Wilhelm Der Lar. Eine Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte Entstanden zwischen November 1887 und Oktober 1888. Erstdruck bei Westermann, Braunschweig, 1889. Vollständige Neuausgabe mit einer Biographie des Autors. Herausgegeben von Karl-Maria Guth. Berlin 2015. Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage unter Verwendung des Pieter Bruegel d.Ä., Zwei Affen (Ausschnitt), 1562. Gesetzt aus Minion Pro, 11 pt. Über den 1831 in Eschershausen im Weserland als Sohn eines Juristen geboren, bricht Wilhelm Raabe die Schule erfolglos ab, beginnt eine ebenfalls bald wieder aufgegebene Buchhändlerlehre und widmet sich umfangreicher Romanlektüre. 1854 beginnt er die Arbeit an dem Roman Die Chronik der Sperlingsgasse, die er 1856 unter dem Pseudonym Jakob Corvinus veröffentlicht. Ab 1857 erscheinen seine historischen Erzählungen in Westermanns Monatsheften. Nach zahlreichen ausgedehnten Reisen durch Deutschland übersiedelt Raabe nach Stuttgart und tritt u.a. dem Deutschen Nationalverein und dem Großen Klub bei. 1866 ist er an der Gründung der liberalen Deutschen Partei beteiligt. 1897 erscheint eine erste Monographie über Raabe und zu seinem 70. Geburtstag 1901 erhält der inzwischen verehrte Dichter mehrere hundert Glückwunschschreiben. Mit den Ehrendoktorwürden der Universitäten Göttingen, Tübingen und Berlin und dem Königlich Preußischen Kronenorden ausgezeichnet, erkrankt Wilhelm Raabe 1909 schwer und stirbt 1910 als Ehrenmitglied der Deutschen Schiller-Stiftung in Braunschweig. Wilhelm Raabe ist neben Theodor Fontane einer der großen Vertreter des poetischen Realismus. Seine plastischen Darstellungen realistischer Bildlichkeit sind mit seiner Sympathie für Außenseiter humoristisch stimmungsvoll. Die Figuren meiner Bücher sind sämtlich der Fantasie entnommen; nur selten ist das Landschaftliche nach der Natur gezeichnet. Das Volkstümliche fasse ich instinktiv auf.
Die Nachgeborenen schätzen an manchen Nebenwerken des Meisters die Beschäftigung mit Tabuthemen seiner Epoche, bzw. die Bewertung von Außenseitern gegen den Strich der Zeitgenossen. Positiv dargestellte Zigeuner in Die Kinder von Finkenrode, umgekippte Gewässer als Preis der Industrialisierung Pfisters Mühle oder eben Homosexualität in Der Lar. Die Kapitel mit dem vom Kunstmaler zum Leichenphotographen gewandelten Blech und seiner Puppe Kohl sind noch das Beste an dieser verqueren Humoreske. Insgesamt schreibt Raabe hier weit unter seinen Möglichkeiten und geht auch allzu haushälterisch mit seinem Personal um. Kohls Eltern sterben auf den ersten Seiten, den Rest der Erzählung bestreiten der Waise und sein bester Freund, die kaltherzige Jugendliebe und der verschrobene Pate mit seinem ausgestopften Urahn des Menschengeschlechts. Da es nur eine Grete im gesamten Buch gibt, ist es klar, dass es nur die passenden Umstände braucht, um den Lokalreporter mit der Klavierlehrerin zu vereinen. Die Plotsubstanz ist minimal, Raabes Erzählkunst viel zu überfrachtet für diese Winzigkeit, Humoresken sind definitiv nicht sein Genre, dieses mal gingen mir seine geschwätzigen Orginale nur auf den Wecker, je länger, desto mehr. Wer Sonderpreise für Minderheitenthemen vergeben will, mag das gerne tun, die literarische Qualität lohnt den Leseaufwand jedenfalls nicht. Der Eintrag auf Wikipedia fasst alles nur lobenswerte gut zusammen und liefert eine ausführliche Nacherzählung.