Auf Tolstojs Spuren im Starwars-Zeitalter
Drei der vier ersten Abenteuer von Jack Ryan wurden verfilmt, mit enormem Mut zur Lücke und allerlei Veränderungen, die sogar Atze Brauners Karl-May-Streifen mit Pierre Briece, Lex Barker und Stewart Granger als werkgetreu erscheinen lassen.
Um den Kardinal, der im Zyklus um den Aufstieg eines Laien ins Amt des US-Präsidenten, eine wesentliche Brückenfunktion einnimmt, hat Hollywood stets einen Bogen gemacht. Dafür gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe: zu viele Handlungsstränge und eine zu kleine Rolle für den Haupthelden, dem der Verfasser allerlei Fehler zubilligt, die einem Zivilisten ohne Agentenausbildung früher oder später unterlaufen müssen. Ziemlich viele Szenen in den Star-Wars-Laboratorien der beiden Supermächte, - aber immerhin gibt es einen ganz gewaltigen Showdown zwischen einer Mudschaheddin-Truppe und der auf asymetrische Kriegsführung ganz und gar nicht eingestellten Schutztruppe des KGB. Die Geheimwaffe der Russen ist eine frustrierte Lesbierin, die an der Entführung des wesentlichen US-Technikers beteiligt ist, - in der Hoffnung, dass die Entfernung des Ärgernisses für freie Fahrt bei der College-Freundin sorgt. Der Titelheld ist ein Agent auf höchster Ebene, der als Held der Sowjetunion über jeden Zweifel erhaben scheint, aber seit bald 30 Jahren zuverlässig liefert, auch entscheidende Informationen zu Zeiten der Kuba-Krise und aktuell über das Laserprojekt. Dazu kommt noch ein Strang, der die Fans von Roter Oktober bei der Stange halten soll, sich aber als ziemlich übler Ballast erweist. Auch wenn die Dallas mit Außenagent Clark, auch noch eine Rolle bei der Evakuierung der Familie des prominenten Beifangs spielt.
Die Kapitel mit dem führenden Mudjaheddin, dem Archer, der mit Stinger-Raketen sowjetische Hind-Helis vom Himmel holt, bilden einen leichten Einstieg, sind aber, wie man inzwischen weiß, zeitgenössischer Propaganda-Kitsch, die Dialoge der regulären afghanischen Truppen über die Russen und ihre Loyalität zu den Besatzern, dürften auch unter amerikanischer Führung kaum anders abgelaufen sein. Die restliche Handlung kommt nicht ganz so schnell in Gang, die Vorgeschichte des Kardinals geht bis in den zweiten Weltkrieg zurück und wird in zahlreichen Selbstgesprächen immer wieder durchgekaut. Außerdem besucht der 70jährige Held der Sowjetunion die Star-Wars-Basis seines Landes in Tadschikisten, während Jack Ryan seinerseits eine Lehre in Sachen militärischer Lasertechnik absolvieren muss. Dann werden noch die Fowleys eingeführt, das erfolgreiche Agentenpaar, das den Wanzen ein dauergeiles amerikanisches Durchschnittspaar vorspielt.
Der Mittelteil gerät zum Duell zwischen Jack Ryan und dem KGB-Chef, der die Perestroika-Clique ausschalten will und nach allerlei US-Pannen im Umfeld der Übermittlungskette des Kardinals, sogar gute Chancen dazu hat, da die Hausmacht von Naramanov (=Gorbi) danach massiv angeschlagen ist. Dass Jack Ryan, der meint, die Russen seinen auch im wirklichen Leben Schachspieler, die sich auf die üblichen Felder und klassische Züge beschränken, verkompliziert die Lage weiter. Doch auch die schnelle Eingreiftruppe hat so ihre Probleme mit dem amerikanischen Alltag und seinen Tücken.
In dieser Phase, die den Gipfelpunkt der qualitativen Achterbahnfahrt darstellt, war ich nahe dran, den schleppenden Start zu verdrängen oder allzu viele Erzählstränge, dem Versuch zuzubilligen, ein zeitgemäßes Krieg und Frieden zu schreiben. Denn immerhin schickt Clancy auf beiden Seiten keine Zerrbilder ins Rennen und erweist sich so weit als fairer Sportsmann, dass er die KGB-Ermittler 2:0 in Führung gehen lässt. Da bricht sein Patriotismus oder die Fan-Seele doch durch, samt einer gewissen Schadenfreude. Zwar sorgt ein weiterer Patzer Ryans dafür, dass die zweite Reihe wittert, dass etwas nicht stimmt und das 3:4 landet, was die finale Spannung noch einmal erhöht, da Ryan auf feindlichem Territorium zurück bleiben muss, damit die wertvolle-Überläufer-Fracht schon mal abhaben kann. Mehr Nervenkitzel will der Autor sich und seinen Lesern dann doch nicht zumuten, das letzte Gefecht zwischen dem guten Sowjet und der Truppe des Archers, die das sowjetische Starwars-Programm um zwei Jahre zurück wirft, hat mich ziemlich kalt gelassen. Wie alle anderen großen Schusswechsel dieses Autors, der Massenszenen einfach nicht spannend inszenieren kann.
Fazit: Schade, die Konfliktlage hatte mehr Potenzial, aber der Autor nicht die Disziplin den Spannungsbogen lange genug durchzuhalten, dass ein großer Wurf daraus wird. Zudem erwies sich das Bonusprogramm für die Leserschaft des Roten Oktober als ziemlicher Ballast. Das Personal ist, auch wenn Clancy die Aktionen ausreichend motiviert, insgesamt zu flach geraten, von daher drei Sterne.