Lorenz Mohn, ein Mann mit perfektem Körper und nicht ganz so perfekter Seele, begreift im vierzigsten Jahr seines Lebens, dass er selbiges radikal ändern muss - und beendet seine Karriere als Porno-Darsteller. Inspiriert durch den Anblick einer Kollegin, die mit Vermeerscher Ruhe und Würde an einem Pullöverchen häkelt, eröffnet er einen Strickwarenladen. Geldgeberin ist die von Gerüchten umwehte Grande Dame der Wiener Unterwelt. Ihre einzige Bedingung für das zinslose Darlehen: es auf den Tag genau in sieben Jahren zurückzuzahlen oder aber an eben diesem 14. Juli 2015 ein Leben zu retten. Das ist auch der Tag, an dem die NASA-Sonde New Horizons den Planeten Pluto erreichen soll. Ein Zufall? Wohl kaum, wenn man den Namen von Mohns Strickwarengeschäft bedenkt: Plutos Liebe. Ein Sturm bricht los und reißt alle mit sich.
Heinrich Steinfest was born in Albury, Australia in 1961, but grew up in Vienna, Austria, where he lived and worked as a freelance artist until the end of the 90's. He started out as a writer of science fiction stories before he published his first crime novel Das Ein-Mann-Komplott (The One Man Conspiracy) in 1996. He is currently living in Stuttgart, Germany, and received the German Crime Fiction Award several times as well as the Heimito von Doderer Prize in 2010. His book "Ein dickes Fell" (Thick-skinned) was longlisted for the German Book Award.
Das Besondere an allen Romanen von Heinrich Steinfest sind für mich die unwahrscheinlichen Charaktere, die einem im Verlauf der Lektüre immer plausibler werden sowie die mühelos integrierten Überlegungen zu allen Bereichen des Lebens, die gewohnte Ansichten konterkarieren oder einfach mal von einer anderen, ungewohnten Seite betrachten. Immer wieder gibt es einen Gedanken, der einen Schmunzeln lässt, bei dem man verweilt, um ihn selbst ein wenig zu schmecken. Wegen diesen beiden Aspekten, habe ich auch "Gewitter über Pluto" wieder sehr genossen. Der Pornodarsteller, der seinem bisherigen Gewerbe den Rücken kehrt, um ein Wollgeschäft zu eröffnen und der seine linke Körperseite nicht mehr wahrnimmt, war für mich ebenso eine Entdeckung wie der außerirdische Klasse 1 Agent, der sich in den deutschen Mittelstand verliebt und mit Leidenschaft die Zeitschrift "Schwäbisches Bürgerblatt für Verstand, Herz und gute Laune" herausgibt. Wenn man jedoch wert auf einen gut durchdachten Plot legt, der seine Spannung bis zum Ende hält, ist dies nicht der richtige Roman.
Mit diesem Band hat mir Heinrich Steinfest wieder ein großes Lesevergnügen bereitet, seine skurrilen Ideen und Charaktere bleiben verhaftet in meinem Gedächtnis, z.B. habe ich mich nie gefragt, was ein erfolgreicher Pornodarsteller beruflich macht, wenn er dem Business den Rücken kehrt?, auf einen Betreiber eines Strickwarenladens wäre ich nie gekommen. Lorenz Mohn, der besagte Pornodarsteller, tut genau dies, nachdem er zum Schluss gekommen ist, sein Leben total ändern zu müssen, als er eine Pornokolligin während eines Drehs dabei beobachtet, die mit vermeerscher Ruhe und Würde an einem Pullöverchen häkelt... Die absurd verwickelte Geschichte, in dem die Aberkennung des Planetenstatus Plutos thematisiert wird, die Ankunft der NASA-Sonde New Horizons am 14. Juli 2015 am Pluto, ebenso der Urvogel Archaeopteryx bzw. dessen Fake-Kopien, eine Gruppe Aliens, die in geheimer Mission auf der Erde unter den Menschen wandelt, die Wiener Unterwelt, ein Mord in einer Bäckerei und v.a.m. strotzt vor skurrile Einfällen. Man kann den Roman keinem einzelnen Genre zuordnen, einerseits Kriminalroman, andererseits Science Fiction, der Humor kommt nicht zu kurz und das Thrillerelement ist vorhanden, es ist ein Spektakel und macht einfach Spaß...
Ein Krimi der nicht ganz ins Genre passt weil er sehr stark in die Science-Fiktion kippt. Hat aber sonst alles was ein guter Krimi braucht, Leichen, Brutalität, Sex, gut beschriebene Charaktere, Verbrecher, liebevoll beschriebene Schauplätze. Alleine die Geschichte wird ganz am Ende ein bisschen abstrus und findet kein richtiges Ende mit Paukenschlag so wie ich es erwartet hätte. Aber womit sich der Roman dennoch die 5 anstatt der 4 Sterne verdient ist die Spache - großes Kino: Selten so wunderschön fablulierte völlig neue Aussagen und keine Allgemeinplätze angetroffen. Außerdem wird die Wiener Seele wie von einem sehr ironischen und kreativen Ethnologen brilliant analysiert und seziert.
Ein angenehmes Re-Read dieses Romans von 2009. Steinfest entwirft eine ebenso komplexe wie skurrile Szenerie, immer wieder durchsetzt von Monologen oder spontanen Einfällen des Erzählers, der sich und die beiden Protagonisten der aus zwei Hälften zusammengesetzten Geschichte pornographierend und philosophierend durch Wien und unser Sonnensystem granteln lässt. Im Sprachstil ähnelt er dabei vielfach dem ebenso sympathischen wie genialen Wolf Haas. In den Handlungsablauf bettet der Autor Begebenheiten ein, die er als Anfang der 1960er Jahre Geborener locker aus dem Ärmel schüttelt und über die er beim Leser entsprechendes Hintergrundwissen voraussetzt. Beispiele sind astronomische Erkenntnisse zum Status des Planeten Pluto und seiner Monde aus den Neunzigerjahren, Alice im Wunderland, die Fischer-Byrne-Situation beim Schach, Urknalltheorie oder die 12-Ton-Musik. Außerdem sollte man Jack Nicholson kennen und den Film Shining gesehen haben. Den Kommissar lässt der Autor einigen bei Google ohne Weiteres nachschlagbaren Fotos von Ezra Pound so ähnlich sein, dass es sogar dem Erzähler auffällt, der daraufhin die Kurzfassung mit den wichtigsten Stationen von dessen Vita in einige Schachtelsätze quetscht. Überhaupt Schachtelsätze und Einschübe. Steinfest liebt es, dem Zeitgeist zuwiderlaufende Behauptungen aufzustellen und nimmt sich dann gerne eine oder mehr Seiten Zeit, das ausführlich zu begründen. Sollte der Leser das durchaus auch plausibel finden, hindert das den Autor nicht, seine Haltung in einem finalen Satz auch mal wieder unter Behauptung des Gegenteils zurückzunehmen: Männer sind z.B. ungeeignet, mit Babys umzugehen und Frauen, die diese ihnen überlassen, deshalb als Rabenmütter zu bezeichnen. Kirche und Religion überhaupt sind von Haus aus zutiefst erotisch, wären sie das nicht, hätten sie sich „gar nicht halten“ können. Grüne „sind historisch und soziologisch gesehen … nötig gewesen, um einmal aufzuzeigen, wie tief Menschen überhaupt sinken können“. Der in das schwäbische Botnang verliebte Außerirdische gibt durchaus rassistische Züge zu, weil er aus bestimmten Gründen alle Vögel seines Heimatplaneten hasst und Türken nicht mag, wenn sie „sich der Religion wie eines Schlagstocks bedienen, um ihre autoritäre Energie auszuleben“. Soziale Marktwirtschaft ist „so wenig sozial wie die Gewöhnliche Lanzenotter gewöhnlich. Soziale Marktwirtschaft und Gewöhnliche Lanzenotter zeichneten sich vor allem durch eines aus: ihre hohe Giftigkeit“. Für USA und NASA gibts folgende Anmerkung: „Das haben die Amerikaner nämlich bislang nicht begriffen, dass es der schlechte Kaffee ist, der aus ihnen schlechte Menschen macht. Und es folglich recht einfach wäre, dies zu ändern. Schade!“. Und zu Wien bzw. Österreich fallen dem Wiener bzw. dem Außerterrestrischen, wie könnte es anders sein, nur ein Haufen geradezu masochistische Eigenschaften ein. Zu schön, um hier nicht zitiert zu werden: „[Wiener]… offenkundig handelt es sich um Leute, die ihre Klischees noch richtig ernst nehmen. Nie habe ich erlebt, dass Menschen mit derartiger Freude saufen und rauchen und dabei zusehen, wie Hagelkörner ihre Autos verbeulen“. „Bekanntlich ist kein Volk so sehr vom Weltuntergang überzeugt wie die Österreicher. Sie erwarten diesen Moment mit einer Art von Bange, der die Lust nicht abgesprochen werden kann“. „Nicht, dass die Griechen den Auftrag hatten, die österreichische Polizei zu reformieren- das wäre gewesen als versuche ein Grottenmolch einem Maulwurf das Sehen beizubringen“. Und dann schafft Steinfest immer wieder mit bildhaft-verqueren Bildern Bonmots, die ich mir gerne merken würde. Beispiele: „Gute Nacht … wie man wünscht: Ab morgen möchte ich Witwer sein“. Oder „So sieht es aus, meinte Lorenz mit einer Stimme so voll Bitterkeit, als würde er an jeden Buchstaben ein Beatmungsgerät anfügen“. „Ein paar Tropfen, die wie bewußtlose Wasserträger auf den Beton aufschlugen“. Schließlich „Meine Gedanken standen im dichten Nebel wie nackte Zwerge, denen es somit nicht einmal vergönnt war, ein öffentliches Ärgernis zu erregen“. Und: „Rehrücken, sagte der Kellner mit einer plötzlichen Traurigkeit in der Stimme als wollte er sagen >Das Reh war zum Schluss schon sehr krank<“. Wer wie ich das dem Grant zugewandte Wienertum und das gerne im Zickzack laufende, urösterreichische Parlieren mag, amüsiert sich über diesen augenzwinkernden, aber trotzdem Thriller- und SciFiElemente enthaltenden Roman, der auch noch halbwegs einem Höhepunkt und fast einer Auflösung der Geschichte zusteuert. Andere finden da vielleicht gar keinen Zugang.
Nach "Der Allesforscher" war ich von Steinfests Fabulierkunst so angetan, dass ich mir ein weiteres seiner Bücher besorgt habe. "Gewitter über Pluto" klingt schon dem Titel nach nach Nicht-Alltäglichem, uns genauso war es denn auch. Ein Pornostar, der mit Ende 40 seinen Beruf an den Nagel (Schenkelklopfer!!) hängt, eröffnet ein Strickwarengeschäft, für das er sich bei einer zwielichtigen Dame ein Darlehen von 200 000 Euro borgt. Bedingung: nach genau 7 Jahren muss er, wenn er das Geld nicht zurück zahlen kann, ein Leben retten. So weit so gut. Lorenz Mohn, der Pornostar, findet einen kleinen Laden, die Liebe seines Lebens, kann das Geld natürlich nicht zurückzahlen, und rettet denn auch ein Leben.
Die Schreib- und Formulierkunst ist auch in diesem Buch wieder am oberen Level, und Steinfest kann Sätze und Metaphern schreiben, da frage ich mich manchmal schon, woher er seine Fantasie nimmt. Es ist herrlich! Wieder haben sich auf diesen Seiten so viele Sätze getummelt, die ich mir in mein Wörter- und Sätze-Buch schreiben wollte, aber es waren einfach zu viele. Aber... Der Grund, warum ich trotzdem "nur" auf diese Wertung gekommen bin, ist, dass diese Geschichte nach einem wirklich tollen Anfang, ein bisschen ins Absurde abdriftet. Nichts gegen Sience Fiction, nichts gegen kuriose Wendungen. Aber in diesem Fall war es teilweise einfach zu viel des Guten. Was ich sehr vermisst habe, war eine nähere Beschreibung des Wollladens, doch das ist wohl etwas unter gegangen... Auch der Schluss war mir persönlich viel zu abrupt und hat mir auch nicht besonders gefallen. Das hätte man bestimmt auch anders lösen können.
Umso länger die Geschichte anhielt umso unbedeutender wurden die Geschehnisse für mich. Wenn ich für die ersten 150 Seiten noch 5 Sterne gegeben hätte hatte ich bei Seite 300 die Lust verloren und bin teils beim Lesen abgedrifted. Der Autor hat einen guten Witz und eine interessante Art der Beschreibung von Gefühlen und Szenerien. Die Story an sich hatte aber für mich keinen roten Faden.
this book, while presenting a mildly interesting crime plot just had too many slips of homophobic, transphobic, racist and misogynistic language for my enjoyment. And while the narrator of this book is a dick, this is at leat in the first half of the book never framed as something bad. I kinda enjoyed some flourishes of language but this was just too much
Fängt an wie ein Krimi, driftet dann ab ins Fantastische - leider durchsetzt von unendlich langweiligen Laberpassagen sowie Rassismus, Sexismus und Homophobie.
Nette Motive, sprachlich souverän (irgendwann fühlte ich mich sogar einmal an Doderer erinnert), aber irgendwie ist das alles halt auch ein wenig belanglos, vor allem das Ende ... bzw. die zwei Enden.
Was denke ich? Ich bin ziemlich zwiegespalten auf der einen Seite schreibt Steinfest wunderschöne Sätze die im Hirn schmelzen. Aber mit der Geschichte kann ich nicht so richtig was anfangen. Irgendwie ist es zuviel des Guten, wenn es ein wenig abstruser oder humorvoller wäre. Es ist manchmal schade um die schönen Fromulierungen, die untergehen in der Geschichte und manchmal gehen die Kommentare oder Erklärungen einen auf die Nerven, man muss ja nicht zu allem seinen Senf dazugeben auch wenn man formulieren kann und hintergründig sein will :-). Ich werde auf jeden Fall noch ein Steinfestbuch lesen und lass mich überraschen.
Tolle Sprache, ausgefeilte Charaktere, sympathisches Personal, interessante Ideen. Aber ich hab mir schon mal ein wenig schwer damit getan, bei der Hälfte festzustellen, dass ich es gar nicht - wie eigentlich erwartet - mit einen skurrilen Krimi zu tun habe, sondern mit schräger Science Fiction. Darauf konnte ich mich noch einlassen, aber das letzte Drittel hat meinem Verständnis nach nirgends mehr hingeführt und der Epilog hat mich dann endgültig genervt und gelangweilt. Schade eigentlich.
Sprachlich wunderschön, skuril, intelligent, einfühlsam - keine Frage: fünf Sterne ... bis zum unmittelbaren Ende, denn das ist einfach nur Scheiße. Oder ich bin zu blöde, um es zu verstehen; glaub' ich aber nicht.
Eins der schlechtesten Bücher, die ich je gelesen habe! Obwohl ich die vorigen Krimis von ihm gut fand - hier ist alles - Stil und Geschichte und Ende - nur schlecht und hat mich mit zunehmender Seitenanzahl zunehmend enttäuscht.