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Der gute Deutsche: Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914

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In der ruhmlosen deutschen Kolonialgeschichte dürfte das Kapitel über Kamerun eines der finstersten sein. Die unter fragwürdigen Begleitumständen ergaunerte Kolonie wurde in einträglicher Zusammenarbeit zwischen wilhelminischen Kolonialbeamten und ehrbaren Kaufleuten in ein Inferno für die versklavte Bevölkerung verwandelt. Einem Sohn des ehemaligen Königs wurde dennoch gestattet, in Deutschland Jura zu studieren. Als Prinz Manga Bell allerdings vom Gelernten Gebrauch machte und vor Gerichten gegen die deutschen Gräueltaten in seiner Heimat klagte, wurde er zu Beginn des ersten Weltkriegs des Hochverrats bezichtigt und in Windeseile aufgehängt. Christian Bommarius, Publizist und Jurist, hat den Fall Seine Geschichte eines Justizmordes ist zugleich eine Fallstudie über Rassismus, Gier und abgrundtiefe politische Dummheit. Christian Bommarius, geboren 1958 in Frankfurt am Main, aufgewachsen in Bonn, lebt in Berlin. Er ist Journalist und Jurist und arbeitet als Kommentator u.a. für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau. Bisherige Verö "Das Grundgesetz. Eine Biographie" (Rowohlt Berlin, 2009); "Wir kriminellen Deutschen" (Siedler, 2004).

Perfect Paperback

First published March 18, 2015

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Displaying 1 - 3 of 3 reviews
Profile Image for Andreas Steppan.
188 reviews18 followers
December 17, 2015
Einen Stern gibt es vorneweg für das Thema. Die Kolonialgeschichte in Kamerun ist ein Kapitel, das im historischen Bewusstsein der Deutschen tief verschüttet ist und im heutigen Diskurs keine Rolle spielt - zu Unrecht. Da ist jedes Buch wichtig, das in dieser kollektiven Wissenslücke geschichtliche Aufklärung betreibt und an ein Stück verdrängte historische Verantwortung erinnert. Und Manga Bell, den die deutschen Kolonialherren 1914 in einem Willkürprozess zum Tode verurteilten und dann ermordeten, ist ein Widerstandskämpfer, der es wert ist, aus dem Vergessen geholt und gewürdigt zu werden: ein Duala, der lange in Deutschland lebte und eigentlich auf die Mittel des deutschen Rechtsstaats vertraute, um gegen das kolonialistische Unrechtsregime im Kamerun vorzugehen.
Christian Bommarius arbeitet seinen Stoff - nun ja - auf seine Weise auf. Auf jeden Fall nimmt er eine vollkommen berechtigte Haltung und Perspektive ein, indem er Brutalität, Grausamkeit, Rassismus und Dummheit der deutschen Kolonialherrscher an den Pranger stellt. Sein Tonfall ist dabei von Sarkasmus geprägt - wie gesagt, berechtigt, aber ein zurückgenommenerer, neutralerer Duktus könnte meinem Empfinden nach mindestens ebenso große Wirkung erzielen. Für etwas mehr Lesefreude wäre es schön gewesen, das Alltagsleben in der Kolonie noch plastischer vermittelt zu bekommen und den handelnden Figuren als Menschen näher zu kommen. Dazu gibt es zwar ein paar schöne Ansätze, aber streckenweise muss man sich auch durch viele harte Fakten und etliche Namen - etwa der wechselnden Gouverneure, Assessoren und ich weiß nicht was - ackern.
Das ändert nichts am Fazit: Man sollte dieses Buch lesen, weil es wichtiges Wissen vermittelt und uns gerade für die heutige globalisierte Welt viel zu denken geben sollte.
Profile Image for A YOGAM.
2,166 reviews9 followers
October 13, 2025
Christian Bommarius’ Buch „Der gute Deutsche: Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914“ rekonstruiert mit juristischer Akribie und moralphilosophischem Scharfsinn ein zentrales Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte: den Widerstand der Duala gegen die koloniale Willkürherrschaft und die anschließende rechtsförmige Ermordung ihres Anführers Rudolf Duala Manga Bell. Anhand dieses exemplarischen Falles legt Bommarius die innere Dialektik kolonialer Herrschaft offen – das Auseinanderfallen von behaupteter Zivilisierung und praktizierter Entrechtung.
I. Thematische Einordnung und zentrale These
Das Buch widmet sich der Geschichte Kameruns unter deutscher Kolonialherrschaft, die – so zeigt Bommarius – von permanenter Gewalt, ökonomischer Ausbeutung und juristischer Doppelmoral geprägt war. Im Mittelpunkt steht der Justizmord an Rudolf Duala Manga Bell und Adolf Ngoso Din am 8. August 1914, ein Urteil, das im vollen Bewusstsein der Unschuld der Angeklagten gesprochen wurde.
Bommarius interpretiert diesen Akt nicht als Exzess, sondern als logische Konsequenz einer Herrschaft, die Recht und Moral als Instrumente kolonialer Selbstlegitimation gebrauchte. Die These des Buches lautet, dass der Kolonialismus im juristischen Sinne nie auf Rechtsdurchsetzung, sondern auf Rechtsverhinderung zielte – und sich erst im Bruch des Rechts vollständig zeigte.
II. Der Protektoratsvertrag von 1884 – Ursprung und Verrat
Zentral ist der am 12. Juli 1884 geschlossene Protektoratsvertrag zwischen Vertretern der Duala („Kings and Chiefs“) und den hanseatischen Firmen C. Woermann sowie Jantzen & Thormählen. Bommarius weist nach, dass dieser Vertrag für die Deutschen von Beginn an kein Ausdruck gegenseitiger Bindung, sondern lediglich ein völkerrechtlicher Vorwand zur Besitzergreifung war – ein Dokument der Täuschung, nicht der Verpflichtung.
Zwei Vertragsgarantien bildeten den Kern des späteren Konflikts:
1. Das Zwischenhandelsmonopol:
Der Vertrag versprach den Duala die Wahrung ihres lukrativen Zwischenhandels. Deutsche Firmen und Kolonialbeamte unterliefen diese Zusage systematisch durch Kreditsperren, Polizeiverordnungen und den Aufbau eigener Faktoreien, bis der Duala-Handel ökonomisch vernichtet war.
2. Die Landgarantie:
Den Duala wurde zugesichert, dass das von ihnen genutzte oder bebaute Land ihr Eigentum bleibe. Gouverneur Puttkamer brach diesen Grundsatz durch die „Kronlandverordnung“ und den Enteignungsplan von 1910, der eine rassische Segregation der Stadt Duala vorsah.
III. Vertragstreue als Widerstand – Rechtsmoral gegen KolonialrechtI
Der Widerstand Manga Bells war kein militärischer, sondern ein juristischer. Er berief sich konsequent auf den Grundsatz pacta sunt servanda – Verträge sind einzuhalten – und argumentierte aus der Perspektive des Rechts, nicht der Rebellion. In seiner Beschwerde von 1913 bezeichnete er die Kolonialregierung offen des Vertragsbruchs und drohte, „von dem Vertrage zurückzutreten“.
Die deutsche Verwaltung deutete diese Berufung auf das Recht selbst als Hochverrat. Damit enthüllt sich, was Bommarius als den eigentlichen Skandal begreift: dass in der kolonialen Logik der rechtstreue Afrikaner gefährlicher war als der bewaffnete Gegner. Die moralische Überlegenheit des Rechts – verkörpert im Handeln Manga Bells – wurde als Bedrohung der rassischen Hierarchie wahrgenommen und mit Gewalt beseitigt.
IV. Recht, Gewalt und die innere Struktur des Kolonialismus
Bommarius zeigt eindringlich, dass der koloniale Rechtsstaat kein defekter Rechtsstaat war, sondern ein Rechtsstaat eigener Art – einer, in dem Gewalt zur Rechtsquelle erhoben wurde. Das deutsche Kolonialrecht war nicht „rechtswidrig“, sondern gesetzlich organisierte Rechtsverweigerung.
Im Licht der Rechtsphilosophie offenbart sich hierin eine fundamentale Paradoxie: Das Recht sollte im Kolonialismus die Herrschaft des Stärkeren zivilisieren, wurde aber selbst zum Medium der Herrschaft. In der Hinrichtung Manga Bells kulminierte somit das, was Bommarius als „Vollendung des kolonialen Projekts“ versteht – die Zerstörung des Rechts durch seine eigene Form.
V. Fazit
Bommarius’ Buch ist mehr als eine historische Fallstudie. Es ist eine juristisch-philosophische Untersuchung über das Verhältnis von Recht und Macht, Moral und Herrschaft. Der Fall Manga Bell zeigt, dass die höchste Form zivilisatorischer Leistung – der Rechtsgehorsam – im kolonialen System nicht belohnt, sondern vernichtet wurde.
Ich würdige das Buch als einen zentralen Beitrag zur juristischen und moralphilosophischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialherrschaft, weil es zeigt, dass das koloniale Rechtssystem nicht einfach versagte, sondern in sich selbst zum Instrument der Gewalt wurde – ein Recht, das seine Form bewahrte, aber seinen Geist zerstörte.
Profile Image for Lukas Dy.
26 reviews
April 7, 2024
Gutes Buch zu einem leider unbekannten Thema. In Deutschland wird die Kolonialzeit weiterhin nahezu ausgeblendet und man „rühmt“ sich teilweise, im Gegensatz zu anderen Kolonialmächten - wie zB die Belgier - eine halbwegs „humane“ Kolonialpolitik verfolgt zu haben. Dass dem nicht so ist, zeigt unter anderem dieses Buch, welches das Schicksal eines Stammes und Mannes aufzeigt, der zu lange in das Rechtssystem der deutschen Kolonialherren vertraut haben. Leider wird deutlich, dass das Recht die deutschen Kolonialisten nur dann interessiert hat, wenn es ihnen nützlich war. Vereinzelte Ausnahmen, die gemeinhin als Fehlurteile deklariert wurden, wurden idR schnellsten egalisiert.

Der Schreibstil ist teilweise etwas zu detailliert (nicht jeder Name der Kolonialisten ist von Relevanz) und manchmal etwas schwerfällig. Dennoch gelingt dem Autor mit teils sarkastischen Anmerkungen etwas Lockerheit in dieses Thema einzubringen.
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