entdeckt. ⠀
Wichtigste Zielsetzung: Lest Literatur von den Menschen, die tatsächlich etwas von dem verstehen, was sie schreiben, weil sie selbst ein Teil davon sind. ⠀
Teresa hat eine umfangreiche Liste mit Werken zu den verschiedensten Themen- und Lebenswelten zusammengefasst. Diese ist übrigens für jeden auch auf ihrer Website verfügbar, ich würde aber trotzdem immer auch empfehlen, ihren Text dazu zu lesen. Es ist wirklich ein Vergnügen.⠀

Top: Das Buch ist sehr kurzweilig und man kann sich auch immer wieder in einzelne Kapitel einlesen.⠀

Meine Bewertung: absolute Kaufempfehlung⠀

Für wen: alle die Bücher lieben, neue “alte” Entdeckungen suchen und besonders für Schüler, die Lust auf neue Lektüre haben. ⠀
Profile Image for Janina.
878 reviews82 followers
April 18, 2024
Yes, yes, yes. Hab's geliebt. Toller 'mündlicher' Schreibstil, Entertainment und Wissen - gute Kombi. Sehr, sehr viel markiert. Es ist super gut erklärt, besonders für Teenies, Jugendliche und junge Erwachsene. Ich habe mir ca. 10 Titel notiert, die ich lesen möchte. Reichl macht eine Reihe von guten Vorschlägen, die hoffentlich von Menschen in der Branche umgesetzt werden (Daumen drücken). Auch schöne Buchempfehlungen-Liste am Ende. In den letzten Zeilen sagt Reichl, dass Reichl sich wünscht, dass in den nächsten 10 Jahren so viel in dem Bereich passiert, dass sie ein weiteres Buch als Nachfolger schreiben musss, um aktuell zu bleiben - und das hoffe ich auch. :)


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