Über Klimakultur und die Erneuerung der Demokratie.Finanz- und Wirtschaftskrise, Klimawandel, schwindende Ressourcen und der Raubbau an der Zukunft der kommenden Generationen bilden einen beispiellosen sozialen Sprengstoff. Die Analyse der sich auftürmenden Krisen zeigt, wie Demokratien dabei unter die Räder kommen, wenn sie nicht radikal erneuert werden und den Weg aus der Leitkultur der Verschwendung finden.
15 Jahre nach Erscheinen gelesen, interessante Lektüre schon deshalb, weil manches gut, manches schlecht gealtert ist. Dass weder der Aufstieg der AfD noch das Scheitern der COP15 (Kopenhagen) vorhergesehen werden, ist dabei natürlich verzeihlich. Eine Auswahl:
– Wie seit 2020 die Coronapandemie herangezogen wird, um zu belegen, dass moderne demokratische Gesellschaften durchaus auf Krisen reagieren können (und es nicht am angeblich fehlenden Geld scheitert), ist es 2009 noch der Umgang mit der Banken- und Wirtschaftskrise, der das gleiche belegen soll. – "Die kurze Spanne bis 2020 – nur zwei, drei Legislaturperioden, einen kurzen Wirtschaftszyklus, zwei Sommerolympiaden weiter – entscheidet über die Lebensverhältnisse künftiger Generationen." (S. 10) – "Es kann kaum Zufall sein, dass die elf der zwölf wärmsten Jahre seither [seit 1850] in der Zeitspanne von 1995 bis 2007 fallen." (S. 23) – tja, das waren noch Zeiten, als DAS die wärmsten Jahre waren! – "Weshalb die Dekarbonisierung der Gesellschaft bereits gut gewesen wäre, als der Klimawandel noch gar nicht entdeckt war." (S. 31) Das ist ganz im Sinne des (späteren) Känguru-Arguments: "…wenn wir dann in 50 Jahren feststellen würden, dass es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern." – Die 19jährige Anna H. in einer Talkshow von Maybritt Illner 2009 (S. 53ff.) – das erinnert sehr an Talkshows 10 Jahre später, nur dass die Namen der mit ihren Anliegen ignorierten oder lächerlich gemachten Teenager andere sind. – Leggewie und Welzer gehen davon aus, dass sie noch 1,6° von der Zwei-Grad-Barriere entfernt sind (S. 68) – oh, sweet summerchildren! – Warum tun wir nicht, was zu tun ist? Das ist eine "künstlich verrätselte Frage" (S. 97). – Die deutsche Automobilindustrie ist an ihrem Niedergang selbst schuld (S. 118f.), wie VW 2024 mit Nachdruck belegt. – "In der Summe erscheint es so, als habe sich [die internationale Politikgemeinschaft] stillschweigend auf eine Drei-Grad-Welt eingedreht." (S. 169) – das kann als verifiziert gelten, was aber natürlich nicht bedeutet, dass dieses wahre Ziel dann auch eingehalten wird. Leggewie & Welzer betonen dabei zwar, dass +3° das "Ende der Welt, wie wir sie kannten" sei, aber nicht der Untergang der Menschheit oder die Rückkehr in die Steinzeit. – "Die angeschlagene CSU ist eigentlich nicht mehr der Rede wert, sie ringt um bajuwarische Standortvorteile und wenn die Welt dabei zugrunde ginge" (S. 222), "Krisengewinnlerin ist damit die F.D.P.", die als "Mehrheitsbeschafferin zur Sperrminorität gegen eine Energie- und Klimawende" erlangt habe (S. 223). Beides ist nicht nur inhaltlich genau so eingetreten, sondern bei der FDP durch die Wahl des Wortes "Sperrminorität" gelungenes foreshadowing.
Aber was haben die beiden nun vorgeschlagen vor 15 Jahren? Zunächst sind sie weder einseitig optimistisch, noch pessimistisch. Sie hielten das Problem für lösbar, eine tatsächlich Lösung aber nicht für sonderlich wahrscheinlich. Sie plädieren für mehr Demokratie und ein neues sinnstiftendes Narrativ (das nicht individueller Wohlstand als alleinigem Lebensinhalt ist). Im Detail ist das aber sehr vage, vor allem wie das bis 2020 hätte gelingen können. Gemein ist wohl eine Mischung aus neuer Politikstil (mehr Erklären und Werben statt Talkshowstreit), mehr Beteiligung auf lokaler Ebene, mehr Selbstwirksamkeit durch direkte Elemente oder Bürgerräte (das Wort fällt aber nicht), Repräsentation von Kindern und zukünftigen Generationen u.ä. Hier ist das Buch dann leider doch enttäuschend, auch wenn man die Stoßrichtung teilen mag.