Stars werden nicht geboren, sondern fabriziert
Daß es rund um die Stars der Golden Era in Hollywood nicht wirklich wie in einem Märchen zugegangen ist - wer sonst als Hollywood sollte uns nicht auch schon mit dieser schnöden Wahrheit konfrontiert haben, in Form gutgemachter Unterhaltungsfilme?
Jeanine Basinger nimmt sich in ihrem Buch The Star Machine ebenfalls dieser Wahrheit an, wobei sie sich an namhaften Stars orientiert – vor allem an solchen, die zu ihrer Zeit einen hohen Bekanntheitsgrad hatten, mit den Jahren aber hinter solch klassischen Stars wie Bette Davis, Joan Crawford und Barbara Stanwyck oder Clark Gable, Gary Cooper und Humphrey Bogart zurücktreten mußten – und trotz der Authentizität ihrer Schilderungen immer noch – ihrem Schreibstil sei’s gedankt – ein Höchstmaß an Unterhaltung bietet.
Dabei gliedert sich The Star Machine in eine Einleitung, drei Hauptteile und einen Ausblick, in dem die Autorin kursorisch auf die Arbeitsbedingungen moderner Stars, die nicht mehr von der „Star Machine“ geschaffen worden sind, eingeht. Im ersten Teil, „Stars and the Factory System“, beschreibt Basinger idealtypisch den Prozeß, dem ein – meist junger – Mensch unterworfen wurde, wenn er in die Maschinerie Hollywoods geriet. Nicht nur das Äußere wurde einer Generalüberholung unterzogen [1], sondern auch Lebenslauf und nicht selten sogar der Name wurden geändert. Denn wer glaubt schon, jemand mit dem Namen Archibald Leach könnte auf so einladende Weise so souverän-distanziert wirken wie Cary Grant? So kann man dann etwa auf S.42 anhand zweier Photos sehen, wie aus Margarita Cansino Rita Hayworth geworden ist … wahrlich beeindruckend. Basinger beschreibt weiterhin, wie das Studio sein neues Starrohmaterial vorsichtig in eigens darauf angelegten Filmen lancierte und auch auf andere Art und Weise ins Gespräch brachte, was erklärt, warum etwa viele berühmte Stars der Golden Era in absolut albernen Photoposen zu sehen sind. All das war natürlich harte Arbeit, und war man erst zum Star avanciert, so ganz klar von Studios Gnaden. „The star system was a slave system“, befindet Basinger, „albeit a highly paid, glamorous slave system in which the slaves were more famous than their owners. “ (S.131). So hatten die Stars eine Sechs-Tage-Woche mit Arbeitstagen, die um 7 Uhr morgens begannen und nicht selten bis 8 oder 9 Uhr abends andauerten. Anschließend mußten natürlich auch noch die Texte gelernt werden. Zudem mußten die Stars auch in den Filmen spielen, die ihnen das Studio zuwies; weigerten sie sich, eine Rolle zu spielen, wurden sie, unbezahlt, für eine Weile auf Eis gelegt.
Des weiteren nimmt Basinger das Typecasting – womit allerdings nicht unbedingt die Einengung auf ganz bestimmte Rollen gemeint ist – als ein Instrument der „Star Machine“ in den Blick. Im letzten Kapitel dieses allgemeineren Teils wirft die Verfasserin dann einen Blick auf gescheiterte Star-Projekte der Studios – nicht nur auf die in dieser Hinsicht zu trauriger Quasi-Berühmtheit gelangte Anna Sten, die von MGM doch vollmundig – vielleicht war gerade das das Problem – als „the next Garbo“ angepriesen wurde. Auch die ironischen Wendungen des Schicksals bzw. Publikumgeschmacks – wer von den beiden Hauptdarstellern in Hughes‘ „The Outlaw“ ist denn heute noch in allgemeiner Erinnerung? Von Jack Beutel ist man sich ja nicht einmal sicher, wie sein Nachname denn nun geschrieben wird – werden von Basinger beleuchtet.
Im zweiten Teil, dem längsten des Buches, widmet sich Basinger unter dem Titel „Problems for the System: The Human Factor“ verschiedenen Stars, die auf unterschiedlichste Weisen, mal mehr, mal weniger erfolgreich mit der „Star Machine“ gearbeitet haben. Als Opfer der Maschinerie erscheinen zum einen Tyrone Power, dessen Ambitionen zum ernsthaften Schauspielern angesichts seines Aussehens und des damit verbundenen Typecasting vom Studio nur als störend gewertet wurden, sowie Lana Turner und Errol Flynn, die letzten Endes mit dem Image, das ihnen durch ihre Rollen auf der Leinwand erwuchs, nicht recht umzugehen verstanden und deren private Probleme noch gnadenlos von Hollywood ausgeschlachtet wurden. Mit Deanna Durbin und Jean Arthur nimmt Basinger zwei Frauen in den Blick, die sich – Durbin ungleich konsequenter – irgendwann ganz der Traumfabrik entzogen, während sie Loretta Young, Irene Dunne und Norma Shearer als verschiedene Beispiele für einen alles in allem souveränen Umgang mit der „Star Machine“ heranzieht: „One outsmarted it. One rose above it. And one married it.“ (S.320). Mit Charles Boyer und William Powell werden dann zwei männliche Stars betrachtet, die sich durch eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber der Maschinerie auszeichneten.
Der letzte der drei Teile dann wirft einen Blick auf Stars, die eher nicht dem gängigen Alters- und Schönheitstyp entsprachen, deren Geldmachpotential aber von den Studios erkannt wurde. Hier berichtet Basinger auch darüber, wie Hollywood es schaffte, sich mit Nachwuchsstars durch die Zeit des Zweiten Weltkrieges zu retten.
Aufgrund des ersten Teils ist The Star Machine mehr als nur eine Sammlung von Einzelbiographien, denn es gelingt Basinger hier, immer wiederkehrende Muster bei der Erschaffung und Vermarktung von Filmstars aus Hollywoods Goldener Zeit schlüssig herauszuarbeiten. Gleichzeitig ist das Buch aber auch eine Fundgrube für allerlei mehr oder minder kuriose Informationen und eröffnet dadurch manch neuen Blickwinkel – Lauren Bacall als „look-alike“ für Veronica Lake (S.290) –, und wenn Basinger auch abwechslungsreich, flüssig und äußerst unterhaltsam schreibt, so gleitet sie doch niemals in billige Sensationslust ab – eine Gefahr, die im Falle Flynns oder Lana Turners durchaus bestanden hätte.
Was das Buch ferner so dicht und gehaltvoll macht, sind ausführliche Fußnoten, die allerdings nicht wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, indem sie etwa Verweise und Quellenbelege böten, sondern eher Zusatzinformationen liefern, ein klar gegliedertes Register, das das Wiederfinden bestimmter Informationen sehr erleichtert, und eine Vielzahl von Bildern.
Für jeden Liebhaber des alten amerikanischen Kinos dürfte The Star Machine damit wohl eine sehr unterhaltsame Lektüre sein.
[1] In einer launigen Fußnote auf S.26 zitiert Basinger beispielsweise die Selbstbeschreibung der Maske bei MGM, daß diese es nämlich schaffte „‘to make any plain-looking woman beautiful in one hour and any beautiful woman hideous in four minutes‘“, und kommt zu der Schlußfolgerung „There w e r e the wizards in the land of Oz.“ Dies nur zum kurzweiligen Schreibstil der Verfasserin!