Fangen wir in der Mitte an. Nach einer mutwillig naiven Inhaltsangabe der Zauberflöte beginnt Teil zwei mit einem Sonnenaufgang in Graz. Eine Frau liegt bewusstlos am Boden. Mehrere Male klingelt es unter der Frau auf dem blutgetränkten Asphalt. Mütter ziehen ihre Kinder weiter. Nicht anfassen. Ist vielleicht schmutzig.
Man würde jetzt gerne wissen, wer die Frau ist, die da in ihrem Blut liegt. Und da sitzt der rote Hund unter dem Auto, womit die Sache schon klarer wird. Gerald, ein kleiner Junge, hat den Vorfall mit seinem neuen Handy gefilmt, dessen Kamera mehr Pixel hat als Österreich Einwohner.
Ein Kapitel heißt "Der Riss". Alex erinnert sich, dass der Riss in seinem sechsten Lebensjahr aufgetaucht war. Er erschien eines Morgens plötzlich an der Kellerwand und erstreckte sich über die ganze Wand hin bis zu einem alten Regal. Mit dem Riss begann für Alex' Vater auch im übertragenen Sinn alles zu bröckeln, er wurde komplett aus der Spur geworfen.
Der Riss wäre auch ein passender Romantitel, denn hier sind alle aus der Spur. Alle haben ihren - mehr oder weniger aufsehenerregenden Riss, sei es ein Unfall, ein Tinnitus, eine Trennung, der plötzliche und unerklärbare Verlust von Frauchen oder ganz banal, man weiss nicht, was man sein möchte.
- Und besonders unerträglich sind diese ganzen Scheiß Identitätsfetischisten, die sich an so einem Scheiß wie Kulturtheorie oder Lit'raturwissenschaft aufgeilen und für die das Größte im Leben ist, wenn man ein Problem mit der eigenen Identität hat.
Alles hängt mit allem zusammen. Auch Alex, Walter, Gabi, Wolfgang, Lydia, Valerie, Gerald, die Eltern von Alex und Walter, Ulyana, Messerschmid, alle verbindet ein vertracktes Netzwerk aus Beziehungen, das der Leser Stück für Stück entwirrt, während die Figuren aneinander vorbei reden, laufen oder handeln. Sie kommunizieren zwar, nur eben auf unterschiedlichen Frequenzen, jeder auf seiner eigenen. Das klassische Kommunikationsmodell versagt, es gibt ausschließlich Sender. Alex spricht zwei ganze Kapitel lang in sein Handy, nur auf der anderen Seite ist niemand. Ist die andere Seite vorhanden, hört sie nicht zu. Man missversteht sich, man macht sich Vorwürfe, dass der andere einem Vorwürfe macht, die der eine absichtlich nicht verstehen will. Sätze brechen mitten im Satz ab. Unvermittelt wechselt das Thema. Kurz gesagt, die Dialoge sind großartig, so ziel- und zwecklos wie so oft im echten Leben, in der Familie oder im Beruf. Kein kreativgeschulter Autor würde auf die Idee kommen, solche sinnlosen Dialoge zu schreiben.
Gerald möchte Alex immer wieder das Video zeigen, doch Alex will es nicht sehen, Gerald nervt mit seinem Handy. Alex wird nie erfahren, was passiert ist. Das Prinzip von Ursache und Wirkung ist allgegenwärtig und als Leser sehen wir zwar nicht alle, aber immer mehr Zusammenhänge. Alex, Walter oder Gabi sehen die Ursachen nicht, schon gar nicht Ulyana, die kleine rote Hündin. Sie spüren nur die Wirkung, sehen sich dem Zufall ausgeliefert wie Kugeln in einem Flipper. Setz ist der Spieler und wir schauen zu.
Je detailreicher die Dinge unter dem Mikroskop daliegen, desto schwieriger ist es, klare Antworten auf ihre stumme Existenz zu geben. Der moralische Aspekt des Lichteinfalls ist im Grunde gleichbedeutend mit der Anwesenheit des Autors in einer Geschichte, also der Anwesenheit Gottes. Was?
Gott ist tatsächlich anwesend, Alex trifft seinen Schöpfer im dritten Teil auf der Hochzeit seines Vaters, natürlich erkennt er ihn nicht - wer außer einer aufmerksamen Leserin erkennt schon Gott inmitten einer Hochzeitsgesellschaft.
Ein junger, ernster Mann mit Brille. Er fühlte sich auf Hochzeiten nie wohl, da sie ihn an Kinderkriegen und das uralte Elementarproblem von Vater und Sohn erinnerte, über das er so lange nachgedacht hatte, bis er schließlich einen quirlig-verzweifelten Roman darüber geschrieben hatte.
Sein zweiter Roman, dieser hier, besteht aus zahlreichen relativ kurzen Kapiteln, die jeweils aus der Sicht einer der Figuren geschrieben sind. Jedes ist stilistisch anders. Neben herkömmlichen Handlungssequenzen wechseln Dialoge, Monologe, Träume, Erinnerungen an die Kindheit, Gedankenströme oder Ausschnitte aus dem Konversationslexikon der Jenseitsmythen. Ganz groß die Perspektive der kleinen Hündin Ulyana oder der Bewusstseinsstrom von Messerschmid im Wachkoma.
Mit unbändiger Fantasie, einer messerscharfen Beobachtungsgabe und geradezu unglaublichen Sätzen setzt Setz den übererregten Nerv unserer Zeit in Szene. Er bildet unseren alltäglichen und so banalen Wahnsinn wie mit dem Scharfzeichner ab. Die Sprache ist Setz-typisch einzigartig, voller versponnener Formulierungen, verrückter Metaphern und anderen Überraschungen. Wie schon seine anderen Romane ist auch dieser ein Ausnahmestück und lässt vieles, was heute an deutschsprachiger Literatur angepriesen wird alt aussehen.
Der Wind warf ein einzelnes Zeitungsblatt hin und her. Es klatschte gegen eine Mauer, blieb kurz daran kleben, stürzte dann Hals über Kopf weiter und ohrfeigte eine Straßenlaterne. Irgendwann verlor der Wind das Interesse an dem Blatt und ließ von ihm ab; es blieb still zwischen anderem Straßenmüll liegen.