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Bild ohne Mädchen

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Die Eltern des Mädchens misstrauen dem Fernsehen, aber beim Nachbar Ege darf es so lange schauen, wie es will. Ege ist ein Medientheoretiker mit philosophischer Praxis, die nie jemand aufsucht. Seine Wohnung steht voller Geräte, und er dreht Videos, die nie jemand sehen will.
Das Mädchen darf in Eges Filmen mitspielen. Hinter der Kamera steht Gisela, seine Partnerin. Das Lebenswerk muss vorangebracht werden. Aber meist sitzt Ege in seiner verdunkelten Wohnung, verachtet die Welt und trinkt. Nur das aufgeweckte Nachbarsmädchen bringt etwas Freude in sein Leben. Gisela wohnt im oberen Stock und entsorgt die leeren Weinflaschen.

Die Eltern sind überfordert mit dem Kind, das sein Bett nässt und kaum spricht. Der Vater ist Biologe und wendet sich lieber bedrohten Tierarten zu. Die Mutter bildhauert und ist mit ihrer Kunst beschäftigt. Ein Heiler soll helfen. Das Mädchen sucht Zuflucht bei einem Engel, den es auf einer Videokassette von Ege entdeckt hat. Und wirklich, der Engel hält zu ihm.

Durch dieses Kabinett der Hilf- und Sprachlosigkeit nähert sich Sarah Elena Müller dem Trauma einer Familie, die weder den Engel noch die Gefährdung zu sehen im Stande ist. Und von der Großmutter bis zum Kind entsteht ein Panorama weiblicher Biografien seit dem großen Aufbruch der Sechzigerjahre.

197 pages, Kindle Edition

Published February 1, 2023

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Community Reviews

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1 star
3 (3%)
Displaying 1 - 11 of 11 reviews
Profile Image for Conny.
634 reviews88 followers
August 6, 2023
Ein Mädchen wächst in einem ideologisch verzerrten Umfeld auf: als Kind von 68er-Eltern geniesst es viele Freiheiten, wird aber mit Fragen alleingelassen. Was es nicht versteht, muss es mit eigenen Annahmen beantworten – und flieht sich in Fantasiewelten.

Das namenlose Kind lebt – mehr oder weniger isoliert – mit seinen Eltern in einem abgelegenen Bergdorf in der Schweiz. Viel Aufmerksamkeit bekommt es nicht; die Mutter ist mit ihrer Kunst beschäftigt, der Vater mit der Rettung bedrohter Tierarten. Weil die Eltern ausserdem dem Fernsehen misstrauen, verbringt das Mädchen viel Zeit beim Nachbarn Ege. Die Widersprüchlichkeit darin scheint die Eltern nicht zu stören, sie lassen ihre Tochter gewähren.

Eges Wohnung ist voller Geräte und Videos, die er gedreht hat. Hier darf das Mädchen so lange fernsehen, wie es möchte. Und hier sieht erblickt es auch zum ersten Mal den Engel, der sie fortan regelmässig besucht und sich mit ihr unterhält. Das Mädchen ist sich nicht sicher, was es genau gesehen hat, und berichtet der Mutter davon. Diese händigt ihr jedoch nur ein Buch über griechische Gottheiten aus und wendet sich sogleich wieder ihren Skulpturen zu.

Im Stockwerk über Ege wohnt seine Partnerin Gisela. Diese zeichnet sich vor allem dadurch aus, hervorragend die Augen verschliessen zu können – vor den stets abgedunkelten Fenstern, vor Eges Trinkerei und vor allem vor der Tatsache, dass er das Mädchen zu filmen beginnt.

Nach und nach eröffnet sich den Lesenden, was das Kind gesehen haben muss: Ege und seinen Sohn, festgehalten auf Band von Gisela. Diese weist jedoch jede Mitschuld von sich; das Kind sei schliesslich auch kein Engel, es sei selbst schuld, weil es die Schule schwänze und so viel Zeit mit Ege verbringe. Auch mit Eges Versuch der Abstinenz ist sie überfordert; lieber räumt sie die leeren Weinflaschen weg.

«Bild ohne Mädchen» ist ein Kaleidoskop der Sprachlosigkeit. Obwohl der Roman mit einfachen und klaren Sätzen arbeitet, sind sie doch alles andere als deutlich. Sie müssen sorgfältig voneinander genommen, zusammengefügt und durchschaut werden. Dies gelingt erst mit fortschreitendem Lesen, oft entfalten Aussagen erst rückblickend ihre volle Bedeutung.

Dieser Verzicht auf ein explizites Darstellen des Missbrauchs ist sensibel und macht den Text zugleich umso eindringlicher. Die Sprache scheint, obwohl kunstvoll, einem Kind angemessen. Und gerade dadurch trifft die Autorin die Lesenden mit voller Wucht.

Review erschienen bei phosphor-kultur.ch.
Profile Image for Eva.
61 reviews
March 12, 2024
2.75 - it took me a long time to get into the story and actually understand what is happening. the writing is quite confusing which I find a shame because it takes away the attention from the actual topic of the book - child abuse and neglect
3 reviews
February 22, 2023
Mit einer enormen Sprachgewandtheit schreibt Sarah Elena Müller die Geschichte eines Kindheittraumas und das Aufwachsen eines Kindes zum Mädchen, zur jungen Frau. Die Erzählform erlaubt Einsicht und Erinnerung an kindliche Wahrnehmung und Verständnis der Welt, wirft zugleich aber eine Menge Fragen auf, welche den Lesenden zur Reflektion überlassen werden.

Die Loslösung der Erzählperson von den Charakteren mithilfe des Einschubes eines Vermittlungscharakters in Form des Engels führt die Geschichte auf eine gewisse Meta-Ebene. Durch diese Abgrenzung zum traumatischen Erlebnis wird eine neutrale Erzählform ermöglicht, die dem Leser ein tiefgründigeres Verständnis und Empfinden ermöglicht.

Ein gewaltiges Debüt einer fantastischen Künstlerin. Für mich gehört dieses Buch auf eine Stufe mit Werken wie „Blutbuch“ von Kim de l‘Horizon und „Blaue Frau“ von Antje Ravik Strubel.
Profile Image for Otto.
751 reviews50 followers
October 11, 2023
Sarah Elena Müller schrieb einen tollen Roman zum Thema Pädophilie, Vernachlässigung, kindlicher Umgang mit Traumatisierung, Mittäterschaft.

Im Mittelpunkt steht das Mädchen, Tochter eines alternativen Elternpaares, die Mutter künstlerisch unterwegs, der Vater in ökologischen Fragen, Fernsehen ist verpönt, ebenso die Farbe schwarz als Bekleidungsstil. Das Mädchen lebt mehr oder weniger elternlos, diese leben ihr eigenes Leben, alle leben am Land, eher isoliert.

Als Nachbarn gibt es den alternden Künstler Ego und seine Frau Gisela. Beim Medienkünstler und Philosophen, der sich dem Alkoholismus hingibt findet das Mädchen so etwas wie Geborgenheit, dort ist auch Fernsehen möglich, aber das Ganze ist verbunden mit dem sexuellen Übergriff, der Liebesbekundung, die das Mädchen anfangs nur schwer einordnen kann, es kann mit den Eltern ja auch nicht sprechen und Gisela toleriert das Verhalten des Mannes, hofft damit, dass er einen angenehmen Lebensabend hat.

Den gibt es da noch einen unehelichen Sohn Eges, schon erwachsen, der sich vom Vater distanziert, auch wenn er ihn immer wieder mal kurz besucht.

Das Mädchen imaginiert sich einen Engel, der ihr die Welt etwas erklärt, sie begleitet und stärkt.

Rund um diese Konstellation baut die Autorin eine ruhige, unheimliche Stimmung auf, lässt Vieles im Vagen, wie es ja auch in der Romanwirklichkeit im Vagen bleibt, verlangt ein zwischen den Zeilen lesen. Bedrückend die Szenerie, aber toll die Stilgewalt der 33-jährigen, die mit diesem Roman "Bild ohne Mädchen" für den Schweizer Buchpreis 2023 nominiert ist.
Profile Image for Anja Nicolaus.
282 reviews7 followers
October 13, 2024
In einer oftmals fast traumhaft anmutenden Sprache begleiten wir ein namen- und gesichtloses Mädchen durch Kindheit und Pubertät. Diese sind geprägt durch emotionale Vernachlässigung und das Wegschauen und Nichtwahrhabenwollen anderweitig beschäftigter Eltern und Nachbarn. Das Kind versucht sich verwirrende Geschehnisse selber zu erklären und flüchtet in Phantasiewelten und immer öfter aus dem eigenen Körper.
Wir Leser:innen können bis zum Schluss nur erahnen, was dem Kind widerfahren ist, wobei rückblickend einige schemenhaft skizzierte Begebenheiten an Kontur gewinnen.
Profile Image for Wolf Macbeth.
203 reviews1 follower
July 27, 2025
VERLOREN IN DER DUNKELHEIT

In “Bild ohne Mädchen„ von Sarah Elena Müller verfolgen wir die Geschichte eines Kindes, das in den neunziger Jahren von seinen Eltern vernachlässigt wird. Um fernzusehen, sucht das Mädchen Zuflucht beim medienaffinen Nachbarn Ege, da es zu Hause diese Erlaubnis nicht erhält. Die Vernachlässigung durch die Eltern führt, wie im Laufe der Geschichte deutlich wird, insbesondere durch die indirekten Hinweise des Kindes, zur Enthüllung des sexuellen Missbrauchs.

Das Besondere an diesem Buch ist die Erzählweise. Es ist komplett im Präsens geschrieben, ohne Erklärungen oder Interpretationen. Die Autorin präsentiert die Ereignisse nüchtern und ohne jegliche Wertung. Die Aufmerksamkeit liegt stets auf dem aktuellen Geschehen, und der Leser erfährt nur das, was im Moment passiert. Diese konsequente Erzählweise verleiht dem Buch seine Einzigartigkeit, bietet jedoch keine Hoffnung oder Trost in dieser düsteren Geschichte. Die Dinge werden so dargestellt, wie sie sind, ohne Beschönigung.

Die kurzen, substantivreichen Sätze verstärken diesen Eindruck der Klarheit. Zweifellos handelt es sich um ein beeindruckendes literarisches Debüt. Nach dem Lesen hinterlässt ‘Bild ohne Mädchen’ eine tiefe Traurigkeit, und man fragt sich, warum die Eltern das Mädchen nicht mehr beachtet haben.

Insgesamt ist “Bild ohne Mädchen„ eine anspruchsvolle und beklemmende Lektüre, trotzdem lesenswert.


📚 Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil


Profile Image for gina.
430 reviews7 followers
April 1, 2023
Stilistisch einfach überhaupt nicht meins. Zu sehr verklärt und mit Sinnbildern überhäuft, dass ich dessen beim lesen überdrüssig wurde.
Profile Image for Wolle.
565 reviews5 followers
April 3, 2023
Ein zärtliche geschriebenes Comig of Age Drama, dass unter der Oberfläche brodelt, wie ein Vulkan.
Profile Image for nadia.
218 reviews41 followers
Read
January 6, 2024
extrem ungemütlich und beengend, aber einfach unglaublich gut geschrieben!!
Profile Image for naaanamariaa.
15 reviews
June 23, 2024
„bild ohne mädchen“, ein buch, welches sich für mich sehr in die länge zog. nach mehreren anläufen konnte ich es jetzt endlich fertig lesen.

es ist von einer menge metaphern getragen; für mich ein wenig zu viele, als würde das buch etwas zu fest wollen. zugleich liess das buch enorm viel freiraum zur interpretation und die hauptthematik blieb sehr vage. für die schlimmen und traumatischen themen, die dieses buch behandelt, fand ich, nahm sich die sprache einen zu grossen und abstrakten raum. grundsätzlich gefällt es mir, wenn ein tiefgehendes erlebnis hinter bildgewaltiger sprache versteckt wird, dafür braucht es jedoch eine gewisse präzision die mir hier gefehlt hat.
hauptsächlich der mittlere teil fiel mir schwer; ab dem abschnitt „die tochter“ wurde es meiner meinung nach besser. das ende hatte einige sprachlich starke textstellen in sich und bilder, die mir zugänglich waren.

overall: würde ich nicht ein zweites mal lesen und wahrscheinlich auch nicht weiterempfehlen aber es hinterliess dennoch ein gefühl in mir, was für das buch spricht.
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