Weiblich, lesbisch, deutsch, cis, queerfeministisch, Germanistin und Autorin – bei all diesen Parallelen zwischen der Verfasserin und mir ist es eigentlich fast schon ein Wunder, dass ich Teresa Reichl erst vor wenigen Wochen für mich entdeckt habe. Aber auch nur fast, denn zwischen uns beiden liegt immerhin ein Vierteljahrhundert, wie mir bei der Lektüre dieses Buches auch immer wieder von neuem aufgefallen ist.
Als ich mit dem Lesen angefangen habe, war ich zunächst mal sehr erstaunt darüber, dass sich am Literaturkanon, der an den Schulen und Hochschulen gelehrt wird (genau wie auch die Art, in der diese Literatur besprochen wird), seit meiner eigenen Schul- und Studienzeit offensichtlich sehr wenig geändert hat – was schon kurz darauf umgeschlagen ist in ein Gefühl von „Wow, das ist aber Jammern auf hohem Niveau!“, z. B. wenn sich Reichl darüber beschwert, dass sie etwa kaum Werke von queeren oder Schwarzen Autor*innen nahegebracht bekam und ich daran denken musste, dass in den meisten Werken meiner eigenen Gymnasiums- und Universitätszeit (ich habe übrigens in dem Jahr Examen gemacht, in dem die Autorin dieses Buches überhaupt erst geboren wurde) nicht einmal die heterosexuellen weißen deutschen Frauen eine tragende Rolle gespielt haben ...
Um Missverständnisse zu vermeiden: Das Anliegen und die Forderung dieses Buches sind meiner persönlichen Ansicht nach vollauf berechtigt und längst überfällig! Ich bin absolut der Meinung der Verfasserin, dass es selbstverständlich sein sollte, dass Literatur die Lebensrealitäten aller gesellschaftlichen Gruppierungen wahrheitsgemäß und aus der Perspektive der jeweils Betroffenen abbildet, um auch den marginalisierten Gruppen eine Stimme zu geben, statt jahrhundertelang nur die Sicht der Herrschenden zu spiegeln und deren Macht damit immer weiter auszubauen und zu untermauern.
Ja, Sprache hat großen Einfluss auf das Denken, Lesen beeinflusst die Art, die eigene Umgebung wahrzunehmen, und fördert (wie im Buch immer wieder betont wird) die Empathie, was essentiell ist, um Menschen zu verstehen, die sich in der einen oder anderen Hinsicht vom/von der Lesenden unterscheiden.
Denn Teresa Reichl will nichts weniger, als die Gesellschaft, die seit jeher keine homogene Einheit war, sondern sich schon immer aus den unterschiedlichsten Individuen zusammengesetzt hat, dahingehend zu verändern, dass sich alle Menschen gleichermaßen gesehen und gehört fühlen und dass sie das Gefühl haben, in einem gerechten Maß daran teilhaben zu können.
Der Ansatz der Literaturwissenschaftlerin, um das zu erreichen, ist eben, kaum überraschend, die Literatur. In ihrem Buch zeigt sie sehr nachdrücklich und eindringlich auf, wer bisher im deutschsprachigen Bereich (und teilweise auch darüber hinaus) Texte verfasst hat und wer zum Schweigen gebracht wurde, welche Werke hierzulande veröffentlicht wurden und welche nicht, wie Bücher hier aufgenommen, kritisiert, weiterverbreitet oder unterdrückt wurden – und wie sich an den grundsätzlichen Problemen etwas ändern ließe.
Neben den gut recherchierten objektiven, oft erstaunlichen, nicht selten auch empörenden und manchmal niederschmetternden Fakten zum Thema Literaturgeschichte bleibt dabei auch genügend Raum für die höchstpersönlichen Ansichten der Autorin, die ich häufig uneingeschränkt teile, die bisweilen aber auch eindeutig meinen Widerspruch wecken (hier kommt mir v. a. ihr Hang, Thomas Mann möglicherweise hin und wieder unangemessen hart zu be- und verurteilen, in den Sinn). Aber was wäre Teresa Reichl für eine Kabarettistin, wenn sie ihre Fähigkeit, unbequeme Kritik pointiert und amüsant in Worte zu fassen, nicht auch beim Verfassen von Büchern nutzen würde?
Aufgrund all dieser Eigenschaften ist „Muss ich das gelesen haben?“ ein gleichermaßen persönliches und politisches Buch geworden, das ich unbedingt allen empfehlen würde, die literarische Werke nutzen möchten, um etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern – und denen, die das nicht wollen, erst recht!
Einen halben Punkt Abzug gibt es allerdings von mir, und zwar dafür, dass der (Jugend-)Sprachstil, den Reichl hier verwendet, für mich (und vermutlich für zahlreiche andere Leute ab ca. vierzig) an manchen Stellen leicht unverständlich ist. Ich kann nachvollziehen, warum sie sich dafür entschieden hat: Das Zielpublikum ist eindeutig Gen Z, deren Mitglieder derzeit als Schüler*innen und Student*innen direkt vom literarischen Lehrkanon betroffen sind. Nur finde ich, dass der Anspruch der Verfasserin, nicht nur von der gebildeten Elite, sondern möglichst von allen verstanden zu werden, durch den manchmal evtl. etwas übertriebenen Gebrauch des heutigen Jugendjargons eben wieder ein bisschen ins Gegenteil umgeschlagen ist. Und das ist m. E. sehr schade, gerade weil das Thema, um das es hier geht, ja schließlich uns alle angeht, die wir die Gesellschaft ausmachen!
Nichtsdestotrotz war dieses Buch gerade für mich als Fachfrau und Angehörige verschiedener marginalisierter Gruppen überaus spannend und ich kann es allen Interessierten nur wärmstens empfehlen.
Außerdem vielen Dank, liebe Teresa, für das Weihnachtsgeschenk, das du mir mit deiner umfangreichen und überaus interessanten Liste an Buchempfehlungen gemacht hast! Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele deiner Empfehlungen bis spätestens Weihnachten des nächsten Jahres noch auf meiner „Read“-Liste auftauchen werden. 🙂
4,5 Sterne.