Wie verbringt man die erste Nacht, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist? Mit den letzten Habseligkeiten der Mutter kehrt Johanna zurück in die Wohnung, in der sie selbst aufgewachsen ist. Während sie dort aufräumt, macht sie sich an eine Inventur ihrer Kindheit. Dieser provozierend leise Text erzählt feinfühlig von der Sprachlosigkeit in Familien und ist ein Plädoyer für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
"Und die Wörter, die Wörter sind zwischen uns und den Dingen, seltsame Zwitterwesen. Aber wie es Wörter gibt, die man nicht übersetzen kann, so gibt es Erinnerungen, die da sind und zugleich verschlossen fern."
"Sie lachte. Sich vor Verletzungen fürchten kann das Leben kosten. Lernt man das beim Militär? Nein, das lernt man beim Desertieren. Das lernt man, wenn man wieder anfängt."
"Natürlich kann man die Laufrichtung ändern, dachte Johanna. Der Trick liegt in der Katze. Es ist die Scham, die einen verfolgt, es ist die Angst. Aber wenn man sich umdreht und ihr ruhig in die Augen sieht, dann wird sie blaß und blasser und vergeht. Dann schämt sich die Scham, und die Angst hat Angst. Die Maus ist selbst die Katze. Und die Katze ist die Maus."
Es hat mich sehr berührt in die Gefühls wie Gedankenwelt von Johanna einzutauchen. Es ist für jeden von uns irgendwann soweit das wir von unseren Eltern abschied nehmen müssen. Für viele bedeutet dies vermutlich, so wie auch für Johanna, das man sich mit Ereignissen aus der Vergangenheit konfrontiert sieht. Erlebtes neu beleuchtet evlt. sogar hinterfragt. Nach dem Motte, wer bin ich und wo komme ich eigentlich her. In diesem Roman geht es im Identität und das Thema Flucht wie Verlassen werden spielt eine Rolle. Ich mochte den ruhigen Schreibstil und konnte gut mit Johanna mitfühlen. Allerdings fand ich es stellenweise irgendwie zu kurz und hätte mir doch noch mehr aus der Vergangenheit der Familie von Johanna gewünscht. So wirkte die Geschichte leider sehr nebensächlich auf mich.