Spionage, Kinopaläste, Varietés, Kokain … Während die Hauptstadt ihren Aufschwung feiert, hat sich Exkommissar Grenfeld in einem Dachatelier verschanzt. Er will seine Ruhe. Doch als Zeuge eines brutalen Mordes gerät er unaufhaltsam in einen Strudel von Ereignissen, die ihm alles abverlangen. Sein einziger Verbündeter scheint ein Straßenjunge zu sein. Mit ihm kriecht er durch unterirdische Tunnels und klettert über die Dächer der Stadt. Er ermittelt in Flüchtlingslagern, der ersten Moschee auf deutschem Boden und landet zuletzt im Zirkus - immer auf der Suche nach dem Täter.
Wie sehr hasse ich Krimis, die keinen Schuldigen benennen... Das Buch hat durchaus seine Längen, aus meiner Sicht ist es 80-100 Seiten zu lang. Grenfeld ist mir, genau wie Olja, zu aggressiv und denkt nur von 12 bis Mittag. Der Rest der Charaktere, Helen und Gennat zum Beispiel, bleiben mir zu flach. Die Story hat Potential, aber es wird mit zu viel „philosophischem“ Gerede und fehlender Entwicklung der Charaktere vergeudet. Und wie soll es von der Côte d‘Azur aus weitergehen? Ich habe den Eindruck, der Autor musste zwingend 400 Seiten füllen und ihm fehlten die Ideen.
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Den ersten Teil habe ich schon überrascht zu Ende gelesen, und war mehr als erfreut, dass es zwei Teile gibt, "Engelsflug" spielt zwei Jahre nach "Mord in Metropolis", 1927, in einem Berlin, welches schon erahnen lässt, dass es nur noch 6 Jahre bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten sind. Diese Thematik Nationalsozialismus wird auch schon im ersten Teil erwähnt, hier im zweiten Teil ist es nun noch präsenter, der Autor liefert eigentlich eine Geschichtsstunde im Krimigewand ab. Wer genau das nicht mag, wird hier auch nicht glücklich werden, Baur setzt schon sehr gute Kenntnisse aus dieser Zeit voraus, ganz ohne dieses Wissen kann man die Brisanz seines Kriminalfalles nicht begreifen.
Mir hat der zweite Teil eigentlich noch besser gefallen, ich konnte das Buch noch weniger weglegen, und habe es so gut wie in einem Rutsch durchgelesen. Der Kriminalfall ist einigermassen logisch und stringent aufgebaut, die Figuren sind alle gut ausgedacht, Grenfeld hat eine persönliche Weiterentwicklung vollzogen, die mir super gefällt, und nur das Ende lässt einen wieder ein bisschen hängen, hier könnte Baur, wie auch schon im ersten Teil, nochmal irgendwie zusammenfassen, oder zumindest gefühlt nicht so abrupt alles enden lassen, ich hätte gerne noch weiter gelesen.
Die ganzen Dialoge, der stellenweise sehr nette Humor, und auch der Exkurs in die Zirkuswelt machen diesen Krimi in meinen Augen zu etwas Besonderem auf dem deutschen Krimi-Markt.
Baur schreibt klar, schnörkellos, und doch atmosphärisch, sein schrulliger Ex-Kommissar ist mir jetzt schon ans Herz gewachsen.
Fazit: ein kleiner Schatz auf dem Feld der belanglosen Massenkrimis, die ich ehrlich nicht mehr lesen kann. Sehr viel politisches Gewicht, zwischen den Zeilen auch durchaus aktuell, und ein toller und spannender Exkurs ins Berlin Ende der 1920er Jahre. Auf einen dritten Teil freue ich mich jetzt schon. Klare Empfehlung und verdiente 5 Sterne.