Anders als des weströmische Reich spielt sein oströmisches Pendant im Geschichtsbewußtsein der meisten Menschen so gut wie keine Rolle, und das einzige, was man gemeinhin mit dem Begriff „Byzanz“ verbindet, ist heute immer noch katzbuckelndes und intrigenreiches Hofschranzentum. Dies stellt auch Michael Schaper in seinem Vorwort zur 78. Ausgabe des Magazins GEO-Epoche fest, das den Titel Byzanz: 330 – 1453 n. Chr. trägt. Schaper hält in diesem Zusammenhang auch fest, daß diese allgemeine Wissenslücke eigentlich insofern seltsam sei, als das Byzantinische Reich länger als jedes andere europäische Kontinentalreich Bestand gehabt habe.
Um zu einem differenzierteren Bild von Byzanz beizutragen, spannen die Mitarbeiter an dieser Ausgabe den Bogen von Kaiser Konstantin, der aus dem griechischen Handelsposten Byzantion eine prachtvolle Metropole errichtet, die er nach sich selbst benennt, zum letzten Kampf um die Stadt am Bosporus, der 1453 zugunsten des osmanischen Sultans Mehmed II. entschieden wird. Man erfährt einiges über den im Volk wenig beliebten Kaiser Justinian I., der zwar einen Teil des weströmischen Reiches zurückerobert und mit einigen barbarischen Bräuchen aus der Vergangenheit bricht, der jedoch seine Macht auch nutzt, um den Alltag seiner Untertanen bis in die letzten privaten Bereiche hinein gesetzlich zu reglementieren und um rücksichtslos dem Christentum die kulturelle Monopolstellung zu verschaffen. Ein von Matthias Lohre verfaßter Artikel erzählt von dem tollkühnen Unterfangen des Kaisers Herakleios, seine Hauptstadt zu entblößen, um das von Persern geraubte angebliche Kreuz Christi wieder nach Jerusalem zu bringen. Schon in diesem Artikel wird deutlich, daß Byzanz ein Koloß auf tönernen Füßen war, dessen langsamer Niedergang in weiteren Beiträgen nachgezeichnet wird. Hierbei spielt nicht nur die Bedrohung durch Perser und später Seldschuken und Osmanen eine bedeutende Rolle, sondern auch die Rivalität mit dem Papsttum und der katholischen Kirche, wenn beispielsweise die Eroberung der Stadt durch christliche Kreuzfahrer und venezianische Händler 1204 Byzanz einen Schlag versetzt, von dem es sich nie wieder grundlegend erholen wird.
Neben der Politikgeschichte, den res gestae, spielt in dem Heft allerdings auch in geringerem Maße ein Blick auf die Strukturen eine Rolle: So wird anhand des Beispiels eines taktierenden Höflings und Karrieristen das Stereotyp des „Byzantiners“, wie es eben später zum festen Schlagwort wurde, beleuchtet; ein weiterer Artikel gibt einen Eindruck vom Reichtum und der Pracht der Stadt Konstantinopel, aber eben auch von dem berüchtigten Hofzeremoniell, und Gesa Gottschalk liefert ein faszinierendes Portrait der Mönchsgemeinschaften, die sich ab 950 auf dem Berg Athos ansiedelten.
Sicherlich sind all diese Beiträge nicht wirklich erschöpfend – diesen Anspruch erhebt GEO ja auch nicht –, aber sie können dazu beitragen, zum einen überhaupt erst einmal neugierig auf die Geschichte des Großreiches Byzanz zu machen und zum anderen gängige Vorurteile, deren Ursachen in vielen der Artikel bloßgelegt werden, geradezurücken.