Schon bald nach dem Untergang des "Dritten Reichs" hatten es die Kirchen in der DDR erneut mit einem Regime zu tun, das sie gleichschalten und marginalisieren wollte. Andreas Stegmann beschreibt anschaulich und quellennah, wie die Kirchen die ersten Jahre der Konfrontation überstanden, sich seit dem Mauerbau als "Kirche im Sozialismus" mit dem Staat arrangierten und im letzten Jahrzehnt mit der Devise "Schwerter zu Pflugscharen" zur Avantgarde der DDR-Friedens- und Umweltbewegung und zum Schutzraum der Opposition wurden.
Leider etwas enttäuschend. Ich erkenne an, dass es eine Herausforderung ist, ein komplexes Thema auf nur etwas über 100 Seiten zu behandeln, doch taten sich für mich zu viele Lücken auf. Mithin einer der schwächeren Bände in der Reihe.
Ausgehend von einem totalitarismustheoretischen Ansatz betrachtet Stegmann die Geschichte der Kirchen in der DDR als Konfrontation mit einem Staat der selbst ein umfassendes Sinnangebot macht, das in allen wesentlichen Punkten dem christlichen Welt- und Menschenbild widerspricht. In diesem Sinne hatten die Kirchen in der DDR mit Problemen zu kämpfen, die denen im Dritten Reich ähnelten. [update] Man könnte aber fragen, ob Stegmann bestimmte Entwicklungen nicht als zu selbstverständlich betrachtet, etwa wenn es um die neu gegründete Städte wie Eisenhüttenstadt geht. Das polnische Nowa Huta entwickelte sich ja gerade zu einem Zentrum kirchlich getragener Widerständigkeit.[/update]
Am besten gelungen sind die Darstellung der organisatorischen Entwicklungen der Kirchen, wobei selbstredend die evangelischen Landeskirchen Im Zentrum stehen. Präzise werden auch die religionspolitischen Positionen von Staat und Partei beschrieben. Und schließlich zeichnet Stegmann den rapiden Verlauf der Entkirchlichung der Bevölkerung nach.
Andere Aspekte überzeugen dagegen weniger. So überzeichnet Stegmann m. E. die kritische Haltung der evangelischen Kirchen zum Nationalsozialismus. Gerade aber in den mitteldeutschen Landeskirchen war der Einfluß der Deutschen Christen stark. Relativ wenig kommen die Diskriminierungen zur Sprache, denen aktive Christen bis 1989 zugesetzt waren: Berufs- und Studienverbote sind an vorderster Stelle zu nennen. Eher stiefmütterlich behandelt werden regimtreue Gruppierungen in der Evangelischen Kirche. Zwar kommt der Autor kurz auf Angela Merkels Vater, den "roten Kasner", zu sprechen, dessen "Weißenseer Kreis" wird aber nicht einmal namentlich benannt. Die katholische Kirche erfährt nur wenig mehr Aufmerksamkeit als die Freikirchen, speziell der zugegebenermaßen hochinteressante Fall der Herrnhuter Brüdergemeinde. Im Fall der Katholiken fokussiert Stegmann ebenfalls auf organisatorische Aspekte, wobei er die Diasporasituation hervorhebt. Das ist insgesamt betrachtet natürlich richtig. Die beiden Ausnahmen sind aber meines Erachtens religionssoziologisch und kulturanthropologisch hochinteressant, sie werden in diesem Buch aber nicht einmal gestreift. Am katholischen Thüringer Eichsfeld biss sich die SED bekanntlich die Zähne aus, es gelang ihr nicht die Gesellschaft zu durchdringen. Nicht zufällig ist die Region heute der einzige ostdeutsche Landkreis, in dem nicht die Konfessionslosen die Mehrheit stellen. Die Oberlausitzer Sorben, wiederum spielten als nationale Minderheit eine wichtige Rolle für die Legitimation der DDR als internationalistischer Staat, der Kultur ethnische Gruppen fördert und bewahrt. Die Traditionen der Oberlausitzer Sorben beruhten aber in großem Umfang auf dem katholischen Kirchenjahr. Dieses Paradox wäre einer Betrachtung wert gewesen.