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Das steinerne Herz. Historischer Roman aus dem Jahre 1954

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140 pages, Hardcover

First published January 1, 1956

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Arno Schmidt

237 books211 followers
Arno Schmidt, in full Arno Otto Schmidt, (born January 18, 1914, Hamburg-Hamm, Germany—died June 3, 1979, Celle), novelist, translator, and critic, whose experimental prose established him as the preeminent Modernist of 20th-century German literature.

With roots in both German Romanticism and Expressionism, he attempted to develop modern prose forms that correspond more closely to the workings of the conscious and subconscious mind and to revitalize a literary language that he considered debased by Nazism and war.

The influence of James Joyce and Sigmund Freud are apparent in both a collection of short stories, Kühe in Halbtrauer (1964; Country Matters), and, most especially, in Zettels Traum (1970; Bottom’s Dream)—a three-columned, more than 1,300-page, photo-offset typescript, centring on the mind and works of Poe. It was then that Schmidt developed his theory of “etyms,” the morphemes of language that betray subconscious desires. Two further works on the same grand scale are the “novella-comedy” Die Schule der Atheisten (1972; School for Atheists) and Abend mit Goldrand (1975; Evening Edged in Gold), a dream-scape that has as its focal point Hiëronymus Bosch’s Garden of Earthly Delights and that has come to be regarded as his finest and most mature work.

Schmidt was a man of vast autodidactic learning and Rabelaisian humour. Though complex and sometimes daunting, his works are enriched by inventive language and imbued with a profound commitment to humanity’s intellectual achievements.

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Profile Image for Babette Ernst.
347 reviews82 followers
June 20, 2024
Der unverwechselbare, mit Satzzeichen gespickte, ganz besondere Stil, hat mich herausgefordert, aber auch begeistert. Nach den ersten Sätzen hatte ich die Befürchtung, nichts zu verstehen, aber das war unbegründet, denn trotz einiger unklarer Bezüge und für mich unverständlicher Verweise las sich das Buch leicht. Ganz besonders, finde ich, hat Schmidt die Atmosphäre der fünfziger Jahre getroffen (die Handlung spielt 1954 und wurde 1956 veröffentlicht) Die Personen und Orte sind in wenigen, oft unvollständigen Sätzen, gut skizziert, die Dialoge meisterlich. Stilistisch und sprachlich gehört das Buch zum Besten was ich bisher las. Inhaltlich bleiben Fragezeichen, viele Fragezeichen. Gibt es eine zentrale Aussage? Hat dabei die Schatzsuche eine Bedeutung (z. B. symbolisch die Suche der Wahrheit in der Vergangenheit oder der Suche nach Sinn)? Alle sind im Buch irgendwie auf der Suche, nach Staatshandbüchern, Liebe, Anerkennung, einer Bleibe oder dem richtigen Weg für die Zukunft. Die Entwicklung in Ost (keine freien Wahlen) und West (Wiederaufrüstung) werden kritisch betrachtet, doch keine Seite favorisiert. Aber die aktuelle Politik spielt nur am Rande eine Rolle, darum scheint es nicht vordergründig zu gehen. Geht es um Liebe und Moralvorstellungen? 1954 im Vergleich zu den Zeiten der Prinzessin von Ahlden (das Buch spielt in Ahlden und es gibt immer wieder Hinweise auf die historische Figur)? Was sich heute dank Internet leicht recherchieren lässt, muss den Lesern und Leserinnen 1956 ein völliges Rätsel gewesen sein. Mitunter fühlte ich mich durch Anspielungen und Verweise herausgefordert, manchmal veralbert. Wie Frieda zu Walter Eggers schaue ich bewundernd zu Arno Schmidt auf, ohne die reale Person sehen zu können. Ist er ein Genie oder ein Blender? Auf alle Fälle ein innovativer Stilist, dessen Inhalte sich nicht leicht erschließen, aber die gerade deshalb im Gedächtnis weiterwirken.
Profile Image for Michael.
1,609 reviews210 followers
September 5, 2016
Das Steinerne Herz - Historischer Roman aus dem Jahre 1954

„Historisch“ – dieses Adjektiv hat Arno Schmidt seinem Roman als Untertitel selbst hinzugefügt – historisch also ist fast 60 Jahre nach seinem Erscheinen und 25 Jahre nach dem Mauerfall DAS STEINERNE HERZ selbst geworden. Die dem streitbaren Autoren verhasste adenauersche Restauration und die Wiederbewaffnung der noch jungen Bundesrepublik, die „Rückbesinnung“ auf christliche Werte, kurzum die politische Situation im Deutschland der 50er Jahre, sind die permanenten Angriffsziele des zynischen „Wortmetzes“ und Aufklärers Schmidt. Lektor Krawehl griff damals operativ und in vorauseilendem Gehorsam gewaltig in das offene HERZ ein, um der Klage wegen Pornografie und Gotteslästerung, die seit Schmidts Roman SEELANDSCHAFT MIT POCAHONTAS gegen ihn und den Verlag anhängig war, nicht allzu viel neues Befeuerungsmaterial zu liefern. Aber auch in der entschärften Fassung war Schmidt in seinen Tiraden kaum zu stoppen und an Wortgewalt und bissigem Witz tut es ihm keiner seiner zeitgenössischen Berufskollegen gleich. Die Bargfelder Ausgabe stellt übrigens die von Schmidt beabsichtigte Fassung wieder her und nennt Ross & Reiter.

Gebeutelt durch den Krieg und erschüttert über die anstehende Wiederaufrüstung und den Klüngel zwischen Staat und Kirche, gibt sich Alter Ego Walter Eggers so abweisend ruppig und überlegen, dass es dem Leser weh tut, und täuscht damit über Verletzlichkeit und Verletztheit hinweg – try hard or die trying. Aber im Herzen sieht es anders aus:
"Wir haben Alles mit Schmerzen versehen : das Licht "verbrennt"; der Schall "erstirbt"; der Mond "geht unter"; der Wind "heult"; der Blitz "zuckt"; der Bach "windet sich" ebenso wie die Straße. / Mein Herz pumpte die Nacht aus : Blödsinnige Einrichtung, daß da ständig sonne lackrote Schmiere in uns rum feistet ! N steinernes müßte man haben, wie beim Hauff."
Das Trauma des Krieges ist selbst in der für Schmidt verlässlichsten Größe, der Natur allgegenwärtig: "Ich zählte noch ein bißchen die Bäume. Der Himmel war meist farblos, ein fahler Strom von Kriegsgefangenen."

Und: "("Lebensbahn", "Lebensreise" ? : so was Vornehmes gabs früher; heute robbt man bis zu dem Dreckpunkt, wo Einem "seine" Granate "trifft". - Seien Sie froh, daß ich Klammern setze, Mensch!)."
Nach den Gräueln des jüngst überstandenen Krieges die Autorität von Staat und Kirche anzuerkennen – Schmidt/Eggers kann und will es nicht. Vor den Realien räumt der Atheist Schmidt der Kirche keine Macht ein, was in Eggers Gedanken so klingt: „(Die Leute mit ihrer scheiß Seele : sollen sich lieber um vernünftige Arbeit kümmern; und daß jeder Mensch ne heile Hose uff m Hintern hat!)“.

„Historisch“ ist die Situation der Flüchtlinge, im Roman verkörpert durch Line Hübner, die aus Schlesien fliehen musste und nun in Ostberlin lebt. Flucht, Ausbeutung, Vergewaltigung, Armut: nichts ist zu schmerzhaft, als dass Schmidt den Blick abwenden würde von den Schicksalen der Vertrieben. Und dass Schmidt nicht nur polemisch, sondern auch sensibel und empfindsam sein kann (und ist), beweist er mehrfach, z.B. wenn Eggers die zerbrechliche Line nach ihrem furchtbaren Lebensbericht gerne tröstend in die Arme nehmen würde, sich aber rechtzeitig erinnert, dass er aus ihrer Sicht ein Mann ist, einer, der sie ausbeuten und missbrauchen könnte. Und so bleibt ihm nur, die Faust auf dem Tisch zu ballen.

„Historisch“ ist Schmidts unmittelbarer Vergleich der beiden deutschen Staaten, zu dem Walter Eggers anlässlich seines „Bücherraubs im Ostsektor“ Gelegenheit hat, und auch diese Seiten dürften einmalig in der Nachkriegsliteratur der fünfziger Jahre sein; kritisch und vor allem unparteiisch hält Schmidt beiden Systemen den Spiegel vor (der kein schmeichelhaftes Bild zeigt).

„Historisch“ ist endlich auch die Geschichte der Jahrzehnte währenden Einkerkerung der Prinzessin Sophie im Schloss zu Ahlden, jenem Dörfchen, in welchem sich Walter Eggers beim Ehepaar Thumann einquartiert, zunächst nur in der Absicht, an alte Hannoversche Staatshandbücher zu gelangen. Denn längst hat der fanatische Sammler Eggers erfahren, dass Frieda Thumann als Nachfahrin des alten Jansen im Besitz einiger dieser Desiderata sein könnte. Die in den Staatshandbüchern verzeichneten Namen längst Verstorbener, Zahlen und Fakten sind Eggers zuverlässiger und vertrauenswürdiger als seine Zeitgenossen: "Wer die Sein=setzende Kraft von Namen, Zahlen, Daten, Grenzen, Tabellen, Karten, nicht empfindet, tut recht daran, Lyriker zu werden; für beste Prosa ist er verloren : hebe Dich hinweg!"
Verbunden mit einem Vorstellungsvermögen, das aus den kargen Daten bewegende Lebensläufe zu zaubern weiß, ist es vor allem der Aufklärer, der hier spricht:
"Die Einführung der Staatshandbücher, sagen wir etwa 1730, bezeichnet den Beginn der Erziehung des Untertanen zum Bürger!""
Eine gewagte Behauptung, aber daran wurde Schmidt nie irre, dass Wissen im günstigsten Fall eben auch Macht ist. Und die Staatshandbücher sind auch Walter Eggers Verbindung zur Welt:
"Das steinerne Herz : nur durch die dünne Nabelschnur der Staatshandbücherreihe hing die Welt noch an mir."
Und Eggers wäre kein schmidtscher Protagonist, wenn er nur ein Mister-know-it-all wäre, denn natürlich ist er auch passionierter Sammler: "Was werde ich mal in der Hölle sammeln?: vieleicht Hufabdrücke der Teufel."
Mit Frieda Thumann, der drallen Herrin des Hauses, geht Eggers bald eine Beziehung ein, die weniger mit Liebe zu tun hat, als dass sie zweckdienlich ist. Ehemann Karl nimmt es wahlverwandschaftlich-gelassen, er unterhält seit längerem eine Beziehung zu Line Hübner, die, aus Schlesien geflohen, in Ostberlin lebt und schließlich auch ins Häuschen in Ahlden einzieht, in dem Frieda nun ihren Walter und Karl seine Line hat.

Ursprünglich wollte Walter Eggers in einer Nacht- und Nebelaktion verschwinden, sobald er die Staatshandbücher hat: "Also Schluß!: Ich hatte die Bücher (den Jahrgang 52, der nicht mehr reinging, würde ich in die Manteltasche stecken.) - (Gewiß, man hätte auch zu ihr hingehen können, und sagen: "Ich fahre morgen". Aber das war nicht meine Art; nicht Sammlerart; war die krankhafte dramatische Art: wir Superklugen legten nicht solchen Wert auf menschliche Verhältnisse!)."
Aber dann kommt es zu einem märchenhaft=peripetischen Schatzfund, von dem an sich doch alles zuHauff zum (besser(?)-)Romantischeren wendet. Zum Ende des Romans hin entwickelt Schmidt Utopien über die Abschaffung der Haushaltsarbeit durch Großküchen, Wäschereien und anderen Kollektiveinrichtungen zwecks der vor allem sexuellen Befreiung des Individuums.
Emanzipatorisch ist die Prinzessin die Patronin von Frieda und Line: „Sie (die Prinzessin) hat man damals noch einsperren dürfen : während ihr Mann 'as doch viel toller getrieben hat!“.
Die einstmals für die Prinzessin geprägten Goldmünzen werden für Frieda zur nicht nur ideellen Grundlage einer Wohngemeinschaft, die sich über die Beschränkungen der Institution Ehe hinwegsetzt. Walter Eggers hilft beim Verkauf des Schatzes und erzielt für die Gemeinschaft ein kleines Vermögen. Eggers Traum vom Häuschen in der Haide samt Schriftstellergattin und Tandem rücken in greifbare Nähe, und es rührt, dass eben dieser Traum für Schmidt – auch ohne Schatzfund - selbst Wirklichkeit geworden ist.

„Historisch“ ist auch das Thema der bundesrepublikanischen Zensur, von der Schmidt ein Lied zu singen wusste. In einem Brief an Ernst Krawehl vom 20.03.1956 formuliert der Autor, der billiger Weise zum Schluss noch einmal selbst zu Wort kommen soll, es so:
„Wollen wir es im „Steinernen Herzen“ nicht doch so halten, wie ich es zuerst schon vorschlug (und wie auch Prof. Bense es seinerzeit proponierte!): die „anstößigen“ Stellen einfach durch grellsten Ausschuß ersetzen; und beim ersten Vorkommen in einer Fußnote erläutern: „da die westliche Freiheit so überwältigend groß ist, sahen sich Verleger & Autor gezwungen, einige Stellen nach des sehr großen Edgar Poe Anweisung in „X-ing a paragraph“ zu behandeln; vielleicht kann in dreißig Jahren die ungekürzte Veröffentlichung des Textes erfolgen“. Das ist meiner Ansicht nach, der für uns beste Weg; und zudem gleichzeitig der für die Bundesregierung blamabelste! Wodurch sofort das seltsamste Licht auf den von mir gewünschten Untertitel („Historischer Roman aus dem Jahre 1954“) fällt!

(Hier sei noch einmal eine Klammer aufgemacht.
Das Adjektiv historisch darf nicht darüber hinweg täuschen, wie aktuell der Roman war und wie wichtig der Zeitbezug für Schmidt war. Denn um ein Haar wäre es gar nicht zur Veröffentlichung gekommen:
Noch bevor DAS STEINERNE HERZ veröffentlich wird, ändert sich die politische Lage in der Bundesrepublik, die allgemeine Wehrpflicht wird wieder eingeführt.
Schmidt schreibt am 18.7.55 an Andersch:

"Das "Steinerne Herz" behalten Sie getrost noch bis Ende des Monats (aber bitte nicht aus der Hand geben ! ). An den Stahlberg-Verlag geben Sie es aber bitte nicht weiter, sondern an mich zurück. Es war zur Veröffentlichung noch vor Inkrafttreten irgendwelcher Wehrgesetzte bestimmt (was mir Agis seinerzeit auch zubilligte), und ich hatte deshalb noch einmal lustig alle Schleusen meiner Abneigungen geöffnet. Nach den beiden letzten Landtagswahlen jedoch sah ich, daß "mein deutsches Volk" wieder einmal nicht eher zufrieden ist, bis es die gewohnte Knute auf dem Hintern spürt - und zum ewigen Getreuen Eckart fehlt mir die finanzielle Grundlage, vor allem die Altmeister=Villa in der Schweiz. : Das "Steinerne Herz" wird also nicht mehr erscheinen !! Ich werde es mit schiefem Lächeln in den Koffer zu diversen anderen Fehlgeburten legen, und mich endgültig der Anfertigung von Skizzen, "Plaudereien", Glossen zuwenden : wenns gar nischt mehr wird, wirds immer noch ein Essay, hat Tucholsky einmal gesagt."

Zum Glück für die literarische Welt hält sich Andersch an Schmidts Gebot sowenig wie Brod an das von Kafka.
Andersch übermittelt die obige Absichtserklärung Schmidts an Ernst Krawehl, Mitinhaber des Stahlberg-Verlages, und schreibt:

"Es bleibt mir also nichts weiter übrig, als das Manuskript Herrn Schmidt zurückzuschicken. Ich möchte Ihnen aber doch von dem Vorgang Mitteilung machen, damit Sie von sich aus den Versuch machen können, mit Herrn Schmidt in Verbindung zu treten und durch direkte Verhandlungen das Manuskript für Ihren Verlag zu erwerben.
"Das steinerne Herz" ist in politischer und erotischer Hinsicht das gewagteste, was ich von Arno Schmidt kenne. Und selbst ich, der ich einiges zu riskieren bereit bin (wie ich es z.B. mit der Veröffentlichung der "Pocahontas" in Heft 1 von "Texte und Zeichen" getan habe), möchte sagen, daß die Erzählung nicht ohne weiteres im üblichen Verlagsverfahren herausgebracht werden kann. Ein Ausweg ergibt sich meiner Ansicht nach, wenn man das Verfahren der Subskriptions-Ausgabe anwendet, das Rowohlt bei Henry Miller mit so großem Erfolg durchexerziert hat. (...)
Ein Manuskript wie "Das steinerne Herz" unveröffentlicht zu lassen, ist jedenfalls ganz unmöglich. Man mag zu Arno Schmidts politischen, theologischen und sonstigen Ansichten stehen, wie man will, was in seinen Arbeiten sozusagen in jedem Satz sprachlich geschieht, ist ohne Beispiel und wird, zwar nicht sofort, aber auf lange Sicht, sich für den deutschen Sprachstand auswirken."
Der Rest ist (Literatur)Geschichte und die Klammer sei geschlossen.)


DAS STEINERNE HERZ – also ein historischer Roman, gewiss, aber doch keiner von der Art, die sich bequem tabakrauchend im Schaukelstuhl konsumieren lässt wie ein Geschichtsroman von Walter Scott. Auch heute wirkt nichts daran angestaubt oder fern, und das verdankt sich Schmidts Schreibstil: ungewöhnlich sind seine Metaphern, unangepasst der Blick, den er auf die Institutionen wirft. Umwerfende Situationskomik und gerechter Zorn lösen sich ab, überlagern sich auch gelegentlich, und an Lebendigkeit ist Schmidts historischer Roman nicht zu überbieten. Doch bedarf es einiger Geduld und guten Willens, um sich durch die schmidtschen Wortungetyme und Satzungeheuer durchzukämpfen. Kreativ-expressionistisch kommt der Text daher, und oft hilft es schon, den fraglichen Satz einmal laut zu lesen, um plötzlich ein verständnisvolles Lächeln auf das Gesicht gezaubert zu bekommen. Und dann kommt man an den Punkt, an welchem man sich der unglaublichen Sogwirkung des Romans nicht mehr entziehen kann, gefangen ist von der Einmaligkeit, und am liebsten nur noch mit Stift und Notizbuch lesen möchte, weil alles zitierfähig ist: scharfzüngig, komisch, intelligent!

Wer sich übrigens selbst einmal im Ahlden des Romans virtuell umschauen möchte, sollte diese Seite besuchen:
www.hendricksonline.de/sth/home.htm


Abschließend einige persönliche Anmerkungen, die nur sehr am Rande mit dem Buch zu tun haben. Schmidt! Mit diesem Autor kann man sich leicht überwerfen, und mir ging es nicht besser. Seine ewige Rechthaberei, seine unablässigen Maniriertheiten, die ewige Maske der Selbstinszenierung; sein Spätwerk war es schließlich, das mich treuen Gefolgsmann nach langen Jahren der Verehrung zum Schmidt-Übersättigten, Schmidt-In-Frage-Steller und endlich zum Verweigerer machte. Der gerechte Zorn des 50er-Jahre Schmidts schien mir ab den in den späten 60er Jahren entstandenen Texten eine oft leere Fratze geworden, deren beißende Besserwisserei und Rechthaberei mir die Luft nahmen. Aber wie sich von einem solchen Autor, einem solchen Werk für immer & ewig entfernen, wenn prägende Jahre des Lebens/Lesens daran hängen? Ein Kontakt blieb immer erhalten, indem ich mit Freunden so sporadisch wie begeistert die Stürenburg Geschichten las, man kann mit ihnen wirklich so gar nichts falsch machen, der Wiederbegegnung mit den längeren Werken aber weitestgehend aus dem Wege ging. Entzug und grimmige Genugtuung in einem: Ja, das hat Schmidt nun davon! Aber wer, anders als Schmidt, vielleicht doch mit den Jahren milder wird, vielleicht auch sich inzwischen etwas besser in ihn – der ausdrücklich nicht dazu einlädt – hineinversetzen kann, greift schließlich doch wieder zu einem seiner Romane, und hier geht es um die Wiederbegegnung mit vielleicht seinem schönsten, DAS STEINERNE HERZ (eine letzte Abschweifung: vor langer Zeit kaufte ich in Hamburg einem Germanisten sein Grimmsches Wörterbuch ab, das er in der ZEIT inseriert hatte. Er erzählte, er müsse sich von seiner beträchtlichen Bibliothek trennen, da er für lange Zeit nach Asien wolle. So kaufte ich ihm noch einige andere schöne Bücher ab, doch ein einziges Buch, so sagte er, werde er mitnehmen und als nicht verkaufen. Natürlich, es handelte sich um das STEINERNE HERZ).

Wer sich diesem Buch verschließen kann, muss selber so eines haben, ein Herz aus Stein!

Sowieso fünf Sterne!
Profile Image for Hendrik.
440 reviews112 followers
June 10, 2024
Liest man ein Buch zum zweiten Mal, geschieht das oft mit einem geschärften Blick für die Details. Im Fall von “Das steinerne Herz” wäre ein solches etwa der seltsame Untertitel ”Ein historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi”. Der Zeitpunkt der Handlung liegt also gerade einmal zwei Jahre vor der Veröffentlichung des Romans. Ein Beispiel Schmidt'scher Ironie oder etwa bitterböse Anspielung auf die Vergesslichkeit des Publikums im Nachkriegsdeutschland? Der Hang zur Verdrängung war bekanntlich allgegenwärtig. Vielleicht verbirgt sich auch Enttäuschung des Autors dahinter, der womöglich gar nicht mehr auf seine Zeitgenossen rechnete. Denn Erfolg und Anerkennung ließen damals noch auf sich warten. Entsprechend prekär waren die finanziellen Verhältnisse des Ehepaars Schmidt. Eine ausgesprochen triste Lage, in der einem für gewöhnlich nur die Hoffnung auf bessere Zeiten bleibt. Natürlich sind solche Überlegungen rein spekulativ, aber nicht ganz abwegig. Hegte doch bereits ein anderer Großer der Literaturgeschichte ähnliche Gedanken. Stendhal, unzufrieden mit den mageren Verkaufszahlen seiner Schrift “Über die Liebe”, behauptete selbstbewusst: “Man wird es um 1900 lesen”. Der Leser, auf den Stendhal zählte, war der Leser der Zukunft. Gleiches könnte für “Das steinerne Herz” gelten. Ein Roman, dessen Form und Inhalt kaum im Einklang mit den literarischen Konventionen der Fünfziger Jahre standen. So gesehen mussten die idealen Leser dafür wohl erst noch heranwachsen. Dass diese Spekulation auf die Zukunft gelungen ist, steht für mich außer Frage. Aus der (sehr originellen) Perspektive der Hauptfigur Walter Eggers, ein Sammler auf der Jagd nach historischen Staatshandbüchern des Königreichs Hannover, werden die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit geschildert. Und obwohl das Buch inzwischen ein paar Jahrzehnte alt ist, wirkt es immer noch ungemein modern. Selbst heute ist stilistisch derartig herausfordernde Literatur selten zu finden. Zumal bei Arno Schmidt anspruchsvolle Prosa kein Verzicht auf Humor bedeutet. Es darf gelacht werden.
Profile Image for Armin.
1,203 reviews35 followers
October 25, 2014
Arno Schmidt: Das steinerne Herz – Beschreibung eines literarischen Selbstversuchs

Klärung der Voreinstellungen/Vorurteile

Nun habe ich ihn endlich bewältigt, meinen ersten vollständigen Arno Schmidt. Wenn überhaupt, dann wollte ich eines Tages vielleicht, noch mal das nicht ganz so undurchschaubare „Brand's Haide“ zu Ende lesen. Dieses Büchelchen hatte ich mal zum Zeitvertreib bei, sagen wir mal, einer Kommilitonin angefangen. Sie telefonierte wenigstens nicht lange genug, dass ich auch noch gleich mit diesem dünnen, vorsorglich in die Hände gedrückten Bändchen fertig wurde. Trotzdem wollte sie gleich noch eine Interpretation von mir, aber mit der mundgerechten Aufbereitung von „Winterspelt“ habe ich dieser eher auf entscheidende Seiten erpichten Kommilitonin eine größere Lesearbeit abgenommen und sie mit ein paar leichteren Übungen sogar auf eine, durch nichts gerechtfertigte und auch nicht angemessen honorierte Zwei im Germanistik-Examen gepimpt.
Mein Arno Schmidt-Bild ist aber in erste Linie durch einen früheren Mitbewohner mit etwas seltsamem Humor geprägt, der sich die Zürcher Kassette zu einem Spottpreis zugelegt hatte und mir beim Frühstück so allerlei Schnurren aus dem Werk des Meisters und dessen Lebenseinstellungen erzählte, die den Eindruck erweckten, der im erzählerischen Dickicht versteckte Inhalt sei ohnehin der Mühe nicht wert.
Zu jener Zeit (1988-1993) war ich ohnehin der Meinung, dass die deutschsprachige Literatur mit den Autoren, die schon während der Weimarer Republik publiziert hatten, ihren Gipfel erreicht hatte, Alfred Döblin, Hans Fallada, Hermann Kesten und Robert Musil waren meine Leitsterne, wenn man so will, sogar Lehrende, die es gar nicht wissen konnten, kommentierten unaufgefordert meinen Döblinismus. Wilhelm Raabe, Theodor Fontane, E.T.A Hoffmann und Gottfried Keller waren meine Hausgötter des 19. Jahrhunderts. Ach ja, für den Wieland hatte ich auch eine Schwäche, wenn man ein weiteres Jahrhundert zurück geht, hielt ihn gar für einen großartigeren Erzähler als Goethe.
Jene Schriftsteller, die nach dem zweiten Weltkrieg von diesem oder jenem literarischen Nullpunkt aus wacker drauf los produzierten, waren für mich bestenfalls einbeinige Talente, egal was Andersch, Böll, Frisch, Grass oder Walser so produzierten, irgendein Holzbein hatte ihre Geschichte immer, meist kam sogar mehr als eine unschöne Prothese bei ihren literarischen Humpeleien für eine bessere Welt zu Tage. Arno Schmidt, so schien es mir damals, verschleierte den Makel an Einbildungskraft oder andere Defizite vermutlich nur durch etwas komplizierte Erzählformen.
Doch da mir der Plot von „Das steinerne Herz“ beim unlängst riskierten Blick in Wikipedia persönlich sehr zusagte und auch herrlich weltbeglückungsfrei erschien, entschied ich mich dafür, dem Autor, den ich erst irgendwann, dann vermutlich nicht mehr lesen wollte, eine Chance zu geben.

Erste Leseeindrücke (Wer wissen will, worum es in der Geschichte geht, kommt mit Wikipedia besser ans Ziel)

Die ersten beiden Seiten mit Zeilen, die nach Restbeständen aus späten Paul-Celan-Gedichten klangen, erwiesen sich als abschreckender als angenommen. Absolut unvisuell, kein verwertbarer erster Eindruck, statt dessen Mikroskopaufnahmen von Wassertropfen oder Verkehrsgeräusche.
Dieser Arno Schmidt übertraf sämtliche über 25 und mehr Jahre gehegten Vorurteile bei weitem. Ohne das Vorwissen, um eine Geschichte, die ich eigentlich lesen wollte und eine weibliche Hauptperson, die ich unbedingt kennen lernen wollte, wäre ich wohl nie auf der dritten Textseite angekommen. Aber erst war da Friedas mindestens Größe 7 und dann das Wissen darum, dass der Erzähler früher oder später bei ihr oder ihnen sein Gipfelglück erleben würde. Das erste horizontale Zusammentreffen der beiden geriet zum zweieinhalbseitigen Ozean von Metaphern, der dem Leser einen Eindruck von der verlorenen Ausdruckskultur für gemeinsame Bettfreuden vermittelte. Die kurzen Alltagsfragmente von Frieda zeichneten ein ziemlich präzises Charakterbild einer in ihrem Alltag und ihrer Rolle gefangenen Frau mit bislang enttäuschten Erwartungen ans Leben.

Stilmittel und ein unverhoffter Ahnherr

Im ersten Teil habe ich mich immer wieder über den knappen mit einem maximalen Anteil an Realität, persönlichem Befinden und Verbindung zu historischen Fakten und erzählerischen Traditionen gewundert und auch geärgert. Der durch Atomisierung verstellte unmittelbare Zugang zu der in Wikipedia erzählten Geschichte, die in diesem Verhau versteckt war, ging mir auch im weiteren Verlauf immer wieder ganz schön auf die Nerven. Allen gelungen hochpoetischen Einzelzeilen zum Trotz, wie dem raffiniert kombinierten Reflex in die eigene Vorgeschichte mit der Naturbetrachtung in der Partie mit den Bäumen und die Kriegsgefangenen.
Andererseits fand ich es faszinierend, wie stark der Formalist Schmidt mit den Traditionen der Deutschen Literatur verwachsen war, die etliche seiner schreibenden Zunftgenossen radikal gekappt oder zum schieren Spielmaterial degradiert hatten. Zwar verhält sich Erzähler Eggers immer wieder als mit Zitaten und Zusammenhängen spielender Eulenspiegel, doch als das Schlüsselwort „Schüdderump*“ im Text aufleuchtet, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Hier ist ein literarischer Enkel von Wilhelm Raabe am Werk,
gerade in Sachen Schrulligkeit und gegen den gesellschaftlichen Strich gebürsteter Individualität wie auch in der Verweigerung gegenüber dem Mainstream sehe ich Parallelen. Allerdings haben Schmidts Figuren einen Unterleib, dessen Regungen und Forderungen hervorragend in die Gesamtcharakteristik eingebettet sind. (Ein riesiger Fortschritt aus Sicht eines einstigen Raabe-Fans, der dieses Defizit einst mit ein paar horizontalen Apokryphen behoben hat.)

* Der Schüdderump ist der Titel eines Raabe-Romans, der einen Qualitätssprung im umfangreichen Oeuvre des sperrigen Autors bedeutet, genauer gesagt, die Abkehr vom lukrativen Mainstream zugunsten eines individuelleren Stils. Meiner Ansicht nach, - Schmidtianer kreuzigt mich dafür, ich werde nicht widersprechen, da mir die Zeit für eingehendere Studien fehlt - ist Raabe als Sprachkünstler und unzeitgemäßer Erzähler mit zahlreichen Bezügen in die literarische Vergangenheit wie als enorm emsiger Kommerzverweigerer eine nicht zu unterschätzende Referenzfigur. Insbesondere die schlicht gestrickte und doch etwas verquere Katzennärrin Line könnte auch übers Odfeld ziehen.


Mit der Identifikation Arno Schmidts als erzähltechnisch besser aufgestelltem Nachfahren von Wilhelm Raabe, war der Verfasser des Steinernen Herzens
bei mir zumindest den Malus des kühn von einem Manierismus in den nächsten springenden Formkünstlers los, glücklicherweise wiederholten sich auch nicht die Wahrnehmungsatome der ersten beiden Seiten.
Der zweite Teil mit der Reisebeschreibung liest sich immerhin deutlich flüssiger und ist auch deutlich visueller und gerade das Gartenhausidyll
ist auch szenischer geraten. Lines lakonischer Bericht über den Preis des Überlebens unter den neuen Bedingungen in Schlesien, gäbe einem heutigen Autor Stoff für 500 empörte bis wollüstige Seiten über Menschenrechtsverletzungen und unzählige Verweise auf das in den vorhergehenden Jahren oder Jahrhunderten durch Deutsche begangene Unrecht.
Die nüchterne Beiläufigkeit mit der die nach wie vor von Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat und überbordender Tierliebe geprägte Frau ihr Schicksal in ihrem Garten-Asyl erzählt und dabei im Gartenhaus-Alltag einen Erzählfaden abspult, der in Sachen Umfang das Gegenstück zur metaphernreichen Liebesnacht bildet, spricht für die Meisterschaft Schmidts als Romancier. Abhandlungen über den Kompensationscharakter ihrer Katzenliebe füllen vermutlich mehrere Regalmeter im Schmidt-Universum.
Auch die Art und Weise, wie Schmidt Line aus dem West-Ensemble verabschiedet, das gar nicht so heileweltmäßig zusammen bleibt, wie es die Wahlverwandtschaftsfraktion gerne sehen möchte. Ihre Vorratsmentalität beim Zucker kündigt die Wende an, ihre fressbedingten Bauchbeschwerden
und der damit verbundene Katzenjammer geht der Konfrontation mit geballter Westpropaganda voraus, der ihre Entscheidung, Schlesiens wegen, in die DDR zurück zu gehen motiviert, um nicht auf der falschen Seite der Grenze zu stehen. Dass sie das mit Schatzgeld tut, spricht nicht unbedingt dafür, dass das Quartett im Osten unter einem Dach zusammenleben wird.

Noch mehr begeistert hat mich die Entwicklung meiner ursprünglichen Lesemotivation von der Vermieterin und Köchin zur liebenden Frau, die beim Ausflug nach Hannover nicht nur den Wert des geerbten Schatzes erfährt, sondern auch ihr persönliches Familienerbe entdeckt und sich nicht nur biologische, sondern als wahre Nachfahrin des Jahrbuch-Janzen erweist.
Als Katalysator wirkt dabei der als Schelm eingeführte Bücherdieb Eggers, der in seiner Kauzigkeit und bei seinen Neurosen sicherlich viele Parallelen zum Autor aufweist, vor allem in der Kritik an den Verhältnissen in der restaurativen und demnächst re-militarisierten Adenauer-Republik. In diesem, in jeder Hinsicht, historischen Punkt gibt es zahlreiche Parallelen zu Böll und Co. Für die Vereinnahmung ins linke Biotop, das in den Siebzigern ziemlich verstört auf gewisse Ausführungen reagiert haben solle, spricht schon in „Das steinerne Herz“ wenig, das zwei allenfalls mangelhafte Deutschland-Entwürfe zeigt und zum ersten mal den knapp zwanzig Jahre später übel aufgenommenen Spruch über die bedingte Qualität Arbeiterdichter formuliert.

Realismus und Symbolik (Ein anachronistischer Ausrutscher)

Elitär war der Autor schon damals und sein Erzähler Eggers hält sich für klüger als der Rest der Menschheit. Gerade deshalb liefert der Roman mit den beiden Paaren Eggers/Frieda und Line/Karl einen Überblick wie tief die geistige Decke im Adenauer-Deutschland eingezogen ist, wie elementar die Bedürfnisse der Protagonisten sind.
Auf symbolischer Ebene gibt es mit dem Schatz über der eingezogenen Decke, einen Hinweis auf reichhaltigere, verborgene Perspektiven, die gute Untertanen nicht ahnen sollen, die mit Propaganda aus dem Radio dumm gehalten werden sollen. Die geradezu manische Suche nach Sendern mit einer anderen Perspektive ist ein Indiz für die Jagd nach alternativen, höheren Einsichten.

Da mein Bezugspunkt in dieser unangemessen Betrachtung eines ungewöhnlichen Leseerlebnisses jedoch Wilhelm Raabe ist, möchte ich als Arno-Schmidt-Analphabet eine ganz andere Parallele ziehen, nämlich zu Stopfkuchen. Nicht nur in Sachen raffinierter erzählerischer Polyphonie und der Synchroniserung oder Überlagerung von Alltag und Historie, sondern auch auf der Handlungsebene. In Raabes spätem Roman bringt der andernorts gescheiterte Heimkehrer die Welt seiner Heimat gewissermaßen wieder in Ordnung, indem er ein altes Verbrechen aufklärt und die Tochter des mutmaßlichen Mörders Quakatz heiratet und für frisches Selbstvertrauen bei den Verfemten sorgt.
So aktiv an der Veränderung der Verhältnisse ist der Bücherdieb Eggers gar nicht interessiert, vielmehr verhageln ihm die sich unverhofft einstellenden Glücksfälle ziemlich gründlich die Wiederherstellung seines status quo auf hörerem Niveau. Trotzdem trägt er zu einer persönliche Neuaufstellung Friedas bei und bringt ihr finanziell verwertbares wie ihr biologisches Erbe zum Vorschein und miteinander in Einklang. Damit tritt Arno Schmidt im steineren Herz für mich eher das Erbe Wilhelm Raabes als das Goethes an (cum grano salis natürlich).
Von daher fünf Sterne, auch wenn Murder Book oder Eisiges Blut sicher das ungebrochenere Lesevergnügen geboten haben.
Profile Image for Luis Löwenstein.
58 reviews4 followers
April 10, 2025
Ich habe selten ein so kleingeistiges und witzloses Buch gelesen. Onkelhafte, monomanische Selbstbespiegelung von grenzenloser Niedertracht. Das ist die Literatur eines gewissen Schlags zynischer, "prinzipiell unparteiischer", "radikal alles infrage stellender", grundlegend faschistisch veranlagter bundesdeutscher Intellektueller, "Geistesmenschen", die aus dem ihrer kleinbürgerlichen Habituierung entspringenden Antiintellektualismus erst einmal sich selbst beweisen müssen, dass sie ja nicht - wie natürlich alle anderen ihrer Zunft - humorlos und impotent sind, und die, nachdem sie über sich selbst zu dem Schluss gekommen sind, ein wirklich einzigartig potenter, intelligenter und humoriger Einzelgänger zu sein, so tief von sich selbst beeindruckt und überrascht sind um nun gegen die Welt und ihre Mitmenschen eine noch größere Verachtung zu empfinden. Die fortwährende Entkräftung durch (Selbst)Ironisierung ist dabei nur ein schaler Vorwand für die somit umso schamlosere Behauptung des eigenen Dünkels (ist ja nicht ernst gemeint, dass ich der gelehrteste klügste potenteste und überhaupt beste Mann der Welt bin, das ist ja gerade das Entlarvende, dass ich das von mir glaube! (Aber glauben tu ich's halt doch)). Zugleich ist das Buch von einer eklatanten und enragierenden Betulichkeit, so in banalen Onkelwitzen wie "Heute Abend gabs warmen Kartoffelsalat mit gebratenen Makrelen : schön. D. h. für uns; nicht für die Fische." Brrr.

Die abstoßendsten Passagen dieses Buches sind jene, in denen der Autor die kleinen blitzschnellen alltäglichen Kalkulationen, die alle von uns im sozialen Hinundher beständig vornehmen, ohne darüber nachzudenken, schlicht in einer Dehnung der Erzählzeit kommentierend ausschreibt, was freilich zur Folge hat, dass die elementarsten Operationen des Hirns zu imposant komplexen, scharfwitzigen Prozessen geraten müssen, umso mehr, da durch die Innensicht des Ich-Erzählers allein sein Denken erlebbar wird, während die anderen tumbe Automaten bleiben müssen. Dass die Situationen freilich durch ihn selbst fingierte sind, macht das ganze umso kommoder, da die Überhand des Protagonisten (es sei denn, bisweilen, in der Sexualität, wo das herrische Weibsbild manchmal die Macht an sich reißt, uiuiui, beinahe kastrierend, wäre es nicht die Folge SEINES Sexappeals) auktorial versichert ist. Das Schachern um Geld gegen Ende des Romans, wo der Protagonist, ganz der Polyhistor, als fachlich freilich WEIT begabterer und bewandterer Laie die Fachleute aussticht, mit sach- und fachkundiger Bauernschläue "die da oben" auf ihren Platz verweist, und das über mehrere qualvolle Seiten, erfüllte mich mit einem Ekel, wie ich ihn selten empfunden habe:

„ Man muß sich eben im Leben eine Regel dafür setzen ”( wie zu'm Kinde ) : „ entweder < grundsätzlich > auf die zunächst liegende gerade oder ungerade Zahl gehen. ” (Dettmering runzelte die Stirn; hatte 's also noch nicht ganz kapiert. Gab ich großmütig das Beispiel zu): „ Also aus Beiden, 0,5 wie 1,5 wird 1. 2,5 und 3,5 zu 3: das ist nämlich jeweils die zunächst liegende ungerade Zahl: die ich immer nehme. ” ( Jetzt hatten Herr Direktor 's gefressen : er nickte erleuchtet; würde also in der nächsten Aufsichtsratssitzung mit leiser eindringlicher Stimme die staunenden Aktionäre belehren. Ich schloß hochfahrend geschäftsmäßig ) : „ Also ist von Abrunden überhaupt keine Rede: wie wollen wirs in diesem Falle halten ? ! ” sah auch den roten Gummiball so brutal an, daß er vor Entrüstung auf den Fußspitzen tanzte, Allemande, Courante, Sarabande und Gigue ( wozu sich noch zwanglos Gavotte, Bourrée, Passepied und Menuett gesellten : sei doch froh : haste wieder was gratis gelernt ! ). „ Also ungerade ! ” schnarrte ich, ehe er noch antworten konnte; und Dettmering willigte ein, hob auch eine auffordernde Hand : sich danach zu richten. Wir rechneten wieder ein bißchen.

Hättest DU aus dem Steigreif (also zuhause in Ruhe am Schreibtisch) altertümliche Gesellschaftstänze aufzählen können, und noch so viele? Na, da siehst du mal.

Die ganze Welt ist also dümmer als Arno Schmidt - pardon, "Walter Eggers", - weil sie nicht auf dem stummen e in giebt beharrt oder zum Spaß statistische Handbücher über das Hannoversche Königreich liest - dass er das nicht allein aus wissenschaftlichem Interesse tut, sondern vor allem aus Begeisterung und Muße, adelt ihn freilich, anstatt ihn als phantasielosen Geist zu entlarven, denn schließlich ist, wer Nutzloses tut, Künstler, bzw., wer Künstler ist (als ontologische Kategorie, wohl von Geburt an?), darf nichts nützliches tun. Nützlichkeit, das ist die Domäne der Spießer (=Arbeiter). Es wird mehrmals bemerkt, das Anhäufen von Bildung sei als Selbstzweck unsinnig, der Bereich niederer klein-/bürgerlicher Geister, die ungenialischen (weil nicht ausgestoßen wie die Künstler) Kreaturen. Zugleich aber besteht der Roman im Wesentlichen aus buchhalterisch verzeichneten Trivia und belesenen Überheblichkeiten nach allen Seiten, halbherzig dynamisiert durch sexistische Lüsternheit (echt oder (der Höflichkeit halber, nota bene!) geheuchelt, auf jeden Fall die einzige Art, wie einer Frau zu begegnen sei) zu einer dahinambulierenden Handlung.

Dementsprechend auch der schwachsinnige Seitenhieb wider die DDR, es sei bösartig, Künstler als Arbeiter zu bezeichnen, das lege ja nahe, jeder dahergelaufene Arbeiter (=deklassierter Untermensch) könne Künstler sein, wo er doch, wenn er wirklich das Zeug zum Künstler hätte, schließlich aufhörte, Arbeiter zu sein, weil seine gesamte Arbeitskraft in die Kunst flösse. Dann ist freilich ein Fließenleger auch kein Arbeiter, weil seine ganze Arbeitskraft nicht der "Arbeit" sondern dem Fließenlegen gilt, ebenso wie die Tischlerin, der Buchhalter und die Putzfrau. Die Ablehnung, als Arbeiter bezeichnet zu werden, ist also schlicht nichts weiter als der Horror, mit dem ungewaschenen Proleten gleichgemacht zu werden.

Das rechtfertigt freilich auch die Romanform für die phantasielose Niederschrift bedeutungsloser Privatinteressen, kleingeistiger Ärgernisse und nichtiger Bemerkungen der Art "was nun wirklich endlich einmal irgendwo gesagt gehört" und das ausgiebige Stieren in die immer tieferen Winkel und Fältchen des Nabels eines unbegreiflich prätentiösen und solipsistischen Autors, ist dieser doch ja schließlich "Künstler" und was er absondert somit samt und sonders "Kunst". Und Gott sah, dass es gut war.

In Blick in die Rezensionen auf Goodreads und auf Wikipedia zeigt, ernüchternderweise, die Bereitwilligkeit der Leute, sich mit dieser Schwachsinnigkeit gemeinzumachen. Sobald mal ein Mann irgendwo im Feuilleton als genial bezeichnet wurde, kommen die stiefelleckenden Geniekultisten wie die Schmeißfliegen angeflogen, um sich im Abglanz seiner Herrlichkeit zu sonnen und sich von der Scheiße zu nähren. Jene, die blöd genug sind, sich von Schmidts faden Prahlereien und Wüstereien impressionnieren zu lassen - Hui, wie gewagt! Ei, wie gelehrt! - stellen prompt allerlei gewagte Thesen auf, um die Inhalts- und Aussagelosigkeit des Romans zu (v)erklären - was mag der Autor mit dem "historischen Roman aus dem Jahre 1954" gemeint haben? Alberei oder Zynismus kann es nicht gewesen sein, nein, er wusste sich vielmehr in seiner Zeit durch seine nicht mit einem ebenso großen Hirn begabten, spießigen Zeitgenossen verkannt. Erst die von ihm geschaffene Nachwelt würde den Roman verstehen können, der ihnen nun freilich ein historischer sein würde. Und desgleichen Unsinn mehr...
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February 20, 2022
Der Mond gesichtelte kreidern über seinem rauschenbäuchigem Meeresflaum
Und wieder 1 zum abhaken für die reading challenge. Der sogennannte buddy=reader lässt natürlich wieder auf sich warten (In Barcelona von allen Orten lässter sich’s gut gehen, der Babbsack…)
Was aber nun machen mit den Gedänklein des nächtelns? Man könnte ja nun < indulgend > und selbtfairherrlichend/schtümberhaft den < Stil > des Meisters billich nachahmen.. So sieht’s dann doch fast aus als hätte man was beizutragen (wobei man ja doch nur bazilliert…)
Am Fensterbild die Sterne wie eine verzwingelte Lichterkette
”Ja aber isses denn auch lesenswert?” fragte er öffenkündlerrich frechmündig durch den Spitzmund. “Ja kommt hald drauf an wasse unner < Literatur > fairstehn wolln” :-?:-!:...
”Frach’n wer ma so… Isser den wenigstens underhaldsam, der Arnno?” Auch diese Frechheit bleibt einen ja nicht erspart. “Also wenn’se selber noch Erregung zu Fraun, Büchern und Statistiken finden können, dann wohl ja… Spiessig/Kaddolisch sollt’n ‘se aber besser nich sein!” [Mir selbst war’s ja oft auch nich genug, aber für < moi > soll’s reich’n….)
”Na da bleib ich doch lieber bei meinen < anständijen > Romane..” Na besser iss;!!;...
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October 15, 2025
Eine sehr eigene Sprache (und Orthographie), ein sehr eigener (zuweilen sehr derber) Humor. Alleine schon zeitgeschichtlich ist das Buch absolut interessant. Man braucht ein bisschen, um reinzukommen, aber es entspinnt sich eine tolle Handlung.
Man darf nicht erwarten, alle Verweise zu verstehen. Ich halte es für eine bewusste Flut, bei der sich womöglich sogar Erfundenes mit Tatsächlichem vermischt.
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December 31, 2023
So far the only Arno Schmidt book I've read. This one came early in his career, and although there are already signs of the formal experiments to come, it is understandable and enjoyable even at a superficial level. A deeper read would require looking up many references (some of them are given at the end of the volume in the French edition). If i read this again some day (which is a possibility), it will have to be a much deeper read.

Although the novel is quite funny and entertaining, it only picked up steam, for me, in the last 50 pages or so with the discovery of the treasure. By that point it turned into a pure (hilarious) page turner (with a lot of nerdiness included). I couldn't help but doubting the earnestness of the narrator and brace for impact. Especially with such a title as the Stony Heart.
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March 11, 2014
Eggers, a collector fixated on completing his collection of Hannover's "Staatshandbücher", enters the household of Karl and Frieda Thumann. He hopes to find missing volumes there as Frieda is the great grandchild of the statistician Jansen, one of the authors of these.

In terms of content, Das steinerne Herz takes the setup from Goethe's Wahlverwandschaften and transposes it to divided post-war Germany. Eggers starts an affair with Frieda while Karl, a truck driver, has a long-standing liaision with Line, a refugee from Silesia now living in East Berlin. They start a menage-a-quatre inspired by the similar construct in Wahlverwandschaften. Contrary to the lethal outcome in Goethe's classic, Karl and Frieda decide in favour of the new relationships although for the rather pragmatic reason of a lack of emotion in and failure of their marriage than as a positive choice. By repeating the idea from Goethe's book that marriages at first should only be concluded for five years, Schmidt confirms that it's a deliberate, not accidental similarity.

In terms of structure, the three parts of the book adhere to the dialectic principle of thesis, antithesis and synthesis.

Thesis: Frieda and Eggers start their affair; life in post war West Germany.
Antithesis: Karl and Eggers drive to Berlin; Line and Karl's affair; East Germany.
Synthesis: All four of them gather in Frieda's and Karl's household.

Schmidt uses this setup for a discourse on a wealth of topics: Most obviously, it's a critique on life in both parts of Germany in the fifties. Schmidt is disappointed with West Germany's rearmament as well as with East Germany's dishonest praise of the common worker. It's a display of average people from all backgrounds, it's an opportunity to cite historical snippets from 18th and 19th century Hannover.

One of my favourite quotes:
Traum von der idealen 'Freien Wahl' - ungefähr so wie Wielands 'Gesicht von einer Welt unschuldiger Menschen', oder 'Philander von Sittewald': Jeder müßte mit 21 (bzw. 18) Jahren eine kleine historisch=geographische Prüfung bestehen (die dann alle 5 Jahre wiederholt wird); und ein Zeugnis darüber beibringen, abgestempelt von den 4 bedeutendsten Parteien (das dann am Wahltag, zusammen mit der Legitimation, vorzulegen wäre). Mit 65 erlischt das Wahlrecht unerbittlich, aktiv wie passiv; es giebt keine Altersweisheit!! - 4 Wochen vor der Wahl erhält jeder Wähler von staatswegen eine Broschüre: darin stehen jeder zugelassenen Partei (Bedingung 100.000 Wähler) 3 Seiten zur Verfügung, um nach Belieben ihr Programm zu entwickeln (und das der Konkurrenz zu zerpflücken). Ansonsten nichts: keine Wahlmänner, Versammlungen, Plakate, Rundfunkansprachen; der Pfarrer, der in der Kirche Andeutungen macht, erhält sofort 50 auf den nackten Hintern (von dem notorischen Dorfatheisten aufgezählt!); ebensowenig Beeinflussung durch die Gewerkschaften. - Na ja.


Is there any distinction between the narrator Eggers and Arno Schmidt? If not, it's not merely an insight into his opinions on politics and society but also a brutally honest insight into the more profane occupations of his mind. The intercourse descriptions between Eggers and Frieda must be among the least erotic ones ever, Frieda being the most unattractive seductress ever; not to mention his musings on other body functions.

As can be expected, Schmidt's use of language is an intellectual challenge, not always fun but worth the work.

[Published in 1956, not in 1974]
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